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Geht Empathie irgendwie mit Neuronen?

Biologistische Erklärungen sind anfällig für viele Fehler, aber es sind nicht immer dieselben. In voller Allgemeinheit das Versagen solcher Erklärungen zu zeigen, ist eine Aufgabe, die deshalb verzwickt ist, weil es an einer Standardform biologistischer Erklärung mangelt. Sucht man sich aber einen konkreten Fall heraus, dann ist es deutlich einfacher, den Wurm in der Sache zu finden. In diesem post zeigen wir, daß die biologische These der Spiegelneuronen selbst im Falle ihrer Wahrheit nicht ausreicht, um das alltagspsychologische Phänomen der Empathie zu erklären. Mit anderen Worten: Unser Verständnis von Empathie ist reichhaltiger als dasjenige, was durch Spiegelneuronen erklärt werden kann – gesetzt den günstigen Fall, daß alles, was wir über Spiegelneuronen vermuten, wirklich wahr ist.

Übersicht:


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I. Mirrors, Neurons or Empathy?

Mit dem 1996 entdeckten Phänomen der Spiegelneuronen stellt sich die Frage, ob Symmetrie in der Aktivität von Neuronen bei verschiedenen Personen für empathische Fähigkeiten einer Person gegenüber einer anderen verantwortlich gemacht werden kann. Anlaß sind Experimente, die von Neurophysiologen wie Giacomo Rizzolatti, oder Vittorio Gallese seit den neunziger Jahren gemacht wurden, um herauszufinden, wie es dem Gehirn gelingt, Handlungen zu planen und zielgerichtet zu steuern.

Dabei wurden an den inferioren präfrontalen Schläfenlappen eines Makakenaffen Elektroden angebracht, um die neuronale Steuerung der Hände des Affens zu untersuchen. Es zeigte sich, daß bei jedem Greifen nach Futter eine bestimmte Neuronengruppe im Areal F5 des prämotorischen Cortex feuerte. Das Aktivitätsmuster dieser Neuronen wiederholte sich, wenn der Affe einen Experimentator beim Nachfüllen des Futters beobachtete und sogar dann, wenn der letzte Abschnitt des Nachfüllvorgangs, das Fallenlassen des Futters in die Schale, bei den Messungen künstlich abgedeckt wurden. Wenn der Experimentator statt mit der Hand aber mit einem Instrument nach dem Futter griff, war keine besondere Aktivität der betreffenden Neuronen bei dem wahrnehmenden Primaten nachweisbar.

Experimente dieser Art wurden beim Menschen durch nicht-invasive Methoden wiederholt. Es stellte sich heraus, daß es Neuronen mit dieser Aktivierung nicht nur für Handbewegungen, sondern auch für Mundbewegungen sowie die Beobachtung kommunikativer Gesten oder Mimiken gibt. Insbesondere konnte man am Beispiel von Schmerzempfindungen an Fingerkuppen zeigen, daß dieselben Zellgruppen, die spezifisch auf Schmerzimpulse auf der Fingerkuppe reagieren, auch dann feuern, wenn der gleiche Schmerz bei einer anderen Person beobachtet wurde. Dies war Anlaß für die Vermutung, daß Menschen durch solche sog. Spiegelneuronen eine Art innere Simulation der als Muster wahrgenommenen Handlung vornehmen, indem die neuronalen Zustände des Gehirns mentale Zustände erzeugen, so daß das Verstehen von Handlungen letztlich das Ergebnis einer subbewußten und auf somatische Weise erfolgten Klassifikation der von uns gesehenen visuellen Muster sein könnte: Spiegelneurone könnten daher die physiologische Essenz von Empathie darstellen, so daß das Zugangsproblem zur Innenwelt anderer Personen durch die Postulierung eines neurobiologischen Körperwissens somatisch gelöst würde. Am Beispiel der Spiegelneuronen steht damit die folgende These zur Diskussion:

  • (1) Spiegelneuronen sind die neurobiologische Realisation eines Simulationsvorgangs von fremden mentalen Zuständen mit den Mitteln des eigenen Gehirns.

