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Was ist analytischer Humanismus?

Jeder Humanismus hat es in Zeiten allgemeiner Naturalisierungsforderungen notorisch schwer: Einerseits zweifelt kein Humanist daran, daß allein das Gehirn den Geist erzeugt, denn Humanismus ist konsequent atheistisch. Doch andererseits besteht die Menschenrechte begründende Würde des Menschen gerade darin, daß er seine Freiheit, etwas zu tun, auch ausübt. Das wirft einerseits die Frage auf, welche Freiheit das Gehirn dem Geist überhaupt läßt und andererseits scheint die Naturwissenschaft die Möglichkeit der Moral generell zu bedrohen, denn ohne Freiheit gibt es klarerweise keine moralische Verantwortung. Dieser post geht jedoch einer anderen Frage nach: Welche Freiheit wird eigentlich vom Humanismus konzeptionell benötigt?

Übersicht:


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tl;dr: Dieser post löst die für einen – notwendigerweise atheistischen – Humanismus entstehende, konzeptionelle Herausforderung, seine eigene Naturalisierung zu entwerfen, nicht ein. Stattdessen zeigt er etwas sehr viel Interessanteres. Gezeigt wird, daß das Problem der Naturalisierung von der Aufgabe, zu erklären, was Humanimus eigentlich ausmacht, strikt getrennt werden kann. Denn diejenigen Handlungsgründe, die für ein menschliche Freiheit explizierenes, autonomes Entscheiden gebraucht werden, verhalten sich komplett anders als Ursachen von Ereignissen. Das liefert einerseits einen guten Grund, einen analytischen Humanismus zu definieren und andererseits bleibt damit als Naturalisierungsproblem nur noch übrig, die Handlungsgründe selbst zu naturalisieren – was letztlich bedeutet, daß der analytische Humanismus lediglich eine Meinung zum mind-body-problem entwickeln muß.

I. Humanismus als personale Autonomie

Mit Hilfe der moralischen Verbote von Demütigung und Verletzung der Selbstachtung kann man einen humanistischen Standpunkt formulieren, der zwei Aspekte umfaßt:

  • (1) theoretischer Humanismus: Menschliche Freiheit ist die Fähigkeit, Gründe einzusehen, selbst abzuwägen und der eigenen Abwägung zufolge auch zu handeln. Freiheit wird damit ausgeübt, insofern Rationalität demonstriert wird dadurch, daß eine eigene Handlungserklärung für das selbst kontrollierte Verhalten gegeben wird. Alle Menschen können gar nicht anders, als sich selbst als Wesen zu verstehen, die ihr Handeln an Gründen ausrichten.

Das positive Freiheitsverständnis in (1) ist nicht alternativlos: Der atheistische Existentialismus verstand Freiheit als Wahlmöglichkeit und damit als Fähigkeit, sich in seinen Entscheidungen jederzeit von seiner Biographie psychologisch komplett lösen zu können.

  • (2) ethischer Humanismus: Die Ausübung der Autonomie, i.e. die Realisation der Freiheit aus (1) verleiht dem Menschen seine Würde, denn der Mensch ist nicht determiniert und daher nach bestimmten Kriterien moralisch verantwortlich für sein Handeln. Ohne Freiheit gibt es keine Verantwortung. Die Gründe des Handelns lassen sich nicht naturalisieren, d.h. sie sind in keinem Sinne Ursachen des Handelns. Und wäre das menschliche Handeln durch Anderes als durch Gründe dominiert, dann wäre dieses Andere nicht gegeben, bzw. dessen Bedingungen nicht erfüllt.

Damit wird der Humanismusbegriff primär auf einen positiven Freiheitsbegriff, eine Freiheit zu etwas, zurückgeführt. Diese Freiheit wird zunächst einmal nur postuliert und muß nachträglich gesichert werden. Im letzten post konnte gezeigt werden, daß,

  • (3) personale Autonomie – soweit sie das Handeln aus selbstgesetzten Gründen involviert – ist nicht kontext-relativ und involviert keine normativen Komponenten wie z.B. Moral oder Schuld.

Wegen (3) ist personale Autonomie in der Weise universalistisch, d.h. für alle Menschen gültig, was für ein Freiheitsverständnis auch erforderlich ist, denn wir sind eben auch dort frei, wo unsere Moral versagt.

  • (4) Das Handeln aus Gründen ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung personaler Autonomie, denn klarerweise ist hier offen, was eigentlich gewisse Handlungsgründe zu ur-eigenen Handlungsgründen macht – im Kontrast zu solchen Handlungsgründen, die auf irgendeine Weise von außen vorgegeben werden.

Die Entwicklung eines vollständigen und akzeptablen Modells personaler Autonome ist eine Aufgabe, die jeder vernünftig konzipierte Humanismus zu erledigen hat – an dieser Stelle jedoch einem anderen post vorbehalten bleibt.

II. Das Postulat der Naturalisierung

Humanisten sind Atheisten und das allein verpflichtet sie unausweichlich zum Bekenntnis einer Naturalisierung des Geistes. Doch was bedeutet Letzteres eigentlich?

  • Eine Naturalisierung des Geistes und damit auch der intentionalen bzw. der propositionalen, mentalen Zuständen, wie sie als Wünsche, Absichten und Meinungen in Handlungserklärungen vorkommen, läuft auf darauf hinaus, begreiflich zu machen, wie diese Zustände physisch realisiert werden können. Und „physische Realisierung“ meint hier natürlich gerade, daß in physikalisch akzeptabler Weise beschrieben wird, wie die mentalen Zustände zu ihrem in Sätzen ausdrückbaren Inhalt und ihren Erlebnisqualitäten kommen.

