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Studie zum Geschlechterdiskurs – Euphemismen, Teil 2

Dieser post setzt meine Rezension aus dem letzten post der Studie des Vienna Circle über den Geschlechter- diskurs von Johannes Meiners und Christine Bauer-Jelinek vom Februar 2015 fort. Da ich mit dem B-Teil deutlich stärker übereinstimme als mit dem A-Teil, es aber recht unwahrscheinlich ist, daß auf einmal besser gearbeitet wurde, brauchen wir ein Wort der Warnung: Offensichtlich hängen meine Meinungen über Maskulismus stark von den news auf genderama ab. Und obwohl nicht-feminist.de, only_me und gleichmaß.wordpress.com zu meiner Pflichtlektüre zählen, kann das diese Abhängigkeit offenbar nicht ausgleichen: Ich sorge selbst in völlig unzureichendem Maße für NICHT vorselektierte Informationen zu Geschlechterthemen – dafür fehlt mir einfach die Zeit. Letzteres ist einer der Gründe dafür, warum in diesem blog nur Grundsatzfragen behandelt werden, bei denen ich selbst Korrektheit und Vollständigkeit der benutzen Materialien sicherstellen kann. Es bleibt zu hoffen, daß nicht-feminist.de personelle Verstärkung erhält, um Einseitigkeiten wirksam abbauen zu können.

III. B-Teil: Maskulismus

Dieser Teil der Studie wurde durch die Korrespondenz von Arne Hoffmann mit Johannes Meiners über einen Zeitraum von mindestens einem Jahr beeinflußt. Wir können daher erwarten, daß seine Aussagen nicht allzuweit von dem Blick abweichen, den genderama auf den Maskulismus präsentiert. Auf der einen Seite ist das sicher deutlich besser, als feministisch ausgerichtete Autoren ohne Hilfestellung auf maskulistische Quellen loszulassen. Auf der anderen Seite können wir deshalb natürlich erwarten, daß vor allem der Linke Maskulismus in dieser Studie zu Wort kommt. Und genau das ist auch der Fall. Darüberhinaus kommt im B-Teil ab p.68 überdurchschnittliche oft ManInTheMiddle zu Wort, was belegt, daß sich das Konzept des Restaurantführers für Maskulismus auf seinem blog Maskulismus für Anfänger bewährt hat – aber natürlich auch eine besondere Verantwortung nach sich zieht, die auch wahrgenommen werden will.

Das systematische Motiv des Maskulismus beschreibt die Studie wie folgt (p.68):

  • Frauen und Männer, die dem Feminismus kritisch-distanziert gegenüberstehen, argumentieren, dass Frauen in vielen westlichen Gesellschaften längst vollkommen gleichberechtigt und in manchen Bereichen sogar bevorzugt wären. [….]  Während Probleme der Frauen – etwa die Geschlechter-Lohnlücke, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und Karrierehindernisse – öffentlich präsent seien, würden jene der Männer nicht im gleichen Ausmaß thematisiert.

Das trifft die Sache ganz gut und die Studie bringt viele Beispiele dafür etwa die höhere Betroffenheit von Arbeits- und Obdachlosigkeit, von sozialer Deklassierung, Isolation und Vereinsamung, die zahlreicheren Fälle von Alkohol- und Drogenproblemen, die größere Anzahl an Gefängnisinsassen sowie Selbstmorden oder daß Männer für die harten, schmutzigen und gefährlichen Arbeiten einer Gesellschaft zuständig sind, die Mehrheit der Hilfsarbeiter stellen und die meisten Überstunden machen.

  • (18) Auch die Prägung des sozialen Klimas durch die Sozialtheorie des Radikalfeminismus wird thematisiert – was erstaunlich ist, weil das eine Kritik an Frauen bedeutet, die dieser Sozialtheorie seit Jahrzehnten unreflektiert folgen (p.68-70).

Entsprechend wird die personelle Zusammensetzung des zeitgenössischen Maskulismus wie folgt angegeben: benachteiligte Väter, Frauen, die sich nicht als Opfer hinstellen lassen wollen sowie Männer und Frauen, die Kritik an den gegenwärtigen Geschlechterverhältnissen bzw. an der heutigen Geschlechterpolitik üben, welche zum überwiegenden Teil auf Lebenslagen von Frauen fokussiert und die das Ziel einer konsequenten Gleichberechtigung und Gleichbehandlung beider Geschlechter mit dem Blick auf Lebenslagen und Rollenverständnisse von Männern verfolgen.

