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Was ist Feminismus? – Teil 2

Die meisten Definitionsversuche des Feminismus gehen von der Vorstellung aus, man müsse so etwas wie den kleinsten gemeinsamen Nenner aller feministischen Aussagen oder wenigstens aller feministischen Theorien präsentieren. Tatsächlich aber genügt es, anzugeben, was für Feminismus in dem Sinne charakteristisch ist, daß es die Menge ethischer, epistemologischer oder auch metaphysischer, feministischer Theorien erst motiviert und ihnen Sinn, wie auch der feministischen Praxis eine Richtung verleiht. Diese Art von Feminismusdefinition erfordert eine elementweise Analyse und wird das sog. Mein-Feminismusproblem als Scheinproblem entlarven.

Übersicht:


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tl;dr: Was man the feminist landscape nennen könnte, ist weniger verwinkelt als es den Anschein hat: Feminismus startet mit einer intuitiven Erleuchtung über die wahre Natur der Wirkungsstrukturen in der nicht durch Wahr- nehmungsorgane erfassbaren und daher nur über ein sprachabhängiges Verständnis zugänglichen Welt zwischen den Menschen.  Demzufolge bringt sie eine Sorte von feministischen Theorien hervor, die ausbuchstabieren sollen, wie die Erfahrungen von Frauen zu diesen metaphyischen Intuitionen über die Wirklichkeit der sozialen Welt als empirische Belege passen, sowie eine andere Sorte von feministischen Theorien, die erklären sollen, was diese Intuitionen inhaltlich bedeuten. Beide Sorten feministischer Theorien gibt es jeweils sowohl im Paradigma der Moderne wie auch im Paradigma der Postmoderne.

reminder: Nach dem letzten post geht der Kern jedes Feminismus auf nur vier basale Intuitionen zurück:

  • (0) Für Frauen bzw. für Weiblichkeit ist der Freiheitsskeptizismus und der harte Determinismus falsch.
  • (1) Das Geschlecht strukturiert die privaten Beziehungen und die Gesellschaft hierarchisch zu Ungunsten der Frauen. Die Befreiung der Frau ist daher die zentrale Aufgabe des Feminismus.
  • (2) Männliche Macht und Herrschaft beruhen auf einem Betrug, dessen Mittel die einseitige, unberechtigte Abwertung alles Weiblichen ist.
  • (3) Es gibt ein objektiv richtiges und daher für alle verbindliches, moralisches Gebot, die Nachteile von Frauen zu beseitigen und die weibliche Befreiung zu fördern.

Die zentralen feministischen Konzepte sind daher gerechter Ausgleich, Geschlecht, Macht, Norm und Objektifizierung. Nur optional, aber verbreitet ist die Forderung nach Geschlechtergleichheit. Wenn man die sprachliche Bedeutung von (0) – (3) weiter entfaltet, dann gelangt man zu fünf Folgerungen:

  • (4) Der objektiv bestehende, moralische Notstand leidender Frauen berechtigt Frauen zu einem Geschlechterrevanchismus.
  • (5) Die Art und Weise, als Frau zu leben, muß indirekt informativ sein in Bezug auf die existierenden Herrschaftsverhältnisse zwischen Männern und Frauen.
  • (6) Die objektiv gültigen, moralischen Ansprüche der Frauen auf Befreiung fallen in das politische Aufgabenfeld der Öffentlichkeit, denn das Geschlecht gibt nicht nur privaten Beziehungen Struktur, sondern auch der Gesellschaft.
  • (7) Feministische Theorie kann ohne das Korrektiv der feministischen Praxis und seiner Institutionalisierung, der feministischen Politik, niemals sinnvoll, legitim oder informativ sein.
  • (8) Frauen sind tragisch verstrickt in intransparente, soziale Beziehungen.

In diesem post geht es darum, zu rechtfertigen, daß (0) – (8) wirklich für eine Definition des Feminismus taugen. Zu diesem Zweck wird deren systematisierende Kraft auf die Menge der feministischen Theorien nachgewiesen.

III. Bausteine einer elementweisen Analyse

Eine feministische Theoriebildung kann von (0) – (8) ausgehend offenbar auf zwei verschiedene Weisen erfolgen:

  • (A) Sie analysiert und erklärt die Intuitionen und ihre Folgerungen. Dann geht demnach es nicht um die Frage, ob der Feminismus recht hat, sondern wie man sich erklären kann, daß er recht hat.
  • (B) Sie begründet, daß die Realität wirklich so beschaffen ist, wie es der Feminismus behauptet.