Der Konflikt zwischen Humanismus und Naturalisierung entsteht damit dadurch, daß „Humanismus“ gerade ‚Würde aus Freiheit‘ und „Freiheit“ gerade ‚Handeln aus eigenen Gründen‘ bedeutet. Diese Handlungsgründe dürfen aber selbst keine Ursachen sein – was wiederum drei Gründe hat:

  • i) Jeder Einbindung in deterministische Kausalrelationen scheint die menschliche Freiheit als Ganzes zu bedrohen. Inwiefern hier wirklich eine Bedrohnung entsteht, hängt natürlich davon ab, was Handlungsgründe eigentlich sind.
  • ii) Einander für zurechnungsfähig sowie i.S. selbstgewählter Entscheidungen für verantworlich zu halten und daher nicht nur zu versuchen, einander in möglichst effektiver Weise kausal zu beeinflussen, sondern Argumente zu verwenden, ist ein moralisches Gebot, daß aus der Menschenwürde folgt: Wir verzichten genau deshalb auf Mittel, Personen in manipulativer Weise nur für die Erfüllung unserer eigenen Wünsche zu instrumentalisieren. Kant hat das in seinem kategorischen Imperativ sehr klar gesehen.
  • iii) Selbstachtung meint, daß wir uns selbst zutrauen, uns von guten Gründen in unserem Handeln leiten zu lassen und – wengistens teilweise – physischen Neigungen und Dispositionen entkommen zu können.

Woran für Humanisten alles hängt, ist damit die folgende Frage:

III. Was sind Handlungsgründe?

Was Ursachen sind, wie man Ereignisse identitifiziert und inwiefern Ursachen Ereignisse verknüpfen, ist seit Langem umstritten. Daher werden wir uns hier darauf beschränken, diejenigen Bedingungen anzugeben, unter denen man zeigen kann, daß Handlungsgründe keine Ursachen sind. Für den begrenzten Zweck dieses postes ist das völlig ausreichend. Wir werden daher nun annehmen, daß

  • (5) kausale Beziehungen wenigstens zwischen Ereignissen bestehen, die – verstanden als datierbare Veränderungen – eine objektive, raum-zeitliche Position haben müssen.
  • (6) kausale Beziehungen unabhängig davon bestehen, daß Personen von ihnen wissen.
  • (7) Ereignisse höchstens dann als Ursachen auftreten können, wenn sie ein kausales Potential haben, i.e. invariante Wechselwirkungen mit einer gewissen Wahr-
    scheinlichkeit und zeitlicher Asymmetrie bzgl. bestimmter Ereignisfolgen realisieren.

Es ist eine alte mathematische Idee, eine Sache dadurch zu aufzuklären, daß man ihre Beziehungen zu etwas Anderem untersucht (so gemacht bei Dualräumen) und kluge Ideen sollte man ab und zu mal wiederholen. Fragen wir uns daher, in welcher Beziehung Handlungsgründe zu Handlungen stehen.

1) Gibt es – im ontologischen Sinne – Träger von Handlungen?

Von einer Kausalrelation muß man verlangen, daß sie zwischen gleichartigen Entitäten besteht z.B. zwischen Ereignissen. Das hat seinen Grund in folgender Überlegung:

  • i) Eine Ursache soll unter der Bedingung der Erfüllung weiterer constraints hinreichend sein für das Hervorbringen von Folgen immer derselben Art, d.h. sie muß das Potential besitzen, seine Wirkungen auf bestimmtem Weg, der in den Eigenschaften der wechselwirkenden Entitäten formulierbar ist, zu erzeugen, was für ungleichartige Entitäten eben bisher empirisch nie erfüllt war, so daß eine Wechselwirkung zwischen ungleichartigen Entitäten nutzlos ist und nicht gebraucht wurde. Stattdessen scheint vielmehr die nachweisbare Wechselwirkung über die Frage der Gleichartigkeit zu entscheiden.
  • ii) Doch was sind ungleichartige Entitäten? Ungleichartige Entitäten sind z.B. sprachliche verfaßte Tatsachen gegenüber körperliche Dingen oder Ereignissen wie Beinbrüchen oder Fußballweltmeisterschaften. Denn die Ermordung von Julius Caesar z.B. ist ein Ereignis, daß gegenwärtig auf den 15. 3. 44 v. Chr. datiert wird, die Tatsache, daß er ermordet wurde, aber besteht noch heute. Tatsache fehlt offenbar die raum-zeitliche Position.
  • iii) Tatsachen sind auch keine besonderen Ereignisse z.B. Ereigniss unter einer bestimmten Beschreibung, da “Brutus ermordete Caesar.“ und “Der Eroberer Galliens wurde von jemandem ermordet, von dem man es nicht erwartet hätte.“, zwar dasselbe Ereignis, nicht aber dieselbe Tatsache darstellen. Offenbar können zwei Personen von demselben Ereignis wissen, ohne zu wissen, daß es dasselbe Ereignis ist. Daher sind die Identitätsbedingungen von Ereignissen nicht dasselbe wie die Bedingungen der Identität zweier Ereignisse – denn letzteres ist eine Tatsache, die besteht oder nicht besteht: Falsche Tatsachen gibt es offenbar nicht.  Es können sogar im allgemeinen nicht zwei Leute über dieselbe Tatsache informiert sein, ohne bei einem Vergleich ihrer Informationen zu bemerken, daß jeweils dieselbe Tatsache bemerkt wird.

Damit läßt uns (5) keine andere Wahl, als von Tatsachen zu sagen, daß sie wegen ii) nicht ereignisartig sind. Kausalrelationen bestehen wegen i) daher entweder nur zwischen Ereignissen oder nur zwischen Tatsachen. Und (6) verbietet, daß kausale Relationen zwischen Tatsachen bestehen, denn wegen iii) sind Tatsachen immer sprachlich verfaßte Entitäten, insofern sie einen Bezug zum Wahrheitsbegriff haben sowie zum Wissen der Personen von ihnen, denn welche Tatsache gewußt wird, d.h. als welche eine Tatsache identifiziert wird, hängt von der Beschreibung des betreffenenden Ereignisses oder Sachverhalts im Satz ab.

  • So kann z.B. das Radiergummi nicht links neben der Teetasse liegen, wenn es keine Sprache gibt, in der die Relation “links von“ mit ihren merkwürdigen Orientierungseigenschaften erklärt ist. Zwar kann man Augenzeuge von Tatsachen sein, aber man sieht sie nicht direkt, sondern kann immer nur bezeugen, daß etwas der Fall war.

Daß wahre Aussagen Tatsachen beschreiben, heißt daher im Grunde nichts anderes, als daß Tatsachen die erfüllten Wahrheitsbedingungen von Aussagesätzen sind: Tatsachen sind was Sprachliches. Wir müssen daher folgern:

  • (8) Wenn (5), (6) und (7) richtig sind, dann gibt es keine Kausalrelationen zwischen Tatsachen.