  • (19) In der Studie wird Maskulismus darüberhinaus als geschlechterübergreifender Antisexismus geschildert, der jede Form von Diskrimierung ablehnt. (p.72).

Soweit kann das wohl der überragend große Teil der Aktivisten unterstützen, wenngleich nicht alle diese Idee als zentrales Merkmal einstufen würden. Die verschiedene Strömmungen des zeitgenössischen Maskulismus werden so noch nicht erfaßt. Insbesondere findet sich vom in letzter Zeit vielbeschworenen Humanismus im B-Teil kein Wort. Desweiteren wird Arne Hoffmann mit den Worten zitiert:

  • (20) „Maskulismus bezeichnet die Weltsicht und das Theoriegebäude der Männerrechtsbewegung. Ihr zufolge verdient auch ein Mann Zuwendung und Unterstützung, wenn er (…) leidet. Maskulisten geht es darum, Benachteiligungen, soziale Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen in Bezug auf alle Menschen (…) zu erforschen (…) und realistische Lösungsstrategien zu entwickeln, die dann in einer gerechten Politik zur Anwendung kommen.“ (p.72)

Das finde ich eigentlich ganz sympathisch, aber in (20) ist ein pragmatisches Element eingebaut: Was keine realistische Lösung anbietet, ist kein Maskulismus. Woher Hoffmann das Recht nimmt, hier für alle zu sprechen, weiß ich leider nicht. Ich teile seinen Pragmatismus definitiv nicht und er scheint mir auch eher für den von ihm initiierten Linken Maskulismus charakteristisch zu sein.

Was das Verhältnis des geschildeten Maskulismus zum Feminismus angeht, finden sich dann folgende, interessante Aussagen: Zwar sei der Maskulismus feminismuskritisch, aber weder antifeministisch, noch frauenfeindlich:

  • (21) „Die überwiegende Mehrzahl der AktivistInnen der Männerrechtsbewegung, auch der expliziten AntifeministInnen, erkennt die Ergebnisse der ersten beiden Wellen der Frauenrechtsbewegung an.“ (p.73)

Wenn ich mir die Diskussionen zum jüngsten post von EvoChris zu dem Thema so ansehe, in der er sich selbst als Feminist outet, so scheint mir diese Beurteilung mehr als gewagt: Lediglich von einer kleinen Gruppe wie EvoChris, DMJ, Lucas Schoppe, graublau und Arne Hoffmann ist bekannt, daß sie mit Antifeminismus nichts anfangen können, alle anderen lehnen insbesondere den Genderismus der dritten Welle, den Radikalfeminismus und seine Sozialtheorie, welche wesentlich sind für die zweite Welle, entschieden ab. Und wie nicht anders zu erwarten, fehlen der Studie an dieser Stelle auch die empirischen Belege.

Interessant ist, daß auch die maskulistische Kritik an dem z.B. von Kucklick beschriebenen Ideal der Weiblichkeit erwähnt wird, die im Linken Maskulismus keineswegs Standard ist, sondern gerne als Frauenffeindlichkeit abgetan wird (p.74):

  • (22) „Generell abgelehnt und bekämpft wird von MaskulistInnen die These mancher Feminismen, wonach Frauen Männern grundsätzlich moralisch, sozial oder intellektuell überlegen seien (vgl. Hoffmann 2001). Sie stehen in Opposition zu der Annahme, dass sowohl gesellschaftliche als auch familiäre Probleme vor allem durch Männer erzeugt werden, und zwar aufgrund von durch das Geschlecht bedingten Eigenschaften wie Gier, Grausamkeit, Gewaltneigung und Ähnliches. Abgelehnt wird auch die Prämisse, dass Frauen aufgrund ihrer durch das Geschlecht bedingten „weiblichen“ Eigenschaften oder Vorgehensweisen wie Mitgefühl, Fürsorglichkeit oder Kommunikationsfähigkeit diese Probleme prinzipiell leichter, besser oder schneller beseitigen könnten. Diese ablehnende Grundhaltung betrachten MaskulistInnen auch deshalb als essentiell, weil genau dadurch die Errungenschaften der Chancengleichheit und Wahlfreiheit der Lebensentwürfe wieder verlorengehen. Die Zuschreibung von positiven und negativen Eigenschaften entlang der Geschlechter- grenzen führt zu einer neuen Ungleichbewertung der Geschlechter – nur diesmal gegen Männer gerichtet.“ (p.74)

Vor allem im biologistischen Flügel des Maskulismus stoßen diese Thesen auf Ablehnung, da die Biologisten meinen, diese Klischees biologisch oder evolutionär begründen zu können. Das hat innerhalb des Maskulismus zu erheblichen Kontroversen geführt, da sich der darin liegende Konservatismus klarerweise in der Minderheit befindet. Die Diskussion darüber ist noch nicht abgeschlossen. Doch von all dem findet sich in der Studie nichts.

