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Kausalität und Typidentität intentionaler Zustände

Antiindividualismus ist für evolutionäre Psychologie und Biologismus, die beide auf einen methodologischen individualismus angewiesen sind, ein nicht zu überwindendes Problem. Dabei hat es an ernsthaften Versuchen, das zu schaffen, wirklich nicht gefehlt. Dieser post verfolgt die Gegenstrategie von Jerry Fodor, die deshalb so interessant ist, weil sie einerseits viel über die konzeptionelle Natur unserer Alltagspsychologie und andererseits viel über unser in den empirischen Wissenschaften dokumentiertes Kausalverständnis verrät. Zugleich blickt dieser post auf die bisherigen Analyseresultate der im analytischen Humanismus wesentlichen Alltagspsychologie zurück und legt auf eine neue Weise dar, warum der Biologismus nicht als Analyse der Alltagspsyhologie fungieren kann.

Übersicht:


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reminder:

Die kulturell über mehr als 2000 Jahre gewachsene Alltagspsychologie als empirisch-normative Theorie der Charakterisierung von autonom handelnden Personen hat sich in zurückliegenden posts als überraschend hinterhältig und komplex erwiesen:

Keine Frage – eine richtig gut konzipierte Theorie über Personen sieht anders aus, aber die Realität zu leugnen, hilft da auch nicht weiter.

Und wie erwartet, steht der ohnehin zirkulär argumentierende Computerbiologismus diesen Phänomenen komplett hilf- und sprachlos gegenüber, weil er das ontologische Paradigma des Geistes aus der neuzeitlichen Philosophie verwendet. um in guter, alter, metaphysischer Tradition der Letztbegründung der Alltagspsychologie einen Platz in der Natur zuzuweisen. Doch damit hört der Ärger, der uns die Alltagspsychologie macht, leider keineswegs auf – sehen wir uns das nächste Problem an, das jede Analyse der Alltagspsychologie mit sich bringt.

I. Fodors Flucht vor dem Antiindividualismus

Die o.g. Punkte (1) und (4) generieren ein Folgeproblem für die Antwort auf die Frage: Wie kann feststellen, daß sich zwei Personen im selben intentionalen Zustand befinden? Man kann die Anwort in zwei Richtungen suchen:

  • (6) Zwei intentionale Zustände sind typidentisch genau dann, wenn sie denselben Inhalt haben.

Doch (1) und (4) machen es ziemlich schwierig, das ausreichend zu präzisieren. Die Alternative, die wir immer heranziehen, wenn wir uns fragen, warum der Epiphänomenalismus falsch ist, lautet deshalb:

  • (7) Zwei intentionale Zustände sind typidentisch genau dann, wenn sie dieselben Kausalkräfte haben.

Ganz konkret heißt das, daß die Kriterien (6) und (7) nicht in allen Fällen koinzipieren können.

  • i) Wir werden sicher zugeben, daß sich intentionale Zustände, die sich ihrem Inhalt nach unterscheiden, auch in ihren Kausalkräften – so sie welche haben sollten – unterscheiden. Wünsche und Überzeugungen sind beides intentionale Zustände. Aber Wünsche z.B. nach einem schneereichen Winter entstehen anders als Überzeugungen hinsichtlich einer hohen Wahrscheinlichkeit eines schneereichen Winters und erstere führen auch zu einem anderen Verhalten als letztere. Und wer glaubt, daß es regnen wird, verhält sich sicher anders, als unter der Überzeugung, daß es nicht regnen wird.
  • ii) Die hier diskutierten Beispiele zeigen jedoch, daß zwei intentionale Zustände, die genau dieselben Kausalkräfte haben, sich ihrem Inhalt nach unterscheiden können. Denn wenn die Identät zweier Überzeugungen von einer in einer Gesellschaft akzepierten sozial Theorie abhängt, dann ändert sich die Identität dieser Überzeugung, sobald derjenige, der diese Überzeugung hegt, die örtliche Grenze zwischen zwei Gesellschaften überquert, obwohl seine zerebralen Zustände diesseits und jenseits der Grenze dieselben sind. Daraus ergibt sich sofort die Folgerung, daß intentionale Zustände – gerade weil sie einen Inhalt haben – nicht über den physikalischen Zuständen einzelner Personen metaphysisch supervenieren. Qualia hingegen haben keinen Inhalt und daß sie über zerebralen Zuständen supervenieren ist daher durchaus möglich.

