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Dennett’s Physikalismus: Verhaltensforschung und Evolutionstheorie

Der erste Entwurf eines tragfähigen, nicht-reduktiven Physikalismus stammt von Daniel Dennett und ist bereits rund 25 Jahre alt. Erst seit dieser Zeit ist ein moderner Humanismus möglich, der auf die Forderungen nach einer Naturalisierung des Geistes antworten kann. Bereits damals wurde das Verhältnis einer nicht-reduktiven Theorie zur Erzeugung der mentalen Phänomene durch das Gehirn zur Biologie diskutiert und es ist für Humanisten, die die modernen Weiterentwicklungen des Physikalismus verstehen wollen, wichtig zu wissen, aus welchen Diskussionen die heutigen Entwicklungslinien entstanden sind.

Übersicht:


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reminder: Bekanntlich liegt die Pointe von Dennett’s nicht-reduktivem Physikalismus darin, den Status der Alltagspsychologie fundamental zu verändern, um das Rätsel der Erzeugung der mentalen Phänomene durch das Gehirn lösen zu können. Während die Alltagspsychologie bisher d.h. von Eliminativisten und Reduktionisten als krude Theorie der zerebralen Aktivität verstanden wurde, schlägt Dennett vor, sie als empirisch-normative Theorie der Charakterisierung von Personen, nicht von Gehirnen anzusehen, deren Inventar, die intentionalen Zustände, wie alle physikalischen Theorien auch dem wissenschaftlichen Realismus unterliegen. In Dennett 1987, p.58ff schlägt er darüber hinaus vor, die begrifflichen Spannungen in der gewohnten Alltagspsychologie aufzulösen, indem er sie in zwei Theorien aufzuspaltet:

  • die pure intentional system theory (IST): Ihr Inventar sind die hier schon mehrfach [1, 2, 3, 4, 5, 6, 7] thematisierten intentionalen Zustände, die allein mit Hilfe der Rationalitätsvermutung das für die selbstwahrgenommene Personalität nötige mentale Selbstverständnis in der intentionalen Einstellung konstituiert. Kausale Rollen intentionaler Zustände werden hier nicht thematisiert.
  • die sub-personal-cognitive-psychology (SPCP): Sie beschäftigt sich mit der Realisierung der unterhalb der Selbstwahrnehmungsschwelle liegenden mentalen Zustände im Gehirn und ihrer kausalen Rolle. Die Zustände der SPCP werden nicht aus der intentionalen Einstellung, sondern mit Hilfe de Naturwissenschaften z.B. Psychologie oder cognitive science heraus erforscht. Auch die Kommunikationswissenschaft, die Wissenschaft der Propaganda, arbeitet auf diesem Gebiet.

Der IST hat Dennett überraschenderweise eine konstitutive Rolle bei der biologischen Erforschung von Lebewesen zugewiesen. Die sich daraus ergebende Diskussion sehen wir uns nun genauer an.

I. IST und Verhaltensforschung

Als Biologe würde man – bei Tieren wie bei Menschen – so vorgehen, daß zunächst die den natürlichen Kausalrelationen unterliegenden Tätigkeiten beobachtet werden, man daraus ein Verständnis des typischen Verhaltens dieser Spezies entwickelt, daß zusätzlich zu den raum-zeitlch lokalisierbaren Tätigkeiten auch Unterlassungen sowie Ziele und Zwecke umfaßt, und am Ende versucht, neurophysiologische Modelle der Gehirnaktivitäten zu diesem Verhalten zu überprüfen.

  • (1) Es war schon immer der wesentliche Punkt des Biologismus, daß man dafür IST nicht benötigt: Für die Eliminativisten und Reduktionisten liegt das auf der Hand und für die Repräsentationalisten ergibt sich das aus dem Aufklärungsanspruch der Neurobiologie für die Alltagspsychologie, weshalb der Repräsentationalismus auch eine eindeutige Relation der Entsprechung zwischen einzelnen zerebralen und einzelnen intentionalen Zuständen postuliert. Doch natürlich darf man eine derartige Transparenz des Selbstverständnisses von den verwirrten Biologisten nicht erwarten.

Dennett bestreitet (1).

  • (2) Mit der Negation von (1) behauptet er erstens, daß der logische Behaviorismus falsch ist. Biologisten sind jedoch gerade logische Behavioristen, was Wünsche angeht, denn sie analysieren sie als Dispositionen.
  • (3) Und zweitens behauptet Dennett, daß diese Art von Verhaltensforschung keine reine Naturwissenschaft ist: Biologie und damit auch Biologismus sei in Wahrheit Teil der geisteswissenschaftlichen Sphäre, die versucht, Belege aus der Natur für sich in Anspruch zu nehmen.

Wie kann Dennett diese recht starke These begründen?

