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Die Naturalisierung des Inhalts intentionaler Zustände

Der sich in der manosphäre inzwischen auf dem Rückzug befindende Computerbiologismus vertritt einen methodologischen Individualismus in der Alltagspsychologie. Das bedeutet, daß danach alltagspsychologische Phänomene von nichts anderem als dem Gehirn der Personen abhängen und soziale Phänomene Aggregate dieser Phänomene sind. Ein weiteres experimentum crucis besteht daher darin, die Identitätsbedingungen des Inventars der Alltagspsychologie, der intentionalen Zustände zu untersuchen. Der Computerbiologismus wäre falsifiziert, wenn die Identitätsbedingungen der intentionalen Zustände nichts mit dem Gehirn zu tun hätten. Und genau das ist der Fall.

Übersicht:


quality : good

tl;dr:

Man kann zeigen, daß der Inhalt von in der Alltagspsychologie vorkommender intentionaler Zustände keine Funktion irgendwelcher anderen simultan oder zeitlich verschoben realisierten psychischen Zustände ist, so daß nicht alles, was den Inhalt intentionaler Zustände ausmacht, intern, genauer: im Kopf sein kann. Dieser Nachweis geht über die Behauptung, daß physiologische Identität in keiner Weise psychologische Identität impliziert, weit hinaus: Behauptet wird, daß einen Gedanken zu haben, etwas zu begreifen, eine Idee zu haben oder etwas zu verstehen, nichts Psychologisches ist – was immer ein  psychologischer Zustand auch sein mag. Stattdessen hängt die Identität der intentionalen Zustände von dem ab, was nicht im Kopf ist: den Gegenständen der Außenwelt, von denen sie handeln oder auch von Theorien über dieses Gegenstände, die die Experten einer Gesellschaft als richtig erklären.

reminder:

Wenn intentionale Zustände keine Dispositionen sind und Fodors Konzept mentaler Repräsentationen sowie der Reduktionismus in der Philosophie des Geistes ergebnislos geblieben ist, dann müssen sich zwangsläufig alle Augen auf Dennetts schwachen, intentionalen Realismus richten, der 1991 zum ersten Mal komplett vorlag und von folgender Frage ausging:

  • (1) Wenn wir uns darüber einig sind, das nur das Gehirn den Geist erzeugt, folgt dann daraus, daß die zerebralen Zustände die intentionalen Zustände der Alltagspsychologie erzeugen, selbst wenn hier gezeigt wurde, daß es keine eindeutige Entsprechung zwischen ihnen gibt? Die Pointe von Dennett’s  Theorie besteht darin, das Verständnis unserer Alltagspsychologie von „seltsame Beschreibung der Arbeitsweise unseres Gehirns“ auf „soziale Theorie zur Charakterisierung von Personen“ zu shiften und sie mit einem wissenschaftlichen Realismus zu kombinieren, so daß ihre Antwort hierauf „Nein.“ lautet.

Das erste Problem dabei ist, daß Dennett nicht im Detail angibt, wie die intentionale Einstellung der Verhaltenserklärung, die er in seiner Theorie formuliert, als Quelle seiner ganzen Argumentation, eigentlich aussieht und im Detail funktioniert.

  • (2) Dabei gäbe genug zu erklären, denn wir wissen schon, daß die mentalen Phänomene unseres Alltags deutlich komplizierter und verwickelter sind, als uns lieb ist: Der methodologische Individualismus, der sowohl von Biologismus wie auch von der traditionellen Erkenntnistheorie lange Zeit gepflegt wurde, ist an diesem experimentum crucis bereits gescheitert.

Das wahre Problem fällt einem jedoch erst dann auf, wenn man genauer darüber nachdenkt, worin der zu naturalisierende Inhalt intentionaler Zustände eigentlich besteht. Hilary Putnam  (Putnam 1975) und Tyler Burge (Burge 1979 , Burge 1986, Burge 1986, Burge 1988) haben in dieser Frage nach der Natur und dem Wesen intentionaler Zustände unter den labeln Antiindividualismus und Externalismus Bahnbrechendes geleistet – was die analytische Philosophie des Geistes in den letzten 25 Jahren in entscheidener Weise geprägt und auf Trapp gehalten hat (z.B. Grimm & Merrill 1988, Saporiti 1997, Rechenauer, 1994, Jackson 2009, Baker 2007, Baillie 1997, Briscoe 2007, Brown 2004, Davis 2005, Engelhardt 2016, Esfeld 2002).

