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Warum analytische Philosophie des Geistes antibiologistisch sein muß

Einige werden sich gewundert haben, daß die in den von mir bisher geposteten Artikeln zur Widerlegung des Biologismus zitierte Literatur fast immer mindestens 25 Jahre alt ist. Das hat seinen Grund. Denn der Biologismus als Paradigma dessen, wofür empirische Daten über das Gehirn sprechen, gehört in ein ontologisches Paradigma des Verständnisses des Mentalen, daß mit Descartes begann und vor 25 Jahren unterging. Die zentralen Autoren des Biologismus wie Dawkins oder Pinker schrieben ihre Bücher vor dem Hintergrund des Wissens ihrer Zeit vor 15-40 Jahren und daß sie das neue, epistemische Paradigma in der analytischen Philosophie seit 1986 nicht heraufdämmern sahen, kann man ihnen wohl nachsehen, nicht aber, daß ihre Thesen auf einer überholten und irreführenden metaphysischen Fragestellung nach der Natur des Mentalen beruhen: Computerbiologismus teilt in diesem Sinne das Schicksal der veralteten Phlogistontheorie, die später von der Oxidationstheorie abgelöst wurde.

Übersicht:


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reminder:

Dennett hat mit seinem schwachen, intentionalen Realismus zu Beginn der 1990iger die erste Version eines näherungsweise akzeptablen – i.S. von Strawsons Mentalismus – nicht-reduktiven Physikalismus formuliert, der für die Möglichkeit, den analytischen Humanismus als metaphysik-kritische Theorie konsistent zu formulieren, eine notwendige Bedingung darstellt und wie folgt zusammengefaßt werden kann:

Wenn wir mit Dennett annehmen, daß

  • i) der wissenschaftliche Realismus hinreichend präzisiert werden kann und deshalb haltbar ist und
  • ii) alle reduktiven bzw. eliminativistischen Theorien des Geistes falsch oder inadäquat sind,
  • iii) weshalb wir die Annahme aufgeben, jede Theorie des Geistes müßte so aufgebaut sein, daß den intentionalen Zuständen der Alltagspsychologie Personen eindeutig zerebrale Zustände des Gehirn dieser Personen auf eine noch zu erklärende Weise entsprechen,

dann kann Dennett das Motiv von Strawson, Personen aufgrund unserer Alltagserfahrungen mit mentalen Zuständen in seine Ontologie aufzunehmen, akzeptieren, weil er auf die Frage, worauf wir uns einlassen, wenn wir Personen als Entitäten durch ihre mentalen Zustände charakterisieren, antworten kann:

  • iv) Die Alltagspsychologie ist nicht etwa in übertragenem Sinne eine Verlängerung der Neurobiologie derart, daß das intentionale Verhalten von Personen in physikalischer oder funktionaler Einstellung vollständig erklärt werden könnte.
  • v) Stattdessen werden Handlungen als Handlungen nur in intentionaler Einstellung erklärbar – und zwar in besonderen Handlungserklärungen erklärber – und diese Erklärungen bilden den corpus der Alltagpsychologie, deren Verständnis es weder erlaubt, intentionales Verhalten zu prognostizieren oder zu kontrollieren, sondern stattdessen Wissen eines bisher nicht charakterisierten Typs über Personen hervorzubringen genau deshalb, weil wir Menschen für Veränderungen in sozialen Zusammenhängen verantwortlich machen wollen und deshalb sagen, sie hätten so-und-so gehandelt.
  • vi) Damit sind die intentionalen Zustände der Alltagspsychologie zwar existent im Sinne des wissenschaftlichen Realismus, aber nicht kausal wirksam. Kausal wirksam sind die zerebralen Zustände, von denen wir aber im allgemeinen keine eindeutige Erzeugung mentaler Zustände nachweisen können. Damit bleibt der Grundsatz der kausalen Geschlossenheit der physikalischen Welt erfreulicherweise unangetastet.

Können wir uns das irgendwie veranschaulichen?

