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Ist intentionaler Realismus ein akzeptabler nicht-reduktiver Physikalismus?

Humanisten und Metaphysikkritiker wollen mit obskuren Objekten wie überempirischen Akteuren, Seelen oder mentalen Substanzen verständicherweise nichts zu tun haben. Die meisten versuchen sich daher an reduktiven Theorien des Geistes, bleiben stecken und schöpfen das volle Potential des Humanismus im Hinblick auf politische und gesellschaftliche Initiativen daher unnötigerweise nicht aus: Humanistische Positionen können nur dann für praktische Zwecke ausreichend präzisiert werden, wenn klar wird, worauf man sich einläßt, wenn man die Existenz mentaler Zustände zugibt. In der analytischen Philosophie nennt man das das Problem des nicht-reduktiven Physikalismus, der überraschenderweise eine gewisse Portion Wissenschaftstheorie erfordert. In diesem post gehen wir dem nach.

Übersicht:


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tl;dr:

Wenn wir zugeben, daß es mentale Phänomene gibt und uns – via Strawson – fragen, worauf wir uns mit diesem Zugeständnis einlassen, dann entscheidet das vorausgesetzte Konzept von Alltagspsychologie mit ihren phänomenalen und intentionalen Zuständen darüber, wie man den auf das Scheitern des Reduktionismus reagiert: Wer von der Metaphysik nicht die Finger lassen kann und daher zugleich erklären kann, wie und warum Alltagspsychologie möglich ist, der verlangt, daß es eine Art Entsprechung geben muß zwischen intentionalen und zereralen Zuständen. Das sog. Computermodell des Geistes von Jerry Fodor wählt diese Option und realisiert sie mit Hilfe der Einführung mentaler Repräsentationen – was sich aber als wenig nützlich erweißt. Wer bescheidener zu Werke geht und bereit ist, auf diese Forderung nach einer Entsprechung verzichten, wird genötigt, eine Auffassung von Alltagspsychologie als empirisch-normativer Theorie über die Unterscheidbarkeit von Personen zu akzeptieren, die ein einzigartiges, empirische Wissen bereitstellt, daß durch keine Naturwissenschaft geliefert werden kann. Damit formuliert Daniel Dennett den ersten ernstzunehmen, nicht-reduktiven Physikalismus der Geschichte, in dem für Computerbiologismus (kurz: Biologismus) kein Platz mehr, für Humanismus hingegen mehr als genug Luft zum Atmen ist.

I. Was sind mentale Repräsentationen?

Was wir in einem vorangegangenen post an Theorien des Geistes untersucht haben, kommt einem Desaster für das für den Humanismus überlebenswichtige Projekt des Physikalismus gleich:

  • i) Wenn wir versuchen, beim mind-body-problem eine nominalistische Position durchzuhalten, dann können wir weder die mentalen Phänomene, die wir im Alltag vorfinden und mit deren Hilfe wir Verhalten rationalisieren, erklären oder in ihrer Vielfalt reproduzieren, noch verstehen wir auch nur im Ansatz, wie sie von zerebralen Zuständen abhängen.
  • ii) Doch für Humanisten und alle Metaphysikkritiker ist der Physikalismus essentieller Bestandteil ihre Perspektive auf Personen. Insbesondere haben wir in diesem post dargelegt, daß es eine vernünftige, empirische Position gibt, die natürliche Ontologie der Dinge und Ereignisse zu erweitern auf Dinge, Ereignisse und Personen. Für letzteres ist das Scheitern der reduktiven Theorien natürlich günstig.

Gehen wir daher zu der Option über, darzulegen, wie mentale Zustände stattdessen physisch realisiert sind: Realisierbarkeitstheorien erklären, wie mentale Zustände auf physikalisch akzeptable Weise zu ihrem Inhalt kommen. Dabei wird lediglich angenommen, daß wir von mentalen Zuständen wissen, i.e. wahre, begründete Meinungen über mentale Zustände haben. Es wird nicht unterstellt, daß mentale Zustände mentale Substanzen als Träger hätten und diese Träger physisch realisiert würden. Letzteres wäre auch mit der metyphysikkritishen Haltung des analytischen Humanismus unvereinbar.

Eine mögliche Position dazu formuliert der intentionale Realismus. Nach dieser Position existieren mentale Zustände, die die folgenden Bedingungen erfüllen:

  • Sie haben Wahrheitsbedingungen z.B. im Fall von Überzeugungen bzw. Erfüllungsbedingungen z.B. im Fall von Wünschen.
  • Sie sind kausal wirksam – weshalb allein es eine realistische Position ist.
  • Die Kausalbeziehungen zwischen den mentalen Zuständen und das durch sie verursachte Verhalten entsprichen weitgehend den gesetzesartigen Verallgemeinerungen der Alltagspsychologie.

Jerry Fodor und Daniel Dennett haben einflußreiche Positionen innerhalb des intentionalen Realismus formuliert, die sich konzeptionell fundamental unterscheiden: Fodor nimmt an, daß es eine noch aufzuklärende Entsprechung zwischen zerebralen und mentalen Zuständen gibt – die er mit Hilfe seines Konzeptes der mentalen Repräsentationen aufklären will – während Dennett auf diese Annahme verzichtet.

  • Dabei darf man nicht vergesen, daß der Kausalbegriff selbst wenig durchsichtig und sogar in der Physik mehrdeutig ist. Das zeigt uns, daß, je besser wir die Naturwissenschaft verstehen, wir darum um so klarer das Rätsel der Erzeugung von Gehirn und Geist formulieren können. Wenn wir in einem späteren post das Problem der Individuation intentionaler Zustände kennenlernen, werden wir bemerken, daß das auch für die Sprache gilt. Damit gilt als generelle, methodische Faustregel: Erst Sprachphilosophie und Wissenschaftstheorie zu verstehen, bevor man versucht, in der Philosophie des Geistes „wahr“ von „falsch“ zu unterscheiden. Es ist klar, daß der Biologismus bisher die Existenz weder der Sprachphilosophie noch der Wissenschaftstheorie überhaupt nur bemerkt hat.

In meinen Augen beginnt eine moderne Philosophie des Geistes überhaupt erst mit Dennetts Arbeiten – wenngleich sie dort keinesfalls stehen bleiben darf. Seine Rolle in der Philosophie des Geistes entspricht der Poppers in der Wissenschafstheorie. Sehen wir uns die Details an, um zu verstehen, warum das so ist.

1) Fodors repräsentationale Theorie (Fodor 1975, Fodor 1978)

a) Thesen: Fodors Theorie hat zwei Teile. Der erste Teil über mentale Repräsentationen erklärt wie intentionale Zustände physische realisiert sind (intentionaler Realismus). Der zweite Teil erklärt, wie sie zu ihrem Inhalt kommen und er wird in einem späteren post diskutiert. Seine repräsentationale Theorie benutzt ein auch in den Kognitionswissenschaften verbreitetes Drei-Ebenen-Modell:

  • computationale Ebene: die Funktion, die berechnet werden soll. Sie entspricht den alltagspsychologischen, intentionalen Zuständen des Geistes und ihren Kausalbeziehungen untereinander.
  • algorithmische Ebene: das Verfahren mit dem eine Funktion berechnet wird. Hier werden die Zustände und ihre Kausalbeziehungen durch Symbolverarbeitungsprozesse realisiert.
  • Implementationsebene: physische Realisierung des Verfahrens. Das Gehirn realisisiert die Symbolverarbeitungsprozesse.

Zwischen diesen Ebenen besteht die bereits aus der Diskusssion um die Identitätstheorie bekannte Relation der Multirealisierbarkeit. Gelöst werden soll bei Fodor nur das Problem der zweiten Ebene, d.h. wie die alltagspsychologischen, intentionalen Zuständen des Geistes, z.B. Wünsche oder Üerzeugungen, und ihre Kausalbeziehungen durch Symbolverarbeitungsprozesse realisiert werden können. Das bedeutet, daß Fodor kognitive Prozesse als syntaktische Berechnung systeminterner und damit mentaler Repräsentationen versteht, deren Existenz er zu diesem Zweck annimmt.