Wir hingegen wollen hier dafür argumentieren, daß das Vertrauen in (1) verfrüht ist.

II. To feel what others feel is not to understand a person.

Bevor wir das Argument korrekt und damit in technischer Formulierung durchführen, wollen wir uns seiner Idee vergewissern: Neuronale Zustände haben wir klarerweise einfach. Sie sind in unserem Kopf und wir nehmen sie mit, wenn wir um die Ecke gehen. Einige mentale Zustände müssen sich daher genauso verhalten. Das tun sie auch wie z.B. Zahnschmerzen: Der Zahnschmerz ereignet sich als C-Faser-Reizung dort, wo ich gerade stehe. Aber andere mentale Zustände benehmen sich vielleicht nicht so artig. Was passiert, wenn wir mentale Zustände mit Inhalt z.B. eine Überzeugung zu hegen, betrachten? Habe ich eine Überzeugung im selben Sinne, wie ich Zahnschmerzen habe? Wenn ja, dann müßte ich vom Inhalt meiner Überzeugung allein durch das Haben dieser Überzeugung wissen. Denn wenn ich Zahnschmerzen habe, dann weiß ich allein deshalb ja auch, ob der Schmerz z.B. hell, ziehend oder pochend ist. Doch bei Überzeugungen, die manchmal auch propositionale Einstellungen genannt werden, ist das nicht so und es ist auch nicht irgendwie analog so – was wir nun zu beweisen haben.

Kern jeder gültigen Simulation ist die These, daß die Simulation und das Simulierte mindestens in einer bestimmten Hinsicht und wenigtens annähernd gleich sind. Im Zusammenhang mit den Spiegelneuronen zweier Personen A und B kann man dies wie folgt auslegen:

  • (2) A simuliert den mentalen Zustand Ψ von B zum Zeitpunkt t0 infolge seines, den mentalen Zustand Ψ erzeugenden neuronalen Aktivitätsmusters P genau dann, wenn A deshalb weiß, daß er sich in demjenigen mentalen Zustand befindet, in dem sich B zum Zeitpunkt t0 befindet, weil das Gehirn von A zu t0 unter anderem P aufweist.

Wir werden jetzt zeigen, daß Ψ von B zu t0 via P zu simulieren, für A weder ausreicht, um die psychische Verfassung von B in einem alltäglichen Sinne zu verstehen, noch eine vollentwickelte Version von Empathie bereitstellt, indem wir die Methode der Introspektion als Methode, Wissen zu erlangen, ganz allgemein zurückweisen.

Zu diesem Zweck argumentieren wir nun, daß P zu t0 zu haben für A nicht ausreicht, um Ψ von B zu t0 kennen zu können. Wir wollen die folgenden Sprechweisen vereinbaren: Wenn A mit den Mitteln seines Gehirns Ψ von B simuliert, indem er selbst via P den mentalen Zustand Φ ausbildet, dann hat Φ für A offenbar generell die Funktion, Informationen bzgl. Ψ zu tragen.

  • (3) Wir wollen daher sagen, daß ein mentaler Zustand Φ irgendein x repräsentiert genau dann, wenn es entweder die Funktion von Φ ist, normalerweise Informationen von x zu übertragen bzw. von x verursacht zu werden, oder wenn Φ die Funktion hat, Informationen von x zu tragen, indem Φ von y verursacht wird. y ist dabei selbst kein mentaler Zustand. Darüberhinaus wollen wir sagen, daß der nicht notwendigerweise sprachlich ausdrückbare Inhalt p von Φ dasjenige ist, was für die Identität von Φ sorgt.