I. Nicht-reduktiver Physikalismus als konzeptioneller Quantsprung

Dennetts nicht-reduktiver Physikalismus wirkt wesentlich weniger verblüffend, wenn ich Dennetts schwachem intentionalen Realismus – als rein pädagogische Hilfskonstruktion – noch eine weitere Komponente hinzufüge: Wie Fodor führe ich eine Art Zwischenschicht ein, die kognitiven Zustände, aber anders als Fodor bestreite ich, daß von ihnen in der Alltagspsychologie die Rede ist oder sie den intentionealen Zuständen der Alltagspsychologie irgendwe entsprechen. Wenn wir das einmal annehmen wollen, dann gilt:

  • a) Die z.B. via FMRT lokalisierbaren, zerebralen Zustände erzeugen die nicht-beobachtbaren kognitiven Zustände i.S.d. wissenschaftlichen Realismus.
  • b) Die kognitiven Zustände des Gehirns erzeugen die Alltagspsychologie – ebenso wie auch jede andere Theorie, sei sie nun natur- oder geisteswissenschaftlich.
  • c) Die Folgen kognitiver Zustände sind überall präsent: Wenn wir z.B. ein physikalisches Modell entwickeln, wenn wir einen Stuhl bauen oder ein Bild malen, wenn wir den Weg suchen oder den Versuchungen der Funktionsharmonik nicht widerstehen können.
  • d) Überall dort, wo wir die Folgen kognitiver Zustände beobachten und es um die Charakterisierung von Personen geht – und das tut es nicht immer – verwenden wir die Alltagspsychologie zur Rationalisierung von Handlungen, nicht zur kausalen Aufklärung über den Ursprung sexuell konnotierter Präferenzen.
  • e) Im Sinne eines reverse engineerings sind die kognitiven Zustände auf die zerebralen Zustände (lokal) zurückführbar. Aber daraus und aus der Tatsache, daß die kognitiven Zustände des Gehirns die Alltagspsychologie erzeugen, folgt nicht, daß die Alltagspsychologie ohne Umweg über die kognitiven auf die zerebralen Zustände zurückführbar wären. Genau das aber glauben Reduktionisten, der Repräsentationalismus nach Fodor und die Biologisten.

Dieses Zwischenergebnis klingt im Moment ein wenig künstlich: Wie können wir uns e) veranschaulichen? Nehmen wir dafür einmal an, das Gehirn könnte durch ein Schachspiel veranschaulicht werden. Dann bestimmt zweifellos die Neurobiologie die Eigenschaften der Schachfiguren sowie des Schachbretts und die Physik sagt uns, was wir mit Brett und Figuren alles so anstellen können. Doch selbst wenn wir einmal annehmen wollen, daß die Evolution uns die Regeln so eines Schachspiels vorschreibt, folgt daraus nicht, mit welcher Strategie man wie schnell ein Schachspiel gewinnt, welchen Verlauf es hat und wie die Endstellung ist.

  • (1) Denn im Schachspielen gut zu sein, ist eine kognitive Kompetenz des Strategischen und vielleicht sogar des Sozialen, weil es eben auch gilt, die temporären Schwächen des Gegners z.B. seine Risikobereitschaft richtig einzuschätzen. Entsprechend liefert uns die Neurobiologie nur Hinweise, wie wir eine künstliche Intelligenz zu realisieren haben. Aber sie kann niemals vorschreiben, wie unsere Alltagspsychologie aussieht, weil intentionales Verhalten im Sinne der Alltagspsychologie nicht gesteuert wird, sondern selbst die alltagspsychologische Steuerung der lokalen Abläufe der Welt darstellt. Der Biologismus hingegen glaubt, daß intentionales Verhalten von Wünschen und Überzeugungen gesteuert wird, doch in Wahrheit erklären diese nur das intentionale Verhalten i.S. der Alltagspsychologie und Erklärungen erzeugen keine Prognosen. Das ist also etwas völlig anderes, weil das intentionale Verhalten ja bereits via der zerebralen Zustände von den kognitiven Zuständen gesteuert werden muß: Schließlich ist es in der Regel physisch und beobachtbar.