  • Das ist in der Kognitionswissenschaft heute keineswegs Standard:  Hutto & Myin vertreten z.B. einen Antirepräsentationalismus, nach dem Kognition eine Sache der dynamischen Gesamtorganisation des Gehirns, des übrigen Körpers und der aktiven Interaktion mit der Umwelt ist.

Die andere Sorte mentaler Zustände, die phänomenalen Zustände, werden von Fodor vernachlässigt. Eine pinzipielle Lösung der Implementationsebene hält Fodor durch Computer für verfügbar. Damit lautet Fodors dreiteiliges, repräsentationales Modell, daß auch als Computermodell des Geistes bekannt ist, wie folgt:

a) Repräsentationalismusthese RT: Für jedes Wesen und jede Art intentionaler Zustände Z gibt es eine funktionale Relation R derart, daß gilt:

  • Jedes Wesen ist genau dann in Z mit dem Inhalt p, wenn es sich in der Relation R(Z) zu einer mentalen Repräsentation r befindet, die die Bedeutung p hat. Mentale Repräsentationen sind – ebenso wie Satztoken einer natürlichen Sprache – physische Strukturen, die einen Inhalt haben, der durch einen daß-Satz ausgedrückt werden kann. Daß sich ein Wesen in R(Z) zu r befindet, bedeutet, daß es in dem Wesen ein Vorkommnis von r gibt, daß auf eine spezifische Weise verarbeitet wird.

b) Computerfunktionalismusthese LOT einer Sprache des Geistes:

  • i) Mentale Repräsentationen sind strukturiert.
  • ii) Die Teile dieser Strukturen können in verschiedenen Repräsentationen auftreten.
  • iii) Mentale Repräsentationen haben eine kompositionale Semantik, i.e. die Bedeutung komplexer Repräsentationen ergibt sich in regelhafter Weise aus der Bedeutung der Repräsentationsteile.

c) These CMP vom computationalen Charakter mentaler Prozesse:

  • Die Kausalbeziehungen der alltagspsychologischen, intentionalen Zustände zwischen intentionalen Zuständen beruhen auf struktursensitiven, syntaktischen Symbolverabeitungsprozessen. Alles Verursachen aber beruht auf physischen Kausalbeziehungen, weshalb die Neurobiologie unsere Alltagspsychologie letztlich bestätigen wird.

Das Computermodell des Geistes läuft darauf hinaus, daß ein Wesen nur dann Wünsche oder Überzeugungen haben kann genau dann, wenn es die Struktur eines symbolverarbeitenden Systems besitzt.

Was macht die Kombination der Thesen RT, LOT und CMP eigentlich zu einem intentionalen Realismus? Erinnern wir uns daran, was wir in unserer sozialen Erfahrung vorfinden:

  • Wir wissen, daß intentionale Zustände einen Inhalt haben, der nur in einem Satz ausgedrückt werden kann. Nach dem Computermodell des Geistes erben intentionale Zustände ihre Inhalte von den mentalen Repräsentationen, mit Hilfe derer sie realisiert sind.
  • Wir wissen auch: Intentionale Zustände sind intransparent, i.e. sinnverschiedene, aber extensionsgleiche Beschreibungen dessen, worauf sie gerichtet sind, führen nicht zu äquivalenten Beschreibungen dieser intentionalen Zustände. Nach dem Computermodell des Geistes beruhen intentionale Zustände mit sinnverschiedenen, aber extensionsgleichen Beschreibungen auf verschiedenen mentalen Repräsentationen, die auch verschiedene physische Realisationen haben.

Auf diese Weise wird erklärt, wie es physisch realisiert wird, daß intentionale Zustände Wahrheits- und Erfüllungsbedingungen haben. Das ist die erste Bedingung des intentionalen Realismus.

Die zweite Bedingung des intentionalen Realismus, die kausale Wirksamkeit der intentionalen Zustände, wird wie folgt modelliert:

  • In vielen psychologischen Gesetzen wird nicht auf den Inhalt intentionaler Zustände Bezug genommen, sondern auf die logische Form dieses Inhalts. Denn wenn mentale Repräsentationen wegen LOT strukturiert sind und wegen CMP mittels struktursensitiven Prozessen realisiert werden, dann entsprechen struktursensitiven Prozessen Gesetze, in denen nur auf die logische Form des Inhalts intentionaler Zustände Bezug genommen wird.

Und für das letzte Merkmal des intentionalen Realismus gilt:

  • Häufig respektieren die kausalen Beziehungen zwischen intentionalen Zuständen die semantischen Beziehungen zwischen ihren Inhalten sowie gewisse Rationalitätsprinzipien. Das Computermodell des Geistes bemerkt wegen LOT und CMP dazu, daß sich viele semantische Beziehungen dank moderner Logik auch in einem syntaktischen Kalkül repräsentieren lassen. Damit sind sie formal und ihre mentalen Repräsentationen unterliegen wieder den kausalen Beziehungen der sie realisierenden physischen Prozesse. Analoges gilt für Rationalitätsprinzipen.

Damit stellt sich als nächstes die Frage, wie glaubhaft diese Vorstellung einer physischen Realisation intentionaler Zustände ist.

2) Probleme: Das sog. Computermodell des Geistes von Fodor ist wegen CMP auf die These festgelegt, daß wenigstens alle kausal wirksamen intentionalen Zustände mit Hilfe von expliziten Repräsentationen realisiert sind.

  • i) Man kann aber argumentieren, daß die Annahme mentaler Repräsentionen überflüssig ist, um die Realisierung intentionaler Zustände zu erklären (Dennett 1978) und um auf diese Weise zu rechtfertigen, daß wir Wissen von mentalen Zuständen i.S.v. Strawson haben können. Denn wir sprechen auch bei Überzeugungen, deren Inhalte aller Wahrscheinlichkeit nicht explizit repräsentiert sind, davon, daß sie das Verhalten eine Systems kausal beeinflussen: So schreiben wir z.B. Schachprogrammen strategische Überlegungen zu, die es nicht explizit, d.h. in Satzform anstellt und wir sehen Ergebnisse solcher „Gedanken“ als sinnvolle Erklärungen seiner Schachzüge an, obwohl sie nur prozedural, nicht aber via Repräsentationen realisiert sind. Mentale Zustände zu postulieren ist daher nicht an die Annahme mentaler Repräsentationen gebunden.
  • ii) Insbesondere muß wegen CMP jedem intentionalen Zustand ein eindeutiger neuronaler Zustand entsprechen, durch den er realisiert ist. Entsprechend muß der Verursachung eines intentionalen Zustandes durch einen anderen die Verursachung eines zerebralen Zustanden durch einen anderen entsprechend – und zwar nach den Gesetzen der Neurobiologie. Doch gerade dies scheint sich empirisch nicht zu bestätigen, da die Erzeugung vieler intentionalen Zustände über lokale Areale des Gehirns „verschmiert“ ist. Damit wird dem Computermodell des Geistes zufolge jedoch der Existenz der intentionalen Zustände selbst der Boden entzogen und man erhält doch wieder nur einen Reduktionismus.  Moderne Hirnforscher wie Singer, Ein neues Menschenbild? (2002), S. 64, 90 oder Greenfield, The Human Brain (2003), p. 104 ff. geben daher unumwunden zu, daß Gehirne nicht wie Computer zu verstehen sind.
  • iii) Bei intentionalen Zuständen wie Überzeugungen scheint es einen Holismus zu geben:
    • a) Die Identität von intentionalen Zuständen hängt im allgemeinen nicht allein von ihren Wechselwirkungen, sondern von nicht-kausalen Beziehungen zu anderen intentionalen Zuständen ab. Ein Beispiel läßt sich leicht für Überzeugungen bilden: Wer auf die Frage „Wann ist die Primzahlzerlegung natürlicher Zahlen nicht eindeutig?“ wahrerweise zu antworten weiß: „In quadratischen Zahlenkörpern.“, aber ansonsten absolut nichts über quadratische Zahlenkörper sagen kann, der hat sicher nicht die Überzeugung, daß die Primzahlzerlegung in quadratischen Zahlenkörpern nicht eindeutig ist. Da man weiter kaum mit Bestimmtheit sagen kann, welche Überzeugungen fehlen oder falsch sein dürfen, ohne daß die Überzeugung, daß die Primzahlzerlegung in quadratischen Zahlenkörpern nicht eindeutig ist, gar nicht mehr identifizierbar ist, folgt, daß es in der Alltagspsychologie im allgemeinen weder notwendige noch hinreichende Bedingungen der Zuschreibung von einzelnen, propositionalen Einstellungen gibt. Man nennt dies auch den Holismus intentionaler Zustände, die mit der Eindeutigkeitsforderung von CMP unverträglich ist.
    • b) Ob Überzeugungen ihrem Inhalt nach absurd sind, richtet sich nicht allein danach, ob das, was geglaubt wird, absurd ist. Für viele Überzeugungen, die wir zunächst für absurd halten, läßt sich eine Geschichte ausdenken, nach der wir über die sonstigen Überzeugungen, Verhaltensweisen, die Umgebung oder die Traditionen etwas hinzulernen, so daß wir die Überzeugung auf einmal gar nicht mehr absurd finden. Das gilt umgekehrt auch für Überzeugungen, die uns ihrem Inhalt nach normalerweise unverdächtig zu sein scheinen und auf diese Weise absurd werden können. Dieses Verfahren findet nur dort seine Grenze, wo die sensorische Information von der uns verfügbaren eklatant abweicht oder das Überzeugungsnetzwerk des zu interpretierenden Lebewesen so weit abweicht, daß wir keine uns bekannte Überzeugung mehr erkennen können. Davidson hat aus dieser Beoabchtung sein principle of charity gemacht.

