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Müssen Männer vor Frauen die Straßenseite wechseln?

Die Beiträge und Kommentare auf AllesEvolution sind ein Quell der Inspiration – wenn auch im negativen Sinne. Heute geht es um die bei Spiegel Online von Margarete Stokowski erhobene, typisch feministische Forderung, Männer müßten nachts die Straßenseite wechseln, wenn sie einer Frau begegneten, da diese sich sonst vor strafrechtlich relevanten Übergriffen fürchte. Täten sie das nicht, dann würden sie ein Klima der Angst schüren. Wie gewohnt wird fleißig kommentiert und dabei ein exzellentes Beispiel für die Ursachen der politischen Wirkungslosigkeit des Maskulismus abgeliefert – here is why.

I. Wenn man nicht weiß, daß man Träger moralischer Standards ist …

Die Phalanx der Kommentatoren ist dieses Mal geradezu erlesen. Was bringt die versammelte Männer-power zustande? Es gibt im wesentlich vier verschiedene Positionen:

  1. Zunächst mal wird behauptet, daß alle, die Stokowskis Forderung zustimmen, psychologischer Behandlung bedürfen.
  2. Dann wird geltend gemacht, daß eine solche Angst der Frauen – falls sie existiert – völlig irrational sei.
  3. Und darüberhinaus – so wird angemerkt – sei das Vorgehen nicht praktikabel: Überall seien Frauen unterwegs, da könne man als Mann gar nicht mehr auf die Straße gehen.
  4. Und schließlich – so wird behauptet – würde aus vielen verschiedenen Gründen diese Art von Angst durch solche Aktionen nur verstärkt. Und das könne auch nicht im Sinne des Feminismus sein.

Zwei Fragen: „Was ist davon zu halten?“ und „Wie können wir uns diesen Quatsch erklären?“

Zunächst mal: Diese Einwände 1.-4. haben eine gewisse Anscheinsberechtigung. Aber sie sind erstens zu schwach und zweitens schlagen sie nicht mal in der Nähe des Kernthemas dieser Debatte ein – was in systematischer Weise ein Hinweis darauf ist, daß diese Leute noch nicht verstanden haben, daß es zum Kern der feministischen Propaganda gehört, niemals zu diskutieren und nicht mal im Ansatz zu erwähnen, worauf die Behauptungen und Forderungen der feministischen Praxis wirklich zurückgehen.

  • (1) Denn was die wahren Stützpfeiler feminstischer Forderungen angeht, wünschen die Feministen erstens keinerlei Aufmerksamkeit und zweitens verlassen sie sich darauf, daß ihre Gegner zu dämlich sind, um auf des Pudels Kern selbst zu kommen – mit Erfolg übrigens, wie dieser post zeigen wird.

Doch beantworten wir zuerst unsere beiden Fragen: Es ist klar, daß als Einwände 1.-4. im Grunde niemanden überzeugen können – und sei der gute Wille dazu auch noch so groß.