Mit Hilfe dieser Festlegungen können wir die angekündigte Argumentation durchführen:

  • i) So wie der Zeigerstand eines Thermometers Q die Außentemperatur T i.S.v. (3) repräsentiert, repräsentiert der vom Gehirn von A erzeugte mentale Zustand Φ den mentalen Zustand Ψ von B. Daher entspricht der Zeigerstand von Q dem Inhalt von Φ und T dem Zustand Ψ von B. Bei Thermometern leuchtet es uns unmittelbar sein, daß kein Zeigerstand von Q den Repräsentationszustand von Q repräsentiert, nämlich daß jeder Zeigerstand eine Außentemperatur T repräsentiert. Während aber Q abhängig von seiner Bauart immer dieselbe Art der Repräsentation benutzt, hat A mehrere Modi φ der Repräsentation zur Auswahl: Er kann z.B. zweifeln, daß p, er kann p vermuten, hoffen, wissen, wünschen, befürchten, erwarten, glauben etc.. Also: Das Haben von Φ durch A allein impliziert nicht, daß A die zu p gehörende Einstellung φ, i.e. den Repräsentationszustand kennt.
  • ii) Nehmen wir zusätzlich an, Q sei mit einem Alarmsystem für niedrige Außentemperaturen gekoppelt. Dann ist klar, daß der Alarmzustand von Q einen Inhalt über den Zustand von Q, nicht aber über den Repräsentationszustand φ von Q beinhaltet, denn es wird mit dem Alarm nichts über T induziert: Das Thermometer könnte ja kaputt gewesen sein. Also: A kann φ kennen, ohne deshalb p von Φ kennen zu müssen. Insbesondere erzählt kein Repräsentationszustand φ durch seinen Inhalt, wie Φ zu t0 zustandegekommen ist.
  • iii) Schon gar nicht kann das Gehirn (d.h. Q hier im Beispiel), die Repräsentationen Φ von Ψ, die es erzeugt, in irgendeinem Sinne bestätigen oder verifizieren: Denn das Thermometer könnte kaputt oder falsch geeicht sein. Hätte also das Thermometer ein Bewußtsein, dann könnte es nicht selbst entscheiden, ob sein Zeigerstand auf eine äußere Ursache, z.B. Ψ von B zurückzuführen ist oder nicht.

Mit anderen Worten: Selbst wenn A via φ weiß, daß ein Φ vorliegt, dann erlaubt das Haben von Φ es A nicht, zu wissen, welches Φ zu φ gehört. Folglich erlangt A auch nicht z.B. via innerer Selbstbeobachtung die Meinung, geschweige denn die wahre Meinung, Φ zu haben, nur weil er Φ hat. Und das bedeutet, daß A nicht i.S.v. (2) via Spiegelneuronen den mentalen Zustand Ψ von B mit den Mitteln seines eigenen Gehirns simulieren kann. Denn Wissen zu haben, besagt wenigstens, wahre Meinungen über etwas zu haben.

III. Empathy is more than to have an impression.

Wem dieses Argument nicht gefällt, der kann natürlich auch noch woanders einkaufen gehen:

  • (4) Es ist wahr, daß viele mentale Zustände in Mimik und Gestik codiert sind. Man kann z.B. hämisch grinsen, gedrückt dahinschleichen, verbittert die Mundwinkel verziehen, düster vor sich hin starren oder eine herausfordernde Haltung einnehmen. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn solche Dinge vorbildlich vorzumachen, erwarten wir von guten Schauspielern. Was man hingegen nicht tun kann, ist z.B. ein einsames, zerstreutes oder stures Gesicht zu machen. Spiegelneuronen können daher höchstens beanspuchen, für denjenigen Teil aller mentalen Zustände eine somatische Lösung des Problems des Fremdpsychischen bereit zu halten, die eine körperliche Codierung haben.

Wenden wir uns nun diesem Teil zu, indem wir das Beispiel des mentalen Zustands Ψ der Fröhlichkeit betrachten, der zweifellos in charakteristischen Mimiken oder Gestiken codiert ist und von dem wir annehmen wollen, daß er von P erzeugt wird.

