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Mind Behind a Veil

Der Anspruch der Biologismus, Verhaltenstendenzen bei Personen vorherzusagen, reicht tief in unser alltagspsychologisches Verständnis von Wünschen und Entscheidungen hinein. Doch leider macht er sich nur wenig Gedanken über das, was er angeblich so überlegen im Griff hat. Denn im Moment ist uns das phänomenologische Bewußtsein ein Rätsel. Mentale Zustände zu erleben, ist zwar notorisch aufdringlich, aber so gut wie nirgendwo findet man eine brauchbare Beschreibung dessen, welche inneren Erlebnisse wir via mentaler Zustände eigentlich haben: Soweit ich sehen kann, herrscht begriffliche Konfusion. Gefühle, Empfindungen, Emotionen z.B. gelten anders als z.B. Stimmungen im allgemeinen als lokal-reaktive mentale Zustände. Doch worin unterscheiden sie sich – rein phänomenologisch betrachtet? Dieser post entwirft für eine Unterklasse der mentalen Zustände, die Gemütsbewegungen, und damit ein Vokabular, das bei der Aufklärung des phänomenalen Bewußtseins nützlich genug sein wird, um später vulgärbiologistische Deutungsansprüche angemessen zu analysieren.

Übersicht:


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I. Introdution

Unter Gemütsbewegungen wollen wir mentale Zustände verstehen, die zu haben mit Erlebnisqualitäten verbunden ist, so daß Gemütsbewegungen immer Bewußtseinszustände sind. Einen Bewußtseinszstand zu hegen, impliziert nicht, etwas über ihn zu wissen – ein Umstand, der der Spiegelneuronenthese (link) den Garaus macht. Mit Gemütsbewegungen ist Folgendes gemeint.

  • (1) An die 22. Nachkommastelle der Zahl Pi zu denken, ist ein mentaler Zustand, aber keine Gemütsbewegung. Den Angriff der Danaer z.B. zu befürchten oder zu erhoffen, sind zwei verschiedene Gemütsbewegungen. Des weiteren kann man sehr wohl wissen, wie hoch der eigene Blutdruck ist, ohne ihn wie Zahnschmerzen zu erleben.

Und um noch festzulegen, was mentale Zustände sein sollen, definieren wir:

  • Definition 1: Zustände, die nicht außerhalb des Körpers lokalisiert sind, nennen wir intern. Interne Zustände, die keine körperlichen Zustände sind, nennen wir mental. Mentale Zustände können, müssen aber nicht lokalisiert sein.

Die einfachste Möglichkeit, die Menge der Gemütsbewegungen zu unterteilen und damit eine erste Charakterisierung von Gemütsbewegungen zu geben, liegt darin, episodische Gemütsbewegungen mit einem charakteristischen Verlauf einzuführen. Das sind Gemütsbewegungen, die man kontinuierlich empfinden muß, um sie haben, um sie besitzen zu können:

  • (2) Episodische Gemütsbewegungen haben eine Entwicklung und einen charakteristischen Zeitpunkt ihres Auftretens: Mir ist z.B. jetzt kalt, und zwar auch dann, wenn ich gestern am Kamin gesessen habe und dies morgen wieder tun kann und nicht daran erinnere, wie mir langsam warm wurde.

Wir kennen auch Gemütsbewegungen, die auf etwas gerichtet sind, wie etwa Bedauern, Neid, Eifersucht und Furcht oder aber solche, von denen wir das nicht sagen würden wie etwa Melancholie oder auch Euphorie.

Man kann Gemütsbewegungen sicher auch noch wesentlich feinkörniger unterscheiden. Doch es kommt uns hier nicht auf eine vollständige Liste an. Stattdessen bemühen wir lieber wieder einige Beispiele zum Verständnis:

  • (3) Lausche ich auf die näherkommende Feuerwehrsirene, dann kann es passieren, daß ich sie umso entnervender empfinde, je näher sie kommt. Wenn ich andererseits auf dem Zahnarztstuhl einen pochenden Zahnschmerz fühle, den der Arzt mit einer Spritze zu betäuben versucht, dann ist es absolut sinnvoll, wenn der Arzt nach einer Weile fragt, ob der Schmerz bereits vollständig abgeklungen ist: Die Empfindung der lauten Feuerwehrsirene und das Gefühl des Zahnschmerzes sind zweifellos mentale Episoden.