Man könnte daher sagen, daß die Biologisten vergessen haben, daß die Menschen intelligent sind – vermutlich weil die sozialen Erfahrungen der Biologisten selbst mit dem Modell einer programmierten Maschine sehr viel mehr zu tun haben, als mit einen komplexen, adaptiven System, wie es das Gehirn nun einmal ist, weshalb sie auf Biegen und Brechen die Alltagspsychologie zu einer intuitiven Theorie über die Arbeitsweise des Gehirns machen wollen. Das aber ist empirisch falsch ist, weil es erstens der Komplexität des Gehirns Hohn spricht und zweitens eine Menge alltagspsychologischer Phämonene darauf hindeuten, daß intentionale Zustände Werkzeuge der Wissensbeschaffung sind, nicht aber Dispositionen. Insbesondere kommen intentionale Zustände Personen zu, nicht aber Gehirnen. Das Biologisten das falsch machen, nennt man heutzutage einen mereologischen Fehlschluß (Bennett & Hacker, 2003).

  • (2) Angesichts der Tatsache, daß wir heute noch Shakespeare und griechische Tragödien in bestem alltagspsychologischen Sinne verstehen, was nur möglich ist, wenn sich die Alltagpsychologie in den letzten 2500 Jahren nicht zu sehr verändert hat, ist das eher unrealistisch: Immerhin war Aristoteles der Meinung, daß die physiologische Aufgabe darin besteht, das Gehirn zu kühlen. Als besonders alltagspsychologisch würden wir diese Idee heute wohl nicht einschätzen.

II. Philosophie des Geistes: klassisch

Der nicht-reduktive Physikalismus führt par excellence vor, was es heißt, eine analytische Perspektive zu entwickeln:

  • (3) Analytiker werden in der Philosophie deshalb so genannt, weil sie sprachkritisch sind. Das bedeutet etwa nicht Kritik an der Sprache selbst, sondern an einer Philosophie, die den Beitrag der Formulierung einer Frage für das Spektrum möglicher, sinnvoller Antworten nicht genau im Auge behält – was wiederum eine wesentliche Rolle dafür spielt, was man weiß, denn Wissen ist – abgesehen von Gettier’schen Komplikationen – mit Argumenten begründete, wahre Meinung und argumentieren kann man eben nur und ausschließlich in einer Sprache.

Das ist etwas völlig Neues: Denn lag der Kerngedanke der mit Kants Namen verbundenen kopernikanischen Wende in der Philosophie noch in der Forderung, daß der Erforschung der Gegenstände der Erfahrung eine Untersuchung der für die Gegenstandserkenntnis konstitutiven Leistungen des Subjekts, seiner Wahrnehnumgsfähigkeiten, seines Verstandes und seiner Vernunft als Vermögen des isoliert betrachteten Subjektes vorausgehen müsse, so ist die Idee der analytischen Philosophie, daß der Analyse der Gegenstände der Welt eine Analyse der Sprache vorangehen muß, die wir bei der Rede über diese Gegenstaände benutzen müssen. In der Philosophie des Geistes bedeutet dies: Wer etwas über die Gedanken wissen will, muß erst die Sätze anlysieren, mit denen wir diese Gedanken zum Ausdruck bringen. Generell nennen wir dies den linguistic turn und er besagt:

  • i) Wissen haben wir nur in Abhängigkeit von der Beschreibung von etwas, in Bezug auf das wir Wissen zu haben beanspruchen.
  • ii) Wahrheit und Wahrheitsbedingungen sind abhängig von der Semantik der Sprache in der diese formuliert werden.
  • iii) Es gibt keine Tatsachen, die komplett formulierungsunabhängig wären: Mit der von uns unabhängig existierenden Realität sind wir daher nur insoweit bekannt, als wir sie in unseren Beschreibungen repräsentieren.