In Bezug auf Handlungsgründe ist das ein erstaunlich komfortables Ergebnis. Denn die Identitätsbedingungen von Handlungen sind nicht die Identitätsbedingungen von Ereignissen:

  • i) Neben dem gewöhnlichen, aktiven Handeln kann man auch Ereignisse nur geschehen lassen, verhindern und es unterlassen, etwas zu tun. Letzteres ist oft immer damit verbunden, daß der Unterlassende nicht weiß zu welchem Zeitpunkt sein Unterlassen Folgen haben wird, so daß für diese Handeln die Abwesendheit aller Ereignisse charakteristisch ist. Und auch z.B. aufzupassen, kann als Handlung bezeichnet werden, ohne daß wir deshalb dazu ein Ereignis angeben könnten. Vielmehr ist es eine Tatsache, daß aufgepaßt wurde.
  • ii) Desweiteren gibt es Fälle produktive Handlungen, wie z.B. Tötungen, die nicht als Ereignisse i.S. datierbarer Einzeldinge verstanden werden können: Z.B. fragt es sich, zu welchem Zeitpunkt ein Jäger einen Elch eigentlich getötet hat, wenn dieser erst 2 Stunden nach dem Schuß verendete, der Jäger selbst aber in der Zwischenzeit längst tödlich verunglückt ist und jede Jäger-Handlung damit natürlich schon beendet gewesen sein muß. Folglich gibt es hier keine eindeutige Veränderung mit eindeutiger raum-zeitlicher Position, in der das Ereignis des Elch-Tötens als Handlung selbst bestehen könnte. Doch natürlich ist es eine Tatsache, daß der Jäger den einsam im Wald verendeten Elch getötet hat.

Nur gelegentlich stellt ein Ereignis einen Handlungserfolg dar. Gerade ii) zeigt, daß die Trennung von Handlungen und Ereignissen ganz alltäglich und natürlich ist. M.a.W.:

  • (9) Handlungen sind keine Ereignisse, sie sind Tatsachen und damit nicht sprach- bzw. beschreibungsunabhängig.

Diese Beschreibungsabhängigkeit kennt übrigens jeder von unabsichtlichen Handlungen wie sie z.B. vorliegt, wenn ein Jäger in der irrigen Annahme, im Unterholz liege ein Elch, einen anderen Jäger tötet.

  • Handlungen als Tatsachen scheinen damit mehr Relationen zu ähneln zwischen einem intentional auftretenden Akteur, einer Art sozialen Sphäre seiner Verantwortlichkeit sowie einer sozialen Erwartung in Bezug auf Veränderungen. Doch das führt in ein für diesen post nebensächliches Thema.

Aus (8) und (9) folgt bereits, daß Handlungen nicht kausal bewirkt werden, aber deshalb sind Handlungsgründe noch lange nicht von Ursachen verschieden.

2) Verhalten sich Handlungsgründe zu Handlungen wie Ursachen zu Wirkungen?

Man kann nicht bestreiten, daß Akteure ihr intentionales Verhalten danach auslegen, was sie selbst wissen, wie sie die Zusammenhänge um sich herum verstehen und ihre Chancen beurteilen.

  • i) Der Trick ist nun: Diese Meinungen mögen falsch sein, aber wir können das Verhalten der Akteure überhaupt nicht rationalisieren, wenn wir ihre Meinungen im Zusammenhang mit der Handlungserklärung nicht berücksichtigen. Handlungsggründe kommen offenbar in Handlungserklärungen vor.
  • ii) Falsche Meinungen der Akteure tun einer Handlungserklärung aber in keiner Weise Abbruch. Denn wenn die Person A sich über eine Tatsache im Zusammenhang mit seinen Handlungsgründen geirrt hat, folgt weder, daß A tatsächlich aus ganz anderen Gründen handelte, noch, daß “A tat x, weil er glaubte, daß p.“ eine andere Erklärung erzeugt, als “A tat x, weil p.“. Denn die schwächere Formulierung bringt lediglich zum Ausdruck, daß für A eigentlich gar kein Grund zum Handeln vorgelegen haben könnte, spricht aber nicht über einen zweiten Grund. Schließlich weiß A im Moment seines Handelns nicht, dass seine Annahmen unzutreffend sind, und daher kann dies auch keinen Unterschied dafür ergeben, wie diese Handlungen erklärt werden.
  • iii) Ursachen von Ereignissen hingegen müssen tatsächlich in der externen Welt vorgelegen haben und zu ihren Wirkungen in beschreibungsunabhängigen Kausalrelationen gestanden haben. Denn vermeindliche Ursachen bestehen nicht und haben daher klarerweise überhaupt keine Wirkungen.

Kurz zusammengefaßt:

  • (10) Wenn (6) und (7) gelten, dann treten Handlungen aus Gründen nicht in der Rolle der Wirkung von etwas auf.

Und erfreulicherweise ist das nicht alles:

  • i) Handlungsgründe sind Teile von Handlungserklärungen und ihrer Natur nach lediglich vernünftige Betrachtungen, nicht aber Veränderungen des zeitlichen Ablaufs von Ereignissen, die ihre Konsequenzen für alle Personen dieser Welt in der gleichen Weise entfalten und auf die jeder in dergleichen Weise epistemischen Zugriff hat: Es gibt keine Garantie, daß ich die Handlungsgründe eines Anderen jemals verstehen werde.
  • ii) Vielmehr sind Handlungsgründe gut oder schlecht, verständlich oder unsinnig, niemals aber unter einem Gesetz stehend oder einen Zusammenhang zwischen Ereignissen widerlegend.
  • iii) Nicht etwa die Tatsache, daß ein Akteur eine Überzeugung hat, spielt eine Rolle für den Grund einer Handlung, sondern höchstens dasjenige, was geglaubt wird. Und das ist kein Teil der Natur, sondern etwas, für das man einen Satz benötigt, um seine Rolle für das Hervorbringen von Handlungen zu identifizieren.

Das bedeutet:

  • (11) Wenn (6) und (7) gelten, dann treten Handlungsgründe nicht in der Rolle der Ursachen von Handlungen auf.