Das bedeutet: Wenn wir annehmen, daß wir wahre Aussagen machen können über mentale Zustände von Personen, i.e. über ihre intentionalen Zustände, dann ist die Hilfskonstruktion der mentalen Repräsentation nicht nützlich, wenn es darum geht, das rationalisierende Potential diese Aussagen im Hinblick auf die physische Erzeugung des Verhaltens verständlich zu machen. Und zweitens ist die Eindeutigkeitsforderung von CMP schlicht nicht erfüllbar.

II. Gibt es eine Verbindung zwischen Geistigem und Physischem?

Dennett’s Beispiel des Schachprogramms, dem wir ebenso zwanglos wie sinnvoll strategische Überlegungen oder auch hinterhältige Absichten zuschreiben, legt es nahe, die Darlegung der Erzeugung von erklärungsbedürftigen Veränderungen im Zusammenhang mit Personen von der Erklärung dieser Veränderungen selbst zu trennen.

  • (1) Das ist ein enorm wichtiger Punkt: Wer glaubt, ein Verhalten erklärt zu haben, indem er versteht, wie es entsteht, der ist primär an der Kontrolle dieses Verhaltens interessiert. Doch diese Gleichsetzung von Kontrolle und Erklärung ist alles andere als banal: Seit den 1960igern gehört es zum Standardwissen in der Wissenschaftstheorie, daß Erklärungen nicht durch Prognosen realisiert werden (Stegmüller 1969). Interessanterweise treffen wir in der explanatorischen Belanglosigkeit des Computermodells des Geistes diese Struktur wieder: Wer weiß, wie er auf intentionales Verhalten zurückgehende Veränderungen kontrollieren kann, insofern er dessen Entstehung kennt, der hat dieses intentionale Verhalten noch lange nicht verstanden.

Dem zweiten Vertreter des intentionalen Realismus, Daniel Dennett, ist (1) mehr als klar – weshalb er auch in Dennett 1975 den eliminativen Materialismus abgelehnt hat, weil er der Alltagspsychologie eine völlig andere Rolle als Jerry Fodor gibt, der erwartet, daß sie durch die Neurobiologie (wenigstens in Zukunft) bestätigt werden wird. Der Nutzen der Alltagspsychologie wird Dennett zufolge daher auch nicht dadurch realisiert, daß man z.B. weiß, wie man die mentalen Zustände von Frauen so kontrollieren kann, daß man sie ins Bett bekommt. Denn Alltagspschologie versorgt uns nicht mit prognostischem, sondern mit einem Wissen eines völlig neuen Typs, den wir erst noch lernen müssen zu verstehen – und damit natürlich auch das mind-body-problem völlig neu begreifen lernen müssen. Und das geht so:

Daniel Dennett (Dennett 1971, Dennett 1991) ist einerseits davon überzeugt, daß sich alles intentionale Verhalten auf zerebrale Zustände zurückführen läßt, und andererseits davon, daß es für die erzeugenden zerebralen Zustände auf der intentionalen Seite der alltagspsychologischen Verhaltenserklärungen keinerlei Entsprechungen, keine eindeutigen Verbindungen gibt.

  • (2) Letzteres markiert geradezu einen Paradigmenwechsel, denn Dennett würde offenbar niemals in Sachen Alltagspsychologie Biologist sein: Was immer in der Evolution Spuren im Gehirn hinterlassen haben mag, schlägt seiner Ansicht nach nicht durch auf die alltagspsychologischen Erklärungen, die wir von dem zweifellos durch zerebrale Zustände erzeugten intentionalen Verhalten zu geben gewohnt sind.

Die evolutionäre Psychologie (EP) macht diesen von Dennett eingeleiteten Paradigmenwechsel übrigens nicht mit: Weil sie die Erklärungen des intentionalen Verhaltens unter den evolutionär unter Druck stehenden Quellen des Verhaltens sucht, läßt sie sich auf die sog. Modularitätsthese ein:

  • i) Der menschliche Geist, seine mentalen Fähigkeit lassen sich auffassen als eine Menge evolutionär entwickelter Informationsverarbeitungssubsysteme. Das Wort „evolutionär“ deutet dabei darauf hin, daß durch kausalen Selektionsdruck als Folge des Lebens unter externen Zwangsbedingungen über Generationen hinweg Spezialisierungen mentaler Fähigkeiten aufgetreten sind, die in diesem Sinne optimal in Bezug auf die Zwangsbedingungen sind. Beispiele dafür werden meistens aus den Bereichen der Partnerwahl oder des sozialen Kooperationsverhaltens gegeben.
  • ii) Mentale Zustände repräsentieren Lösungen von historisch eingebetteten Optimierungsaufgaben unter den genannten Zwangsbedingungen. Denn der Witz von EP liegt darin, daß die Evolutionsbiologie nicht lediglich die Voraussetzungen bestehender abstrakter Phänomene erklärt, sondern diese Phänomene selbst. Unter keiner anderen Bedingung macht EP z.B. den Kulturwissenschaften eine Konkurrenz, wie sie von dem Slogan von der Deutungsmacht der Biowissenschaften gefordert wird.  Das Merkmal der Repräsentation beansprucht daher, zu zeigen, daß Entscheidungen von Personen in einem reduktiven Sinne biologische Phänomene sind.
  • iii) Wenn i) und ii) stimmen, dann ist das Verhalten jedes Auteurs aus sich heraus verständlich – was man einen methodologischen Individualismus nennt. Die Pointe dieser Bedingung ist, daß eine Interaktion mit anderen Akteuren keine in dem Sinne neuen Verhaltensweisen hervorbringt, die jenseits jeder biologischen Disposition liegen.

Es ist diese These, die der evolutionären Psychologie mit schöner Regelmäßigkeit das Genick bricht [1, 2 , 3 , 4 , 5 , 6] – freilich, ohne daß ihre Gläubigen das auch nur im Ansatz kurieren würde.

Damit wird auf einem sehr abstrakten Niveau deutlich, daß der in der manosphäre sehr verbreitete Biologismus im Grunde eine philosophische Position ist, die durch keine zusätzlichen Erkenntnisse aus der Neurobiologie gestärkt werden kann:

  • i) Sofern Biologismus gehaltvoller als ein harter, neuronaler Determinismus sein will, besteht seine Pointe darin, daß er glaubt, dasjenige Verhalten zu verstehen, dessen Erscheinen er (wenigstens im Mittel) kontrollieren kann – was selbst natürlich keine naturwissenschaftliche und nicht mal eine empirische Position ist. Das zu glauben, ist gewissermaßen der biologistische Sündenfall, der durch elementare Kenntnisse in der Wissenschaftstheorie hätte verhindert werden können. Denn da der Naturalismus Recht hat mit der Annahme, daß nur zerebrale Zustände das Verhalten kausal hervorbringen, sieht der Biologist – anders als die analytischen Humanisten – keine Notwendigkeit, Handlungsursachen von Handlungsgründen zu trennen, weil die Fodor’sche Entsprechung von intentionalen und zerebralen Zuständen für den Biologismus so selbstverständlich ist, daß er sie gar nicht bemerkt – und entsprechend auch gar nicht hinterfragt.
  • ii) Die Folge dieser Gleichsetzung aber ist, daß Handlungsgründe als Wünsche oder Überzeugungen angesehen werden, die für Biologisten immer intern, i.e. im Kopf lokalisiert sind, weil sie zerebralen Zuständen entsprechen. Und die Folge davon ist – das wird demnächst als Externalismus ausführlich zur Sprache kommen – daß Biologisten letztlich nicht verstehen können, wie Wünsche oder Überzeugungen zu ihrem Inhalt kommen. Letzteres aber führt das biologistische Projekt final ad absurdum, denn Biologismus beansprucht ja gerade, zu wissen, daß Wünsche und Überzeugungen als Verhaltensquellen evolutionär angepaßt wurden und gerade auf diese Weise zu ihrem evolutionär günstigen Inhalt kommen.