  • zu 1.: Daß Leute eine Macke haben, ist eine sehr subjektive Äußerung, Es gibt dafür weder trennscharfe noch innerhalb unseres alltagspsychologischen Verständnisses sichere Kriterien, weshalb die zu erwartende, polemische Gegenreaktion wohl nur auf „Na ja, die Frustrierten/ Verrückten/ hinter dem Mond Lebenden schmutzen mal wieder im Netz rum – kennen wir, langweilig, nächstes Thema bitte.“ hinauslaufen dürfte.
  • zu 2.: Irrationalität ist erstens ein wachsweicher und gradueller Begriff, der genau aus diesem Grund im Alltag mehr zur abkürzenden und zusammenfassenden Charakterisierung der eignen Perspektive, aber nicht zur konkreten Würdigung einer gegnerischen Position im Detail angesichts einer präzisen Begründung benutzt wird. Und zweitens ist Irrationalität hochgradig kontextabhängig: Und weil es dabei auf die sonstigen Bedingungen und Annahmen zu einer Behauptung ankommt, wenn es um ihre Irrationalität geht, kann 2. nicht mehr ausrichten, als die Diskussion thematisch zu verschieben. Doch leider werden diese crucial conditions dann nicht weiter diskutiert.
  • zu 3.: Dieser Einwand geht völlig am Thema vorbei, denn Feministen würden darauf nur antworten? „Na und? Dann nimm doch ein Taxi!“. Denn 3. nimmt nicht zur normativen Berechtigung dieser Forderung Stellung, sondern lediglich zu ihrer Praktikabität. Doch Feminsten sind die Kosten ihrer Forderungen egal, ihnen geht es um die moralische Berechtigung.
  • zu 4.: Was in 4. passiert, nennt man ignortio elenchi. Denn Stokowski geht es nicht darum, daß Frauen Angst haben, sondern daß diese einen guten Grund für ihre Angst haben – weshalb es Männern zuzumuten sei, auf diesen Grund (nicht auf die Angst) zu reagieren. Denn Stokowski hat nicht den Plan, daß z.B. die Frau ihre faktische Angst z.B. durch ein besonderes Schild oder eine Pudelmütze mit Blaulicht anzeigt, wenn die Frau das bei ihrem Nachtspaziergang will, und Männer auf das Schild oder das Blaulicht reagieren. Sondern Männer sollen das IMMER tun, sie sollen IMMER auf der Straße ausweichen – egal, ob da jemand Angst hat oder nicht.

Insoweit hat das meistfrequentierte Forum des deutschen Maskulismus einfach gar nichts zum Problem beigetragen. Doch woran liegt das?

  • (2) Obwohl google dazu nichts ausspuckt, erzähle ich zur Verdeutlichung eine Geschichte, die ich von meinem Vater habe, der 15 Jahre Präsident des Landgerichts Dessau war: In den Gefängnissen der DDR war es Pflicht, daß die Gefangenen, wenn sie bei geöffneten Zellentüren auf einen Gefängniswärter trafen, sich unaufgefordert mit dem Gesicht zur Wand stellen, die Arme über den Kopf heben und die Beine spreizen mußten – damit der Wärter quasi im Vorbeigehen den Häftling abtasten konnte. Dies wurde unter den Häftlingen „sächsischer Gruß“ genannt. Die Idee daran ist natürlich, daß vom Häftling eine Gefahr für den Wärter ausgeht z.B. durch einen Angriff mit einer versteckten Waffe, und dieses Verhalten der berechtigten Sorge der Wärter entgegen komme. Diese Praxis war nach 1989 auch beibehalten worden und nach einer Klage vor dem BVerfG urteilte dieses, daß es sich dabei um einen Verstoß gegen die Menschenwürde handle. Leider finde ich diese Entscheidung auch nicht mehr – aber das ist im Folgenden nicht der entscheidende Punkt.

Die Einschätzung des BVerfG ist vom humanistischen Standpunkt ohne weiteres nachzuvollziehen:

  • (3) Es liegt eine Verletzung der sozialen Würde vor: Die Gefangenen werden von dieser Gefängnisregel nicht als Individuen betrachtet, sondern pauschal verdächtigt.
  • (4) Es liegt eine Verletzung der Menschenwürde vor: Die Gefangenen werden systematisch gedemütigt, indem man sie zu einer Position demonstrierter Hilflosigkeit und Selbstauslieferung zwingt, die einen Grund dafür darstellt, die Selbstachtung verletzt zu sehen.

Die davon ausgehende Pointe von (2) für Stokowskis Forderung ist: Man kann sich gegen diese Forderung nur wehren, wenn man geltend macht, daß sie die soziale Würde oder die Menschenwürde der Männer bzw. die Menschenrechte der Männer verletzt. Dafür benötigt man moralische und letztlich humanistische Kompetenz. Aber davon in den Kommentaren bei AllesEvolution nichts zu finden – mit einer Ausnahme.