I. Wozu braucht man Identitätsbedingungen?

Als Naturalisten und Metaphysikkritiker lassen Humanisten nur wenige Sorten von Entitäten in ihre Ontologie – und zwar Dinge, Ereignisse, Personen und sicher auch Mengen, damit die Mathematiker unter uns glücklich werden.

  • Der erste Grund dafür liegt darin, daß Humanisten sicherstellen möchten, über welche Objekte sie quantifizierte Aussagen machen. Schließlich sollen diese Aussagen der Erfahrung standhalten können.
  • Der zweite Grund ist etwas spezieller: Humanisten, die auf den nicht-reduktiven Physikalismus angewiesen sind, akzeptieren einen wissenschaftlichen Realismus. Das bedeutet, daß die Existenz aller Objekte postuliert wird, die eine Theorie zu Erklärungszwecken benötigt. Und je unklarer die Identitätsbedingungen dieser Objekte, desto schlechter wird diese Theorie etwas erklären.
  • Der dritte Grund liegt schlicht auf der Hand: Wenn es wahr ist, daß etwas existiert, dann macht es auch Sinn zu fragen, ob es mit etwas identisch ist. Und ist das nicht der Fall, dann war die vorgenannte Annahme falsch. (Quine 1948)

Wenn daher die Alltagspsychologie eine empirisch-normative Theorie der Charakterisierung von Person sein und intentionale Zustände ihr Inventar abgeben sollen, dann müssen Humanisten konsequenterweise Identitätsbedingungen intentionaler Zustände angeben.

  • (3) Damit ist nicht nur gemeint, daß wir die wesentlichen Eigenschaften intentionaler Zustände angeben können, sondern auch, was sie jeweils voneinander unterscheidet – was bedeutet, daß wir an dieser Stelle das Leibniz’sche Prinzip der Identität des Ununterscheidbaren akzeptieren.

Die Folge ist, daß jeder Humanismus später einmal auch Identitätsbedingungen von Personen wird angeben müssen. Das gilt natürlich auch für den hier entwickelten analytischen Humanismus.

Welche Möglichkeiten stehen uns überhaupt zur Verfügung, intentionale Zustände zu individualisieren? Mir fallen da nur vier Möglichkeiten ein:

  • Man könnte zunächst daran denken, geistige Zustände mit Hilfe der Gehirnaktivität zu individualisieren. Doch dieses Verfahren ist insofern zirkulär, als eine Zuordnung geistiger Zustände zu Gehirnaktivitäten ihre Individualisierung bereits voraussetzt.
  • Es bleiben daher nur die kausalen Zusammenhänge, in denen geistige Zustände vorzukommen pflegen – was als Funktionalismus bereits gescheitert ist – die Erfahrung, wie es ist, in solchen Zuständen zu sein – was wir bereits als das Haben von Qualia bezeichneten – und die Variante, intentionalen Zustände wie Überzeugungen oder Wünschen einen Inhalt in Sätzen ausdrückbaren Inhalten zuzugestehen derart, daß man diesen Inhalten eindeutig Wahrheits- oder Erfüllungsbedingungen zuordnet.

Kann man intentionale Zustände mit Hilfe derjenigen Erfahrungen zu individualisieren, die man machen muß, wenn man sich in diesen Zuständen befindet? M.a.W.: Es fragt sich, ob man intentionale Zustände mit Hilfe von Qualia identifizieren kann. Doch stehen ganz offensichtliche Hindernisse entgegen:

  • i) Die Zuordnung von intentionalen Zuständen und Qualia ist nicht eindeutig: Haß z.B. kann sich wie ein Rausch anfühlen oder auch quälend und belastend sein, Eifersucht schmerzlich oder anspornend, eine Enttäuschung kann uns wütend machen oder gedrückt zurücklassen.
  • ii) Einige intentionale Zustände sind Überzeugungen und einige Überzeugungen fühlen sich gar nicht an, wie zum Beispiel zu glauben, daß die zweite Nachkommastelle der Zahl π ohne Rest durch 2 teilbar ist.
  • iii) Bei anderen ist das Erlebnis des Habens einer Überzeugung nicht ausreichend, um sie von anderen Überzeugungen zu unterscheiden: So fühlt sich meine Überzeugung, daß mein Bleistift links meines notebooks liegt genauso an, wie die, daß er rechts davon liegt – wie immer sich das auch anfühlen mag.