Verfolgt man nun diese beiden Gesichtspunkte aus (A) und (B), dann liegt die Systematisierung der existierenden feministischen Theorien sofort auf der Hand:

1) Metaphysik: Wenn (A), dann erzeugen (0), (1) und (8) die Aufgabe, eine feministische Sozialtheorie in Form einer soziologischen Konflikttheorie zu entwickeln – was dann ganz unterschiedlich erledigt werden kann:

  • a) Brownmiller formulierte in Against our Will (1975) eine biologistische Position: die Herrschaft der Männer sei auf Fähigkeit und Willen der Männer zurückzuführen, Gewalt bzw. sexuelle Gewalt auszuüben, so daß – und das ist eine Ersatzthese für (8) – sich Frauen aus Angst oder wegen Drohungen in eine untergeordnete Position einordneten. Der Mythos der rape culture geht ebenso auf diese radikalfeministische Strömung zurück wie slut shaming und victim blaming. Anthropologen sind dem entgegen getreten, weil es gelte, enorme kulturelle Unterschiede im stets ungleichen Verhältnis der Geschlechter zu verstehen (Rubin, The Traffic in Women, 1975).
  • b) Walby behauptete in Theorizing Patriarchy (1990), daß erst die kapitalistische Arbeitsteilung männliche Erwerbsarbeit vs. weibliche Hausarbeit die Geschlechterungleichheit reproduziere. (marxistischer Feminismus)
  • Eine mikrosoziologische Erklärung von (1) schlug Chodorow in The Reproduction of Mothering (1978) mit der Einführung männlicher und weiblicher Persönlichkeiten vor: Mädchen identifizieren sich mit ihren, die Kinder allein aufziehenden Müttern und deren Verhalten, während sich Jungen dagegen abgrenzen, was überscharfe Ich-Grenzen für Jungen und Empathie für Mädchen zur Folge habe, so daß hiernach die individuelle psycho- logische Entwicklung der Kinder ausreichen soll, um die Herrschaftsverhältnisse zu reproduzieren (object relations theory). Väter verdienen nur das Geld und sind sonst abwesend. (psychoanalytischer Feminismus). Dieser im Grunde (8) folgende Ansatz hat sich nicht durchgesetzt, das soziale Geschlecht wird heute als soziale Konstruktion angesehen (Millett, Sexual Politics, 1971; Kimmel, The Gendered Society, 2000).
  • c) Gilligan stellte in In a different Voice (1982) die These auf, daß Frauen und Männer eine geschlechts- spezische Moralentwicklung i.S.d. Entwicklungspsychologie von Kohlberg durchlaufen, daher Zeit Lebens unterschiedliche guidelines ihres Handelns praktizieren würden und dies für die Herrschaftsverhältnisse verantwortlich sei. Auch hier wird im Grunde versucht, (8) zu deuten. Gleichzeitig propagiert sie – ausgehend von einer Geschlechterdichotomie – eine Aufwertung weiblicher Eigenschaften. (Differenzfeminismus)
  • d) Die erste Variante eines nicht-poststrukturalistischen Genderfeminismus geht zurück auf das Buch von Kessler & McKenna in Gender: An Ethnomethodological Approach. (1978). Lange vor Butler unterschieden sie unter Rückgriff auf Garfinkel in Studies in Ethnomethodology (1967) das biologische (sex) vom sozialen Geschlecht (gender), von dem sie bereits auch behaupteten, daß es eine soziale Konstruktion, ein arbiträres Kulturprodukt sei, ohne das Verhältnis zu (8) genau zu klären. Kessler & McKenna interessierten sich dafür, auf welcher Basis die gender Attribution erfolgt, wenn die primären Geschlechtorgane oder der Körperbau verdeckt sind. Hier interessierte sich Feminismus erstmals für Transsexuelle und sein Ergebnis ist heute als „Doing Gender“ bekannt. Gleichzeitig entstanden erste Zweifal daran, daß es nur zwei Geschlechter geben könne, da weder die genetische, noch die anatomische, noch die hormonelle Verfassung eines Menschen in jedem Fall eine trennscharfe Klassifikation in Mann und Frau zulasse. Kessler & McKenna behaupteten, daß eine Dichotomie der Geschlechter eine Hierarchisierung herbeiführe und nur ihre Auflösung in viele Geschlechter eine Chance auf Geschlechtergleichheit böte.