  • (23) Insgesamt wird das Thema Biologismus, das nicht nur von vielen Maskulisten mit großen Interesse betrieben wird, sondern auch außerhalb der Aktivistenszene von Laien oft als erstes bemerkt wird, komplett totgeschwiegen. Wenn man sich als Maskulist den Linken, die feministisch als „auf Linie“ gelten können, anbiedern will, dann ist das sicher die Option der Wahl. Auch alle anderen Strömungen innerhalb des Maskulismus (Nicht-Feministen, Fundamentalisten, analytische Maskulisten) werden nicht erwähnt. Auch der konservativ-radikalisierte Flügel, der für den Maskulismus sicher keine Zierde, aber dennoch vorhanden ist, wird weitgehend totgeschwiegen. Darüberhinaus fehlt mir eine explizitee Erwähnung der Schwulenbewegung als selbstverständlicher Teil maskulistischer Anliegen. Warum sie in einer Studie, geschrieben vom feministischen Standtpunkt aus, nicht erwähnt wird, ist verblüffend, wäre aber erklärlich, wenn die Autoren sich im B-Teil ganz auf die Selbstdarstellungen des Linken Maskulismus verlassen hätten. Denn für diesen sind die Schwulen politisch einfach nicht wichtig genug. Auch zu alternativen Männlichkeitsentwürfen oder feministischen Kernthemen wie Abtreibung, Reproduktions- und Hausarbeit steht in der Studie nichts. Das ist auch kein Wunder: Diese, sowie Männlichkeit und sexuelle Würde des Mannes sind Themen, vor denen der Maskulismus bisher weitgehend versagt hat. Auch das wird in der Studie verschwiegen.

Die pp.76-85 beschreiben die Entwicklungsgeschichte des Maskulismus zwischen 1890 und 2010, zu der ich nicht viel sagen kann, da mein historisches Interesse gering ist und ich erst Ende 2012 im Maskulismus aktiv geworden bin. Ich möchte diesen Abschnitt daher mangels Sachkenntnis nicht weiter besprechen – bis auf zwei Ausnahmen:

  • Beispielhaft hierfür sind: Science Files (Michael Klein/Heike Diefenbach), man tau (Lucas Schoppe), Frankfurter Erklärung (Günter Buchholz), danisch.de (Hadmut Danisch), monika-ebeling.de (Monika Ebeling), mann-o-man (Michael Baleanu und Alles Evolution (Christian Schmidt). Diese Blogger fungieren gemeinsam mit den genannten Vereinen als Motoren der gesamten Bewegung. Das gilt in besonderem Maß für die Arbeit des Autors und Bloggers Arne Hoffmann und dessen Plattform „Genderama“. “ (p.84)

Der blog Science Files ist nach eigenem Selbstverständnis kein maskulistisches blog und beschäftgt sich mit dem Gender-Thema aufgrund dessen Unwissenschaftlichkeit, nicht aber primär aus männerrechtlichen Interesse. Insbesondere sind Science Files thematisch deutlich breiter aufgestellt, als es die Männer-Themen hergeben. Hadmut Danisch halte ich für einen lupenreinen Antifeminsten, Männer interessieren ihn nur am Rande. Hätten die Autoren in die entsprechenden blogs hineingesehen, wäre ihnen das sicher aufgefallen. Daß dem nicht so ist, spricht dafür, daß sie die Beschäftigung mit Originalquellen nicht besonders ernst nehmen. Insbesondere ist der Linke Maskulismus nicht der gesamte Maskulismus. Alle anderen werden nur totgeschwiegen.