Halten wir uns also an die letzte, vergleibende der von mit aufgezählten Varianten, die wir Realismus bei intentionalen Zuständen nennen.

  • (4) Wir gehen daher davon aus, daß intentionale Zustände einen semantisch charakterisierbaren Gehalt haben, d.h. die Inhalte  intentionaler Zustände sind mit Wahrheits- oder Erfüllungsbedingungen verknüpft: Die Inhalte von Überzeugungen haben Wahrheitsbedingungen, die diese Meinungsinhalte identifizieren und die Inhalte von Wünschen haben Erfüllungsbedingungen, die diese Wunschinhalte identifizieren. Und nur die Inhalte intentionaler Zustände identifizieren diese Zustände selbst.

Es ist klar, daß der Computerbiologismus den methodologischen Individualismus auf (4) so anwendet, daß er die Identitätsbedingungen der intentionalen Zustände unter den zerebralen und anderen psychischen Zuständen der einzelnen Menschen auszumachen versucht.

II. Sind die Gedanken im Kopf?

Und mir scheint, daß wir (4) auch nicht aus bloßer Verzweiflung annehmen, sondern wir gehen jeden Tag in völlig selbstverständlicher Weise davon aus, daß

  • i) intentionale Zustände durch in propositionalen Einstellungszuschreibungen der Form „Ich glaube/wünsche, daß-p“ nicht extensional vorkommende daß-Sätze semantisch identifiziert werden
    ii) solche daß-Sätze, deren koextensionale Teilsätze nicht salva veritate substituierbar sind, verschiedene intentionale Zustände charakterisieren, was eine notwendige Bedingung dafür ist, intentionale Zustände durch ihre Inhalte zu identifizieren, anstatt durch ihre Wechselwirkungen mit etwas anderem oder durch ihr Erlebtwerden.

Damit soll nicht gesagt sein, daß geistige Zustände mit Inhalt selbst eine Bedeutung haben. Dieses Privileg bleibt Ausdrücken vorbehalten, die einer Sprache angehören. Ein Holismus von Überzeugungen zieht daher keinerlei Holismus der Semantik von Aussagesätzen nach sich.

  • (5) Könnten wir aber umgekehrt Gründe geltend machen, daß der Inhalt eines intentionalen Zustandes z.B. einer Überzeugung nur analysiert werden kann durch einen ensprechenden daß-Satz derart, daß dieser Zustand nicht individuert werden kann, ohne den Satz zu kennen und gibt es einen semantischen Holismus, dann setzt sich dieser semantische Holismus in die Menge intentionaler Zustände fort.

Besonders heilsam gegen den methodologischen Individualismus ist es, sich daran zu erinnern, daß intentionale Zustände nicht auf zerebralen supervenieren, denn Supervenienz ist bereits ein sehr loser Zusammenhang von Physischem und Mentalem. Darüberhinaus zeigen wir jetzt, daß der Inhalt intentionaler Zustände keine Funktion irgendwelcher anderen psychischen Zustände ist, so daß nicht alles, was den Inhalt mentaler Zustände ausmacht, intern, genauer: im Kopf sein kann. Zu diesem Zweck werde ich ein Beispiel angeben, in dem sich zwei Personen A und B im selben psychologischen Zustand befinden, wir aber bestreiten würden, daß sie dieselben Gedanken haben – falls wir (4) akzeptieren.

  • Die zusätzlich in dem Beispiel verwendete Prämisse, daß A und B physiologische Doppelgänger sind, ist beweistechnisch übrigens unnötig und sorgt nur dafür, daß die Behauptung mit der Ablehnung der Supervenienz von psychologischen auf zerebralen Zuständen konsistent ist.