Die Konsequenz des linguistic turn ist daher ein semantic ascent, ein strategischer Themenwechsel von den empirischen Phänomenen weg hin zur Sprache über diese Phänomene – verstanden als eine Art preprocessing. Wahrheitsprobleme werden nach dem linguistic turn aufgefaßt als Probleme ihrer sprachlichen Formulierung, so daß sie notfalls rekonstruiert werden können mit logischen oder sonstigen sprachphilosophischen Mitteln. Wahrheit wird daher verstanden als Satzwahrheit, nicht als Seinswahrheit. Das kennen wir im Grunde bei Einzelthemen schon aus vorherigen posts:

  • (3) Wir waren bereits darauf aufwerksam geworden, daß erstens die Güte einer Erklärung davon abhängt, wie beschrieben wird, was erklärt werden soll und zweitens die Angabe von kausalen Relationen allein noch überhaupt noch nichts erklärt. Denn Erklärungen können wir ebenso nicht unabhängig von der Verwendung von Sprache in der Beschreibung von explanans und explanandum geben – ebenso wie wir nicht unabhängig von Sprache argumentieren können.
  • (4) Wir haben bereits die Tatsache kennengelernt, daß unsere zu Erklärungszwecken gemachte alltagspsychologische Annahme, Personen würden bestimmte intentionale Zustände realisieren, nicht dem methodologischen Individualismus folgt, weil die Identität dieser Zustände von mehr oder weniger seltsamen externen Faktoren abhängt wie etwa die Beschaffenheit der Natur oder den sonstigen, sprachlich verfaßten Theorien einer Gesellschaft.

Was macht der linguistic turn in der Philosophie des Geistes für einen Unterschied im Hinblick auf unser Wissen über die Schnittstelle von Gehirn und Geist? Was Dennett in seinem schwachen, intentionalen Realismus gemacht hat, ist die Alltagspsychologie als eine nur via Sprache zugängliche Theorie zu beschreiben, als etwas, zu dem wir Anlaß haben, weil wir Handlungen als Handlungen, als Muster unter Tätigkeiten und nicht bloß als zweckerfüllende Ereignisse rationalisieren wollen. Und Rationalität hat immer etwas damit zu tun, daß etwas gut oder schlecht ist, mit Normen und nicht mit den kausalen Relationen der Natur, die auch dann bestehen, wenn kein Mensch von ihnen weiß.

Für die klassische Philosophie des Geistes ist dieser move natürlich mehr oder weniger unverdaulich, denn der nicht-analytische Vorläufer der zeitgenössischen philososphy of mind, zu dem auch der Biologismus gehört, hat noch die antiken, metaphyischen Fragestellungen im Kopf, die schon Platon und Aristoteles gestellt haben:

  • (5) „Was gibt es und worin besteht die wahre Natur der Realität?“
  • (6) „Was sind die ersten Ursachen und Prinzipien dieser wahren Realität?“
  • (7) „Welches Vermögen des Subjektes erlaubt einen wissensmäßigen Zugang dazu?“

Entsprechend soll dem Mentalen z.B. im Biologismus ein Platz in der Welt zugewiesen und geklärt werden, wie jedes einzelne Gehirn seinen Geist erzeugt – und zwar auf naturalistische Weise. Daher hat der Biologismus nicht nur metaphysische Ambitionen, er ist auch auf die Annahme einer Art Entsprechung von zerebralen und mentalen Zuständen angewiesen, die die Erzeugung auf Seins-Ebene darlegt. Anders bekommt man – metaphorisch gesprochen – das Schiff in diesem Wind einfach nicht nach Hause gesegelt.