  • e) Die Trennung von sex und gender wirft erstmals die Frage auf, wie die soziale Realität überhaupt konstruiert wird und dies gab der Idee, daß die angeblich wissenschaftlichen Belege über eine Unterlegenheit der Frau entweder auf eine falsche Wissenschaftspraxis zurückzuführen sei (Harding: Feminism, Science and the Anti-Enlightment Critiques, 1990 ) oder aber wissenschaftliche Wahrheit generell durch Macht korrumpiert und daher keinerlei Ojektivität möglich sei, neuen Auftrieb. Für letztere Option griffen die Feministen auf den epistemischen Relativismus, wie er von analytischen Philosophen wie Feyerabend, Kuhn und Rorty vorbereitet worden war, zurück: Die Idee einer frauenfeindlichen Wissenschaft wurde dadurch populär durch Jane Flax in Postmodernism and Gender Relations in Feminist Theory (1990) vertreten (anti-aufklärerischer Genderfeminismus). Hier wird auch erstmals das Paradigma der Moderne verlassen.
  • f) Der poststrukuralistische Genderfeminismus in Butler 1990 koinzidiert fast völlig mit dem anti-aufklärerischen Genderfeminismus von Jane Flux, verändert aber vier wesentliche Aspekte: Erstens stützt Butler ihre feministische Aufklärungskritik direkt auf auf den philosophischen Poststrukturalismus nach Lyotard und sie benutzt insbesondere Foucaults Machtanalyse zur Erklärung der Entstehung von Weiblichkeit. Zweitens wechselt sie das traditionelle feministische Subjekt aus: Es soll nun keine Frauen mehr geben, denn die Geschlechteridentität sei (und das ist eine metaphysische Aussage) sozial konstruiert (in Abhängigkeit anderer Kategorien wie Rasse, Klasse, Ethnizität oder Nationalität) sowie kontextabhängig fließend – womit sie das von Kessler & McKenna entwickelte Doing Gender ertsmals in einen poststrukturalistischen Zusammenhang einbettet. Drittens behauptet sie, das heterosexuelle Begehren rufe die asymmetrische Geschlechterdichtomie hervor – was zur Verwechslung von sexueller Neigung und biologischer Funktion führte und als Erbe des Radikalfeminismus gelten kann: (8) ist auf die Heterosexualität zurückzuführen. Und viertens ist sie der Meinung, daß die Idee der personalen Identität sowieso Unsinn sei, da Subjekte durch Sprachspiele im Sinne Wittgensteins und Austins festgelegt würden (Butler 1997) – was zum feministischen Sprachidealismus führte und die Einführung einer gegenderten Sprache zur Frage der asymmetrischen Geschlechterrollenperpetuierung erhob. Und ohne feste Subjekte kann es natürlich auch keine Geschlechterdichotomie und keine Geschlechterhierarchie geben. Man spricht auch von einem dekonstruktivistischen Feminismus, der den sog. gender realism, die These, daß die Erfahrungen aller Frauen vergleichbar seien, endgültig aufgibt und damit die dritte Welle des Feminismus initiiert (Spelman, Inessential Woman, 1988).
  • g) Benhabib bestreitet in Selbst im Kontext (1995), daß Feminismus mit dem Foucaultschen Verständnis ommipräsenter Machtphänomene kompatibel ist, und ist wie Fraser an einem Feminismus interessiert, der die kritische Theorie und insbesondere der Theorie kommunikativen Handelns von Habermas für die feministische Grundintuition in (1) nutzbar zu machen versucht. Vor allem Habermas Konsenstheorie der Wahrheit, seine Diskursethik und seine These, daß die Sprache die normative Grundlage der Gesellschaft sei, lassen sich in das poststruktualistische Paradigma des Feminismus integrieren. Die zusätzliche Idee Frasers ist die, die Habermas’sche Analyse von Macht in bürokratischen Zusammenhängen auf den Diskurs aller Bedürfnisse zu übertragen und damit verschiedene Arten von Macht (z.B. häuslich-patriarchalisch, bürokratisch-patriarchalisch) zu unterscheiden. Unter sozialistischem Feminismus versteht man aber die andere These, daß die Ursachen der Frauenunterdrückung im Kapitalismus einerseits und dem Patriarchat andererseits zu finden sind.

2) Epistemologie: Wenn (B), dann erzeugt (5) die Aufgabe, zu erklären, inwiefern das weibliche Leben informativ in Bezug auf (1) ist und woher Frauen mit Recht wissen können, daß sie unterdrückt oder marginalisiert sind. Denn es könnte Elemente des weiblichen Lebens geben, die nicht von Geschlechterdifferenzen betroffen sind.