Wir machen außerdem die Annahme, daß intentionale Zustände wie z.B. Überzeugungen oder Wünsche über konkrete Einzeldinge nicht ohne irgendeinen kausalen Kontakt zu diesen Einzeldingen erworben werden können.

  • (6) Das ist nicht unproblematisch, wenn man an nicht-existente Gegenstände oder neue Erfindungen denkt. Aber andererseits erfindet nicht jedes Gehirn seine eigene Welt und Gegenstände scheinen kausale Quellen von Informationen sein zu müssen, weil wir keinerlei Grund zu der Annahme haben, daß unprogrammierte Gehirne z.B. die von Babies überhaupt Informationen über die Außenwelt besitzen.

Ich denke daher, daß (6) dennoch akzeptabel ist. Sie wird im folgenden – ausführlicher als nötig entwickelten – Beispiel die Tatsache sichern, daß A und B sich tatsächlich in ihren Überzeugungen auf denselben Gegenstand x beziehen, der auf die eine oder andere Weise der Ursprung ihrer Informationen über x ist.

Beispiel: A, Mitglied der Gesellschaft G1, der die Sprache dieser Gesellschaft außergewöhnlich gut und korrekt beherrscht, könnte im Zusammenhang mit beliebigen gewöhnlichen Gegenständen x seines täglichen Lebens infolge seiner großen und wahren Detailkenntnisse über x eine in G1 korrigierbare Theorie T1 im Zusammenhang mit x entwickeln. A hat auch gelernt auf verschiedene und standardisierte Weise x zu bezeichnen, so daß A dieselbe sprachliche Kompetenz, x zu bezeichnen, aufweist wie jedes andere Mitglied von G1 und zu keinem Zeitpunkt Zweifel daran entstehen, daß A und irgendein anderes Mitglied von G1 wirklich über x reden. Soweit ist bei A alles normal und man muß nun T1 mit zusätzlichen Merkmalen ausrüsten:

  • i) Nehmen wir nun an, T1 sei eine Theorie darüber, was Gegenstände derselben Art wie x sind, als was sie gelten, wozu sie in G1 benutzt werden bzw. was man über x in sozialer Hinsicht in G1 glaubt. So könnte T1 z.B. eine Theorie darüber sein, welchem Ziel die Mode dient: Den Kapitalismus auf dem Weg über die menschliche Eitelkeit anzukurbeln oder dem gesellschaflichen Sinn für Schönheit zu genügen o.ä.. Es ist äußert wichtig, zu sehen, daß T1 nicht eine Theorie über die wahre Natur und intrisischen z.B. physikalischen Eigenschaften von x ist, sondern eine Theorie darüber, ob x sind, was man in G1 von x so im allgemeinen glaubt, daß sie es sind. T1 darf daher z.B. keine Theorie über die Beschaffenheit der Materie sein, deren Schicksal allein von solchen o.g. Detailkenntnissen und ihrer Kohärenz mit anderen Theorien abhängt. Denn solche Theorien können nicht mit demselben Recht in verschiedenen Gesellschaften verschiedene Wahrheitswerte haben. Und wir werden sehen, daß wir genau das benötigen, um nicht in einen epistemischen Relativismus abzugleiten.
  • ii) Wenn nun T1 sagt, was x ist, dann lassen sich aus T1 für die Identität von x relevante Behauptungen ableiten. Mögliche Beispiele wären vielleicht:
    Ein Messer ist ein Gegenstand, der normalerweise aus einem Holzgriff und einer metallenden Klinge besteht und verwendet wird, um etwas zu zerschneiden.“ oder auch „Holz- oder Metallkreuze, die in Kirchen aufgehängt sind, warten dort nicht auf ihren Einsatz als Folterinstrumente, sondern sie sind religiöse Symbole, die bei rituellen Handlungen oder kultischen Zeremonien eine Rolle spielen.“
  • iii) Sei nun weiter T1 über x falsch in G1, aber insofern begründbar, als sie mit allen überhaupt zur Verfügung stehenden Erfahrungen verträglich ist, so daß kein Vertreter von T1 deshalb irrational ist, weil er T1 vertritt.
  • iv) Im übrigen genügt es hier, eine Theorie einfach als Menge von Überzeugungen anzusehen.
  • v) So ausgerüstet denke man sich jetzt eine Person B, einen physiologischen Doppelgänger von A und Mitglied einer anderen Gesellschaft G2 aus derselben Welt wie G1 mit einer syntaktisch identischen Sprache wie der von G1 – inklusive Alphabet und Wortschatz. B teile alle oben angegebenen Merkmale von A. Es sei zusätzlich – und im Unterschied zu G1 – T1 wahr in G2.