Demzufolge können wir – ziemlich vereinfacht – für die klassische, in der Neuzeit entworfene Philosophie des Geistes ein ontologisches Paradigma des mind-body-problems skizzieren, das auch im Computerbiologismus gültig ist.

mind-body-classic

Wie ist dieses picture zu verstehen? Die schwarzen Pfeile deuten an, wie sich die jeweilige Theorie den Zusammenhang von Gehirn und Geist vorstellt unter der Annahme, daß das Gehirn das Mentale direkt erzeugt. Die Sortentrennung erfolgt hier im ontologischen Sinne, im Seins-Sinne, i.e. es geht hier darum, welche Art von Bestandteilen der Welt es gibt und wo ihr systematischer Platz ist. Und es gibt klarerweise verschiedene Ansätze dazu:

  •  (8) Descartes z.B. wußte noch nicht so richtig, wie mentale und körperliche Substanzen wechselwirken und – brieflich von irgendeiner schwedischen Prinzessin in Verlegenheit gebracht – erfand er die lustige Geschichte von der Zirbeldrüse.
  • (9) Der Reduktionismus war im 20 Jhr. in Gestalt des Funktionalismus wohl am einflußreichsten und seine These war, daß mentale Zustände ontologisch neutrale, funktionale Zustände sind, die allein durch ihre kausale Rolle – einerseits untereinander und andererseits mit den zerebralen Zuständen – charakterisiert werden. Die Sache hat bekanntlich nicht geklappt.
  • (10) Zwar gibt es im Computerparadigma des Geistes, dem Repräsentationalismus von Jerry Fodor, keine reduktionistischen Ambitionen, aber mentale Repräsentationen haben eigentlich nichts damit zu tun, wie wir Wissen über Mentales erlangen.

Biologismus ist unter Maskulisten unter anderem deshalb so populär, weil viele Maskulisten die Erzeugung des Geistes durch das Gehirn angesichts ihrer Abneigung gegenüber metaphysischen Spekulationen für eine alternativlose Vorstellung halten. Doch das ontologische Paradigma ist keineswegs alternativlos, denn nicht alle Ansätze, die in neuester Zeit zum mind-body-problem entwickelt wurden, lassen sich in dieses Paradigma integrieren.

III. Philosophie des Geistes: analytisch

Denn in Wahrheit erlangen wir nicht Wissen über Mentales, indem wir das Gehirn verstehen, sondern – wie Strawson gezeigt hat – indem wir Personen verstehen. Alles andere wäre ein mereologischer Fehlschuß.

Und wir verstehen Personen, indem wir erfolgreich die Handlungen dieser Personen als Handlungen erklären – was nicht dasselbe ist, wie ihren Ursprung zu kennen oder diejenigen Tätigkeiten, auf denen diese Handlungen gelegentlich beruhen. DAS ist Dennetts Pointe und deshalb zeichnet er als erster ein epistemisches picture von Gehirn und Geist, das in der analytischen Philosophie des Geistes seitdem unangefohten Standard ist.

Wenn wir uns ebenfalls nur auf den Unterschied zum Biologismus konzentrieren, dann können wir das folgende, vereinfachte Schema dieses Paradigmas angeben:

mind-body-analytic

Die wesentlichen Ändernungen gegenüber dem ontologischen picture des Computerbiologismus sind die folgenden:

  • (11) Das Mentale ist jetzt nur noch ein Teil aller geistigen Phänome, denn zusätzlich wurden die kognitiven Leistungen unter die geistigen Phänomene aufgenommen.
  • (12) Die Annahme, daß das Gehirn das Mentale direkt erzeugt, wurde fallengelassen. Direkt erzeugt werden jetzt nur noch die kognitiven Leistungen.
  • (13) Die Sortentrennung erfolgt in diese picture nicht im Seins-Sinne, sondern in einem epistemischen Sinne, denn es geht darum, die sprachlichen Identitätsbedingungen aller mentalen Phänomene danach zu sortieren, wie wir von ihnen in rationalisierenden Handlungserklärungen Wissen erlangen. Daher postulieren wir die Existenz theoretischer Entitäten wie z.B. intentionale Zustände und wir tun dies, weil wir Personen durch das Hegen intentionaler Zustände charakterisieren können in Situationen, wo wir das z.B. aus moralischen Gründen benötigen.
  • (14) Die roten Pfeile zeigen an, wo in diesem epistemischen picture die möglichen und bereits fehlgeschlagenen Optionen für den Biologismus zu finden sind. Es ist klar, daß der Biologismus sich die Sache viel zu einfach macht. Unklar ist, warum er sich weigert, dazu zu lernen.