Wenn (6) und (7) aber nicht koinzidieren, dann

  • a) können selbst unter der vom Biologismus vertretenen Annahme, daß Gene den nur der Evolution unterliegenden, konstanten Wesenkern eines Organismus ausmacht, seine Charakteristika hervorbringt und in diesem Sinne die körpereigene Essenz repräsentieren (essentialistischer Genbegriff), die Charakterisierungen, die wir von intentional handelnden Personen geben, nicht auf Gene zurückführbar sein – falls wir zusäzlich annehmen, daß Gene ihren Einfluß auf den Geist kausal ausüben, was aber dem Grundsatz der Geschlossenheit der physikalischen Welt widerspricht. Zusätzlich gilt: Ein solcher Nachweis könnte nur erbracht werden in einem Vokabular, daß das biologische Idiom und das alltagspsychologische Idiom in empirischer Weise zusammenbringt und in einem semantischen Sinne enthält. Doch bisher hat noch niemand so eine Menge von empirisch verifizierbaren, semantischen Strukturen vorlegen können: die Biologen nicht, die Psychologen nicht und die Philosophen auch nicht. Das würde bedeuten, daß der Antiindividualismus den Biologismus – und vor allem die evolutionäre Psychologie – zu einer ziemlich luftigen Spekulation über eine mögliche die Zukunft macht, in der ein solches Vokabular mal defniert wird – und das ist noch milde formuliert.
  • b) kann es keine systematische Kontinuität zwischen Alltagspsychologie und wissenschaftlicher Psychologie geben: Das ontologische picture der Philosophie des Geistes muß daher falsch sein. Für den Repräsentationalismus nach J. Fodor oder auch viele Vertreter der evolutionären Psychologie wie z.B. Barkow & Cosmides & Tooby sind diese antiindividualistishen Gegenbeispiele zum methodologischen Individualismus der empirische Stolperstein, den sie nicht überwinden können.

Das alles war Jerry Fodor natürlich klar und da er im Gegensatz zu Biologisten wie Dawkins und evolutionären Psychologen wie Pinker begriff, wie ernst das alles ist, versuchte er (6) und (7) in Jerry Fodor 1987 wieder zur Deckung zu bringen, indem er die Unterscheidung zwischen engen und weiten Inhalten von intentionalen Zuständen einführte:

  • Der enge Inhalt ist auf diejenigen Inhaltskomponenten intentionaler Zustände beschränkt, die unabhängig sind von den Eigenschaften der individuellen Umgebung desjenigen, der diese intentionalen Zustände hat. Bei „Ich bin krank.“ wäre das z.B. „bin krank“ und bei „Wasser ist naß.“ wäre das „ist naß“: Alle referierenden Ausdrücke, i.e. indexicals, demonstratives, sortals, natural kind terms würden nichts zum engen Inhalt zählen, sondern ihn zum weiten Inhalt des intentionalen Zustands ergänzen: Der enge Inhalt müßte ganz allgemein eine Funktion sein, die einer mentalen Repräsentation in einem vorgegebenen Kontext einen weiten zuordnet.

Fodors Hoffnung besteht daran, daß die Kriterien (6) und (7) für enge Inhalte intentionaler Zustände koinzidieren und nur für weite Inhalte auseinanderfallen. Um das zu sichern, nimmt er Zuflucht zu etwas Metaphysik und behauptet:

Der wesentliche Punkt an dieser metaphysischen These (8) ist, daß sie durchaus Fürsprecher unter den Physikern finden könnte.