Unter diesen besonderen Umständen kann folgendes passieren: A (aus G1)  könnte zunächst eine Theorie T2 von der Art von T1 über x vertreten und nach reiflicher Überlegung zu dem (in G1 falschen) Schluß kommen, daß T2 falsch und T1 wahr ist in G1, obwohl er einsieht, daß es erstaunlich ist, daß er dies als einziger zu bemerken scheint. B (aus G2) könnte zunächst an T2 über x glauben, weil er einigen Mißverständnissen über den kulturellen Sprachgebrauch in G2 aufsitzt, der z.B. vorschreibt, aus Ehrfurcht Aussagen über vielleicht kultische Objekte der Sorte von x grundsätzlich ins Gegenteil zu verkehren. Damit nimmt man an, daß T2 falsch ist in G2. Falls nun zusätzlich B aus irgendwelchen Gründen dazu kommt, T2 zu bezweifeln und von T1 korrekterweise vermutet, daß sie wahr sein in G2, dann gilt zu demjenigen Zeitpunkt, in dem A in G1 und B in G2 ihre gegenwärtige Überzeugung T1 bekunden, Folgendes:

  • i) A und B sind physiologisch identisch.
  • ii) A und B sind insofern psychologisch identisch, als sie beide glauben, daß T1 in Bezug auf x wahr ist. Da die Identität eines intentionalen Zustandes nicht von seiner Vorgeschichte, sondern nach (4) durch ihren über Wahrheits- und Erfüllungbedingungen charakterisierten Inhalt abhängt, kann man diese lokale psychologische Identität von A und B global erweitern, ohne daß dies für das Ergebnis einen Unterschied machen würde: A und B sind daher psychologisch völlig identisch.
  • iii) Falls nun (4)  gilt, müssen daher der gemeinsam von A und B geteilten Überzeugung, daß T1 wahr ist, verschiedene Gedanken entsprechen, weil ihre Überzeugungen relativ zu den jeweiligen Gesellschaften nicht denselben Wahrheitswert haben: Wenn A und B ihre Auffassung über x zum Besten geben, dann ernten sie mit guten Gründen unterschiedliche Reaktionen, denn A macht es systematisch – wenn auch in verzeihlicher Weise – falsch, und er würde unter ungünstigen Umständen für verrückt gehalten werden: Denn A glaubt, daß die x identifizierende Theorie falsch ist. B hingegen liegt völlig richtig und könnte sich zusätzlich durch die Mitglieder von G2, die B z.B. wegen seiner langen Leitung ein wenig belächeln, ein wenig verschaukelt vorkommen.

Die unterschiedlichen Wahrheitswerte desselben Inhalts eines intentionalen Zustands, einer Überzeugung, kommen offenbar daher zustande, daß in G1 und in G2 – via T1 bzw. T2 – unterschiedliche kognitive Praktiken bzgl. x befolgt werden oder vielleicht x in den verschiedenen Gesellschaften nicht dieselbe soziale Relevanz hat.

  • (7) Entscheidend ist: Die für die Verteilung der Wahrheitswerte verantwortlichen Unterschiede kommen offenbar aus der Umgebung, insbesondere aus denjenigen, speziell gewählten Theorien, die über x gerade en vogue sind und sie beruhen weder auf zerebralen noch auf mentalen Unterschieden. Nicht alle Gegenstände x und nicht alle Theorien über x mögen davon betroffen sein, aber die Sache ist hier so allgemein beschrieben, daß sie für unbestimmt viele Gegenstände und Theorien in Bezug auf die Identitätsbedingungen von Überzegungen, i.e. intentionalen Zuständen der Alltagspsychologie, gilt.