Die zweite verwunderliche Sache ist das hier:

  • (24) „Der Blogger „Der Frontberichterstatter – Neues von der Geschlechterfront“ (2014) benennt fünf unterschiedliche Typen: Zum einen die radikalen Maskulisten, die an die kreatürliche Überlegenheit von Männern glauben. Zum anderen „zielgerichtete Maskulisten“, die sich im demokratischen und humanistischen Rahmen für Männer- und Väterrechte einsetzen. Sie sind nicht nur die legitimen Gegenspieler der Feministinnen, sondern meist auch daran interessiert, die durch den Feminismus verursachte Spaltung zwischen den Geschlechtern in allen Lebensbereichen zu überwinden. Hinzu kommen gemäßigte Maskulisten mit einer Affinität zu Diskussionen unter Gleichgesinnten ohne echte Wirkung bzw. Durchschlagskraft. Eine weitere Gruppe sind jene Maskulisten, Männerrechtler, Väterrechtler und Antifeministen, die an dauerhaften politischen Veränderungen interessiert sind. Wenn sie etwas machen, dann machen sie es, um Menschen von ihren inhaltlichen Positionen zu überzeugen. Als eine letzte Gruppe werden „Schreihälse“ im Internet klassifiziert, die alle Diskutanten mit anderen Ansichten beleidigen und niedermachen.„(p.86)

Fünf Gruppen von Maskulisten, von denen wir nicht wissen, ob sie sich überschneiden oder nicht – alle charakterisiert durch ihre Intentionen, nicht durch ihre Thesen, Forderungen oder Aktivitäten. Warum? Warum der? Ich habe keine Ahnung, was den als besonders cholerisch und unsachlich verschriehenen Frontberichterstatter qualifiziert, die maskulistischen Aktivisten zu typisieren. Lucas Schoppe hätte ich das viel eher zugetraut und er ist auch länger dabei. Doch vielleicht war von ihm ein entsprechendes statement nicht zu bekommen – eines, daß versucht, durch Bezeugung eines moralischen Leumundes anzudeuten, mit wem geredet werden darf und mit wem nicht.

Was ich in der Studie als Nächstes endlich erwartet hätte, ist eine Liste konkreter maskulistischer Forderungen und die Skizze ihrer Begründung. Stattdessen erwartet uns ab p.86 eine Darlegung maskulistischer Motivationen – eine Sache, die im Vergleich zu den maskulistischen Forderungen doch eher unwichtig sein sollte. Doch vom linken Standtpunkt aus ist das keineswegs so:

  • (25) Ich halte die Linken politisch schon lange nicht mehr für die Erben usprünglich machtvoller Ideen wie soziale Gerechtigkeit, Solidarität, Freiheit von ökonomischer Ausbeutung oder Humanismus. Die SPD ist schon lange keine Fortschrittspartei mehr und die Grünen haben in der Ära Schröder mehr Liberalismus durchgedrückt als Margret Thatcher. Heute sind die Linken vor allem hin und hergerissen zwischen naivem Wirtschaftsliberalismus und postmoderner Weltanschauung – von der üblichen Propaganda zum Umweltshutz mal abgesehen. Links sein kann man heute nur, wenn man gesinnungsethisch akzeptabel ist und in dieser Studie wird das ganz besonders deutlich. Als ehemaliger Linker ist das für mich schon hart, das zuzugeben.

Die offiziell verkündeten und politisch korrekten Motivationsstränge für Maskulisten lauten nun: Kämpfer für Gerechtigkeit und persönliche Betroffenheit (p.86). Schade, oder? Aufklärung, Einsatz für die Wahrheit, den Humanismus oder für ein lebenswertes Leben für Männer in Freiheit, das unbekümmerte Aufwachsen unserer Kinder ohne feministische Frühsexualisierung oder den bleiernden, poststrukturalistischen Nebel aus moralischer Anmaßung und relativistischer Orienterungslosigkeit … all das steht da nicht. Warum nicht? Möglicherweise deshalb, weil die politische Linke mit diesen Ideen selbst nichts anzufangen weiß.