II. Feministische Praxis ist ein normatives Geschäft, gegen das nur Moral hilft

In die richtige Richtung geht dieses Mal ein Kommentar von Lucas Schoppe. Er schreibt:

  • „Ich bin mir zum Beispiel sicher, dass sich viele Menschen in Deutschland angesichts von muslimischen Migranten unwohl oder diffus bedroht fühlen. Gleichwohl würde es mit guten Gründen ein Skandal sein, wenn jemand im „Spiegel“ fordern würde, Türken sollten die Straßenseite wechseln, wenn sie einem Deutschen begegnen.“

Im linken Maskulismus gehören Symmetrieargumente zu den Standardfähigkeiten und ihre sichere Beherrschung zeigt auch dieses Mal, daß an Stokowskis Forderung etwas aus moralischer Sicht faul ist. Was das es, muß natürlich noch geklärt werden. Zunächst mal rekonstruiert Schoppe völlig zutreffend die Intention von Stokowski:

  • „Stokowski ist aber wohl der Überzeugung, dass es eigentlich gar nicht um ÄNGSTE von Frauen geht – sondern dass sich in diesen Ängsten GewaltSTRUKTUREN ausdrücken, die allgemein nicht ernst genug genommen würden. Aus ihrer Sicht sind die Ängste von Frauen also nicht irrational, sondern eine rationale Reaktion auf eine irrationale Situation – und es ist folgerichtig, dass dann die Situation geändert werden muss, nicht das Verhalten der Frauen.“

Das Problem an dieser Rekonstruktion ist jedoch, daß sie die normative Begründung von Stokowski’s Forderung ebenfalls nicht nennt. Denn die geht offenbar so:

  • i) Wenn die Gewalt gegen Frauen primär von Männern ausgeht und nicht von Frauen, dann gibt es frauenfeindliche Gewaltstrukturen.
  • ii) Aufgrund dieser Gewaltstrukturen, ist die Angst von Frauen vor männlicher Gewalt rational – auch dann, wenn die Frauen irrationalerweise faktisch keine Angst haben.
  • iii) Es müssen sich diese Strukturen ändern, nicht die Frauen. Daher liegt es in der Verantwortung der Verursacher, diese Strukturen zu ändern.
  • iv) Aufgrund dieser Verursacherverantwortung ist es gerecht, daß jedem Mann – mag er nun gewalttätig sein oder nicht – sein Menschenrecht aus Art. 2 GG dadurch beschränkt wird, daß er nicht mehr den öffentlichen Raum auf dieselbe Weise nutzt wie jeder andere Mensch auch, sondern seine Menschenrechte hinter den Menschenrechten jeder Frau (aus Art. 2 GG) zurückstehen – und er deshalb nur noch dort geht, wo eine Frau nicht geht.

Ohne die Verwendung eines intuitiven Begriffs vergeltender Gerechtigkeits in iv) wäre Stokowski’s Forderung unverständlich, denn sie sagt ja nicht, daß es bereits die Grundrechte einer Frau verletzt, wenn sie einem Mann auf demselben Gehsteig begegnet. Stattdessen kommt es auf die verkörperten Gewaltstrukturen an.

  • (5) In meinen Augen sind daher die Einschränkung von Grundrechten via Gerechtigkeit der eigentliche Schwachpunkt von Stokowski’s Forderung. Denn nur die soziale Würde kann aus Gerechtigkeitserwägungen verletzt werden. Die Menschenwürde und damit die Menschenrechte sind davon ausgenommen. Aus diesem Grund foltern wir auch keine Entführer von Kindern – auch wenn wir die entführten Kinder dadurch retten könnten. Das BVerfG würde hier vermutlich mit der Verhältnismäßigkeit argumentieren: So wie wir nicht jedem Staatsbürger einen Polizisten an die Seite stellen, weil von jedem Staatsbürger eine potentielle Gefahr der Grundrechtsverletzung anderer ausgeht, muß kein Mann vor einer Frau die Straße wechseln. In beiden Fällen wäre die Menschenwürde verletzt.