Für den Humanismus ist das das entscheidende Resultat: Denn nur wenn wir die Überzeugungsinhalte der Akteure als Bestandteile einer Erklärung in Anschlag bringen, werden wir auch diejenigen Argumente finden, die wir in der Praxis verwenden können, um Akteure in ihrem intentionalen Verhalten im Sinne eines moralische geforderten Respekts der Menschenwürde zu korrigieren. Damit haben wir insgesamt gezeigt:

  • (12) Handlungsgründe stehen als Teile einer nur in einer Sprache möglichen Handlungserklärung zu Handlungen nicht in denselben Relationen wie es Ereignisse als Ursachen zu Ereignissen als Wirkungen tun.

Gründe hängen mit Handlungen – verstanden als Tatsachen – daher nicht über empirische, physikalisch präparierbare Kausalrelationen, sondern über begriffliche Beziehungen zusammen. Und das ist auch vernünftig: Die physikalische Geschlossenheit der externen Welt macht es unverständlich, wie Überzeugungsinhalte allein in kausalen Relationen zu physikalischen Veränderungen stehen könnten.

IV. Analytischer Humanismus

Descartes‚ Dualismus war eine unangenehme Sache: Er reagierte auf die Tatsache, daß der Mensch nicht nur einen Körper (res extensa), dessen Substanz undurchdringlich und konstinuerlich existierend ist, sondern auch mentale Zustände aufweist, die durch ein qualitatives Erleben oder Intentionalität charakterisiert sind, mit der Einführung einer res cogitans, einer weiteren Substanzart – manchmal auch Seele genannt. Doch:

  • i) Sein metaphysisches cogito-Argument dafür, greift auf die Existenz Gottes zurück und wird von Humanisten abgelehnt.
  • ii) Sein naturphilosophisches Argument in den Discours de la Methode (Discours, 5.10, AT VI 56f.) läuft darauf hinaus, daß die Fähigkeiten eines Menschen, seine Sprache und seine Intelligenz, die jeder Maschine übersteigen, so daß Menschen nicht nachgebaut werden können. Heute ist unser naturwissenschaftliches Verständnis so weit entwickelt, daß wir diesen Argument nicht mehr vertrauen. (Mit der Existenz emergener Eigenschaften hat Descartes übrigens nicht gerechnet.)
  • iii) Eine Wirkung der res cogitans auf die res extensa läßt sich empirisch nicht finden und wäre auch mit den physikalischen Erhaltungssätzen unvereinbar.
  • iv) Selbst wenn man zugibt, es eine solche Wirkung existiert, aber noch unentdeckt ist, stellt sich die Frage, warum die res cogitans die res extensa eigentlich braucht, um Wirkungen zu entfalten und nicht direkt auf ein fremdes Gehirn einwirken kann.

Für Humanisten bietet (12) einen Weg, die richtige Reakion auf das Scheitern von Descartes Substanzdualismus gar nicht erst finden zu müssen – und zwar, indem er den ontologischen Gegensatz der Substanzarten vermeidet:

  • (13) Denn Gründe, zu handeln, leben über einem semantischen Raum der Erklärungen. Sie existieren nicht unabhängig von menschlichem Verstehen via Begriffe und stellen keine eigene Substanz im ontologischen Sinne dar. Die vom Humanismus benötigte Freiheit gegenüber einem umfassenden Naturalisierungsanspruch besteht daher nur darin, daß Menschen wünschen und sich dafür entscheiden können, aus ganz bestimmten und schlußendlich den von Handlungserklärungen angeführten Gründen zu handeln – falls der Mensch im Sinne eines Fehlens naturgesetzlicher Notwendigkeit überhaupt frei und nicht komplett determiniert ist.

Und nur wegen (13) kann die humanistische Freiheit auch durch Einsicht und Aufklärung wachsen. Denn das Fehlen naturgesetzlicher Notwendigkeit ist lediglich entweder gegeben oder nicht gegeben. (13) ist auch der Grund, weshalb die auf diesem blog entwickelte Humanismusvariante analytisch heißt.

  • In einem größeren Kontext bedeutet die ontologische Sparsamkeit von (13), daß die Alltagspsychologie über dem Raum der sprachabhängigen, sozialen Fähigkeiten lebt, während die wissenschaftliche Psychologie eine Naturwissenschaft bleibt: Offenbar hat der analytische Humanismus von sich aus schon keine Lust, den Antirealismus der Gender Studies nachzumachen.

Der analytische Humanismus hat damit folgende Merkmale:

  • a) Atheismus: Es gibt keinen über-empirischen Akteur, der das Leben und das Schicksal der Menschen leitet – die Menschen sind frei.
  • b) theoretischer Humanismus – aus (1): Freiheit bedeutet Handeln aus Gründen.
  • c) ethischer Humanismus – aus (2): Würde bedeutet Handeln in Freiheit.
  • d) Aufklärung: Freiheit wächst mit dem Wissen über Möglichkeiten, aus Gründen zu handeln.
  • e) nicht-normativer, kontextfreier und universalischer Autonomiebegriff – aus (4): Freiheit bedeutet für jeden Menschen immer zwangloses Handeln aus eigenen Gründen.
  • f) semantischer Aufstieg – aus (13): Handlungsgründe stehen als Teile einer nur in einer Sprache möglichen Handlungserklärung zu Handlungen als Tatsachen nicht in denselben Relationen wie es Ereignisse als Ursachen zu Ereignissen als Wirkungen tun.

Zugleich ist analytischer Humanismus auch eine Art Oberbegriff für reichhaltigere, noch zu definierende Humanismusvarianten wie z.B. diese hier, denn er ist in einem umfassenden Sinne neutral und damit offen für Ergänzungen:

  • (14) Normative Neutralität: Analytischer Humanismus trifft keine Entscheidung darüber, wie die favorisiere normative Ethik auszusehen hat. Das Einzige, was verlangt wird, ist, daß diese normative Ethik nicht kontext-relativ sein darf und universalistisch sein muß. Darüber hinaus ist das Verbot der Demütigung und Verletzung der Selbstachtung verpflichtend. Diese Norm kann man als fundamentalen, moralischen Grundsatz jedes Humanismus ansehen.
  • (15) Neutralität im Hinblick auf Selbstbestimmung: Analytischer Humanismus trifft keine Entscheidung darüber, was unter personaler Autonomie im Detail zu verstehen ist. Es wird nur Kontextunabhängigkeit verlangt und daß Autonomie nicht mit bestimmten Zielen oder moralischen Kautelen aufgeladen wird.
  • (16) Naturwissenschaftliche Neutralität: Analytischer Humanismus trifft keine Entscheidung darüber, wie Handlungsgründe letztendlich zu naturalisieren sind und überläßt diese Frage den Naturwissenschaften.
  • (17) Metaphysische Neutralität: Die Freiheit des Menschen i.S.e. Fehlens einer naturgesetzlichen Notwendigkeit wird vorausgesetzt, aber nicht bewiesen. Zu zeigen, daß harter Determinismus sowie die Inkompatibilität von Freiheit und Determinismus falsch sind, ist eine Aufgabe für Philosophen, nicht für Humanisten.
  • (18) Politische Neutralität: Analytischer Humanismus trifft keine Entscheidung über den politischen Standpunkt eines Humanisten. Verlangt wird nur, daß analytische Humanisten libertär sind, d.h. glauben, daß sie keine Ahnung haben, was für andere Personen das Beste ist.

Erfahrungsgemäß macht es die Neutralität aus (14)-(18) intuitiv besonders schwierig, anzugeben, was Humanismus eigentlich ausmacht, und die hier verfolgte Strategie, den Humanismus aus einem intuitiv einleuchtenden, moralischen Verbot von Demütigungen und Verletzungen der Selbstachtung zu entwickeln, besonders attraktiv.

Für eine halbwegs vollständige Theorie des analytischen Humanismus sind daher noch zweierlei nachzutragen: eine akzeptable Theorie personaler Autonomie und eine akzeptable Theorie normativer Ethik. Beides – sowie der Nachweis des Fehlens naturgesetzlicher Notwendigkeit menschlichen Handelns – muß jedoch an anderer Stelle geleistet werden.

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37 Kommentare

  1. quellwerk sagt:

    Mein nachfolgender Text ist kurz hingeschrieben, nicht extensiv korrigiert oder auf Stimmigkeit überprüft und verläuft auch nicht, was angemessen wäre, entlang deiner im post dargestellten Argumentation. Der Grund ist Zeitmangel. Es zeigen sich einige Differenzen zwischen unseren Konzeptionen, was gut ist, denn dadurch wird die Sache reichhaltiger und interessanter für den Leser, der möglicherweise in die weitere Entwicklung eines analytischen Humanismus einsteigt. Es wäre schön, wenn sich ein anderer Kommentator mit deinem post gründlicher auseinandersetzte. Er ist wichtig und es lohnt sich, ihn von verschiedenen Seiten zu interpretieren, damit der Grundgedanke des analytischen Humanismus klarer hervortritt.

    Beobachte dich selbst, deinen Entwicklungsgang, die Wahl deines Studienfachs, deinen Ehrgeiz, einen Titel zu erlangen, sowie den moralischen Anspruch, den möglicherweise Erziehungspersonen hinsichtlich deiner Autonomiebestrebung formuliert haben. Es waren keine zufälligen Gründe, die du aus einem Meer von Gründen in völliger Freiheit ausgewählt hast. Möglicherweise erscheint die gemachte Wahl erst im Nachgang als frei. Es liegt aber auch keine Determination vor. Erst recht liegt kein lauwarmer Kompromiss zwischen beiden vor. Gründe, die dein Handeln bestimmen, können klar auf der Hand liegen, aber auch verschränkt und undeutlich sein. Es kann sein, dass Gründe, sobald sie vollkommen durchschaut werden, ihre Faszination und Kraft verlieren, was die Frage nahelegt, ob das Geheimnis ein wichtiger Aspekt von Gründen ist, womit du wieder bei Transzendenz und Religion landest. Es gibt Menschen, die bestimmen ihre Gründe als wesentlich geistig oder seelisch, nicht weil es für sie eine zufällige Wahl ist, sondern weil sie wissen, dass sie im Einklag mit geistigen Entitäten entscheiden und leben. Andere finden ihre Freiheit in relationaler Autonomie. Viele sehen ihre Freiheit in der Reproduktion realisiert, wobei die Mittel dazu (Geld, Erfolg, Beruf) so nebensächlich sind, dass sie Unfreiheit bewirken können, aber hinsichtlich des Zwecks irrelevant erscheinen. Ein entfernter Bekannter mit mäßiger Bildung, gutmütig, emotional, kindlich hat 3 Jobs, um seiner Familie eine Wohnung und Freizeit zu ermöglichen. Er liebt seine Tochter abgöttisch. In meinen Augen ist er vollkommen unfrei und ausgeliefert. Würde ich ihm meine Freiheit anbieten, würde er sie ausschlagen. Sie wäre ihm zu kalt und unlebendig. Dann wird individuelle Autonomie oft im Zusammenhang mit materiellen Bedingungen genannt: je größer die Menge des Geldes, desto mehr sei Autonomie als Produkt möglich, was zumindest einen logischen Widerspruch in sich trägt, weil ein Ursache-Wirkung Zusammenhang behauptet wird, was das Gegenteil von Freiheit ist. Dieses Knäuel von relativen, absoluten Freiheiten oder materieller oder relationalen Determinationen ist nicht zu entwirren, indem du ihn zerschlägst und einen Faden säuberlich trennst. Oder es so machst, wie ich undeutlich bei dir zu erkennen glaube, Bestimmungsfaktoren nachträglichen zu sprachlichen Phänomenen umdeutest, um aus ihnen valide humanistische Gründe zu machen. Greifst du dir einen Argumentationsfaden, in deinem Fall den sprachanalytischen, heraus und wertest die anderen ab, legst du eine einseitige Theorie vor, die deswegen einseitig ist, weil sie einige Grundparameter als fix setzt, die ein anderer als variabel betrachtet. Wenn du dies machst, dann steht das Tor sperrangelweit offen für die Skeptiker und zwar besonders für Skeptiker, die im Dunklen graben, wie Nietsche und Heidegger, und jeden Humanismus verlachen. Ein Humanist wirkt neben solchen Menschen wie ein spießiger Pennäler. Ein gefundenes Fressen. Eine Feministin bräuchte ihm nur ihre Binde aus geronnenem Blut unter die Nase halten, mit der Bitte an dem blutigen Stoff die Gründe ihrer Freiheit abzulesen. Was sollte ein Humanist antworten, wenn er sich nicht nur angewidert und beschämt abwenden will? Verstehe mich richtig: du hättest schon die passende Antwort, vielleicht indem du ihr deinen Penis präsentiertest, mit der Bitte, sie möge dir dazu passende Freiheitsoptionen anbieten. Du würdest mit dieser Handlung die Angemessenheit ihres Arguments bestätigen, weil du auf der gleichen Relevanzebene antwortest, was eine Integration ihres Freiheitsbegriffs impliziert. Es handelte sich bei der Binde um einen naturalisierten Grund, der die Freiheitsmöglichkeiten determiniert, welcher im Begriff des von dir vorgeschlagenen analytischen Humanismus ausgeschlossen ist, somit die Monatsblutung als Gestaltungsfaktor der Freiheit ausschließt. Sadismus, monatliche Blutungen, Masochismus, Körperlichkeit, instinktive Triebe sollen als Naturalisierungen entweder ausgeschlossen sein oder als zu sprachlichen Gründen sublimiert werden, damit sie als Freiheitsgründe erscheinen. Naturalisierungen sind meiner Meinung nach zu integrieren und zwar konkret, nicht rationalisiert, gerade weil sie der rationalen Freiheit entzogen sind. Sie müssen einen irrationalen Platz in einem rationalen System einnehmen, womit du wieder bei Religion, Kultur, etc. bist, die Positivität von Irrationalität ist. Der analytische Maskulismus muss eine innere Abstufung haben, die auf unterschiedliche Freiheitsdefinitionen unterschiedlich reagieren kann, nicht mit Ausschluss oder Sublimation, sondern mit adäquater Reaktion, vielleicht vergleichbar mit dem OSI-Modell, das für jede Ebene innerhalb der Knäuels der Netzwerkkommunikation ein angemessenes Protokoll bereithält.