Dieses Ergebnis (7) deutet darauf hin, daß, wenn wir die Bedeutung eines Begriffs zu explizieren versuchen, wir uns am Ende mit denjenigen Explikationen begnügen, die die jeweiligen Experten einer Gemeinschaft als korrekt, adäquat oder wahr auszeichnen.

Also: A und B sind trotz ihrer physiologischen und psychologische Identität nicht im selben geistigen Zustand, da der solche Zustände identifizierende Inhalt mangels invariantem Wahrheitswert nicht derselbe sein kann.

Man kann sich die Pointe dieser antiindividualistischen Überlegung noch einmal an einem weit weniger allgemeinen Beispiel klarmachen:

  • (8) Angenommen, es gäbe zwei gleichsprachige Gesellschaften, in denen es zu demselben Wort, deren verschiedene Referenzgegenstände sich in den verschiedenen Gesellschaften nur bis auf Details unterscheidet, verschiedene und exklusive Theorien der oben genannten Art über diesen Referenzgegenstand x. Würde nun ein Reisender A, der diese Detailunterschiede nicht kennt, zwischen diesen Gesellschaften wechseln, so würde er sich in Abhängigkeit von demjenigen Szenario, in dem er seine Gedanken hat, mit demselben Wort auf Verschiedenes beziehen und seine Gedanken zu diesem Thema würden mit der lokalen Gesellschaft ihren Wahrheitswert wechseln, obwohl die Menge der Informationen, über die A aus irgendwelchen Quellen und Gründen mental verfügt, konstant geblieben ist.

Also: Man muß in bestimmten Relationen zu der sozialen Umwelt stehen, um bestimmte Gedanken haben zu können. Insbesondere muß man dafür wissen, welche Auffassung über Gegenstände als wahr in derjenigen Gesellschaft, in der man diesen Gedanken hat, so gehandelt werden.

  • (9) Dieses Ergebnis scheint mir für die Existenzannahme einer Menge unbewußter individualisierter Wünsche und Überzeugungen besonders katastrophale Folgen zu haben und wird es nötig machen, unser Verständnis vom Unbewußten zu korrigieren. Insbesondere für das Verständnis von psychologischer Determiniertheit wird das massive Konsequenzen haben.

Zusammenfassend kann man sagen: Wenn intentionale Zustände, die in psychologischen Erklärungen eine wichtige Rolle spielen, überhaupt individualisierbar sind, dann sind sie es höchstens unter Bezugnahme auf Externes, z.B. unter Bezugnahme auf die Natur äußerer Objekte, den sozialen Kontext oder kognitive Praktiken.

  • Mit einem epistemischen Relativismus, der ja den Kern des Sozialkonstruktivismus bildet, hat dieses Ergebnis übrigens nichts zu tun: Hier geht es z.B. um die Identität des Inhalts von Überzeugungen, während es im epistemischen Relativismus um verschiedene Wahrheitswerte derselben Überzeugung geht.

Also: Der methodologische Individualismus bei intentionalen Zuständen wurde empirisch falsifiziert.

Das bedeutet nicht, daß der methodologische Individualismus als Strategie niemals etwas taugen könnte, aber bei der Analyse der Alltagspsychologie hat er nichts verloren.

  • (10) Da der methodologische Individualismus eine notwendige Bedingung des Computerbiologismus ist, ist der Computerbiologismus empirisch falsifiziert.

Das antiindividualistische Resultat (7) stößt die Tür zu einem semantischen und mentalen Externalismus erst auf und die hier gegeben Resultate lassen sich noch massiv verschärfen – was jedoch in einem späteren post Thema sein soll. Sehen wir uns stattdessen noch an, was (10) für den analytischen Humanismus bedeutet.

III. Humanismus – Existenz eines kollektiven Sozialen

Aufgrund der Folgen in (10) des Hauptergebnisses (7) des Antiindividualismus kann man auch formulieren, daß der Computerbiologismus von allem möglichen handelt, aber nicht von denjenigen mentalen und sozialen Phänomenen, die wir in unserer Alltagserfahrung vorfinden.