Doch das kommt bei Schoppe nicht vor. Schoppes Begründung dafür, diese feministische Position zurückzuweisen, hat zwei Teile – und leider ist sie nicht immer ganz klar:

  • „Die Position ist in sich durchaus logisch, aber ansonsten fatal. Hier fehlt zum Beispiel jede Prüfung, ob die eigenen Ängste eigentlich wirklich berechtigt oder die geforderten Konsequenzen angemessen sind.“
  • „Würde sie ihre Bitte um ein Ausweichen von Männern in einer Situation formulieren, die halbwegs von gegenseitigem Respekt geprägt ist, in der alle Beteiligten sich gleichermaßen am Dialog beteiligen können und sich gegenseitig guten Willen unterstellen – dann fänd ich diese Bitte vielleicht überängstlich, aber gar nicht skandalös oder übergriffig.“

Im ersten Teil frage ich mich, ob die Sache so gemeint ist, daß, wenn es eine Berechtigung dieser Angst von Frauen gäbe, er Stokowski’s Forderung für angemessen halten würde.

  • (6) Von einem humanistischen Standpunkt aus kommt es nicht darauf an, weil es hier um die Menschenwürde, nicht um die soziale Würde der Geschlechter geht.

Und erst im zweiten Teil läßt Schoppe die Katze aus dem Sack: Offenbar ist die Zumutbarkeit für Schoppe nur eine Sache der Art und Weise des Vortrags, die Stokowski wählt, in der Forderung selbst sieht er kein Problem. Solange es zivil abgeht – so scheint sein Standpunkt zu lauten – mit Respekt und Wohlwollen, kann man darüber reden, ob eine Grundrechtseinschränkung – denn letztlich geht es ja nur darum – für Männer nicht OK wäre.

  • (7) Damit wir uns richtig verstehen: Ich glaube nicht, daß Schoppe gemerkt hat, welchen Unsinn er hier erzählt. Aber es wundert mich auch nicht, daß seine gefühlte Zivilität unter der Bedingung des gemäßigten Umgangs keinen Alarm schlägt: Die Sache mit der Mäßigung und Zivilität ist einfach zu schwammig, als das sie eine wehrhafte Männerrechtsbewegung erlauben würde.

Die Pointe aus dem bisher Gesagten ist unvermeidlich zweierlei:

  • Die deutsche Männerrechtsbewegung demonstriert fortwährend moralische und humanistische Inkompetenz.
  • Sie ist der Grund dafür, warum feministische Attacken, wie sie in den Massenmedien quasi täglich vorgetragen werden, nicht pariert werden können.

Und angesichts dieses Desasters darf man sich nicht wundern, daß viele Männer an einer deshalb auch politisch unwirksamen, maskulistischen Bewegung kein Interesse haben: Nicht die bösen Medien oder irgendeine mangelnde Geschlossenheit der Männerrechtler sind daran schuld, daß wir nichts verändern können, sondern wir selbst. Und solange wir unsere blogs auch weiterhin mit irrelevanten Quatsch füllen, wird das auch so bleiben.

links zum Thema:


2 Kommentare

  1. Lucas Schoppe: „Ich bin mir zum Beispiel sicher, dass sich viele Menschen in Deutschland angesichts von muslimischen Migranten unwohl oder diffus bedroht fühlen.“

    Das ist ja das Problem, dass die Menschen in Deutschland nicht von der deutschen Regierung und Staatsratspräsidentin Merkel bedroht fühlen, die das Problem anrühren. Schoppe bestätigt, dass die Regierungspropaganda funktioniert: Das Volk wird vom Täter/Handelden/Verantwortlichen erfolgreich abgelenkt.

  2. […] Müssen Männer vor Frauen die Straßenseite wechseln? […]

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