Epistemologie wird von Feministen interessant gefunden, wenn sie mit Ansätzen kombiniert wird, nach denen Begriffe wie Objektivität, Wahrheit oder Rationalität nicht mehr unabhängig von den erkennenden Subjekten verstanden werden, sondern höchstens noch relativ zu einer Sprache, einer Kultur, ihren Normen, Zeugen, einer affektiven Einstellungen oder einer Theorie Sinn machen. Daher untersuchen feministische Sozialepistemologen die soziale Rolle des Geschlechtes für diese Art von Relativismen (Hintikka 2003). Die Leitidee dabei ist, daß unterschiedliche Erfahrungen von Personen zu unterschiedlichen Perspektiven auf ein Thema, eine Person oder ein Objekt führen – was bei einigen, nicht aber notwendigerweise bei allen topics – seinerseits Konsequenzen für Wissenerwerb und epistemische Rechtfertigung hat:

  • epistemic relativity: Der epistemische Relativismus wird im Feminismus alternativ von Tatsachen, Begründungen und rationalen Erklärungen geltend gemacht.
  • situated knowers: Es kommt auf die soziale Situation der Person an für ihre Fähigkeit, Wissen zu erlangen.

Die Folge ist, daß in einer nach dem sozialen Geschlecht strukturierten Gesellschaft die Erfahrungen von Männern und Frauen unterschiedlich und folglich Erkennen keine geschlechterneutrale, transparente Reflexion einer unabhängig existierenden Realität, in welcher Wahrheit und Falschheit durch transparente Verfahren rationaler Prüfung etabliert werden, sein kann, sondern nur noch situiertes Erkennen, welches die Perspektive des Erkenntnis- subjektes in einem historischen Moment in einem gegebenen materiellen und kulturellen Kontext wiederspiegelt (Lennon 1997). Hier wird behauptet, daß die Frage, welche Meinung Wissen ist, irgendwie und zumindest teilweise von der Gesellschaft abhängt, und nicht mehr allein von den Tatsachen oder einer Art unabhängiger Realität bestimmt wird. Nicht mehr was gesagt wird, zählt, sondern wer etwas sagt, so daß gute Wissenschaft in den Augen von Feministen nicht mehr wertfrei sein kann. Stattdessen gibt es plötzlich Normen für die Wissensproduktion statt guter Gründe. Wie dies genau funktioniert, wird im Feminismus im Moment durch drei verschiedene Ansätze ausbuchstabiert, die sich in Bezug auf den von ihnen vertretenen epistemischen Relativismus unterscheiden:

  • a) feministische Standpunkttheorie: Sie vertritt einen Begründungsrelativismus. Danach ist eine bestimmte soziale Perspektive für gewisse Themen anderen Perspektiven epistemisch überlegen wie z.B. die weibliche Perspektive in Bezug auf weibliche Marginalisierung. Während der Standpunkt der Privilegierten als in parteiischerweise verzerrt gilt, wird die sozial unterprivilegierte Perspektive als von jeden Relativismus frei geschildert (Harding, Rethinking Standpoint Epistemology, 1993). Es geht aber nicht nur darum, daß Fakten verdeckt werden, sondern darum, daß die epistemisch privilegierte Perspektive ein tiefergehendes Verständnis anderer Art erlaubt – unter bestimmten Bedingungen und für bestimmte Themen und es ist gerade die Funktion der feministischen consciousness-raising groups Frauen in diese epistemische Praxis einzuüben (siehe: MacKinnon, Toward a Feminist Theory of the State, 1999).
  • b) feministischer Postmodernismus: Er vertritt einen Tatsachenrelativismus. Indem er die verstehbare Realität (nicht die Außenwelt) für – in Abhängigkeit von den verfügbaren Sprachspielen – diskursiv konstruiert und eine Konfrontation von Behauptungen mit außersprachlichen Fakten für eine Illusion hält, folgt er zunächst dem französischen Poststukturalismus a la Foucault, Lacan, Derrida, Lyotard und Irigaray. Entsprechend hält er das soziale Geschlecht für „lokal konstruiert“ und die „nurture vs nature“-Debatte für überflüssig. Epistemische Privilegien der Standpunkttheorie werden abgelehnt, da die soziale Identität und damit auch deren epistemische Perspektive fließend und instabil sei (Haraway, Situated Knowledges, 1991).
  • c) feministischer Empirismus: Er vertritt einen Erklärungsrelativismus und geht von der in der Wissenschafts- theorie vor allem durch Quine bekannten These aus, daß Beobachtungen grundsätzlich theoretisch aufgeladen seien und fügt dem die These einer andorzentristischen Verzerrung aller in der Wissenschaft benutzen Begriffe hinzu. Da er gleichzeitig die feministische Standpunkttheorie übernimmt, sucht er nach Normen oder Werten – nicht aber nach Gründen – um die verschiedenen Sichtweisen der situated knowers gewinnbringend zu vereinen (Eichler, Nonsexist Research Methods, 1988). Wissenschaft ist daher nicht mehr akzeptabel, wenn sie wertfrei ist, sondern nur noch dann, wenn sie die richtigen Werte beachtet – was zu fordern ohne einen moralischen Realismus aus (3) sinnlos wäre (Antony, Quine as Feminist ,1993).