Damit wird nicht behauptet, daß Biologismus oder evolutionäre Psychologie auf Fodors Computermodell des Geistes angewiesen sind. Andere Hilfskonstruktionen oder auch eine reduktive Theorie des Geistes sind hier natürlich denkbar – aber sie sind natürlich ebenso uninformativ bzw. falsch.

  • (3) Es wird nun deutlich, daß der analytische Humanismus listig genug war, durch eine Trennung von Handlungsgründen und Handlungsursachen die Tür zu einer Funktion alltagypschologischer Erklärungen aufzuschließen, welche die Sphäre des Sozialen und damit die Belange der Personen und nicht der Menschen als biochemische Maschinen in den Mittelpunkt rückt – weshalb er auch mit einem nicht-reduktiven Physikalismus verträglich ist. Denn Humanismus wird erst möglich, wenn man sich für das Verhalten der Menschen auch noch unter einem anderen Aspekt interessiert, als es nur kontrollieren zu wollen. DAS wird in Zukunft das Hauptarbeitsgebiet des analytischen Humanismus sein. Auch die anti-biologistische Einstellung des analytischen Humanismus ist nun erklärlich, denn Biologismus ignoriert die Sphäre des Sozialen, anstatt sie zu analysieren und damit für Personen via Handlungserklärungen nutzbar zu machen.

Das alles zu durchschauen, ist für Dennett natürlich kein Problem, weshalb er das moderne Paradigma der Philosophie des Geistes aus der Taufe heben konnte.

III. Dennetts schwacher, intentionaler Realismus

Dennetts Ideen kreisen um die Frage, wie man intentionaler Realist sein kann, wenn es keine – wie auch immer gearteten – Entsprechungen zwischen den intentionalen Zuständen bei Personen gibt, von denen wir in der – via Strawson – unverzichtbaren Alltagspsychologie zu wissen meinen, und den verhaltenserzeugenden, zerebralen Zuständen des Körpers dieser Personen. Dennett hat seine Position in dieser Frage mehrfach revidiert. Uns interessiert hier nur seine Version eines schwachen intentionalen Realismus.

a) Thesen: Dennetts zentrales Werkzeug hierfür ist das Konzept der Einstellung gegenüber einem komplexen System, dessen Verhalten zu erklären.

  • physikalische Einstellung: Welche physischen Komponenten hat das komplexe System und nach welchen Naturgesetzen erzeugt ihre Interaktion das Systemverhalten?
  • funktionale Einstellung: Welche Funktionen erfüllen die Systemkomponenten bei der Erzeugung des Systemsverhaltens?
  • intentionale Einstellung: Über welche Informationen muß ein System verfügen, um rationalerweise gewisse Ziele und Zwecke verfolgen zu können?

Wer nun meint, einem Schachcomputer gegenüber könne man spielend die physikalische oder funktionale Einstellung hegen, um die Schachzüge zu erklären, da es sich um künstlich erschaffene Systeme handelt, deren Fähigkeiten programmiert sind, der hat Dennett so gar nicht verstanden. Denn laut Dennett hindert uns bereits die Komplexität des Schachcomputers daran, die wirklich ablaufenden physikalischen Vorgänge oder die wirklich seriell abgearbeiteten Anweisungen der software nachzuvollziehen (Dennett 1971, p.164). Wer daher wirklich Wissen über die Züge, das Verhalten eines Schachcompter generieren will, der kommt an der intentionalen Perspektive nicht vorbei.

  • (4) Damit hat Dennett die entscheidende Wende zum nicht-reduktiven Physikalismus abgeschlossen, die Fodor im Grunde nicht geschafft hat: Weil Dennett sich nur noch fragt, wie ein bestimmtes Wissen über Verhalten erlangt wird und nicht mehr wie Fodor nach dem Platz des Geistigen in der Natur sucht, gibt er eine Antwort auf die von Strawson gestellte Frage, worauf wir uns einlassen, wenn wir zugeben, daß wir von mentalen Zuständen bei Personen wissen. In Dennetts Worten brauchen wir also eine Antwort auf die Frage, in welchen Fällen die intentionale Einstellung überhaupt legitim ist.

Und die Antwort des analytischen Humanismus an dieser Stelle kennen wir bereits: Weil Handlungsgründe keine Handlungsursachen sind und weil von Handlungsursachen zu reden aufgrund des fehlgeschlagenen reduktiven Physikalismus im Grunde nonsense ist, sind intentionale Zustände primär explanatorische Postulate für den Fall, daß wir über Personen Wissen erzeugen wollen genau dann, wenn wir sie für Veränderungen in der sozialen Sphäre verantwortlich machen wollen und deshalb von ihnen sagen, sie hätten gehandelt. Die physikalische oder funktionale Einstellung Personen gegenüber würde demnach überhaupt nichts erklären – selbst, wenn sie eine Kontrolle ermöglichen.

  • Ist handlungstheoretisch irgendwie hintenherum gedacht, weil nicht die Handlung, sondern ihre Folgen zuerst dran sind, macht aber als strategischer move nun Sinn, oder?

Interessanterweise sieht auch Dennett die Notwendigkeit, die Legitimität der intentionalen Einstellung zu begründen und ihre Anwendung nicht allein dem Pragmatismus oder mangelnder Information über komplexe Systeme zu überlassen. Denn die intentionale Einstellung scheint im Grunde immer möglich zu sein, obwohl sie z.B. im Fall von fließendem Wasser oder Proteinfaltungen wenig Nutzen bringt. Bei Personen aber scheint sie nach Dennett unvermeidlich zu sein:

  • (5) Um das zu zeigen, stellt er sich einen superintelligenten Marsmenschen vor, der beansprucht, das menschliche Verhalten in physikalischer Einstellung erklären zu können (Dennett 1981, pp.23-25). Doch was diesem Marsmenschen Dennett zufolge dabei entgehen würde, ist, daß es verschiedene Realisationen derselben Handlung geben kann: Trinke ich Tee, kann ich die Tasse auf verschiedenen Bahnen, den Trajektorien, zum Mund führen, kaufe ich etwas, kann ich das in verschiedener Stimmlage tun. Dem Marsmenschen würde also in physikalischer Einstellung etwas Wesentliches entgehen: die Muster in all dem intentionalen Verhalten.

Es ist daher unvermeidlich, anzunehmen, daß auch Dennett in (5) den humanistischen Unterschied zwischen Handlungen und Körperbewegungen kennt und ausnutzt: Seiner Ansicht nach sind Handlungen keine Ereignisse, denn dieselbe Handlung kann durch verschiedene Körperbewegungen realisiert sein. Dennetts Idee ist also: in der intentionalen Einstellung erklären wir etwas anderes, als es die physikalische Einstellung je erklären könnte – z.B. Handlungen, minimal expliziert als wiedererkennbares Muster unter allen möglichen Körperbewegungen.

  • (6) Aber auch die funktionale Einstellung kann nicht leisten, was die intentionale Einstellung bietet: Denn wenn Handlungen als Handlungen auch in funktionaler Einstellung erklärt werden könnten, dann wäre die Alltagspsychologie nicht mehr als ein praktisches Instrument und intentionale Zustände wären reine Fiktionen, so daß seine Theorie wieder reduktiv werden würde. Und die reduktiven Ansätze zur Erklärung der mentalen Phänomene sind ja bekanntlich bereits gescheitert. Mit anderen Worten: Die Annahme, Handlungen könnten unabhängig von der intentionalen Einstellung als Handlungen erklärt werden, erzeugt in jedem Fall falsche Implikationen (Dennett 1991).