Offensichtlich erfordert dieses picture für verschiedene Typen mentaler Phänomene auch verschiedene Typen von alltagspsychologischen Handlungserklärungen. Die am einfachsten zu durchschauenden sind folgende Fälle:

  • (15) Beispiel für eine Handlungserklärung Typ 1: „Er tat es, weil er es vesprochen hatte und aus Sympathie, nicht aus Pflicht, sein Versprechen halten wollte.“
  • (16) Beispiel für eine Handlungserklärung Typ 2: „Er verkroch sich vor Angst unter der Bettdecke.“ oder „Er warf den verschlissenen Dosenöffner voller Wut zum Fenster hinaus.“

Natürlich könnte es noch weitere Typen von Handlungen und weitere Typen von Rationalisierungen geben – was natürlich auch der Fall ist, so daß die Biologisten völlig zu unrecht davon ausgehen, daß alle Handlungen Mittel für den Generalzweck des Überlebens oder der Gen-Weitergabe sind. Aber das muß in einem anderen post über Alltagspsychologie untersucht werden, denn auf diese Weise könnte sich die Alltagspsychologie als Theorie von beträchtlicher Raffinesse erweisen, die nicht ohne Grund in der Belletristik die Epochen überlebt und als spracharchäologisches Verständnis dort seit Jahrhunderten sedimentiert wurde.

IV. Biologismus im epistemischen Paradigma der Alltagspsychologie

Natürlich wurde die analytische Philosophie von Gottlob Frege ganz offiziell bereits 1879 mit seinem Buch Begriffschrift erfunden. Doch offenbar hat es ein wenig gedauert, bis sie sich bei allen relevanten, philosophischen Rätseln, die in der akademischen Welt auftauchen, auch durchsetzen konnte.

Der erste, systematische update, den das epistemische Paradigma mit sich bringt, besteht darin, den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen rund um Gehirn und Geist neue Rollen zuzuweisen, in denen sie aber ihre volle Wirkung im Grunde erst entfalten können:

  • (17) Denn die Entstehung der Kognition und ihre Leistungen haben viel mit künstlicher Intelligenz, Kognitionswissenschaften und mathematischem maschine learning zu tun, doch – wie das Argument der Multirealisierbarkeit aus der Widerlegung der Identitätstherie bereits zeigte – nichts mit Neurobiologie oder biologischer Evolution. Würde der Biologismus recht haben, dann dürften nichts anderes als evolutionäre Algorithmen auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz kognitive Leistungen von Maschinen erbringen. Doch sie machen in der Realität natürlich nur einen kleinen Teil der Forschung aus. Also: Der Biologismus hat nicht recht, aber trotzdem wird er natürlich einfach weitermachen, wie bisher.
  • (18) Hingegen hat die Frage, wie es sich anfühlt, mentale Phänomene zu durchleben und z.B. Qualia zu haben, sehr viel mit Neurobiologie zu tun: Drogen wirken nicht umsonst und ich kann mir schwer vorstellen, daß eine Spezies evolutionär gesehen eine Überlebenschance hat, die weder Schmerz noch Angst empfindet. Auch die Entstehung von Bewußtsein müssen die Neurobiologen zusammen mit den Psychologen klären – mit ein klein wenig Hilfe von den Philosophen. Hier könnte der Biologismus ein Arbeitsgebiet finden, daß ihm die Philosophen nicht streitig machen würden. Doch der Biologismus ist allein an Alltagspsychologie interessiert – ein verwirrender Umstand, der uns noch beschäftigen wird.