    • @quellwerk

      „Es zeigen sich einige Differenzen zwischen unseren Konzeptionen“

      Ich konnte die beim Lesen deines Kommentars – ehrlich gesagt – nicht so richtig finden … bis auf einen vielleicht.

      Denn das Ausbuchstabieren des Freiheitsbegriffs überläßt der analytische Humanismus der Theorie personaler Autonomie. Er selbst sorgt nur dafür, daß der Freiheitsbegriff ein positiver ist, daß sie sich nicht – wie im linken Maskulismus – auf negative Freiheiten, d.h. Abwehrrechte beschränkt ist.

      Die von dir angesprochenen Probleme mit dem positiven Freiheitsbegriff sehe ich durchaus, aber – soweit ist es einfach noch nicht in der Entwicklung.

      Der semantische Aufstieg macht den Humanismus immun gegen den Ausgang der wissenschaftstheorischen Diskussion mit den Biologisten, erlaubt es der Psychologie eine Naturwissenschaft zu bleiben und sichert der Alltagspsychologie ihre Rolle sui generis bei der Beantwortung der Frage, was es heißt, eine Person zu sein.

      Denn was es heißt eine Person zu sein, ist kein wissenschaftliches Problem, es ist ein Kulturprodukt und – in gewissen Grenzen – kontextabhängig. Letzteres ist Wissenschaft nie.

      „dann steht das Tor sperrangelweit offen für die Skeptiker und zwar besonders für Skeptiker, die im Dunklen graben, wie Nietsche und Heidegger, und jeden Humanismus verlachen.“

      Nein, denn die Idee, daß Freiheit mit dem Wissen über und damit der Verfügbarkeit von Handlungsgründen via Aufklärung steigt und damit auch fällt, verhindert das.

      „Naturalisierungen sind meiner Meinung nach zu integrieren“

      Die humanistische Antwort auf diese Forderung ist, daß dies gegen das Demütigungsverbot verstößt. Dawkins hat das übrigens sehr klar gesehen, als er sich darüber lustig machte, daß sich einge Menschen zu fein seien, nicht mehr als sprechende Affen zu sein. Wenn man Naturalisieren will, dann muß man sowas unterbringen bei der Entstehung der Handlungsgründe. DAS ist der richtige Platz dafür.

  2. Lomi sagt:

    Mal angemerkt: Nietzsche gräbt nicht im Dunkeln, sondern ist eher ein Freiheitstheoretiker. Was er stets gegen Moral (verstanden als zeitgeistige Konventionen dessen, was man gesellschaftlich akzeptiert tut) in Stellung bringt, ist die individuelle Freiheit. Damit gehört er in meinen Augen zu den Humanisten.

    • quellwerk sagt:

      @Lomi

      Ja, er ist ein Freiheittheoretiker von der besonderen Art, die ihn nicht als Humanisten kennzeichnet. In wikipedia wird er als Posthumanist oder Transhumanist gehandelt.

      https://de.wikipedia.org/wiki/Posthumanismus

      Nietzsche ist Nihilist, für den das Leben ein sinn- und zweckloser dynamischer Prozess ist. Alle Wissenschaftlichkeit, Objektivität ist nach ihm ein Ausdruck der Ängstlichkeit der Menschen, sich der Sinnlosigkeit zu stellen. Das wirkliche Leben sei nur in der Kunst erfahrbar. Sprache ist nach ihm lediglich normativ, nicht präskriptiv. Alles um uns herum ist wesentlich Lüge:

      „Wir glauben, etwas von den Dingen selbst zu wissen, wenn wir von Bäumen, Farben, Schnee und Blumen reden und besitzen doch nichts als Metaphern der Dinge, die den ursprünglichen Wesenheiten ganz und gar nicht entsprechen“

      Die richtige Einstellung ist die Verweigerung der Realität, wie es Butler propagiert. Zitate von ihm hierzu: der intuitive Mensch „zeigt die Begierde, die vorhandene Welt des wachen Menschen so bunt unregelmäßig folgenlos unzusammenhängend, reizvoll und ewig neu zu gestalten, wie es die Welt des Traumes ist“. Dieser intuitive Mensch erfindet die Welt als Künstler, er kann eine Kultur gründen, er kann die „Herrschaft der Kunst über das Leben“ beanspruchen.

      Das sind alles Vorlagen für die Poststrukturalisten. Man kann hier von einer Triebbefreiung sprechen, aber nicht von einer intellektuellen Befreiung. Daher sind Nietzsche, Heidegger bis Foucault Verdunkler, die immer eine unspezifische wirkende Macht benötigen, weil eine Intellektualansicht, die der Welt Struktur und Realität gibt, abgelehnt wird.