Dennett weiß das und hat daher einen guten Grund, zu glauben, daß intentionale Zustände nur in intentionaler Einstellung wirklich informativ in Erklärungen von Handlungen als realisierte Muster vorkommen können – eine Sache, von der wir hier gezeigt haben, daß sie eine Refomulierung von Strawson’s anti-reduktionistischer Argumentation ist. Damit sind intentionale Zustände seiner Ansicht nach auch in einem sehr speziellen Sinne durchaus real – und zwar ohne, daß ihnen konkrete oder gar eindeutige, elektrochemische Vorgänge in lokalen Hirnarealen entsprechend würden. Denn Dennett akzeptiert den wissenschaftlichen Realismus, eine heute recht verbreitete, wissenschaftstheoretische Position, die man wie folgt zusammenfassen kann:

  • i) Eine Position heißt realistisch genau dann, wenn sie gewissen Entitäten eine vom Geist unabhängige Existenz zuschreibt. Eine Entität ist alles, was überhaupt Eigenschaften haben kann.
  • ii) Wissenschaftlicher Realismus besagt, daß die von einer wissenschaftlichen Theorie postulierten, aber nicht sinnlich wahrnehmbaren Entitäten wie z.B. Photonen oder Quarks, unabhängig von dieser Theorie existieren. So existiert z.B. das Gravitationszentrum des Schwerefeldes der Erde, insofern wir die allgemeine Relativitätstheorie für richtig halten.

Nach dem wissenschaftlichen Realismus ist – qua Postulat – alles real, dessen Existenz wir annehmen müssen, um die empirisch vorgefundenen Phänomene theoretisch erklären zu können. Daher heißt Dennetts Theorie schwacher intentionaler Realismus und seine Pointe bzgl. unserer Alltagspsychologie besteht darin, sie als eine Theorie anzusehen, deren Anwendung eine soziale Komptenz ist und nicht in irgendeinem Sinne zerebrale Prozesse widerspiegelt. Die Folge des wissenschaftlichen Realismus ist, daß nach Dennett allein die intentionale Einstellung als legitime Quelle der Alltagspsychologie als empirisch-normative Theorie akzeptiert werden kann, die uns in Handlungserklärungen mit einem besonderen Typ von Wissen versorgt und dafür die Existenz intentionaler Zustände postuliert, die das Inventar der Alltagspsychologie bilden.

  • Die Debatte um den Status der Alltagspsychologie ist natürlich am Wendepunkt zur modernen Philosophy des Geistes auch unabhängig vom nicht-reduktiven Physikalismus geführt worden. Der Stand der Diskussion zu Dennetts Zeiten ist gut sichtbar z.B. in Greenwood 1991 und Davis & Stone 1995. Damals ging es darum, ob die Alltagspsychologie eine Simulation fremder mentaler Zustände auf dem eigenen Gehirn oder eben eine Theorie ist. In der Zwischenzeit hat sich auch diese Debatte entwickelt und wie kommen auf sie in einem späteren post zurück.

Damit hat Dennett die erste Version eines näherungsweise akzeptablen und sicher noch verbesserbaren, nicht-reduktiven Physikalismus formuliert, die ich aufgrund seiner Bedeutung für die Möglichkeit, den analytischen Humanismus konsistent zu formulieren, hier noch einmal zusammenfasse:

Wenn wir annehmen, daß

  • i) der wissenschaftliche Realismus haltbar ist und
  • ii) alle reduktiven Theorien des Geistes falsch sind,
  • iii) weshalb wir die Annahme aufgeben, eine Theorie des Geistes müßte so aufgebaut sein, daß den intentionalen Zuständen der Alltagspsychologie zerebrale Zustände entsprechen,

dann kann Dennett das Motiv von Strawson, neben Dingen und Ereignissen auch Personen in die Ontologie aufzunehmen, akzeptieren, weil er auf die Frage, worauf wir uns einlassen, wenn wir Personen durch ihre mentalen Zustände charakterisieren, antworten kann:

  • iv) Die Alltagspsychologie ist nicht etwa in übertragenem Sinne eine Verlängerung der Neurobiologie derart, daß das intentionale Verhalten von Personen in physikalischer oder funktionaler Einstellung erklärt werden könnte.
  • v) Stattdessen sind Handlungen als Muster nur in intentionaler Einstellung erklärbar und die entsprechenden Erklärungen bilden das Amalgam der Alltagpsychologie, deren Verständnis es weder erlaubt, intentionales Verhalten vorherzusagen noch zu kontrollieren, sondern stattdessen Wissen eines bisher nicht charakterisierten Typs über Personen erzeugt genau deshalb, weil wir Menschen für Veränderungen in sozialen Zusammenhängen verantwortlich machen wollen und deshalb sagen, sie hätten so-und-so gehandelt. Mit dem o.g. Holismus intentionaler Zustände wird dieser appraoch der Alltagspsychologie spielend fertig.
  • vi) Damit sind die intentionalen Zustände der Alltagspsychologie zwar existent, aber nicht kausal wirksam. Kausal wirksam sind die zerebralen Zustände, von denen wir aber keine eindeutige Erzeugung mentaler Zustände zuschreiben dürfen. Damit bleibt der Grundsatz der kausalen Geschlossenheit der physikalischen Welt erfreulicherweise unangetastet.

Mit anderen Worten: Alltagspsychologie ist nach Dennett eine empirisch-normative Theorie der Personen im Sinne Strawsons, weshalb sie auch in keinen neurobiologischen paper auf die Probe gestellt werden kann. Vielmehr ist sie ein Kulturprodukt, eine soziale Kompetenz und schwach reale, intentionale Zustände, die in Handlungserklärungen vorkommen, sind ihre Werkzeuge, um Personen eine Ätiologie ihrer selbstbestimmen Handlungen zugeben – nicht aber um ihre Körperbewegungen kausal zu erklären oder die Quellen ihrer Bedürfnisse zu erklären. Denn das macht nur die Neurobiologie.

  • (7) Wie wenig der Biologismus einleuchtet, kann man an Dennetts Position leicht erkennen: Denn der Biologismus glaubt, daß die Quellen eines Verhaltens zu kennen, bedeutet, es erklären und damit verstehen zu können, weshalb er der Meinung ist, daß sich evolutionäre und neurobiologische Strukturen in die Inhalte und Zusammenhänge unserer intentionalen Zustände aus unserer Alltagspsychologie „durchdrücken“ oder „irgendwie wiederspiegeln“. Doch wenn die Alltagspsychologie eine empirisch-normative Theorie ist, dann müßte das im Grunde für jede andere Theorie auch gelten, oder? Erwarten wir deshalb, daß auch z.B. die Physik nur die Folgen evolutionären Selektionsdrucks wiederspiegelt und wir heute im Grunde diejenigen physikalischen Gedanken haben, die wir schon im Pleistozän hatten oder erwarten wir, daß sich unser physikalisches Verständnis weiterentwickelt und danach ausrichtet, was die nicht der Evolution unterliegenden natürlichen Prozesse uns abverlangen? Und falls wir zugeben, daß die die Neurobiologie ermöglichende Physik nicht der Evolution unterliegt, warum sollte die Alltagspsychologie als Theorie auf einmal völlig anders aufgestellt sein? Und warum hat eigentlich noch kein Biologist darüber nachgedacht, daß die Neurobiologie irgendwie irreführend sein muß, weil sie ja nur ein Erzeugnis eines evolutionär geprägten Hirns ist, von dem schwer zu erklären ist, wie es über den Tellerrand seiner eigenen Biochemie hinaussehen kann? Die Pointe an dieser Stelle ist also: Nach dem Computerbiologismus darf die Alltagspsychologie auf keinen Fall eine Theorie sein.