  • (5) Würde P zu t0 zu haben, für A nach (1) ausreichen, um zu wissen, welchen mentalen Zustand B hat, der zu t0 gerade ein fröhliches Gesicht macht, dann sollte es für A kein prinzipielles Hindernis geben, zu entscheiden, wie er sich B gegenüber verhalten will. Doch was wäre, wenn die Fröhlichkeit von B lediglich Ausdruck von Galgenhumor, nicht aber z.B. die Folge eines entspannten Urlaubstages wäre? Das zu wissen, macht für die Frage, wie sich A gegenüber B verhalten will, offenbar einen großen Unterschied. Unabhängig davon, ob man deshalb die Entstehung eines mentalen Zustandes in den Inhalt von Ψ aufnehmen will oder nicht, wird offenbar nicht alles, was es zu t0 im Zusammenhang mit Ψ über B zu sagen gibt, in Mimik und Gestik codiert. Doch über B zu wissen, was nicht in Mimik oder Gestik codiert wurde und daher den Spiegelneuronen unzugänglich ist, sehen wir als entscheidend für das alltagspsychologische Einfühlungsvermögen von A an.

Mit anderen Worten: Was immer Spiegelneuronen erklären mögen, sie erklären nicht das, was wir unter Empathie verstehen.

Es gibt noch einen schwächeren Sinn von Empathie derart, daß Spiegelneuronen mit P zu t0 zu haben, für A ausreichen könnte, um nachzufühlen, was B zu t0 fühlt. Um dies zu illustrieren, betrachten wir ein Beispiel eines mentalen Zustandes, dessen Inhalt unabhängig von seiner Entstehung bei B zu t0 sein muß.

  • (6) Gegeben sei B, der sich z.B. im Urlaub auf dem Jahrmarkt in ein Spiegelkabinett gewagt und darin die Orientierung verloren hat. Plötzlich sieht B im Spiegel einen Mann, an den sich der Räuber C anschleicht, um ihn auszurauben. B erschrickt und reißt dabei Augen und Mund in charakteristischer Weise auf. Wir nehmen an, daß die ganze Szene von dem Spiegelkabinettsbesucher A seinerseits im Spiegel beobachtet wird und er das Ganze hat kommen sehen, so daß A in keiner Weise überrascht ist. Diese Beobachtung möge ausreichen, damit sich bei A daraufhin P einstellt, das sich auch dann einstellen würde, wenn A sich selbst erschrecken würde.

Wäre (1) wahr, dann sollte A via Spiegelneuronen fühlen, was B fühlt. Doch nehmen wir einmal an, daß der Mann, den B im Spiegel sieht, er selbst ist. Wenn B dann erkennt, daß er sich selbst sieht, dann wird sich ganz anders fühlen, als wenn er sich selbst im Spiegel nicht erkennt. Doch ob das der Fall ist, kann A nicht wissen, da für ihn der Anblick von B in beiden Fällen derselbe wäre. Die Folge ist, daß A nicht via eigener Spiegelneuronen fühlt, was B fühlt, wenn B in (6) sich selbst nicht im Spiegel erkennt. Und das bedeutet, daß die Existenz von Spiegelneuronen i.S.v. (1) nicht ausreicht, damit A im angegebenen schwachen Sinne empathische Fähigkeiten gegenüber B aufweist. Einen noch schwächeren und hier relevanten Sinn von Empathie, für den Spiegelneuronen verantwortlich gemacht werden könnten, kann ich im Moment nicht angeben.

Versuchen wir, den Überblick zu behalten: Wie kann es bloß zu diesen verschiedenen Argumenten gegen Spiegelneuronen kommen? Liegt es vielleicht daran, daß der Geist doch nicht vom Gehirn erzeugt wird? Selbstverständlich wird er das, der Grund liegt woanders. Was vom Gehirn erzeugt wird, ist nicht der empathische Zustand selbst, Empathie zu zeigen, ist ebensowenig selbst ein mentaler Zustand, wie es ein eigener mentaler Zustand ist, einer anderen Person in Liebe hingegeben zu sein. So wie es viel glaubhafter ist, daß Liebe kein Gefühl, sondern eine soziale Praxis ist, ist es viel glaubhafter, daß Empathie ein kognitives Phänomen ist, das wir Personen innerhalb von Handlungserklärungen zuschreiben. Natürlich beruht das Handeln dieser Personen auf neuronaler Aktivität, aber daraus folgt eben nicht, daß Empathie ein mentaler Zustand ist – was Biologisten aber naiverweise gerne annehmen.