Werfen wir einen kursorischen Blick auf die Variationen, mit denen Gemütwbewegungen uns im allgmeinen zu plagen pflegen.

II. Feelings and Sensations

Empfindungen z.B. von Hitze sind keineswegs Wahrnehmungen. Denn Empfindungen werden zwar angefühlt, beziehen sich aber weder wie Wahrnehmungen auf irgendwelche externen Ursachen, noch auf deren Eigenschaften und unterrichten uns folglich nicht über die Außenwelt: Wir wissen z.B. daß sich Heißes oder Kaltes anzufassen von einem Schreck erst nach einer kurzen Weile phänomenlogisch klar unterscheidet.

  • (4) Denn Wahrnehmungen beruhen auf Fähigkeiten: Man kann z.B lernen, Tonarten am Klang zu unterscheiden und Dirigenten haben sicherlich eine weitaus größere Fähigkeit, einen einzelnen Ton aus einem Klangteppich herauszuhören, als ein ganz unmusikalischer Mensch. Es ist auch sinnvoll zu sagen, daß z.B. sorgfältig beobachtet wurde, jemand schnell gelesen hat oder daß Blinde einen sehr gut trainierten Tastsinn haben.

Außerdem muß es für Wahrnehmungen Organe geben, so daß man sich anstrengen kann, wenn man etwas nicht zweifelsfrei wahrnimmt. Für Empfindungen aber gilt das alles nicht. Eine Empfindung zu haben, ist stattdessen in gewisser Weise dem Umstand vergleichbar, daß man etwas denkt:

  • (5) Empfinden wir etwas z.B. als grün oder als warm, dann ist es so, als beurteilten wird zustimmend, daß z.B. die Wiese grün oder der Stein warm ist. Für das Gefühl der Zahnschmerzen z.B. gilt das nicht.

Etwas als angenehm oder unangenehm zu empfinden, gleicht daher dem Bejahen oder Verneinen, ist also mehr als ein bloßes Denken und vergleichbar einem Zustimmen oder Ablehnen. Daher definieren wir:

  • Definition 2: Episodische, nicht auf etwas gerichtete, lokalisierte Gemütsbewegungen mit propositionalem Inhalt, die nicht in gewissem Sinne unangebracht sein können, nennen wir Empfindungen.

Dabei verstehen wir unter Propositionen dasjenige, was Aussagesätze aussagen.

Gefühle zu haben, bezeichnet hingegen den Umstand, eine mentale Episode zu durchlaufen, die zu haben, primär mehr oder weniger intensive Erlebnisqualitäten eo ipso mit sich bringt, ohne daß etwas z.B. zustimmend beurteilt wird. Wir können uns sogar über diese Erlebnisqualitäten nicht täuschen, so daß es bei Gefühlen folglich so etwas wie eine Autorität der ersten Person gibt: Nur ich kann wissen, wie sich etwas für mich anfühlt und niemand sonst.

  • (6) Das gilt für Zahnschmerzen ebenso, wie wenn wir unser Frühstücksbrot hacken, anstatt es zu schneiden, weil wir uns geärgert haben.

Bei Empfindungen ist das nicht so. Doch wie Empfindungen beziehen sich die Gefühle weder auf irgendwelche neurophysiologischen Ursachen noch auf deren Eigenschaften wie es Wahrnehmungen tun.

  • (7) Denn wären wir wirklich der Meinung, daß Gefühle Wahrnehmungen sind, dann hätten wir längst Ärzte, die sich in pathologischen Fällen unserer gestörten “Gefühlswahrnehmungen“ annehmen. Doch solche Ärzte gibt es nicht, denn Therapeuten sorgen sch nicht um Organe.

Gefühle zu haben, ist infolge der Autorität der ersten Person weder rational, noch kann es in irgendeinem Sinne verkehrt sein, sie zu haben. Empfindungen hingegen können anders als Gefühle täuschen oder irreführen: Für sie gibt daher es keinerlei epistemische Autorität der ersten Person. Andere Körperbefindlichkeiten wie Schauer oder Stechen zählen natürlich ebenfalls zu den Gefühlen. Gefühle im hier definierten Sinne werden auch als Qualia bezeichnet. Insgesamt lautet daher das Ergebnis an dieser Stelle:

  • Definition 3: Episodische, nicht auf etwas gerichtete, lokalisierte Gemütsbewegungen ohne propositionalen Inhalt, die nicht in gewissem Sinne unangebracht sein können, nennen wir Gefühle.