Die feministische Epistemologie spielt hier im Sinne von (4) auf Revanche, denn der systematische Nachteil (8) der Frauen erweist sich hier als Stärke, insofern (8) als Motiv des epistemischen Relativismus fungiert.

3) Politische Philosophie: Wenn (B), dann erzeugen (0) und (2) die Aufgabe, anzugeben, wie Frauen ihre Freiheit verlieren bzw. zurückgewinnen können und damit auch im Sinne von (A) eine Erklärung für (8) abzugeben. Hier ist nicht die praktische Autonomie einer Frau gemeint, z.B. selbst zu entscheiden, ob sie einen Spaziergang machen will oder nicht, sondern allein die kantische Autonomie nach selbstgewählten Gründen und Kriterien zu entscheiden.

  • i) Philosophen stimmen darin überein, daß Autonomie als alleinige Kontrolle über die eigenen Gedanken und Handlungen zu verstehen ist und daß diese auf die persönliche Machtausübung einer Person über sich selbst zurückgeht. Alleinige Kontrolle meint auch, daß die Motive oder internen Gründe der Person mit der Handlung innerlich übereinstimmen (Baumann 2000).
  • ii) Eine entsprechende Forderung nach bloßer, inhaltsneutraler Übereinstimmung kann sich auf die Handlungs- situation beschränken (Frankfurt 1971) oder – anspruchsvoller – das diachronische Selbst der Person komplett umfassen. Mit Letzterem ist gemeint ist, daß eine Person im Laufe ihre Lebens  für sich selbst Werte und Ziele verfolgt (Friedman 2003).
  • iii) Letztere, historische Position zerfällt wieder in zwei Optionen: Entweder muß der mentale, die Entscheidung herbeiführende Prozeß eine reflektierte Reaktion auf Gründe darstellen (Fischer 2012) oder er muß – noch anspruchsvoller – selbst ein interne Handlungsgründe erzeugender Prozeß sein (Christman 1991; Mele 1995).
  • iv) Beschränkt man sich auf negative Freiheit, dann konzentriert man sich auf externe Einflüsse auf den wert- und zielorientierten, Handlungsgründe erzeugenden, mentalen Prozeß. Denn diese Einflüsse könntten – gemessen am historisch gewachsenen Persönlichkeitsentwurf – dessen Rationalität limitieren oder aufheben (Anderson 2005).

Feministisch wird diese letzte und anspruchsvollste Variante unter iv) genau dann, wenn über iv) hinaus behauptet wird, die sozialen Beziehungen zu anderen Person könnten Frauen so beeinflussen können, daß sie – z.B. infolge von Objektifizierung, Vernachlässigung oder Internalisierung unterdrückender Normen – nicht dasjenige Selbstver- trauen oder denjenigen Selbstrespekt aufbauen, welches für autonomieerzeugenden mentalen Schöpfungsprozeß eigener und mit dem Lebensplan ihres diachronischen Selbst kompatibler Handlungsgründe erforderlich ist (Mackenzie & Stoljar 2000). Offenbar wird (8) vom Feminismus hier in abgewandelter Form nur wiederholt (Baier 1985). Man spricht daher auch von relationaler Autonomie.

  • Entsprechend sind die Selbstunterordnung von Frauen unter die Wünsche Anderer, der Adaptation von Präferenzen an unterdrückende Bedingungen oder Entscheidungen, die für die Frauen selbst schädliche Konsequenzen haben, für Feministen (Westlund 2003; Oshana 2006, Nussbaum 2001) besondere Testfälle.