Damit ist die Diskussion um den nicht-reduktiven Physikalismus noch nicht beendet, denn in den letzten 25 Jahren sind natürlich Fortschritte gemacht worden, über die auf diesem blog noch berichtet werden wird. Doch ein erstes Etappenziel ist erreicht: Wer Athetist, Metaphysikkritiker oder Humanist ist, der kann wenigstens einen, konsistenten, nicht-reduktiven Physikalismus angeben, der nicht dazu führt, daß die Sphäre des Sozialen wie im Biologismus ignoriert wird. Und nur das sollte in diesem post gezeigt werden.

 


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  1. „Denn da der Naturalismus Recht hat mit der Annahme, daß nur zerebrale Zustände das Verhalten kausal hervorbringen, sieht der Biologist – anders als die analytischen Humanisten – keine Notwendigkeit, Handlungsursachen von Handlungsgründen zu trennen, weil die Fodor’sche Entsprechung von intentionalen und zerebralen Zuständen für den Biologismus so selbstverständlich ist, daß er sie gar nicht bemerkt – und entsprechend auch gar nicht hinterfragt.“

    Ich brauch da ja immer konkrete Beispiele:

    Vielleicht kannst du es am Folgenden erklären:

    Die evolutionären Theorien besagen, dass das Spielverhalten von Kindern Vorbereitung für die Aufgaben der Erwachsenenwelt sind und daher die Geschlechter im Schnitt ein anderes Spielbverhalten zeigen. Jungs bevorzugen mehr „Rough and tumble play“ also rauere Spiele, während Mädchen im Schnitt mehr soziale Tätigkeiten lernen, also vereinfacht gesagt Jungs raufen eher, Mädchen spielen eher mit Puppen.

    Die biologische Ausgestaltung erfolgt darüber, dass die Gehirne in den Wachstumsphasen andere Vorlieben ausbilden, wobei dies weniger am Geschlecht an sich, sondern eher am Stand des prenatalen Tesosterons festegmacht wird.

    Aufgrund dieser Ausgestaltung sprechen Jungs und Mädchen im Schnitt auf geschlechtertypische Spiele stärker an und finden diese interessanter.

    Als Beleg wird angeführt, dass CAH-Mädchen, die einen erhöhten pränatalen Testosteronspiegel haben, aber ansonsten wie Mädchen aussehen und deswegen auch so sozialisiert werden, ein Verhalten zeigen, dass eher zu jungen passt und auch lieber mit Jungen spielen.

    Was sind da jetzt Handlungsursachen und was Handlungsgründe und wie werden die unzulässig vermischt?

    • Kinderkram:

      „Die evolutionären Theorien besagen, dass das Spielverhalten von Kindern Vorbereitung für die Aufgaben der Erwachsenenwelt sind und daher die Geschlechter im Schnitt ein anderes Spielbverhalten zeigen.“

      Selbst wenn sie das tun, dann liegt das Dennetts Version des nicht-reduktiven Physikalismus zufolge nicht daran, daß sich evolutionäre Strategien in Verhaltensdispositionen niederschlagen, weil es an der Verbindung, der direkten Entsprechung zwischen zerebralen Zuständen und intentionalen Zuständen fehlt.

      „Jungs bevorzugen mehr “Rough and tumble play” also rauere Spiele, während Mädchen im Schnitt mehr soziale Tätigkeiten lernen, also vereinfacht gesagt Jungs raufen eher, Mädchen spielen eher mit Puppen.“

      Kann schon sein – so what? Ist kein Grund die Pferde scheu zu machen und nach der Evolution zu brüllen.

      „Die biologische Ausgestaltung erfolgt darüber, dass die Gehirne in den Wachstumsphasen andere Vorlieben ausbilden, wobei dies weniger am Geschlecht an sich, sondern eher am Stand des prenatalen Tesosterons festegmacht wird.“

      Nein. Nur 1% der menschlichen Gene sind Konstruktionsblaupausen, die über Generationen via Selektion optimiert werden. Wenigstens 80% der Gene haben ihre biologische Funktion in der Regulation der Genexpression während der Ontogenese. Bitte ließ mal ein Biologiebuch, daß nach 2007 geschrieben wurde z.B. Terry Brown: Genome und Gene. Lehrbuch der molekularen Genetik (2007).

      Außerdem fehlt dir sowieso der empirische Nachweis, daß – sollte es so eine Ausgestaltung überhaupt geben – sie auf diese 1% der Gene zurückgehen.

      „Aufgrund dieser Ausgestaltung sprechen Jungs und Mädchen im Schnitt auf geschlechtertypische Spiele stärker an und finden diese interessanter.“

      Nein, das ist nicht einmal ein Schluß auf die beste Erklärung, denn es gibt eine bessere Erklärung: Es ist ein Kultureffekt. Ich rate dir dringend, dich mit den Resulaten des ENCODE-Projekt zu beschäftigen. Wenn dir als Nicht-Naturwissenschaftler und Nicht-Akademiker die Biologie dabei zu schwierig ist, kannst du mich gerne um Rat fragen.

      „Als Beleg wird angeführt, dass CAH-Mädchen, die einen erhöhten pränatalen Testosteronspiegel haben, aber ansonsten wie Mädchen aussehen und deswegen auch so sozialisiert werden, ein Verhalten zeigen, dass eher zu jungen passt und auch lieber mit Jungen spielen.“

      Ist ziemlich hanebüchen: Man muß für diese zirkuläre Argumentation nämlich schon wissen, daß Testorsteron für all diese Effekte verantwortlich ist. Aber das weiß man nicht, man versucht es als beste Erklärung zu erschließen. Doch das es die beste Erklärung ist, wird von dir nicht plausibel gemacht, denn du hast einfach keine andere Erklärung. Aber wenn dir nichts anderes einfällt, dann folgt daraus nicht, daß das, was dir einfällt, auch wahr sein muß.

      Insbesondere scheint das Testosteron ja merkwüdig selektiv zu sein: Es wirkt angeblich nur im Gehirn, aber ansonsten nicht auf das Aussehen – was darauf schließen läßt, daß die Testosteronkonzentration nicht ausreicht, um Männer von Frauen zu unterscheiden. Es muß komplizierter sein. Schon deshalb ist deine Erklärung in sich miserabel.

      • „Selbst wenn sie das tun, dann liegt das Dennetts Version des nicht-reduktiven Physikalismus zufolge nicht daran, daß sich evolutionäre Strategien in Verhaltensdispositionen niederschlagen, weil es an der Verbindung, der direkten Entsprechung zwischen zerebralen Zuständen und intentionalen Zuständen fehlt.“

        Okay, das ist eine Behauptung. Aber tatsächlich findet man ja andere zerebrale Zustände, wenn die Hormone sich entsprechend ausgewirkt. Und entsprechend findet man auch ein anderes Verhalten. Was liefert Dennett denn als Beleg dafür, dass das tatsächlich so ist, wenn da erhebliche Forschung dagegen steht?

        „Kann schon sein – so what? Ist kein Grund die Pferde scheu zu machen und nach der Evolution zu brüllen.“

        Was ist denn das für ein Ansatz? Man muss nicht nach der Evolution brüllen? Es ist die naheliegenste Erklärung, zumal wir genau die gleichen Mechanismen auch bei den Tieren finden. Hast du da Probleme damit, dass sie die Spiele auf das spätere Erwachsenleben vorbereiten sollen und sich daher Geschlechterunterschiede zeigen?

        „Nein. Nur 1% der menschlichen Gene sind Konstruktionsblaupausen, die über Generationen via Selektion optimiert werden. Wenigstens 80% der Gene haben ihre biologische Funktion in der Regulation der Genexpression während der Ontogenese. Bitte ließ mal ein Biologiebuch, daß nach 2007 geschrieben wurde.“

        Alle Gene werden durch Selektion optimiert. Was sollte da auch für ein Grund bestehen, dass einzelne Gene ausgenommen sind? Selektion erfolgt durch Mutation in einem Gen. Statt Adenin steht dann an der Stelle Thymin, Guanin oder Cytosin etc.
        Und gerade die Genexpression kann natürlich auch bei einer Veränderung vollkommen andere Konstruktionen ermöglichen. Das ist ungefähr so als würdest du sagen, dass nur die Daten in einer Software veränderlich sind, nicht aber die Programmroutinen (die auch aus „nullen und Einsen“ bestehen).
        Insofern zeigt eher dein Vorhalt, dass du noch einmal in ein solches Biologiebuch schauen solltest.