III. Emotions, Morales and Affective Attitudes

Gefühle im oben definierten Sinne sind arational, insofern sie offenbar nicht mit spezifischen Überzeugungen oder auch mit Wünschen und daher auch nicht mit ganz bestimmten geglaubten oder gewünschten Sachverhalten oder Ereignissen verbunden sind: Eifersucht ist hingegen z.B. von Neid, Ärger von Entrüstung, Trauer von Enttäuschung oder Depression, Zorn von Entrüstung, Zuneigung von Sinneslust dem Gefühl nach mehr oder weniger ununterscheidbar. Doch es gibt Gemütsbewegungen, bei denen das überhaupt nicht nachteilig ist:

  • (8) Wir können z.B. nicht neidisch sein, ohne zu wissen, auf wen oder selbst irgendwelche Wünschezu hegen. Wir können auch nicht auf uns selbst stolz sein, ohne wenigstens zu glauben, daß uns etwas von anderen unterscheidet und wir können aus begrifflichen Gründen nicht vor etwas Angst haben, daß bereits in der Vergangenheit liegt: Nur anwesende Giftschlangen vermögen uns zu ängstigen, die Erinnerung daran vermag dies nicht – selbst dann nicht, wenn uns die Erinnerung zu extremen Reaktionen verleitet.

Man kann z.B. auch nicht wissen, daß Hemingway den Nobelpreis gewonnen hat, und gleichzeitig fürchten oder hoffen, dass er diesen Preis gewonnen hat oder gewinnen wird. Andererseits kann man nicht erleichtert oder verärgert darüber sein, dass Hemingway den Nobelpreis gewonnen hat, ohne zu wissen oder zu glauben, dass er das hat. Auch können wir nur solche Tatsachen bereuen, die bereits vergangen sind und für die wir selbst die Verantwortung tragen. Künftiges oder Ereignisse, die ohne unser Zutun in unser Leben treten, können wir nur bedauern, nicht aber bereuen: Es wäre aus begrifflichen Gründen sinnlos.

  • Definition 4: Auf etwas gerichtete Gemütsbewegungen dieser Art werden wir  Emotionen nennen.

Offenbar kann man Emotionen mit verschiedenen Gefühlen kombinieren, denn Gefühle sind im Allgemeinen weder notwendig noch hinreichend, um einzelne Emotionen voneinander zu unterscheiden. Denn es gilt:

  • (9) Haß z.B. kann sich wie ein Rausch anfühlen oder auch quälend und belastend sein, Eifersucht schmerzlich oder anspornend, eine Enttäuschung kann uns wütend machen oder gedrückt zurücklassen.

Es liegt auch auf der Hand, daß Emotionen keine Wahrnehmungen sein können. Denn Wahrnehmungen liefern uns anders als Emotionen via Organe Informationen über die äußere Welt, sie beruhen auf Fähigkeiten, während z.B. neidisch zu sein, schlechterdings nicht trainiert werden kann.

Damit unterscheiden wir Emotionen auch von Empfindungen: Denn Emotionen können unangemessen, z.B. übertrieben oder ganz verkehrt, bisweilen sogar unmoralisch oder geheuchelt sein:

  • (10) Wir finden es ganz normal, zu fordern, jemand solle sich schämen, anstatt sich zu freuen oder vielleicht auch dankbarer sein und selbst wenn es oft wenig hilft, so raten wir jemandem gelegentlich, nicht traurig zu sein, denn das sei das doch alles nicht wert. Keine anderen Gemütsbewegungen als Emotionen scheinen daher im gewöhnlichen Sinne  korrigierbar zu sein.