  • (11) Stattdessen können wir nur dann in einigen, nicht aber in allen Fällen herausfinden, was wir denken und wünschen, i.e. was uns als Personen ausmacht, indem wir von einer kollektiven, sozialen Sphäre zehren, deren Existenz wir – dem wissenschaftlichen Realismus zufolge – voraussetzen.

Es ist das zentrale Hauptthema des analytischen Humanismus, diese kollektive soziale Sphäre zu analysieren – was vor allem eine Angelegenheit des Handlungsbegriffes sein wird.

  • (12) Denn wenigstens ein Teil unserer Gedanken und Wünsche läßt sich offenbar nur identifizieren, wenn wir die kognitiven Praktiken anderer Menschen berücksichtigen – auf eine Weise, die wir noch herausfinden müssen.

Der wissenschaftliche Realismus ist daher wegen der Herleitung von (11) für den analytischen Humanismus von besonderer, systematischer Bedeutung und es ist wesentlich, daß er sich vor allem in den harten Naturwissenschaften und damit unabhängig von mind-body-problem bewährt hat.

Mit (12) wird noch einmal deutlich,

  • (13) daß kein Computerbiologismus jemals ein Humanismus sein kann: Denn Computerbiologismus handelt von Menschen, nicht von Personen. Und Humanismus handelt von Personen, nicht von Menschen. Denn Personen sind sehr viel mehr als Menschen es je sein können, weil sie in alltagspsychologische Handlungserklärungen durch intentionale Zustände charakterisiert werden.
  • (14) inwiefern der analytische Humanismus eine antifeministische Pointe hat, die kein Computerbiologismus jemals vorbringen kann: Denn Feminismus beruht auf der Idee, daß die Männer daran schuld sind, daß Gesellschaft und Wirtschaft hierarchisch zuungunsten der Frauen strukturiert sind und sich dem die Frauen nicht entziehen können, weil Frauen tragisch verstrickt sind in intransparente soziale Beziehungen. Nur der analytische Humanismus wird offenbar die Chance haben, letzteres als Scheinproblem zu entlarven.

Mit (14) entzaubern wir den Computerbiologismus ein weiteres Mal: Zwar täuschen die Biologisten gerne vor, daß sie mit den Lebenswissenschaften die schärfste Waffe gegen den Feminismus führen könnten – was aber nach Einschätzung der Biologisten selbst verrückterweise nicht heißt, antifeministisch zu sein – aber in Wahrheit haben die Feministen selbst ein massives, politisches Interesse, die Auseinandersetzung mit dem Biologismus zu schüren:

  • Denn die Feministen wissen ganz genau, daß ihnen der Computerbiologismus niemals gefährlich werden kann, da er die Heimatdomäne des Feminismus, die soziale Sphäre, noch nicht einmal bemerkt hat.

Und daher ist den Feministen sehr daran gelegen, daß Männer von den wahren Schwächen des Feminismus abgelenkt werden und ihre Zeit und ihre Kräfte in der Auseinandersetzung um den Computerbiologismus verbrauchen, anstatt wirklich an dem Ast zu sägen, auf dem jeder Feminist sitzen muß: Biologismus schadet immer der Sache der Männer.


4 Kommentare

  1. […] der Letztbegründung über die wahre Natur der Alltagspsychologie und die einzig mögliche, (falsche) individualistische Natur des Sozialen. Daher strebt der Computerbiologismus eine Art […]

  2. […] Der methodologische Individualismus bei intentionalen Zuständen ist falsch: Weder supervenieren sie auf zerebralen Zuständen, noch sind sie eine Funktion psychischer […]

  3. […] Ist die Alltagspsychologie eine empirisch-normative Theorie zur Charakterisierung von Personen oder eine naive Beschreibung der zerebralen Funktionen? Im ersten Fall ist Reduktionismus oder […]

  4. […] Wünsche und Meinungen sind Elemente der alltagspsychologischen Theorie, deren Funktion allein darin besteht, das […]

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