  • Wir hatten in diesem post bereits erkannt, daß der Kausalbegriff im Grunde vortheoretisch ist, i.e. wir haben aus unserer Alltagserfahrung mit Ereignissen gewisse Vorstellungen darüber, was eine kausale Relation zwischen Veränderungen ist. Diese intuitiven Vorstellungen müssen natürlich nicht abschließend richtig sein. Vor dem Siegeszug der Physik haben Philosophen wir Hume, Leibniz, Spimoza und Kant Vorschläge zur Präzisierung dieses Kausalbegriffsgemacht. Heutzutage ziehen wir es selbstverständlich vor, die moderne Physik nach den Kausalvorstellungen zu befragen, die sich in der Natur finden ließen.

Interessanterweise werden in der Physik mindestens vier völlig verschiedene Kausalbegriffe verwendet. Es gibt:

  • (9) das traditionelle Kausalprinzip, nach dem eine gegebene Wirkung aus einer zeitlich nicht vorgelagerten Ursache hervorgeht. Newton drückte es in Form von zwei methodologischen Regeln aus. Die Physiker benutzen es für ihre top-down-Analysen, wenn sie wissen wollen, warum und wie etwas geschieht, aber noch keine Theorie der mathematischen Physik haben.
  • (10) das deterministische Geschehen nach einem strikten Gesetz. Dazu zählen mechanische Vorgänge nach Newtons Gravitationsgesetz oder Maxwells Elektrodynamik, der Stoßzahlansatz von Boltzmann oder die Entwicklung der quantenmechanischen Wellenfunktion nach der Schrödinger-Gleichung. Dabei ist das Geschehen reversibel, d.h. es gibt zwar die gesetzmäßige Verknüpfung von Ursache und Wirkung wieder, nicht aber ihre zeitliche Ordnung. Dass die Ursache vor der Wirkung stattfindet, schiebt die Physik in die Festlegung von Anfangsbedingungen, die physikalisch unerklärt bleiben und als gegeben hingenommen werden.
  • (11) irreversible Vorgänge, die nur probabilistisch determiniert sind. Dazu gehören thermodynamische Vorgänge, die mit einem Anstieg der Entropie verbunden sind, alle Vorgänge in offenen Systemen, ihre statistische Erklärung nach der kinetischen Theorie und Boltzmanns H-Funktion, sowie der Messprozess und die probabilistische Deutung der Quantenmechanik. Hier ist das Geschehen im Einzelfall regellos. Es gibt zwar die zeitliche Ordnung von Ursache und Wirkung wieder, aber nicht ihre gesetzmäßige Verknüpfung.
  • (12) die Einstein-Kausalität. Nach der Speziellen Relativitätstheorie können sich Signale höchstens mit Lichtgeschwindigkeit ausbreiten; deshalb sind nur Ereignisse innerhalb des Lichtkegels („zeitartige“ Ereignisse) kausal verbunden. Dies steht im Konflikt zur kausalen Deutung von Quantenkorrelationen. Die Korrelation von Teilchen mit gemeinsamer Vergangenheit ist nach den Erhaltungssätzen der Quantenphysik strikt gesetzmäßig, also kausal im Sinne von (10); sie wird durch eine verschränkte 2-Teilchen-Wellenfunktion beschrieben. Wenn sich die Wellenfunktion ausbreitet, wird die Korrelation der Teilchen sehr schnell akausal im Sinne der Einstein-Kausalität, d. h. „raumartig“.

Es ist nicht schwer zu sehen, daß sich (8) auf die Kausalvorstellung der Physik der Neuzeit in (9) beruft – das mit der modernen Physik zwar unverträglich ist, von Biologen aber natürlich nie gebraucht und daher genauso selten bemerkt wird.