Relationale Autonomie kann in fünf – immer anspruchsvoller werdenden – Varianten auftreten:

  • a) der inhaltsneutrale, prozedurale Ansatz (Friedman 2003; Meyers 2004, 2002): Von autonomen Personen wird hier lediglich verlangt, daß sie über ihre in sozial intransparenten Situationen aufkommenden Motiven und Präferenzen in der richtigen Art und Weise – nämlich kompetent und authentisch unter Berücksichtigung des eigenen Lebensentwurfs – reflektieren. Es werden weder Werte noch Ziele vorgeschrieben. Die Unterdrückung der Frauen kann zu einer graduellen Beeinträchtigung der für Autonomie erforderlichen Fähigkeiten führen.
  • b) normativer Kompetenzansatz (Benson 1987, 1991): Prozedurale Ansätze werden oft als unzureichend abgelehnt, weil dem Phänomen der internalisierten Unterdrückung bei Frauen nicht Rechnung getragen werden würde. Nur die zusätzliche soziale Kompetenz, Normen zu verstehen und sich ihnen zu entziehen, könne garantieren, daß aus den eigenen Wünschen und Zielen – prozedural richtig – fließende Handlungen als die eigenen angesehen werden könnten. Es werden weder Werte noch Ziele vorgeschrieben.
  • c) emotionaler Ansatz (Govier 1993; McLeod 2002): Das Fehlen von Autonomie kann nach dem normativen Kompetenzansatz nur von einem anderen normativen Standpunkt beschrieben werden, was wiederrum die Tür für internatisierte Unterdrückung öffnet. Daher muß zusäzlich zum prozeduralen Ansatz in Übereinstimmung mit bestimmten Gefühlen wie Selbstvertrauen oder einer moralischen Selbstachtung gehandelt werden.
  • d) dialogischer Ansatz (Mackenzie 2008, Westlund 2003, 2009): Er setzt an Taylors dialogischer Natur des Selbst an und knüpft Autonomie an die Bedingung, daß jemand für sich in der Öffentlichkeit sprechen kann, gehört wird und seine Anliegen und Fragen ernstgenommen werden. Auf eine strukturelle oder historische Fähigkeit zur Selbstreflexion kommt es hier nicht an.
  • e) sozio-relationaler Ansatz (Oshana 2007): Auch der dialogische Ansatz wird kritisiert, insofern er nicht mit internalisierter Unterdrückung fertig werde. Daher wird alternativ definiert, daß eine Person autonom ist genau dann, wenn sie die Kontrolle über ihr Leben sowie eine soziale Position inne hat, aus der heraus sie nach ihrem eigenen Gusto diejenigen Faktoren dominieren kann, die ihr Leben jetzt und in der Zukunft beeinflussen. Und sie muß in der Lage sein, Manipulationsversuche von Personen oder Institutionen gegen ihr Leben abzuwehren.

Feministische Autonomiekonzeptionen sind unmittelbar praxisreleveant: Es gibt – neben zahlreichen Darlegungen, warum PUAs total peinlich sind – von feministischer Seite primär zwei Kritikpunkte an Pick-Up: Objektifizierung [1, 2 , 8, 9 , 10] und psychische Manipulation [3, 4, 5, 6, 7]. Auch die Behauptung, Abwertung würde durch Nicht-Beachtung, durch Unsichtbarmachen von Frauen bewerkstelligt, geht hierauf zurück. Letzteres spielt vor allem in medialer Berichterstattung, Besetzung von Filmrollen, der Geschlechterwahl in Romanen oder bei der Auswahl von Konferenzbeiträgen eine Rolle.

4) Normative Ethik: Wenn (A), dann erzeugen (3) und (5) erstens die Aufgabe, feministisch akzeptable Werte anzugeben, auf denen der moralische Realismus auch operieren kann. Und zweitens zieht der Paternalismus des Feminismus in (6) eine Hierarchie von Werten nach sich, für die der Feminismus ebenfalls eine Begründung liefern muß. Feministische normative Ethik tritt gegenwärtig in zwei Geschmacksrichtungen auf – als Tugendethik und als Deontologie, die beide versuchen, (8) umzusetzen und behaupten, daß die traditionelle Ethik weibliche Werte vernachlässige oder falsch einschätze (Brennan 1999):