        „Außerdem fehlt dir sowieso der empirische Nachweis, daß – sollte es so eine Ausgestaltung überhaupt geben – sie auf diese 1% der Gene zurückgehen.“

        Das ist auch gar nicht erforderlich. Aber selbst wenn: Es wäre kein Gegenargument gegen den Mechanismus an sich. Er wäre dann nach wie vor theoretisch möglich (was aber wegen dem oben dargelegten egal ist)

        „Nein, das ist nicht einmal ein Schluß auf die beste Erklärung, denn es gibt eine bessere Erklärung: Es ist ein Kultureffekt. Ich rate dir dringend, dich mit den Resulaten des ENCODE-Projekt zu beschäftigen. Wenn dir die Biologie dabei zu schwierig ist, kannst du mich gerne um Rat fragen.“

        1. Nehmen wir an, dass Kultur eine bessere Erklärung wäre. Dann wäre die biologische Erklärung immer noch eine mögliche Erklärung und nicht kategorisch ausgeschlossen
        2. Das es Kultur ist passt nur leider nicht zu einigen hundert Studien, die immer wieder ergeben, dass Leute, die prenatal einer höheren Dosis Testosteron ausgesetzt waren entsprechendes Verhalten zeigen

        „Ist ziemlich hanebüchen: Man muß für diese zirkuläre Argumentation nämlich schon wissen, daß Testorsteron für all diese Effekte verantwortlich ist. Aber das weiß man nicht, man versucht es als beste Erklärung zu erschließen. Doch das es die beste Erklärung ist, wird von dir nicht plausibel gemacht, denn du hast einfach keine andere Erklärung. Aber wenn dir nichts anderes einfällt, dann folgt daraus nicht, daß das, was dir einfällt, auch wahr sein muß.“

        Dann wäre „Kultur“ auch eine zirkuläre Logik. Woher willst du wissen, dass es Kultur ist? Da wäre genau die gleiche UNsicherheit.

        Bei CAH-Mädchen besteht allerdings ansonsten kein Unterschied. Kulturell sind sie Mädchen, sie sehen genau so aus, sie Verhalten sich auch so. Sie hatten nur pränatal aufgrund einer Überfunktion der Nebennierenrinde ungewöhnlich viel Testosteron. Sie zeigen dennoch, obwohl sie kulturell und optisch nicht anderes sind als Mädchen ein vollkommen anderes Verhalten. Es liegt der Schluss nahe, dass dann der Faktor, der sich als einziger unterscheidet, dafür verantwortlich ist.

        Wenn du einen weiteren Abgleich willst, dann nimm die Studie von Udry: Bei den dort beobachteten Mädchen wurde mittels Nabelschnurblut Hormonstände bestimmt und dann als diese Erwachsen waren in aufwändigen Befragungen der Erziehungsstil und die elterliche Beeinflussung untersucht. Dabei zeigte sich, dass gerade die Hormonstände ganz wesentlich dafür waren, wie sensibel die Mädchen für eine weiblichere oder männlichere Geschlechterrolle waren.

        Mädchen mit viel Androgenen blieben im männlichen Spektrum, wenn man versuchte sie weiblicher zu machen, dann reagierten sie aus trotz noch männlicher. Mädchen mit wenig Androgenen hingegen wurden bei einer Erziehung zum weiblichen hin „superweiblich“ und bei einer Erziehung zum männlichen hin immer noch deutlich weiblicher als die Mädchen mit viel Androgenen

        „Insbesondere scheint das Testosteron ja merkwüdig selektiv zu sein: Es wirkt angeblich nur im Gehirn, aber ansonsten nicht auf das Aussehen – was darauf schließen läßt, daß die Testosteronkonzentration nicht ausreicht, um Männer von Frauen zu unterscheiden. Es muß komplizierter sein. Schon deshalb ist deine Erklärung in sich miserabel.“

        Natürlich wirkt Testosteron auch auf das Aussehen, aber eben das postnatale Testosteron. Aber auch diese Frage lässt sich lösen, was dir bereits aufgefallen wäre, wenn du mal die Übersichtsartikel gelesen hättest, die ich häufiger verlinkt habe: Es gibt eine Besonderheit, bei der der Körper kein Testosteron erkennen kann, CAIS (Complete Androgen Insensitivity Syndrome) was daran liegt, dass die dafür erforderlichen Rezeptoren nicht funktionieren. Männer (also Menschen mit Y Chromosom), die dieses Syndrome haben, sehen aus wie Frauen, sie haben innenliegende Hoden:

        Zwar sind die zunächst noch im Körperinneren gelegenen Gonaden zu Hoden differenziert, aber durch die periphere Testosteronresistenz (das Testosteron muss an Androgenrezeptoren binden, diese reagieren jedoch nicht ausreichend) wird die von einer ungestörten Testosteronwirkung abhängige weitere Differenzierung zu einem männlichen Phänotyp unterbrochen und stattdessen die Ausbildung des pseudo-weiblichen Phänotyps (bei weiterhin bestehenbleibenden männlichem Genotyp) verfolgt. Somit kann sich auch kein männliches äußeres Genital entwickeln und verbleibt der Hoden in der Folge im Körperinneren bzw. kann sich maximal in die Gegend der Leiste bzw. der großen Schamlippen senken. Auch deshalb wird, die primäre Folge des Gendefekts berücksichtigend, heute besser von einer kompletten Androgenresistenz CAIS gesprochen.
        Bei der Geburt weist in der Regel nichts darauf hin, dass es sich bei dem Neugeborenen nicht um ein normal entwickeltes Mädchen handelt. Von einer inkompletten Androgenresistenz (PAIS und MAIS = partielle bzw. minimale Androgenresistenz) unterscheidet sich die komplette Androgenresistenz CAIS somit vor allem bezüglich der Entwicklung des sozialen Geschlechts, so dass ein gesonderter Beitrag gerechtfertigt ist.
        Die nicht-Androgen-abhängigen Schritte der Sexualdifferenzierung sind weiter möglich: Das in den Sertoli-Zellen der embryonalen Hoden gebildete Anti-Müller-Hormon (AMH) bewirkt eine Rückbildung der zunächst bei beiden Geschlechtern vorhandenen Müller-Gänge, die wiederum die Anlagen für Gebärmutter und Eileiter darstellen, so dass diese Organe nicht ausgebildet werden. Nachdem die Anlage des oberen Drittels der Vagina ebenfalls aus den Müller-Gängen stammt, ist diese in der Regel verkürzt und endet blind, da sie auch keine Cervix umfassen kann. In einzelnen Fällen kann sie aus Gründen, die bislang nicht genau verstanden werden, sogar bei Geschwistern mit kompletter Androgenresistenz erhebliche Längenunterschiede aufweisen bzw. so verkürzt sein, dass in Extremfällen später ein chirurgischer Vaginalaufbau notwendig ist, um einen befriedigenden Geschlechtsverkehr ermöglichen zu können. Abgesehen davon ist die weibliche Entwicklung ungestört. Die betroffenen Personen entwickeln sich äußerlich weiblich. Inwieweit alle Organe androgenresistent sind, ist noch nicht wissenschaftlich belegt. Die Intelligenz ist durchschnittlich (bis überdurchschnittlich). Zudem liegt die Körpergröße oftmals über dem Durchschnitt.

        Das macht den hohen Einfluss der Hormone auf das äußere Erscheinungsbild deutlich.

        • Ich toleriere deine rethorischen Sopistereien ein letztes Mal auf diesem blog.

          “Selbst wenn sie das tun, dann liegt das Dennetts Version des nicht-reduktiven Physikalismus zufolge nicht daran, daß sich evolutionäre Strategien in Verhaltensdispositionen niederschlagen, weil es an der Verbindung, der direkten Entsprechung zwischen zerebralen Zuständen und intentionalen Zuständen fehlt.”

          „Okay, das ist eine Behauptung.“

          Nein, dafür werden Argumente in dem post geliefert. Es macht keinen Sinn, zu behaupten, sie wären nicht da.