Desweiteren führt Foder ein Postulat für die Bildung wissenschaftlicher Begriffe ein:

  • (13) Jede Wissenschaft darf Dinge nur dann unterschiedlich klassifizieren, wenn sie sich in ihren Kausalkräften unterscheiden.

Wenn sich die wissenschaftliche Psychologie an (13) halten sollte und intentionale Zustände über nichts anderes als ihre Inhalte individuiert, dann würde die Unterscheidung zwischen engen und weiten Inhalten zusammen mit (8) den mentalen Repräsentationalismus retten, der einen methodologischen Individualismus für intentionale Zustände durchführt, und damit eine Kontinuität zwischen wissenschaftlicher Psychologie und Alltagspsychologie gewährleisten.

Doch bereits vor mehr als 20 Jahren wurde klar, daß dieser Rettungsversuch mit unüberwindlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hat.

II. Es wird eng: Weite Inhalte

Von weiten Inhalten sind wir sicher, daß es sie gibt. Es ist jedoch mehr als fraglich, ob es sowas wie enge Inhalte von intentionalen Zuständen im allgemeinen überhaupt gibt (Saporiti 1997). Fodors Ansicht gilt ganz offensichtlich nicht für alle intentionalen Zustände. Denn für alle intentionalen Zustände, deren enge Inhalte ihrerseits durch referierende Terme wie indexicals, demonstratives, sortals, natural kind terms identifiziert werden, wiederholt sich das Problem der engen und weiten Inhalte, ohne daß in diesem Fall sprachliche Mittel zur Verfügung stünden, Fodors Wunsch nach Differenzierung zu erfüllen. Das bedeutet, daß die Benutzer der Alltagspsychologie entweder kein Interesse haben, Überzeugungen, die sich in ihren weiten Inhalten unterscheiden, gleich zu klassifizieren, eben weil unterschiedliches Wissen ausgedrückt wird. Und das wiederum bedeutet, daß (13) für die Alltagspsychologie falsch ist oder daß intentionale Zustände mit verschiedenen weiten Inhalten sich doch in ihren Kausalkräften doch unterscheiden. Verfolgen wir beide Optionen.

Erste Option: Weder in der Wissenschaft noch im Alltag halten wir uns an sowas wie (13). Und wenn wir das nicht machen, dann gewährleistet (13) auch keinelei Kontinuität, sondern versucht die Realität zu disziplinieren, damit sie sich an eine vorgegebene Theorie anpaßt. Denn im Alltag reden wir wie folgt

  • i) Ein Aststück ist genau dann ein Stock, wenn es als Stock gebraucht wird.
  • ii) Ein falscher Picasso kann dieselben physikalischen Eigenschaften eines echten Picassos haben – aber es bleibt dennoch eine Fälschung.
  • iii) Herausragende Schauspieler stellen überzeugend realistisch Charaktere oder Figuren dar. Doch natürlich handeln sie nicht authentisch, sondern in ihrer Rolle als Künstler.
  • iv) Die Äußerung eines assertorischen Satzes ist genau dann eine Meinung, wenn sie in einer Begründung gebraucht wird.

Und auch die modernen Naturwissenschaften sehen keinerlei Veranlassung, (13) als wissenschaftliches Prinzip zu akzeptieren:

  • (14) Die Biologen z.B. tun das nicht: Für sie spielen nicht nur die Kausalkräfte, sondern auch seine Funktion eine Rolle. Denn nicht alles, was z.B. wie ein Herz aussieht, ist auch ein Herz. Dafür ist erforderlich, daß es auch die Funktion ausübt, für die Zirkulation lebensnotwendiger Flüssigkeiten und Stoffe in einem Organismus zu sorgen – unabhängig von einer Identität der Kausalkräfte. Und das ist keineswegs eine Marotte der Biologen, denn die Geologen z.B. tun das auch nicht: Wenn sie Gesteine mit derselben chemischen Struktur und daher demselben kausalen Potential wie Vulkangestein finden, ist es dennoch solange kein Vulkangestein, bis es nicht bei einem Vulkanausbruch entstanden ist.