      • Ich würde auch sagen, daß Nihilisten keine Humanisten sein können.

      • Lomi sagt:

        Ich kann Deine Einschätzung nicht ganz teilen.

        Dass wir oft nur Metaphern besitzen bzw. wir ohne Metaphern nicht auskommen, haben auch weniger nihilistische Köpfe anerkannt (Hans Blumenberg ganz prominent). Ich glaube nicht, dass Nietzsche damit dann die Realität als Lüge bezeichnet hat. Er hat nur dagegen protestiert, an Gewohnheiten festzuhalten und aus diesen Gewohnheiten ein Korsett zu machen für den gestaltenden Willen. Das Problem ist nicht das Modell oder die Metapher, sondern die Konvention, die glaubt, Wahrheit zu vertreten und andere unter diese Wahrheit zu zwingen.

        Ich kann nur empfehlen, Leute wie Nietzsche mal im Original lesen. Der ist nicht so einfach als Zombie abzutun.

        „Das sind alles Vorlagen für die Poststrukturalisten. Man kann hier von einer Triebbefreiung sprechen, aber nicht von einer intellektuellen Befreiung. Daher sind Nietzsche, Heidegger bis Foucault Verdunkler, die immer eine unspezifische wirkende Macht benötigen, weil eine Intellektualansicht, die der Welt Struktur und Realität gibt, abgelehnt wird.“

        Heidegger ist zumindest sprachlich dunkel. Aber Foucault? Das ist absolut unberechtigt. Ich glaube, man tut ihm extrem Unrecht. Foucault arbeitet schon mit Fakten und mit nachvollziehbaren Veränderungen in gewissen Gesellschaftsbereichen, z.B. in der Gefängnispraxis. Daraus leitet er seinen Ansatz des Diskurses ab, was besagt, dass sich Erkenntnisgegenstände historisch herausbilden mitsamt dazu passenden Institutionen und Experten. Das ist nicht abwegig, wenn man bedenkt, dass der erzieherische Zugriff der Schule gegen 1900 noch gar nicht so selbstverständlich ist, während wir das heute normal finden, Spezialisten an Unis dafür beschäftigen, Gesetze dazu haben usw. Und natürlich ist es eine Form der Macht (man denke mal an Prüfungen und an die Schulpflicht).

        Mein Eindruck ist, dass z.B. die Foucault-Schelte vorschnell ist und sich zu sehr daran aufhängt, dass er von Poststrukturalisten genutzt worden ist. Aber das ist kein Gütekriterium für eine Theorie. Interessanterweise kann man Foucault genauso auch gegen den Feminismus einsetzen.

        Darüber hinaus hat Foucault gewiss recht, dass Macht eher selten ein klares Zentrum hat, sondern über viele kleine Stellen und Personen wirkt. Die Macht des Generals wirkt z.B. auch nur, wenn die ihm untergeordneten Offiziere seine Befehle durchsetzen.

        • quellwerk sagt:

          ..und sie äußert sich in menspreading und microaggressions. Ich will Foucault nicht verkürzen. Treffend ist deine Bemerkung, dass er vereinnahmt wurde. Er hat es den Vereinnahmern aber auch sehr leicht gemacht indem er eitel auf der Gefühlsklaviatur gespielt und dem Feministen einen “ formatierten Diskurs“ lieferte, der machtvoll und faszinierend die Diskurstheilnehmer „zurichtet“. Da muss es einer patriarchatsgläubigen Feministin warm in den unteren Bereichen werden. Ansonsten d’accord mit dem was du sagst.

  3. Lomi sagt:

    Beim ersten Überfliegen gewinne ich den Eindruck, dass vieles schon lange vorgedacht worden ist in der Geistesgeschichte:

    „So kann z.B. das Radiergummi nicht links neben der Teetasse liegen, wenn es keine Sprache gibt, in der die Relation ”links von” mit ihren merkwürdigen Orientierungseigenschaften erklärt ist.“

    Anderswo hast Du die Sprachabhängigkeit weiter ausgeführt für die Handlungsgründe als die von Handelnden gegebenen Handlungserklärungen. Insofern sind Handlungsründe sozial, als das Sprache auch sozial ist. Begriffe sind immer gemeinsame Begriffe. Dieses Denken ist in der Soziologie recht bekannt.

    „i) Der Trick ist nun: Diese Meinungen mögen falsch sein, aber wir können das Verhalten der Akteure überhaupt nicht rationalisieren, wenn wir ihre Meinungen im Zusammenhang mit der Handlungserklärung nicht berücksichtigen. Handlungsggründe kommen offenbar in Handlungserklärungen vor.“

    Das scheint sich mit einer Grundannahme des sogenannten „interpretativen Paradigmas“ der Soziologie zu decken, dass man Handlungen nur verstehen kann, wenn man die in der Sprache gegebenen Gründe kennt. Für die Soziologie ist das ungemein praktisch, das sie dadurch die individualpsychologische Ebene außer Acht lassen kann, während sie auf den kulturell geteilten Bestand von Begriffen zugreift.

    • @Lomi

      „Beim ersten Überfliegen gewinne ich den Eindruck, dass vieles schon lange vorgedacht worden ist in der Geistesgeschichte:“

      Auf jeden Fall beanspruche ich NICHT, daß Rad in jedem post neu zu erfinden. Im Gegenteil, ich versuche immer zu verstehen, was andere Leute sich überlegt haben, denn die sind ja auch nicht blöd. Literaturangaben zu dem post sind vorhanden.

      Zweitens liegt mir viel daran, den Feminismus als Bruch und Rückschritt bisheriger zivilisatorischer Errungenschaften zu entlarven.

      „Dieses Denken ist in der Soziologie recht bekannt.“

      Ja. Die Biologisten unter den Maskulisten aber wissen das nicht und der Konflikt mit ihnen ist ein erheblicher Unruheherd in der manosphäre.

      „Das scheint sich mit einer Grundannahme des sogenannten “interpretativen Paradigmas” der Soziologie zu decken, dass man Handlungen nur verstehen kann, wenn man die in der Sprache gegebenen Gründe kennt.“

      Kannte ich nicht, aber Danke für den Hinweis.