  • a) feministische Akt-Deontologie: Im Mittelpunkt stehen für diesen Ethiktyp Pflichten zu einzelnen Handlungen, die Werten genügen. Für Feministen geht es hier primär um den Machtausgleich durch Zerstörung der Frauen unterdrückenden Systeme oder Strukturen. Entsprechend entwickeln radikale, liberale, sozialistische, lesbische, postkoloniale, existentialistische, psychonanalytische, postmoderne  oder multikulturelle Feministen – je nach politischer und metaphyischer Ausrichtung – verschiedene Strategien, um die Beschränkungen und Defekte weiblicher Autonomie aufzuheben. Gemeinsam ist ihnen, daß dieser Wert das ethische Handeln situations- abhängig dominiert und erst in zweiter Linie geht es um das Realisieren anderer Aspekte des moralisch Guten (Jaggar 1992).
  • b) feministische Tugendethik (Noddings 1984): Anders als sonst geht es hier nicht um universelle, handlungsleitende Standards wie in Deontologie oder Konsequentialismus, sondern um die Auswahl der moralisch richtigen Reaktion auf eine konkrete Handlung oder ein konkretes Ereignis. Was moralisch richtig ist, wird nach aus Empathie und Mitgefühl kontextabhängig erwachsenden Werten oder Werterfahrungen entschieden. Für Frauen bedeute das einen Autonomiegewinn, da sie andere emotionale und moralische Erfahrungen machten als Männer. Zu dieser Position gehört  auch, daß besondere Bedürfnisse von Personen, die z.B. auf Verletzlichkeit oder Ungleichheit zurückgehen, auch besonders berücksichtigt werden müssen (Ruddick 1989, Kittay 2002). Die handlungsleitenden Werte dieser aus der narrativen Ethik abgeleiteten sog. care-Ethik sind Aufmerksamkeit, Verantwortlichkeit, Kompetenz und Empfänglichkeit. Eine Anwendung hiervon sind die awareness teams, die ganze Konferenzen terrorisieren.

Eine direkte und besonders angelegte Paternalismusrechtfertigung für den Staat liefert keine feministische Ethik. Vertreter der feminstischen care-Ethik übertragen lediglich ihre Resultate auf den öffentlichen Raum (Kittay 1999).

5) Soziologie: Wenn (B), dann erzeugt (1) die Aufgabe, eine feministische Sozialtheorie empirisch zu rechtfertigen und dafür haben sich zwei Zugänge durchgesetzt, die auf die Rolle des Machtbegriffs abstellen. Und im Feminismus gilt es grundsätzlich, drei Varianten des Befähigens und Widerstandüberwindens auseinanderzuhalten:

  • Macht wird als auf Gestaltungsrechten oder Eigentum beruhende Resource verstanden, die daher verteilt oder konzentriert sein kann (Okin 1991).
  • Macht kann – unabhängig von Geschlechtern – als Relation der Dominanz analysiert werden, als Macht über etwas oder über jemanden (Foucault, Afterword: The Subject and Power, 1983). Foucaults Meinung nach entspringt jeder sozialen Interaktion Macht, so daß sie ubiquitär vorhanden ist. Anders als bei Karl Marx oder Sigmund Freud ist Macht bei Foucault nicht allein repressiv, sondern vor allem produktiv, insofern die soziale Realität und die Rituale der Wahrheitsschöpfung auf Machtrelationen zurückgehen (Foucault 1977). Selbst Personalität konstituiert sich Foucault zufolge vor allem dadurch, daß sie ein Adressat von Macht ist.
  • Macht ist auch empowerment, als Macht zu etwas und damit i.S.d. Herbeiführens einer Veränderung verstanden (Weber, Economy and Society, 1978; Miller, Women and Power, 1992). Das Marx’sche und Freud’sche repressive Verständnis von Macht wird als phallokratisch abgelehnt, weil erst deren Machtbegriff selbst Männer privilegierende Strukturen hervorbringe (Irigaray 1985; Cixous, Entrieten avec Françoise van Rossum-Guyon, 1977). Vor allem im lesbischen und im ecofeminism ist dies verbreitet (Hoagland, Lesbian Ethics, 1988).

Über die Tauglichkeit dieser Machtbegriffe zu feministischen Zwecken wird nach wie vor gestritten (Hartsock, Foucault on Power, 1990; Benhabib 1992; Oksala, Foucault on Freedom, 2005). Unabhängig davon gibt es im Feminismus zwei theoretische Entwicklungslinien, die den Zugang zur feministischen Sozialtheorie mal mit und mal ohne den Machtbegriff aufzubauen versuchen.