Das allein würde eigentlich ausreichen, um Fodors Strategie zu vereiteln. Doch die zweite Option ist noch weitaus interessanter.

Zweite Option: Nehmen wir an, wir haben zwei Personen A und B, die physiologische Doppelgänger sind, d.h. im Hinblick auf ihre intentionalen Zustände dasselbe kausale Potential haben. Damit nehmen wir an, daß intentionale Zustände nicht epiphänomenal sind, aber wir geben nicht zu, daß Handlungserklärungen Kausalerklärungen sind. Nehmen wir weiter an, daß die intentionalen Zustände von A und B sich in ihren weiten Inhalten unterscheiden und daß sie Handlungen ausführen, die auf der Ausführung von Tätigkeiten beruhen. Dann werden sie sicherlich auch gleiche Tätigkeiten ausführen. Doch stellen wir uns an, daß A ein Schuljunge auf dem Spielplatz ist, der ausspuckt. Das mag schleechtes Benehmen sein, aber ich bezweifle, daß sich irgendjemand darum kümmern wird. Ganz anders wird die Sache hingegen ausfallen, wenn B der dt. Bundespräsident ist, der in der jüdischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vaschem auf den Boden spuckt – der politische Skandal wäre nicht auszudenken. Wenn wir nun lediglich das traditionelle Kausalprinzip anwenden, dann folgt, daß ihre intentionalen Zustände sich in ihren Kausalkräften unterscheiden. Was bedeutet das für unsere Rekonsruktion des Inhalts ihrer intentionalen Zustände? Sicher würden wir dem Bundespräsidenten vorwerfen, für sein Amt völlig ungeeignet zu sein. Dem Jungen hingegen würden wir wenig ankreiden: Ist er klein genug, wenden wir uns gleich an die Eltern und ist er groß genug, dann würden wir vermutlich von pubertärer Aufsässigkeit sprechen. Damit haben wir gezeigt, daß wir in der Alltagspsychologie die Inhalte intentionaler Zustände gelegenlich danach entwerfen, welchen Unterschied ein Verhalten in einer Situation macht.

Und genau in diesen Fällen macht es keinen Sinn, enge und weite Inhalte zu unterscheiden. Damit reproduieren wir hier die Ergebnisse aus vorangegangene posts: In einigen Fällen ist das Inventar der Alltagspsychologie, die durch einen Inhalt charakterisierten intentionalen Zustände, adaptiert an die epistemische Situation des Handelnden – aber nicht immer. In anderen Fällen – wie in diesem post gezeigt – sind die intentionalen Zustände adaptiert an die Folgen ihres Tuns in einer Situation, in einem bestimmten Kontext – aber nicht immer. Alltagspsychologie ist offenbar wenig stringent oder gar systematisch aufgebaut, es ist eine Flickwerktechnik, die nach verschiedenen Ideen ganz pragmatisch vorgeht und geradezu pubertär anmutet.

Noch gravierender für Fodors Rettungsversucht ist, daß das metaphysische Prinzip, daß Fodor in (8) formuliert, falsch ist.

III. Nicht-lokale Kausalität

Antiindividualismus in der Philosophie des Geistes kommt einem immer gleich unsympathisch vor: Denn folgt aus der Zurückweisung der Supervenienzthese für intentionale Zustände nicht, daß sie in uns nicht mehr kausal wirksam sein können, d.h. epiphänomenal sein müssen, so daß sie in Handlungserklärungen nicht mehr in der Rolle der Ursache vorkommen können? Schließlich könnte man doch wie folgt argumentieren:

  • i) Alle kausalen Prozesse müssen letztlich in einem kausalen Mechanismus ablaufen.
  • ii) Alle kausalen Mechanismen wirken lokal, da es in der modernen Physik keine Fernwirkungen gibt.
  • iii) Antiindividualistische Individuation geistiger Zustände hängt ab von nicht-lokalen Aspekten.
  • iv) Individuation muß anhand der wesentlichen und charakteristischen Eigenschaften erfolgen.
  • v) Kausale Eigenschaften sind für geistige Zustände charakteristisch und deshalb individuationsrelevant.
  • vi) Es gibt wesentliche Inhaltseigenschaften, die individuationsrelevant sind.
  • vii) Also: Kausale Eigenschaften müssen lokal supervenieren.
  • viii) Also: Jede Individuation kausal wirksamer geistiger Zustände muß lokal erfolgen.