Ein angebliches Ziel des Maskulismus wird aber dann noch noch genannt:

  • (26) „Das übergeordnete Thema von Maskulisten ist […] die Diskriminierung von Männern sowie unterschied- lich priorisierte Forderungen zu ihrer Behebung. Eines der Fernziele ist für die meisten Gruppierungen die Verwirklichung von Geschlechterdemokratie. “ (p.88) Und zur Geschlechterdemokratie heißt es: “ Zugleich ist die Geschlechterdemokratie auch eine Herrschafts- bzw. ideelle Staatsorganisationsform, deren Ethik spezifische Sensibilität bei allem staatlichen Handeln (auch) da gebietet, wo geschlechtsspezifische Interessen und Bedürfnisse berücksichtigt werden müssen. […] Ziel ist, formell und materiell eine Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern zu etablieren. Implizit wird dabei allerdings häufig die Gleichverteilung von Ressourcen als einzig mögliche Form der Gerechtigkeit verstanden. (p.37)“

In (23) wird behauptet, daß der Maskulismus ebenfalls der Meinung sei, daß das Geschlecht eine zentrale Kategorie sei, nach der das gesellschaftliche und kulturelle Leben organisiert und die in die Reorganisation des Politischen zu integrieren sei – weil sie die Machverteilung des Kulturkreises beeinflusse: Maskulismus kann nach (23) daher nie post-gender sein, was besagt, daß der Maskulismus die Anfangslegitimität des Feminismus auch in Zukunft nicht in Frage stellen wird.

  • (27) Mal ehrlich: Woher haben die diesen Quatsch? Als Quellen werden nur unspezifisch die üblichen Verdächtigungen genannt: freimann.at, Genderama, cuncti, Science Files, man tau, Alles Evolution, Hollstein, Manndat und Agens – der Dunstkreis des Linken Maskulismus. Ist das wirklich ein verborgenes feature des linken Maskulismus oder nur Wunschdenken der Autoren? Müßte das nicht bedeuten, daß Maskulisten kein Problem mit Geschlechterquoten haben? Und wieso lese ich überall dann nur Ablehnung?

In meinen Augen kann das Ziel jedes humanistischen Maskulismus nur die Überwindung des Trends sein, alles vom Geschlecht abhängig zu machen, was sich an nicht-privaten Bereichen so finden läßt: Eine post-gender-Gesellschaft muß das Ziel sein, in der selbst jeder noch so unschuldige Feminismus oder Maskulismus keinerlei Relevanz mehr hat.

Ab pp.91-104 werden wir nun mit den angeblichen Kernthemen des Maskulismus vertraut gemacht. Es werden – unterfüttert mit Beispielen – genannt:

  • Ungleichstellung von Männern bei geschlechtsspezifischer Forschung und Förderung beseitigen
  • Anerkennung männlicher Opferschaft erwirken
  • Sexismus gegen Männer anerkennen
  • Vernachlässigung der Gesundheit von Männern und Jungen beenden
  • Benachteiligung von Jungen in der Bildung beseitigen
  • Benachteiligung von Männern im Berufsleben, beim Sorgerecht und im Strafrecht beseitigen
  • Wahlmöglichkeiten für männliche Lebensentwürfe schaffen
  • Kampf gegen den Genderismus führen
  • Überwindung des Männerhasses und des Geschichtsbildes von einem repressiven Patriarchat

Immerhin – das ist mehr als jede andere Studie über die Anliegen der Maskulisten jemals herausgefunden hat und muß durchaus als Fortschritt gelten.

Ein weiteres Kapitel setzt sich mit den Kritikpunkten am Maskulismus auseinander, die von Autoren wie Andreas Kemper, Thomas Gesterkamp, Hinrich Rosenbrock oder Michael Kimmel vorgebracht wurden. Auf genderama wurde das bereits ausführlich besprochen und ich brauche das hier nicht zu wiederholen.

 IV. C-Teil: Kommentare

Werfen wir noch einen Blick auf die Kommentare von Christine Bauer-Jelinek (p.110) und Peter Kotauczek (p.124)  zu den Ergebnissen, wobei ich die Kommentar von Christine Bauer-Jelinek deutlich interessaner finde:

Ihr Kommentar könnte zum großen Teil von einem Maskulisten kommen: Sie betont, daß Frauen in der westlichen Welt Gleichberechtigung bereits erreicht hätten und weißt darüberhinaus gehende feministische Forderungen nach Gleichstellung samt ihrer als ideologisch disqualifizierten Begründung als dogmatisch und realitätsfern zurück. Sie beklagt eine Bevorzugung der Männer und weißt den immer radikalieren Männerhaß und Kollektivschuld- zuweisungen an die Männer energisch zurück. Zudem argumentiert sie mit Hilfe vieler Beispiele, daß der zeitgenössische Feminismus für Männer und Frauen neue Nachteile gebracht habe. Die gegenwärtigen politischen Maßnahmen hält sie ebenfalls für falsch insofern sie alle auf eine Steigerung der Erwerbstätigkeit und der Reduzierung der Familienarbeit der Frauen einerseits und der Reduzierung der Erwerbstätigkeit und Steigerung der Familienarbeit der Männer andererseits hinauslaufen bei gleichzeitigem Ausbau der Betreuungseinrichtungen für Kinder und betagte bzw. kranke oder behinderte Menschen. Viele Menschen würden erkennen, dass sie als Familie davon vor allem Nachteile zu erwarten haben.