Doch bei Empfindungen machen solche Manöver überhaupt keinen Sinn. Stattdessen haben Empfindungen einen Ort in meinem Körper: Wir kennen z.B. Kopf- oder Rückenschmerzen. Auch Gefühle, wie z.B. das angenehme Wärmegefühl, können eine Stelle meines Körpers einnehmen. Doch mein Ehrgeiz oder mein Heimweh sind nicht in mir – jedenfalls nicht im selben Sinn wie es z.B. mein Zahnschmerz ist. Auch bei Wahrnehmungen ist das nicht so: Sehe ich etwas Grünes, so habe ich die Farbe in keinem Sinne  im Auge. Wahrnehmungen und Emotionen sind daher nicht im Körper lokalisiert – selbst dann nicht, wenn sie von Gefühlen begleitet werden. Folglich legen wir fest:

  • Definition 5: Nicht-episodische, gerichtete, nicht-lokalisierte Gemütsbewegungen mit propositionalem Inhalt, die in gewissem Sinne unangebracht sein können, nennen wir Emotionen.

Stimmungen wie Euphorie, Begeisterung, Niedergeschlagenheit, Fröhlichkeit oder Traurigkeit sind von  Empfindungen und Gefühlen ebenso wie von Emotionen zu unterscheiden. Sie sind im Gegensatz zu Emotionen ungerichtet und müssen nicht unbedingt bemerkt werden oder dem Bewußtsein präsent sein, um sie haben zu können: Oft sind wir dankbar, wenn andere vor uns erkennen, in welcher Stimmung wir uns gerade befinden. Stimmungen sind nur schwer z.B. von Emotionen zu unterscheiden und oft stellt man sich die Frage, ob man ernst nehmen kann, was eine Person tut oder ob sie nur so in einer episodischen Stimmung ist. Bei Emotionen würden wir das nie sagen, da diese verkehrt sein können. Auch über Stimmungen scheint man sich irren zu können, insofern sie offenbar Aggregate von Emotionen, Gefühlen und Empfindungen sind.

Affektive Einstellungen wie z.B. Vertrauen, Loyalität, Optimusmus, oder auch Antipathie, Neugierde und Verbitterung changieren dagegen nicht und sind deshalb keine Aggregate und auch nicht so leicht zu analysieren, so daß wir uns durch ein Beispiel helfen lassen.

  • (11) Die Person A habe den Wunsch eine Droge zu nehmen. Dabei können wir annehmen, daß diese Droge einen Rauschzustand herbeiführt, diese Annahme wäre jedoch für das Beispiel unwesentlich.

Dann sind in (11) offenbar folgende Ergänzungen des Beispiels denkbar:

  • i) Person A könnte sich unreflektiert und zügellos seiner Sucht hingeben. Dann bildet er bzgl. seines Wunsches nach der Droge keine Wünsche aus und wir würden A vielleicht als triebhaft süchtig bezeichnen. Von einer Freiheit, zu wünschen, was A will, kann man kaum sprechen, da A ohne irgendeine Reflexion jede Möglichkeit der Einflußnahme abgeht.
  • ii) Doch A könnte seine Sucht auch ablehnen und sich deshalb zu einer Therapie entschließen. In diesem Fall hat A den Wunsch, den Wunsch nach der Droge nicht zu haben: A hat einen Wunsch höherer Ordnung und wir würden ihn als Süchtigen wider Willen bezeichnen, weil er nicht möchte, daß sein Wunsch nach der Droge auf seine Handlungen durchschlägt.

Das Beispiel (11) belegt, daß wir Wünsche, Wünsche zu haben, benutzen, um das intentionale Verhalten von A aufzuklären. Ein Wunsch zweiter Ordnung ist ein Wunsch, einen Wunsch zu haben. Ein Wunsch erster Ordnung ist ein Wunsch nach einem fehlenden Gegenstand oder einem nicht-bestehenden Sachverhalt und gelegentlich versuchen wir deshalb die Welt unseren Wünschen erster Ordnung anzupassen. Bei Wünschen zweiter Ordnung müssen wir das nicht, sie betreffen nur uns selbst.

  • Affektive Einstellungen lassen sich mit Hilfe von Wünschen, Wünsche zu haben, wenigstens im Ansatz verstehen. Denn Vertrauen zu haben, besagt gerade, den Wunsch zu haben, handlungsleitende – aber nicht unbedingt handlungsbegründende – Wünsche in Bezug auf eine Person zu erwerben. Unter der Loyalität von A gegenüber Person B verstehen wir etwas spezieller die Tatsache, daß A B in irgendeiner Angelegenheit unterstützt.