Der zweite, systematische update betrifft das Verständnis der Erzeugung des Geistes, seines In-die-Welt-Gesetzt-Werdens. Im ontologischen picture wird bei dieser Erzeugung ein realistischer Sinn in die intersubjektive Existenz des Mentalen hineingelesen: Das Mentale ist hier Teil der Natur – falls es überhaupt existiert – und eine Naturalisierung des Geistes kann daher nur bedeuten, das man die natürlichen Relationen identifiziert, die zwischen dem Mentalen und dem Rest der Natur bestehen. In Wahrheit jedoch konnten wir zeigen, daß die Alltagspsychologie gerade zu geschaffen wurde, um Wissen über Personen und ihre epistemische Einbettung in soziale Kontexte zu generieren. Damit ist der zum ontologischen Paradigma gehörenden methodologische Individualismus in der Alltagspsychologie falsch – was zugleich den Computerbiologismus ein weiteres Mal falsifiziert.

Der Biologismus verharrt leider fröhlich im alten, überholten, ontologischen Paradigma: Wie in der obigen Graphik in rot eingezeichnet, hat der Biologismus, der auf die These der Entsprechung zwischen zerebralen und intentionalen Zuständen angewiesen ist, aber nur die Wahl zwischen zwei falschen Theorien des Geistes: dem Reduktionismus und Repräsentationalismus.

  • (19) Die Folge ist einerseits, daß der Biologismus den Determinismus, der in der neuzeitlichen Naturwissenschaft ein sehr erfolgreiches und fast schon triviales Aufklärungsinstrument war, unwiderstehlich findet und es kostet ihn eine gewaltige Menge unglaubwürdiger Verrenkungen, zu erklären, warum wir alle nur fast, aber nicht komplett lediglich Maschinen sind. Andererseits verwandelt dies das ursprünglich aufklärerische Projekt des Biologismus in ein zweifelhaftes, metaphysisches Geschäft der Letztbegründung über die wahre Natur der Alltagspsychologie und die einzig mögliche, (falsche) individualistische Natur des Sozialen. Daher strebt der Computerbiologismus eine Art naturwissenschaftliche Modernisierung der Alltagspsychologie an und ist weit davon entfernt, wie der eliminativen Materialismus, die mentalen Phänomene komplett zu leugnen. Wie nicht anders zu erwarten, hat das dann auch dazu geführt, daß die Biologisten die inzwischen längst Standard gewordenen, biologischen Entwicklungen durch das Human Genom Project und das ENCODE-Project ignorieren und nach wie vor eine überkommene, essentialistische Lesart des Genbegriffs verwenden.

Im neuen, wesentlich bescheideneren, epistemischen picture kann man sich von dieser Perspektive lösen, da in die Erzeugung nur noch ein epistemischer Sinn hineingelesen wird: Es interessiert nur noch, wie man Wissen über Mentales erlangt und Fragen der Existenz kann man dem wissenschaftlichen Realismus überlassen. Damit wird der metaphysische Anspruch des Biologismus, anzugeben, wie die wahre Natur des Psychischen und des Sozialen beschaffen ist, aufgegeben. Das bedeutet im Grunde, daß Antibiologismus dafür plädigt, daß der längst erfolgte Paradigmenwechsel von allen auch zur Kenntnis genommen wird: Analytische Philosophie des Geistes muß immer antibiologistisch sein, denn die Kognition steht im Zentrum der Aufklärung im 21. Jahrhundert. Doch die kommt im Biologismus im Grunde gar nicht vor, weil wir seiner Ansicht nach jetzt immer schon das wollen und denken, was sich über Generation evolutionär bewährt hat – im Mittel.

  • (20) Dennetts epistemisches picture erklärt damit auch sehr viel besser, wie wir überhaupt auf den intentionalen Realismus kommen: Denn die intentionalen Zustände erhalten ihre semantische Struktur und damit ihre Merkmale der Opakheit und Rationalität deshalb, weil sie theoretische Entitäten sind, die von der sprachlich verfaßten Theorie der Alltagspsychologie postuliert werden zum Zwecke der Erklärung. Und unsere Rationalisierungsgewohnheiten in die kausale Struktur der Welt hinein zu projezieren, wie das der Repräsentationalismus tut, ist eine Sache, von der man am Besten komplett die Finger läßt. Hier hatten wir bereits dargelegt, daß die Alltagspsychologie im vom Biologismus gezeichneten picture keine Theorie sein darf.