  • (7) Doch Empathie als mentalen Zustand anzusehen, ist eine psychologische Idee oder vielleicht eine philosophische – aber keine biologische. Der Punkt ist: Vielleicht spielen Spiegelneuronen wirklich eine Rolle für bestimmte Fälle von Empathie. Aber sie schöpfen das Phänomen der Empathie keinesfalls aus. Doch wer sich von vornherein auf Empathie als mentalen Zustand festlegt und diesen auf die Aktivität von Spiegelneuronen reduzieren will, kann natürlich niemals auf die Idee kommen, den Beitrag von Spiegelneuronen zu bestimmten Fällen alltagspsychologischer Emphatie zu untersuchen.

Und das legt sehr bezeichnend den Finger auf eine der schwachen Stelle biologistischer Argumentationen.

IV. Why biologism sucks

Der Grund, warum Biologisten so nervtötend sind, liegt nicht darin, daß sie die Grundüberzeugung hegen, daß letztlich die neuronale Aktivität alle mentalen Phänomene erklärt – diesen Naturalismus teilen die fundamentalistischen Maskulisten – der Grund liegt darin, wie sie sich in Diskusssionen über diese These benehmen. Spekulationen über narzistische Kränkungen als Reaktion auf naturalistische Erklärungen sind ebenso dumm wie hergesucht, denn Biologisten verärgern den Rest der Welt deshalb, weil sie ihren plakativen Führungsanspruch in der Aufklärung über mentale Phänomene der Alltagspsychologie vor allem auf ihrem Unverständnis dessen gründen, was ihre Untersuchungsergebnisse eigentlich besagen – so wie ich es in diesen post demonstriert habe. Und weil die Sache Methode hat, sehen wir sie uns weiter an.

Nehmen wir an, ein Naturwissenschaftler untersucht eine besimmte neuronale Aktivität oder ein bestimmtes neuronales Phänomen. Nehmen wir weiter an, daß er macht dies korrekt und nach allen Regeln der Kunst. Was er am Ende bekommt, ist ein quantitatives Ergebnis und da er nicht das Bewußtsein selbst untersucht, er muß sich fragen, was seine Daten in indirekter Beweisführung über bestimmte mentale Phänomene aussagen.

  • (8) Ein schönes Beispiel sind die Libet-Experiemente, wo im Prinzip gezeigt werden soll, daß die neuronale Aktivität des Ausführens einer absichtlichen Handlung dem bewußten Entscheidunsprozeß zu dieser Handlung zeitlich vorausgeht. Nehmen wir nun an, daß experimentell hervorragend gearbeitet wurde und auch sonst nichts zu kritisieren sei. Dann stellt sich die Frage, ob diese Daten wirklich bedeuten, daß der Wille nicht frei sein kann, sondern eine Einbildung ist. Aber offensichtlich folgt das nicht: Denn so wie die gemessene neuronale Aktivität den Handlungsentschluß realisieren könnten, könnten sie auch den Prozeß der freien Entscheidung zu dieser Handlung realiseren und die Messdaten allein sagen uns nicht, welche dieser Alternativen vorliegt: Die Daten und Gott haben klarerweise eins gemeinsam – sie haben recht und sie schweigen. Und all das kann ich wissen, obwohl ich erwiesenermaßen kein Biologe bin.

Aber all diese Hürden werden nur allzu gern von Biologisten geleugnet. Was an Biologisten daher nervt, ist nicht das, was innerhalb ihres biologischen oder medizinischen Fachs liegt, sondern daß sie Probleme haben, zu verstehen, daß ihr Fach Grenzen hat. So hilft es offenbar bei der Frage, ob und wie Phänomene der Alltagspsychologie „reduktionistisch“ wegerklärt werden, nicht weiter, weitere experimentelle Studien zu zitieren, denn deren Daten müssen ja auch interpretiert werden. Zu verlangen, daß experiementelle Studien nur mit experimentellen Studien widerlegt werden können, hilft nicht weiter und erzeugt nur Ärger über das methodische Unverständnis.