      Ich versuche übrigens nicht mehr Soziologie und Psychologie zu verstehen, um Antifeminismus zu betreiben. Die begrifflichen Unklarheiten im Feminismus sind so groß, daß es für den Moment völlig ausreicht, Philosoph zu sein.

      Am Freitag halte ich die Veröffentlichungsserie an und versuche rückblickend klar zu machen, welche Strategie ich seit Neuestem verfolge.

      • Lomi sagt:

        „Ich versuche übrigens nicht mehr Soziologie und Psychologie zu verstehen, um Antifeminismus zu betreiben. Die begrifflichen Unklarheiten im Feminismus sind so groß, daß es für den Moment völlig ausreicht, Philosoph zu sein.“

        Muss man auch nicht. Ich glaube, das ist sogar überflüssig. Was Du von der Soziologie nutzen kannst, ist die eine oder andere handlungstheoretische Einsicht, die gut zu Deiner hier niedergelegten Position passt. Darauf zielte auch mein Hinweis ab. In der Soziologie ist das Dualismus-Problem immer Thema, denn die ganze Soziologie wäre sinnlos, würden die Menschen nicht eine gewisse Freiheit an sich besitzen. Möglicherweise gibt es darum auch ein paar intelligente Lösungen hier zu holen – wobei die halt oft aus der Philosophie stammen.

        Zumindest kann man mit den soziologischen Antworten auf das Dualismus-Problem gut gegen den Feminismus argumentieren. Denn solche soz. Ansätze behaupten ein von sozialen Regeln geleitetes Handeln bei gleichzeitiger prinzipieller Freiheit des Menschen. Damit kann man dann feministische Konstruktionen des automatenhaft das Handeln prägenden Patriarchats aushebeln.

        • @Lomi

          „Damit kann man dann feministische Konstruktionen des automatenhaft das Handeln prägenden Patriarchats aushebeln.“

          Prinzipiell habe ich nichts gegen diese Richtung, aber Besonders gut zu funktionieren scheint das leider nicht.

          • Lomi sagt:

            Warum sollte es nicht funktionieren? Es macht bloß keiner.

            Ein Beispiel für mich ist Anthony Giddens. Er sagt, menschliches Handeln ist regelgeleitet, also strukturiert. Diese Regel ist ähnlich einer mathematischen Formel eine generalisierte Methode, mit der in ähnlicher Situation immer ähnliche Handlungsergebnisse erzielt werden. Diese Regel hat aber keine Existenz für sich. Sie existiert nur in der Handlung. Sie sind kein Ding. Menschen brauchen diese Regeln (z.B. die Sprache). Sie haben aber die Fähigkeit, sich zu entscheiden, wie sie die Regeln einsetzen (sie zu reproduzieren oder sie zu verändern oder es gar ganz zu lassen).

            Diese Theorie impliziert:
            – kein Herrschaftssystem kann die prinzipielle Handlungsfähigkeit des Menschen je außer Kraft setzen, der Mensch hat immer eine Wahl (so nachteilig sie sein mag und so gering der Spielraum auch sei).
            – totale Herrschaft ist nur ein Sonderfall
            – Herrschaftssysteme haben keine dingliche Existenz, sondern existieren nur in den je konkreten Handlungen der beteiligten Personen

            Der Feminismus neigt dazu:
            – das Patriarchat als totale Herrschaft anzusehen, das noch jeden kleinen Atemzug determiniert
            – das individuelle Handlungsvermögen zu negieren (die Unterworfenen sind Opfer und nichts anderes als das)

            Beides ist miteinander nicht verträglich.

            • @Lomi

              „Es macht bloß keiner.“

              Ok, ist ein Argument – du kennst diese Literatur besser als ich.

              „Ein Beispiel für mich ist Anthony Giddens.“

              Es wäre interessant das mal zu diskutieren. Denn auf den ersten Blick kommt es mir so vor, daß zwar menschliches Verhalten vorkommt, daß so gesteuert wird, aber weder die Regel ist, noch die Tiefe menschlicher Motivationen wirklich auslotet.

              Das wäre ein Thema für dich, Lomi. 😉

              „Der Feminismus neigt dazu das Patriarchat als totale Herrschaft anzusehen“

              Meiner Meinung nach ist die Kopplung der Freiheit der Frauen an ihre soziale Situation im Feminismus komplizierter und sie stammt allein von Sartre – was sie so schwierig macht, daß Feminismus nie mehr gewagt haben, auch nur einen weitere Gedanken darauf zu verwenden: Sartre sagt, daß die menschliche Freiheit überhaupt erst dadurch REALISIERT wird, daß wir die Meinung der anderen über uns zur Kenntnis nehmen. Und er sagt, daß es Meinungen von Menschen gibt, welche uns dieser Freiheiten berauben.

              Damit ist Freiheit bei Sartre nicht das Fehlen naturgesetzlicher Notwendigkeit. Zweitens können sich Frauen nicht einfach von den sie unterdrückenden Männern abwenden und drittens benötigen sie die Anerkennung von Männern – was immer das heißen mag – um ihre durch das Fehlen der Götter verwaist zurückgelassene Freiheit auch in Anspruch nehmen zu können.

              Das ist eine ganz merkwürdige Kopplung von Erkenntnistheorie und Willensfreiheit. Keine feministischer Theoretiker hat sich jemals daran gewagt, diese Zeug zu analysieren.

    • „Insofern sind Handlungsründe sozial, als das Sprache auch sozial ist. Begriffe sind immer gemeinsame Begriffe. Dieses Denken ist in der Soziologie recht bekannt.“

      Deswegen muss die Theorie so aber nicht stimmen.

  4. Kann es sein, dass deine Ablehnung der Biologie schlicht darauf beruht, dass du einen übermäßig strengen Kausalitätsbegriff verwendest, der Disponierungen nicht berücksichtigt?

  5. […] dieser Argumentation können wir auf genderama fast jeden Tag die – vom Standpunkt des analytischen Humanismus unerträgliche – Verharmlosung von Gewalt gegen Frauen miterleben – und zwar trotz des […]

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  9. […] hier im Supervenienzabsschnitt dargelegt – das tun, indem wir durch Erklärungen erfolgreich Handlungsgründe beibringen, dann stellt sich heraus, daß wir dabei zusätzlich noch eine Art von […]

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