Die Wünsche erster Ordnung spielen dabei gar keine Rolle. Es wird nicht gefragt, was A gerne macht, sondern nur, ob A sich in seiner Autonomie als Person, als Zentrum dramatischer Entscheidungen selbst in irgendeiner Weise davon überzeugen kann, B zu unterstützen. Optimismus hingegen funktioniert ganz anders: Hier reden wir davon, daß A willens ist, auch unter ungünstigen Bedingungen Wünsche oder sonstige Präferenzen zu erwerben, die ihn in die Lage versetzen, zu improvisieren. Mit einer Beurteilung der Wahrscheinlichkeit von zukünftigen Ereignissen allein, läßt sich die optimistische Haltung klarerweise nicht darstellen. Bei Neugier geht es um den Wunsch, zu lernen, i.e. um eine unbestimmte Menge von Wünschen, sich mit einer konkreten Sache auseinanderzusetzen, und Verbitterung scheint generell darauf hinauszulaufen, daß man für ein bestimmtes Thema immer dieselben Wünsche zu haben präferiert – unabhängig davon, ob das dem eigenen Wohl dient oder nicht. Es scheint aber weder so sein zu müssen, daß uns unsere affektiven Einstellungen immer phänomenal präsent sein müssen, damit wir sie haben können, noch treten sie immer mit denselben Stimmungen oder Gefühlen auf. Sie sind gerichtet, nicht-episodisch, nicht lokalisiert, Aggregate und sie können wie Emotionen verkehrt sein.

IV. Sentiments

Kennen wir aber den Nutzen und die diskriminatorischen Grenzen von Merkmalen aus den vorangegangenen Abschnitten, so dürfen wir sie in diesem ruhigen Gewissens in einer Definition benutzen:

  • Definition 6: Episodische, gerichtete, nicht-lokalisierte Gemütsbewegungen mit propositionalem Inhalt, die in gewissem Sinne unangebracht sein können, nennen wir sentiments.

Um zu zeigen, daß diese Definition überhaupt von etwas erfüllt wird, benötigen wir Beispiele aus dem Alltag. Für sentiments lassen sie sich leicht finden:

  • (12) Wenn wir wütend sind, dann neigen wir dazu, gewaltsam und zerstörerisch auf unbelebte Dinge loszugehen: Wir knallen die Tür zu, oder zerstören am Ende einer Beziehung die Liebesbriefe oder alten Photos und gelegentlich schreiben wir solchen Handlungen sogar eine reinigende Kraft zu.
  • (13) Wenn wir Zuneigung empfinden, dann wird das geliebte Wesen manchmal beläufig seufzend sachte berührt oder es ihm werden auch die Haare zerzaust.
  • (14) Ein Dosenöffner, der sich hartnäckig weigert, die Ravioli-Dose zu öffnen, läuft unter Umständen Gefahr, unter einem rachsüchtigen “Dir zeige ich es!“ aus dem Fenster zu fliegen.

Sentiments sind aber weder Stimmmungen noch Emotionen: Sie sind gerichtet – wenn auch nicht auf ihre Ursache – und sie müssen angefühlt werden, um sie zu haben. Sentiments sind Episoden mit Erlebnisqualitäten und einem charakteristischen Verlauf und daher keine Emotionen. Doch sie sind keine Gefühle und Empfindungen können sie nicht sein, denn sie sind genau wie Emotionen nicht lokalisiert. Stattdessen können sie unangebracht oder ganz
verkehrt sein. Wie Emotionen verlangen sie anders als Empfindungen oder Gefühle nach einer Begründung: Sentiments haben etwas zu tun mit Tatsachen, die den angemessenen Anlaß der sentiments bilden – wenn auch nicht mit Zweckrationalität. Denn wir verhalten uns in solchen Fällen überhaupt nicht nutzenmaximierend relativ zu einer Menge von Gründen und die Beispiele (12)-(14) demonstrieren, daß das auch niemanden stört. Auch Empfindungen sind von sentiments aufgrund der Tatsache verschieden, daß man sehr wohl Kaltes und Heißes für einen Moment verwechseln, sich aber unter keinen Umständen in unrichtiger Weise z.B. unter der Bettdecke verkriechen kann.  Also: Der Ausdruck “sentiment“ ist wohldefiniert.