  • a) Der erste Zugang – Hartmann, Hannah Arendt’s Communications Concept of Power, 1980, MacKonnon, Toward a Feminist Theory of the State, 1989, Butler 1997 – benutzt irgendeinen der angeführten feministischen Machtbegriffe i.S. einer soziologischen Konflikttheorie, ohne sich auf einen Biologismus verpflichten zu müssen. Eine makrosoziologische Machtanalyse kann man dann implizit dadurch vornehmen, daß man die Entwicklung der Gesetze als strukturgebende Mittel eines Staates zu untersucht. Gerhard hat in Frauenbewegung und Feminismus (2009) diesen direkten Weg zum Existenznachweis des Patriarchats versucht. Auch die feministische Praxis versucht gelegentlich, das zu wiederholen. Eine andere, aber völlig analoge Realisations- möglichkeit ist das Konzept der hegemonialen Männlichkeit, wo es um das eine asymmetrische Geschlechter- ordnung erzeugende, als positiv beschriebene Gewaltverhalten der Männer geht. In beiden Fällen sind Privilegien – manchmal auch patriarchale Dividende genannt – die Folgen der männlichen Macht für die Männer und Sexismus die Folge der männlichen Macht für die Frauen. Das systematisch unbefriedigende an diesem Ansatz ist, daß es keine Darstellung der Macht der Frauen gibt. Wenn sie geschlossen wird, ist das bisher auf zwei Weisen geschehen: Entweder gesellschaftskritisch z.B. durch Bartky 1990, die den weiblichen Körper als Ziel von Disziplinierungspraktiken wie Diäten, Frauenmode oder Make-up sah, oder frauenkritisch z.B. durch Vilar’s Der dressierte Mann (1971). Jeweils erhält man eine Erzählung darüber, wie genau das Private politisch wird. Fat acceptance oder manspreading gehen auf erstere zurück.
  • b) Der zweite Zugang benutzt den Machtbegriff nicht mehr, behält aber die auf de Beauvoir und Foucault zurückgehende – und von Butler weiterentwickelte – Idee einer auf Normen beruhenden Weiblichkeit bei. Dieser zweite Zugang hat daher auch mit einer geschlußfolgerten Existenz eines Patriarchats innerhalb einer Gesellschaft nichts mehr zu tun. Indem er sich nun völlig gegen biologistische Angriffe immunisiert und damit die antifeministische Relevanz des Biologismus auf Null zurückstuft, besteht er darin, auf sozialen Normen beruhende Privilegien für Geschlechter empirisch nachzuweisen, um erst daraus zu folgern, daß die normativen Strukturen einer Gesellschaft zu einer Besserstellung nur einer soziologischen Klasse führt. Gegenüber seinem systematischen Vorläufer, dem poststrukturalistischen Genderfeminismus, hat das z.B. für die auf strikte Identitätspolitik festgelegte Queer Theory den Vorteil, daß man den ganz offensichtlich bei Homosexualität versagenden Ansatz, daß gerade das heterosexuelle Begehren das asymmetrische Geschlechterverhältnis erzeuge, durch Ablehnung der sog. Heteronormativität auf mehr als zwei Geschlechter verallgemeinern kann. Zweitens können z.B. Schwule und Lesben infolge einer angeblich eigenen Lebensweise als ethnische und marginalisierte Minderheit etabliert werden. Das macht Sexismus zu einem Unterfall von Rassismus. Wesentlich ist, daß die Queer Theory die Sexualität selbst als soziales Konstrukt ansieht (Halperin 1995). Das macht nicht nur die Einführung des Konzeptes der Intersektionalität nach Crenshaw in Demarginalizing the Intersection of Race and Sex (1989) als Folge eines genderfeministisch relevanten mismatches von sex, gender und sexuellem Begehren sehr viel einfacher, sondern erlaubt es auch, zusätzlich zu der Unterdrückung der Frauen ihre Abwertung als altes feministisches Thema im Gewand des Klassismus neu zu etablieren. Slut walks oder safe spaces gehen hierauf zurück.

Das Wesentliche ist an den angesprochenen, feministischen Theorien ist der bottom-up-approach aus (7): Fast alle Antworten zu (A) sind mit fast allen Antworten zu (B) kombinierbar, was eine Mein-Feminismus-Sichtweise nahelegt, ohne sie jedoch zu rechtfertigen. Denn in Wirklichkeit handelt es sich um ein Scheinproblem.

Fazit: Da (4) und (7) nur Postulate für die feministische Praxis sind, sind die angegebenen Intuitionen notwendig und hinreichend, um in einer elementweisen Analyse das Feld derjenigen feministischer Theoriebildung zu systemtisieren, die der feministischen Praxis ihre Richtung gibt. Und das ist ein guter Grund, um sie als notwendige Bedingungen in einer Feminismusdefinition zu verwenden.

Dieser Artikel wird im nächsten post fortgesetzt.


1 Kommentar

  1. […] III. Bausteine einer elementweisen Analyse […]

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