Denn der Computeriologismus möchte vermeiden, Wissen um die mentalen Phänomene aus einer kognitiven Kompetenz des Sozialen zu beziehen, die er selbst unter Rückschlägen erwerben müßte. Stattdessen möchte er sich seinen sozialen Erfolg lieber von den Triumphen der Naturwissenschaften in den Schoß legen lassen. Das genügt den Biologisten, denn sie möchten das Verhalten anderer Personen nur kontrollieren und es zu verstehen, ist ihnen entweder zu kompliziert oder schlichtweg egal.

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12 Kommentare

  1. Schachspiel erscheint mir ein schlechtes Beispiel, weil es eben etwas künstliches mit klar definierten regeln ist, in das gesonderte wünsche kaum einfließen können.
    Wenn man es als Beispiel nehmen will, dann würden sich die Ziele in vielen Bereichen eben aus der Biologie ergeben müssen.
    Nimmt man insoweit die Disposition den König zu Fall zu bringen, dann mag dieses Ziel mit Logik umgesetzt werden, für für Motivation wäre dann die Biologie zuständig

    • Dieser Kommentar ist ein schönes Beispiel dafür, wie man im ontologischen Paradigma antwortet, also entweder nicht gelesen oder nicht verstanden hat, was ich geschrieben habe.

      Es gibt solche Dispositionen übrigens nicht. Kognition wird nicht durch Gene bestimmt und soziale Kompetenz ist eine kognitive Fähigkeit.

      Die Biologie ist auch nicht für die Motivation zuständig, das ist nur ein Mißerständnis über Determinisms. Was du verrittst ist nicht ein naturwissenschaftlicher Ansatz, sondern ein geisteswissenschaftlicher Ansatz. Weil du aber weder das eine noch das andere bist, verstehst du das nicht.

  2. […] kulturell über mehr als 2000 Jahre gewachsene Alltagspsychologie als empirisch-normative Theorie der Charakterisierung von autonom handelnden Personen hat sich in zurückliegenden posts als […]

  3. […] Folge ist, daß Wünsche keine Dispositionen sein können. Stattdessen ist die Alltagsspychologie keine Beschreibung der Aktivitäten des Gehirns, sondern sie erweißt sich als eine empirisch-normative Theorie zur Charakterisierung von […]

  4. […] Sicht ist Freiheit Handeln aus Gründen – was uns den nicht-reduktiven Physikalismus und damit den Antibiologismus bringt – und aus ethischer Sicht ist Würde Handeln in Freiheit – was uns den positiven […]

  5. […] der Ablehnung des Dualismus, der eine ontologische Differenz zwischen mentalen und physikalischen Entitäten behauptet, als […]

  6. […] Bekanntlich liegt die Pointe von Dennett’s nicht-reduktivem Physikalismus darin, den Status der […]

  7. […] ein anderes Mal bei Dennetts Aufspaltung der empirisch-normative Theorie der Alltagspsychologie in die die realistische sub-personal-cognitive-psychology (SPCP) und die realismusfreie pure […]

  8. […] ein anderes Mal bei Dennetts Aufspaltung der empirisch-normative Theorie der Alltagspsychologie in die die realistische sub-personal-cognitive-psychology (SPCP) und die realismusfreie pure […]

  9. […] Wünsche und Meinungen sind Elemente der alltagspsychologischen Theorie, deren Funktion allein darin besteht, das intentionale Handeln zu erklären. Für Humanisten ist […]

  10. […] Die Folge des humanistischen Atheismus ist eine besondere Position zur Naturalisierung des Körper-Geist-Zusammenhangs, der nicht-reduktive Physikalismus. Eine Debatte zur Willensfreiheit – die vor allem von den […]

  11. […] Sicht ist Freiheit Handeln aus Gründen – was uns den nicht-reduktiven Physikalismus und damit den Antibiologismus bringt – und aus ethischer Sicht ist Würde Handeln in Freiheit – was uns den positiven […]

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