Betrachten wir zur Illustration des bisher Gesagten noch einmal das folgende Beispiel:

  • (15) A fürchtet die Danaer, selbst wenn sie Geschenke bringen.

Was passiert in (15) wirklich? Daß A sich fürchtet, ist eine Emotion. Diese Emotion kann mit seiner Stimmung wechselwirken, sie bei Gelagen dämpfen oder im Alltag färben, doch das muß nicht so sein. Gefühle muß A deswegen nicht haben, doch es ist nicht ausgeschlossen, daß er es z.B. ab und an in der Magengegend spürt oder sie ihn bei den Sitzungen im Rat von Karthargo zuweilen anspornt. Doch was passiert, wenn er die Danaer plötzlich vor den Toren der Stadt bemerkt? Vielleicht beginnt er zu zittern und wendet sich in seiner plötzlichen Angst an seinem Komandanten: Das ist keine Emotion, denn es ist eine Episode und es ist kein Gefühl, da diese Angst zusätzlich berauschend sein kann – und erst dieser Rausch wäre das Gefühl. Es verträgt sich sogar mit seiner Angst vor den Danaern, daß er ihr Erscheinen als Prüfung oder als Herausforderung empfindet. Doch was ist das dann: seine Angst? Was wird in den englischen Kämpfern vor den Toren von Harfleur eingeflöst, indem Henry V seinen Soldaten zuruft:

  • (16) “Noch einmal zur Bresche stürmt, teure Freunde, noch einmal, oder füllt diese Mauern mit unseren toten Engländern auf!“

Ich vermute, daß die beste Idee im Moment darin besteht, daß es sich in (16) um sentiments handelt.

Das hier ist natürlich nur ein Anfang. Der Vorteil des bisherigen Vokabulars besteht darin, daß es erstens insofern neutral ist, als es keinerlei Theorie irgendeiner Provenienz voraussetzt. Aus diesem Grund ist es geeignet, diejenigen Probleme zu formulieren, deren Lösung die sogenannten biologischen Theorien als benchmark beanspruchen. Zweitens trägt es dem Umstand Rechnung, daß schon Shakespeare und Dostojevskij mentale Zustände von Personen in einer für uns heute noch verständlichen Weise charakterisiert haben, so daß unser Vokabular mit einem gewissen Recht beanspruchen kann, die Kulturleistung des Personenverstehens wenigstens zum Teil abzubilden.


17 Kommentare

  1. […] die der zentrale topic in allen vulgärbiologistischen Erklärungen sind. Dabei benutzen wir das neutrale Vokabular aus dem letzten post. Zugleich führen wir neues Vokabular ein, daß unser alltagspsychologisches Verständnis von […]

  2. kardamom sagt:

    „…mehr oder weniger ununterscheidbar…“ (erster Absatz in III.)

    Das gibt für mich einen Widerspruch in der Logik. Unterscheidbarkeit an sich ist streng definiert. „Entweder oder“ – aber nicht fliessend. Es ist ein Unterschied erkennbar, oder er ist es kein Unterschied erkennbar.
    Und damit ist – nach meinem Verständnis – der Ausdruck „…mehr oder weniger ununterscheidbar…“ das selbe wie „…mehr oder weniger unterscheidbar…“ und damit eine Aussage wie „A ist gleich Nicht-A“ und damit – nach meinem Verständnis – wird die beabsichtigte Grundaussage bedeutungslos.

  3. kardamom sagt:

    Mich irritiert der grammatikalische Gebrauch der ersten Person Plural („Unter Gemütsbewegungen wollen wir mentale Zustände verstehen…“ und weitere Textstellen).

    Bist du einer oder bist du mehrere?

  4. […] kann man Wünsche wie auch Präferenzen, von denen man nichts weiß, aber nicht haben. Denn eine Gemütsbewegung zu haben, impliziert nichts darüber, ob sie gerichtet ist und nur Wissen über das Gewünschte […]

  5. […] die der zentrale topic in allen vulgärbiologistischen Erklärungen sind. Dabei benutzen wir das neutrale Vokabular aus dem letzten post. Zugleich führen wir neues Vokabular ein, daß unser alltagspsychologisches Verständnis von […]

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