Aber: Unabhängig davon, ob man die Prämisse iv) zurückweisen kann, ist hieran der Schluß von i) zusammen mit ii) auf vii) falsch, der an einem bestimmten Verständnis des traditionellen Kausalprinzips in (9) hängt. Danach wird bestimmt, was kausal ist, durch die Geltung von lokalen Kausalgesetzen, die counterfactuals stützen und in denen bestimmte Eigenschaften zueinander in Beziehung stehen. Die Rechtfertigung der Konklusion scheint somit darin zu bestehen, daß man die Existenz von Kausalgesetzen für nicht-lokal individuierte Inhalte bestreitet – was gerade die Pointe von (8) ist. Was aber soll so merkwürdig sein an nicht-lokaler Kausalität?

Zwar ist es richtig, daß die Physik bis heute nur Nahwirkungen kennt, so daß jede Wechselwirkung über eine Distanz durch als physikalische Felder interpretierbare Elementarteilchen vermittelt werden muß. Aber dieser Fall ist hier in Wirklichkeit gar nicht gemeint, wie man sich an einem Gegenbeispiel leicht klarmacht: Denn geistige Zustände existieren nicht in der gleichen Weise wie z.B. qua Impulsübertragung wechselwirkende Billiardkugeln. Vielmehr scheint die Existenz von geistigen Zuständen mit Inhalt mehr dem Fall der Existenz – sagen wir – von geotektonischen Platten in folgender Weise zu gleichen:

  • (15) Eine ganz bestimmte geotektonische Platte ist ein konkretes Einzelding, daß über seine physikalischen Eigenschaften in bestimmten Kausalrelationen zu Erdbeben, Vulkanausbrüchen, Gebirgen, heißen Quellen etc. steht. Und es besteht sicher kein Zweifel, daß eine solche geotektonische Platte anhand ihrer Einbindung in spezifische Kausalzusammenhänge auch identifiziert werden kann – weil sie z.B. für die Entstehung von Gebirgen o.ä. verantwortlich ist. Stellen wir uns nun vor, daß hinterhältige Außerirdische diese individuelle, geotektonische Platte von der Erde entfernen und frei schwebend ins All verlagern, um darauf z.B. space-golf zu spielen. Dann hat dasselbe gigantische Stück Materie dieseben Einbindungen in kausale Zusammenhänge, wie vorher: Ihr kausales Potential hängt nicht von ihrer raum-zeitlichen Position ab. Was hingegen fehlt, ist ihre ursprüngliche kausale Relevanz für bestimmte Ereignisse, da die Identität dieses individuellen Materiestückes als geotektonische Platte abhängig war von einem ganz bestimmten Szenario, das vermutlich nur auf der Erde in geeigneter Weise und einem bestimmten Entwicklungsstadium des Planeten realisiert ist.

Damit ist gezeigt, daß der Schluß auf die lokale Supervenienz von kausal wirksamen Eigenschaften nicht korrekt ist: Gerade, weil das Materiestück als geotektonisches nicht-lokal individuiert wurde, kann man es durch seine kausalen Kräfte, d.h. sein kausales Potential und seine kausale Relevanz individuieren. Die These der kausalen Wirksamkeit von intentionalen Zuständen braucht daher nicht deshalb aufgegeben zu werden, nur weil man geistige Inhalte extern z.B. in Abhängigkeit von akzeptierten, sozialen Theorie individuiert.