Wirklich aufschlußreich wird die Sache aber erst im Ausblick ihres Kommentars (p.118). Dort behauptet sie, daß:

  • die Geschlechterfrage die zunehmend prekäre soziale Frage überdeckt, was eigentlich dem neoliberalen Wirtschaftssystem dient.
  • die geforderte Erwerbsarbeit der Frauen Erziehungszeit für Kinder vernichtet
  • die Frauen immer noch suggeriert bekommen, ihr Weiblichkeit könne das System ändern, so daß die Frauen persönlich frustriert ist, wenn allein schon die Systemträgheit das verhindert.
  • immer noch der Satz aus den 1970igern „das Private ist politisch“ wiederholt würde, obwohl er heute keine Gültigkeit mehr habe, weil das Private aufgrund der Vereinzelung
    und der Fragmentierung der Gesellschaft keine politische Kraft mehr entwickeln kann
  • die politischen Parteien im deutschsprachigen Raum trotz unterschiedlicher Weltanschauungen der Staatsbürger unsinniger in der Geschlechter- und Familienpolitik alle dieselbe Ideologie vertreten.

obwohl das alles mehr als kontraintuitiv sei. Stattdessen hält sie folgende Themen für wesentlich, die mit Geschlechtern nicht viel zu tun haben:

  • Wie kann man die Arbeit besser auf mehr Menschen verteilen und den Produktivitätszuwachs an die ArbeitnehmerInnen weitergeben?
  • Wie kann man der steigenden Armutsgefährdung begegnen und eine Gegenmacht zur Macht des Kapitals aufbauen?
  • Wie kann man den rasant wachsenden Stress und seine gesundheitlichen und sozialen Folgen reduzieren?
  • Wie kann man die Arbeitsbedingungen für alle verbessern?

Ich halte das für den Schlüssel zum Verständnis der gesamten Studie, selbst wenn sich Bauer-Jelinek danach zum Gender Mainstreaming und zum Antibiologismus der Geschlechter bekennt.

V. Meine Zusammenfassung

Verabschieden wir uns von der auf genderama propagierten Idee, die Studie sei wissenschaftlich ernstzunehmen. Die Stärke von genderama liegt im Beschaffen von Nachrichten, Arne Hoffmann ist alles andere als ein Wissenschaftler. Die Studie ist vielmehr ein politisches Instrument strategischer Kommunikation – einfach nur Propaganda und nicht mal gute.

Warum ist das so? Sehen wir uns mal an, was in den A- und B-Teilen passiert ist – salopp formuliert:

  • Was haben wir? Ein poststrukturalistisch (3) schreibendes, akademisches Autorenpaar, das weder den feministischen Emanzipationsbegriff (5,6,7) oder den Radikalfeminismus zu kennen scheint, noch an die große Glocke hängt, was die politische Geschlechterkooperation (4) für Feministen eigentlich für eine Entwurzelung bedeutet? Quatsch: Hier soll Leuten, die von Feminismus höchstens oberflächlich Ahnung haben, eine weichgespülte Version (9,10,11) von Feminismus verkauft werden, die für ihre Alltagsmoral noch akzeptabel erscheint.
  • Dafür werden ohne Hemmnungen von Feministen selbstformulierte Ansprüche (8) statt empirischer Bestandsaufnahmen oder auch Tatsachenbehauptungen völlig ohne alle Belege angeboten, die im Grunde jeder schon mal gehört hat und die auch noch mal zu hören, nun wirklich nicht weiter auffällt. Das ist zwar ein handwerklicher Fehler (27), aber … was soll’s? Ist ja sowieso keine Wissenschaft.
  • Doch nicht nur Verständnis soll für Feminismus gewonnen werden, auch der normale Zeitungsleser soll mit dem status quo versöhnt werden, indem man zugibt, daß einige Kuriositäten des Genderismus – aber auch nur des Genderismus – wirklich ein wenig weit gehen, ohne die wahren Probleme des Feminismus (12,13,14) auch nur anzusprechen. Der Rest, die erste und zweite Welle des Feminismus sind schon OK, dem stimmen ja angeblich die feminismuskritischen Maskulisten (21) zu – die ja eigentlich auch gar nicht so schlimm (20) sind, keine Antifeministen sind, eher links, echt nicht frauenfeindlich und total gegen Sexismus (19) und so, im Grunde auch geschlechtersensibel (26), einfach arme Väter, die ihre Kinder sehen wollen und für soziale Gerechtigkeit sind, also reine Absichten haben. Also … das ist doch schon OK, oder nicht?
  • Und die Linken Maskulisten wollen den Feministen ja im Grunde auch gar nicht ans Leder, da geht es eigentlich nur um Menschenrechte und daß Männer auch mal weinen dürfen, wenn sie von Frauen angehaßt werden (22) … ist doch menschlich, oder? Ich meine selbst für Feministen, irgendwie … so … . Weltanschauliche Konflikte mit den Feministen und Poststtrukturalisten muß man zudem auch gar nicht befürchten, weil Biologismus, Relativismus und Humanismus, Freiheit und Weiblichkeitskritik gar keine prinzipiellen Dinger sind im Maskulismus, die Maskus haben sogar emanzipatorische Werte, nach denen sie gehen … wirklich jetzt! Ok, Spinner gibt es überall, aber die wollen ja eh nur pöbeln (24) und was post-gender eigentlich soll … ist ja auch eigentlich ein seltsames Wort … na, vergessen wir das.

Klar soweit?

Bauer-Jelinek schreibt im C-Teil wörtlich, daß sie glaubt, daß die Frauenpolitik vom Neoliberalismus instrumentalisiert werden wird zum Schaden (einstmals) politisch linker Ziele. (Hadmut Danisch und only_me haben sogar mal die These diskutiert, ob der Genderismus nicht eine kapitalistische Initiative ist, die Verschärfung von Ausbeutung zu verschleiern.) Und kann man den Leuten so einfach sagen, wie die richtigen Prioritäten eigentlich wirklich sind? Nach jahrzehntelaner Fütterung des moralischen Furors? Nein, da kann man nicht einfach sagen: „Hey Leute, es gibt Wichtigeres.“ Außerdem kann man ja jetzt schon sehen, daß der Neoliberalismus auch vor Frauenfeindlichkeit nicht halt macht, die ersten Arbeitsschutzrichtlinien für Frauen sind ja schon verschwunden. Daher braucht man einen Bündnispartner, einen der nach oben will, einen, der hilft, das Erreichte zu sichern, den gender-Konflikt zu entschärfen und selbst von dieser Art strategischer Kommunikation profitieren kann. Da ist der linke Maskulismus, der schon immer eine Botschafterfunktion für den gesamten Maskulismus beansprucht hat, gerade passend. Deshalb erlaubt man ihm, in dieser Studie seine Musik zu spielen. Und das macht er auch: Alles Kritische wird weggelassen (23), alles, worauf der Linke Maskulismus keine Antwort hat: Postmoderne, Humanismus, Sprachidealismus, Biologismus, feministische Sozialtheorie, Männlichkeit, Abtreibung, political correctness, die neue Anti-Rassismus und Anti-Klassismuswendung des Feminismus – nervt ja eh alles nur! Und wenn die Autoren der Studie dann noch auf p.134f aus Faulheit einfach hier wörtlich plagiieren … herrje … nun macht aber wirklich mal einen Punkt .. jetzt … wo wir so viele Gemeinsamkeiten zwischen Feminismus und Maskulismus gefunden und Zeit für Wichtigeres haben. Und genderama nennt’s „wissenschaflich seriös“ … na ja … Worte tun ja nicht weh … meistens jedenfalls … Denken offenbar schon.

Solche hanebüchenen Studien wird es noch öfter geben und sie sind in der Realität auch auf anderen Gebieten absoluter Standard. Sie öffentlich zu zerpflücken, kostet überproportional viel Zeit und jeder sollte sowas selbst können – und machen.

Eine anderer Überblick über diese Studie findett sich hier.

today’s video:


1 Kommentar

  1. […] Christine Bauer-Jelinek und lightyear2000 haben unlängst geltend gemacht, daß die Auseinandersetzung der Geschlechter im […]

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