  • (9) Was helfen würde, wären Überlegungen zu dem alltagspsychologischen Phänomen, das erklärt werden soll. Zu behaupten, daß bei verliebten Menschen ein dynamischer Verlauf der Oxytocin-Konzentration vorliegt, mag stimmen, aber es erklärt uns nicht, wie Marcel Proust zu seinen Einsichten über Eifersucht gekommen ist.

Doch genau das nervt an Biologisten – daß sie eine Diskussion aufgrund rein angemaßter Deutungsmacht für beendet erklären, die gerade erst begonnen hat. Und deshalb schaden sie auch einer aufklärerischen Männerrechtsbewegung. Denn sie nehmen Menschen, die weitergehende Fragen stellen, nicht ernst und geben ihnen statt einer Antwort links zu tendentiösen Artikeln, wo sie sich angeblich die Antwort auf ihre Fragen selbst zusammensuchen können – wenn der link denn überhaupt informativ ist.

Wer dermaßen respektlos mit dem Wunsch nach Aufklärung umgeht, darf sich nicht wundern, wenn er das Ziel von Hohn und Spott wird – doch genau das können biologistische Mimöschen meist nicht vertragen und ich gehe jede Wette ein, daß dies mit der psychologischen Motivation eines angesichts hochkomplexer sozialer Phänomene nach Rückerlangung von Kontrolle japsenden Biologisten, dessen überforderter Verstand nach Beschwichtigung giert, zu tun hat. Doch natürlich sind nicht alle Biologisten so. Vernünftige Biologisten stellen ihr Fachwissen in einer offenen Diskussion um die Aufklärung alltagspsychologischer und sozialer Phänomene zur Verfügung. Wenn sie es tun, dann sind sie für den Maskulismus ein Gewinn, denn natürlich können Geschlechterunterschiede, die biologische Quellen haben, nicht mehr von Feministen mißbraucht werden, um ihre absurden politischen Forderungen zu begründen. Ich bin allerdings wenig optimistisch, daß die Biologie den Feminismus auch endgültig schlagen wird. Vernünftiger Antifeminismus wird niemals einfach nur biologistisch sein können.


3 Kommentare

  1. Vielleicht ist es einfach mal an der Zeit, dass du ganz konkret ausführst, was dein naturalistischer Standpunkt eigentlich genau gerade in bezug auf die Geschlechter und auch unter Berücksichtigung von Hormonen, Gehirnstrukturen etc besagt. Ich kann mit gegenwärtig nichts darunter vorstellen, außer dass es eine bessere Theorie ist als die gegenwärtig in der Biologie vertretenen Theorien und das sich daraus anscheinend keine wirklichen Geschlechterunterschiede ergeben (der Mensch aber auch nicht sozial konstruiert ist).

    „Zu behaupten, daß bei verliebten Menschen ein dynamischer Verlauf der Oxytocin-Konzentration vorliegt, mag stimmen, aber es erklärt uns nicht, wie Marcel Proust zu seinen Einsichten über Eifersucht gekommen ist.“

    Wer behauptet den, dass letzteres dadurch erklärt wird und wofür ist das wichtig? Menschliche Emotionen im Wechselspiel mit hormonen zu verstehen kann dennoch bestimmte Verhaltensweisen verständlicher machen. Spannend für den Geschlechter unterschied wird es dann zB, wennman weitere Zusammenspiels untersucht. Beispielsweise verstarkten Östrogene die Wirkung von Oxytocin

    • „Vielleicht ist es einfach mal an der Zeit, dass du ganz konkret ausführst, was dein naturalistischer Standpunkt eigentlich genau gerade in bezug auf die Geschlechter und auch unter Berücksichtigung von Hormonen, Gehirnstrukturen etc besagt.“

      Du hast völlig recht. Aber es ist wie beim letzten post: Ich schreibe was zu einem Thema und die Leser wünschen sich etwas zu einem anderen Thema, welches auch interessant und wichtig sein mag, aber einfach nicht so schnell abgearbeitet werden kann.

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