Damit wurde wieder einmal deutlich, daß der Repräsentationalismus und damit auch der Computerbiologismus die Komplexität der Alltagspsychologie in keiner Weise abzubilden in der Lage sind. Als Erklärungen, Analysen oder Reformulierungen der Alltagspsychologie kommen sie daher nicht in Frage. Anders als Biologisten und evolutionäre Psychologen hat Fodor 1994 daher die Idee aufgegeben, daß enge Inhalte für die wissenschaftliche Psychologie relevant seien. Für phänomenale Zustände, wie Qualia hingegen – wie hier vorhergesagt – sieht die Lage ganz anders aus. Hier wird die Idee der engen Inhalte nach wie vor verteidigt (Loar 2003; Horgan & Tienson 2002; Horgan & Tienson & Graham 2004). Doch phänomenale Zustände interessieren den Biologismus nicht.


9 Kommentare

  1. Individualismus ist in einem Computermodell doch leicht möglich, wie man jedem Computer sieht. Oder meinst du diese haben keine individualisierten Daten?

    Hinzukommt, dass in der Evolutionsbiologie das integrierte Modell verwendet wird, indem natürlich auch soziale Erfahrungen und Lernprozesse vorhanden sind.

    Des weiteren sind gene Bauplan, sondern ein Wachstumsplan. Über gene, Genprodukte und Reaktionen darauf sind stufenlose Unterschiede möglich.
    Ein Beispiel wäre das gene hormonproduktionsstätten bauen, andere gene dann je nach der Menge der Ausschüttung und dem Zeitpunkt der Ausschüttung anders ausgeführt werden.

    Zudem geht es nicht um determinierung, sondern eher darum auf die Gewichtung bestimmter Entscheidungen, die zur Wahl stehen Einfluss zu nehmen. Man kann sich gegen bestimmte Optionen entacheiden, aber die Wahl erscheint unattraktiven bzw eine andere, zB ein kalorienreichet Nachtisch erscheint besonders attraktiv.
    Diese Art des Einflusses wird bei deinen Theorien so wie ich das verstehe gar nicht behandelt.

    • „Individualismus ist in einem Computermodell doch leicht möglich, wie man jedem Computer sieht.“

      Methodologischer Individualismus wird in jeden Rechner verwirklicht – aber weder nicht in der Alltagspsychologie, noch bei den intentionalen Zuständen von Personen. Daher kann man Personen mit intentionalen Zuständen nach keinen Computermodell analysieren.

      „Des weiteren sind gene Bauplan, sondern ein Wachstumsplan.“
      Das macht hier nur einen Unterschied in der Metaphernwahl.

      „Zudem geht es nicht um determinierung, sondern eher darum auf die Gewichtung bestimmter Entscheidungen, die zur Wahl stehen Einfluss zu nehmen.“
      Das vrücksichtige ich immer, daß ich immer davon spreche, daß der Biologismus einen Beinahe-Determinismus propagiert.

  2. „Methodologischer Individualismus wird in jeden Rechner verwirklicht – aber weder nicht in der Alltagspsychologie, noch bei den intentionalen Zuständen von Personen.“

    Kannst du das mal an einem Beispiel erläutern, bei dem man das verhalten nach den biologischen Modell nicht erklären kann? Aus meiner Sicht lässt es jeden Individualismus zu. Mir fällt kein konkretes Beispiel ein, welches man damit nicht erklären kann

  3. […] pure intentional system theory (IST): Ihr Inventar sind die hier schon mehrfach (1, 2, 3, 4, 5, 6, 7) thematisierten intentionalen Zustände, die allein mit Hilfe der Rationalitätsvermutung das für […]

  4. […] pure intentional system theory (IST): Ihr Inventar sind die hier schon mehrfach [1, 2, 3, 4, 5, 6, 7] thematisierten intentionalen Zustände, die allein mit Hilfe der Rationalitätsvermutung das für […]

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