          „Was liefert Dennett denn als Beleg dafür, dass das tatsächlich so ist, wenn da erhebliche Forschung dagegen steht?“

          Die steht ja eben nicht dagegen, weil die Interpretation von Daten keine Folgerung aus den Daten ist. Ich habe das hier dargelegt und erwarte, daß du die Argumente nicht permanent ignorierst.

          https://jungsundmaedchen.wordpress.com/2016/03/25/warum-biologismus-unserios-ist/

          „Alle Gene werden durch Selektion optimiert.“

          Es macht an dieser Stelle keinen Sinn, weiterzureden, wenn du dich weigerst, die Grundlagen deiner eigenen Theorie zu verstehen. Die Lektüre von Dawkins und Pinker ist nicht ausreichend, um Biologie zu verstehen.

          „Das ist auch gar nicht erforderlich.“

          Doch ist es. Denn nur dann kann es eine Entsprechung zwischcen sozialer Praxis und evolutionärer Optimierung über Generationen hinweg geben.

          „Es wäre kein Gegenargument gegen den Mechanismus an sich.“

          Doch, denn du muß für alle intentionalen Zuständen eine eindeutige Entsprechung zu zerebralen Zuständen nachweisen. Du hingegen hast nicht mal den biologischen Nachweis für eine einzige dieser Entsprechungen.

          „Er wäre dann nach wie vor theoretisch möglich (was aber wegen dem oben dargelegten egal ist)“

          Nein, es ist nicht möglich. Und zwar von biologischer und auch von alltagspsychologischer Seite aus. Von biologischer Seite aus ist das nicht möglich, weil nur äußerst selten ein einzelnes Neuron für einen bestimmten Effekt verantwortlich gemacht werden kann und auch frü diese Neurone der Nachweis fehlt, daß sie gebildet werden aufgrund von Genen, die allein aufgrund generationenübergreifender Selektion ihre biologische Funktion erfüllen.

          Dir ist der Gen-Begriff selbst völlig unklar. Biologen wußten schon immer, daß der Gen-Begriff nicht eindeutig ist, aber nach dem ENCODE-Projekt ist es noch komplizierter geworden. Es führt kein Weg darum herum, daß du die naturwissenschaftlichen Ergebnisse zur Kenntnis nimmst. Sonst bist du ganz schnell in der Position des Kathaolizismus zu Zeiten Galileis.

          “Nehmen wir an, dass Kultur eine bessere Erklärung wäre.“

          Das ist lediglich die Art der vermuteten Erklärung, nicht die Erklärung selbst.

          „Dann wäre die biologische Erklärung immer noch eine mögliche Erklärung und nicht kategorisch ausgeschlossen“

          Doch ist sie. In den Naturwissenschaften gilt jede Erklärung als unwissenschaftlich, für die es keine Belege gibt und du kannst keine Belege anführen. Stattdessen spekulierst du herum, wie es sein könnte. Solche Spekulationen gehören aber nicht zur empirischen Naturwissenschaft der Biologie.

          „Das es Kultur ist passt nur leider nicht zu einigen hundert Studien, die immer wieder ergeben, dass Leute, die prenatal einer höheren Dosis Testosteron ausgesetzt waren entsprechendes Verhalten zeigen“

          Du wiederholst hier lediglich deine vorherige, zirkuläre Argumentation.

          „Dann wäre “Kultur” auch eine zirkuläre Logik. Woher willst du wissen, dass es Kultur ist?“
          Weil die Biologie offenbar nicht daran schuld ist.

          „Es liegt der Schluss nahe, dass dann der Faktor, der sich als einziger unterscheidet, dafür verantwortlich ist.“

          Selbst wenn wir irreführenderweise einmal zugeben wollen, daß dies naheliegt, so ist dies dennoch nicht als Beleg ausreichend, es bleibt eine Spekulation.

          „Wenn du einen weiteren Abgleich willst, dann nimm die Studie von Udry“

          Ich bin dabei, sie zu wiederlegen. Das kommt später. Weitere Abweichungen vom Thema von deiner Seite aus dulde ich nicht.

  2. Mir fällt gerade auf, dass du die eigentliche Frage:

    „Was sind da jetzt Handlungsursachen und was Handlungsgründe und wie werden die unzulässig vermischt?“

    noch gar nicht beantwortet hast

  3. […] (6) Damit ist gezeigt, daß es generell keinen Zusammenhang zwischen einzelnen mentalen Zuständen und Verhaltensweisen gibt. Nicht ausgeschlossen wird damit, daß es einen Zusammenhang gibt zwischen einzelnen Verhaltensweisen und Gruppen von mentalen Zuständen – eine Tatsache, der wir hier als Holismus von intentionalen Zuständen schon einmal bei der Kritik an Fodors Sprache…. […]

  4. […] ii) Nehmen wir an, das Thermometer sei mit einem Alarmsystem für niedrige Außentemperaturen gekoppelt. Dann beinhaltet der Alarmzustand einen Inhalt über den Zustand des Thermometers, nicht aber über den Repräsentationszustand des Thermometers, denn es wird mit dem Alarm nichts über die Außentemperatur induziert, sondern über das, was ihr Zeigerstand repräsentiert. Also: Überträgt man dies auf das Haben mentaler Zustände, dann folgt zwar, daß Q die Einstellung φ=Warnung bzgl. Φ hat, aber den Inhalt p von Φ nicht schon aufgrund des Alarms kennt. Doch daraus folgt noch mehr: Kein Repräsentationszustand erzählt durch seinen Inhalt, wie er zustandegekommen ist. (Wäre es anders, dann müßte Fodors Repräsentationalismus in bezug auf Alltagspsychologie interessant sein. Doch das ist nicht der Fall.) […]

  5. […] daraus, daß die zerebralen Zustände die intentionalen Zustände der Alltagspsychologie erzeugen, selbst wenn hier gezeigt wurde, daß es keine eindeutige Entsprechung zwischen ihnen gibt? Die Pointe von Dennett’s  Theorie besteht darin, das Verständnis unserer […]

  6. […] Und wir wissen bereits, daß Wissen über Mentales nichts damit zu tun hat, es direkt aus dem Verhalten zu folgern oder Verhalten zu kontrollieren oder vorherzusagen. […]

  7. […] Es gibt einen Holismus bei intentionalen Zuständen wie z.B. Überzeugungen: Ob eine Person einen bestimmten intentionalen Zustand wirklich realisiert, hängt u.a. davon ab, […]

  8. […] nicht-reduktiver Physikalismus als Folge des Athismus: Es gibt keine direkte Verbindung zwischen einzelnen zerebralen und einzelen intentinoalen […]

  9. […] Intuitionen: Ais theoretischer Sicht ist Freiheit Handeln aus Gründen – was uns den nicht-reduktiven Physikalismus und damit den Antibiologismus bringt – und aus ethischer Sicht ist Würde Handeln in Freiheit […]

  10. […] Reduktionismus – vor allem vertreten durch Identitätstheorie, Funktionalismus und anomaler Materialismus […]

  11. […] pure intentional system theory (IST): Ihr Inventar sind die hier schon mehrfach [1, 2, 3, 4, 5, 6, 7] thematisierten intentionalen Zustände, die allein mit Hilfe der […]

  12. […] in Form der direkten Entsprechung von einzelnen zerebralen und einzelnen intention Zuständen: Damals ging es um die Frage der wissenschaftlichen Haltbarkeit des Repräsentationalismus. Die Sache ging so aus, daß der Repräsentationalismus – das Computermodell der Geistes […]

  13. […] in Form der direkten Entsprechung von einzelnen zerebralen und einzelnen intention Zuständen:Damals ging es um die Frage der wissenschaftlichen Haltbarkeit des Repräsentationalismus. Die Sache ging so aus, daß der Repräsentationalismus – das Computermodell der Geistes – […]

  14. […] Atheismus ist eine besondere Position zur Naturalisierung des Körper-Geist-Zusammenhangs, der nicht-reduktive Physikalismus. Eine Debatte zur Willensfreiheit – die vor allem von den Biologisten bestritten wird, die […]

  15. […] Und nach dem auf diesem blog bereits verfochtenen Prinzip des wissenschaftlichen Realismus, existieren daher solche normativen Geschlechterrollen genau dann, wenn wir über sie eine gute […]

  16. […] Intuitionen: Ais theoretischer Sicht ist Freiheit Handeln aus Gründen – was uns den nicht-reduktiven Physikalismus und damit den Antibiologismus bringt – und aus ethischer Sicht ist Würde Handeln in Freiheit […]

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