Dennett ist der Überzeugung, daß unsere alltägliche Redepraxis mentaler Zustände, der Zuschreibung von Wünschen und Überzeugungen bereits jetzt ein unverzichtbares Werkzeug in der kognitiven Verhaltensforschung ist: Will man z.B. höhere Primaten untersuchen und beobachtet ihr Verhalten als Mitglied einer Affenhorde bei der Jagd oder bei der Futtersuche, so hilft es dem Biologen schon nicht mehr weiter,  eine Beschreibung und Erklärung dieser Vorgänge mit Hilfe physiologischer Prozesse zu geben. Denn was sich wiederholt, was im Verhalten wiedererkennbar ist, sind nicht die einzelnen, physiologischen Prozesse (hier wiederholt sich lediglich die Instantiierung von Naturgesetzen), sondern die Muster im Verhalten der Affen innerhalb des Kollektivs – und dieses Muster ist selbst nichts Physikalisches. Um dieses Muster zu charakterisieren, bleibt dem Verhaltensbiologen daher nichts anderes übrig, als die intentionale Einstellung einzunehmen und den Affen Wünsche und Überzeugungen zuzuschreiben. Erst wenn das geschieht, werden Unterschiede zwischen Mustern durch Antworten auf „Warum verhält er sich so“-Fragen erkennbar und die Rationalitätsunterstellung wird ein nicht-eliminierbarer Bestandteil der biologischen Verhaltensforschung.

Nach Dennett’s Ansicht kann eine methodisch und ontologisch reflektierte IST in dieser Situation durch zwei Veränderungen einen großen Fortschritt bringen:

  • (5) Sparsamkeitsregel: Einem intentional interpretierten, komplexen System darf nur diejenige Menge von intentionalen Zuständen zugeschrieben werden, deren Komplexität minimal ist im Hinblick auf Erklärungen oder Verhaltensprognosen. Mit „Komplexität“ ist hier nicht nur die Anzahl der Mengenelemente gemeint, sondern vor allem die Bezugnahme der intentionalen Zustände aufeinander. So ist z.B. die Menge der Einstellungen „A mißtraut seiner Einstellung p in Bezug auf x, weshalb er sich umentscheidet, weil er zwar x will, aber nur y bekommen kann, was mit x sehr ähnlich ist und vor allem schneller verfügbar ist als x.“ komplexer als „A will y.“ (Dennett 1987, p.246)
  • (6) Sherlock-Holmes-Methode: Ihre Pointe besteht darin, deen Versuchpersonen oder auch anderen zu untersuchenden Lebewesen vom Standpunkt der intentionalen Einstellung aus rationalisierende Gründe als arrangement von Tatsachen für ein bestimmtes Verhalten zu liefern. So liefert z.B. ein fingierter Feueralarm nur dem Dieb einen Grund, seine aus dem vermeidlich brennenden Haus versteckte Beute zu retten. Alterntive Tatsachenarragements testen Ausschlußhypothesen. Die Methode wird so genannt, weil Homes geradezu ein Vituose im Umgang mit der intentionalen Einstellung war – weshalb das moderne Bild dieser Figur als Soziopath und Logiker total irreführend und lächerlich skuril ist. Die Sherlock-Holmes-Methode soll die Wiederholbarkeit des Verhaltens und die methodische Überprüfbarkeit der Hypothesen garantieren. (Dennett 1987, p.251ff)

Nach Dennett erlauben es (6) und (7), die ohnehin in jeder Erklärung von Verhaltensbiologen unvermeidlich anwesende und forschungsleitende intentionale Einstellung methodisch kontrolliert einzusetzen. Und sollten sich tatsächlich z.B. hinsichtlich der Zuschreibung zweier einander ausschließender Meinungszuschreibungen keine Unterschiede im prognostizierten oder beobachteten Verhalten finden lassen, dann zeigt das Dennett Ansicht nach nur, daß die IST insofern recht hat, als es bezüglich mentaler Zustände keine beschreibungunabhängigen Tatsachen gibt – was äquivalent zur Ablehnung des logischen Behaviorismus ist. Die die Verhaltensforschung, die zum Teil auf der funtionalen und zum Teil auf de intentionalen Ebene stattfindet, ist das natürlich deshalb ein Fortschritt, weil die funktionale von der intentionalen Einstellung abhängig ist.

II. IST und Evolutionstheorie

Eines der Hauptprobleme des Biologismus besteht darin,

  • i) daß man immer eine funktionale Erklärung für Eigenschaften von Personen angeben kann, die zugleich auf eine biologische oder evolutionäre Nützlichkeit dieser Eigenschaften rekurriert – und zwar auch dann, wenn die physiologischen Kausalprozesse, auf denen diese funktionale Erklärung beruht, niemals realisiert waren. Biologisten sparen sich in der Regel den historischen Nachweis dieser kausalen Prozesse und schildern nur eine Erklärung in funktionaler Einstellung für Eigenschaften von Personen, die nur aus intentionaler Einstellung zugänglich sind. Dafür hat sich inzwischen die Bezeichnung mereologischer Fehlschluß eingebürgert.
  • ii) keine funktionale Erklärung dieser Eigenschaften eindeutig ist. Nur eine historischer Untersuchung über kausale Prozesse zwischen Genom und Umwelt kann so eine Eindeutigkeit herstellen. Der Biologismus macht sich normalerweise nicht die Mühe, diese anzugeben – was ihm auch den abfälligen Ruf eines Adaptionismus eingebracht hat.

Bleibt man hingegen in der funktionalen Einstellung, d.h. sucht man in nach einer funkionalen Erklärung für biologische Eigenschaften, dann ist das evolutionäre Erkenntnisinteresse legitim. Und da bei den zu erklärenden Eigenschaften und Veränderungen der Zweck nicht in dem fraglichen System selbst repräsentiert ist, verschiebt mn die Zweckhaftigkeit einer evolutionären Anpassung in die nächste IST-Ebene und erklärt sie mit den Zwecken bzw. einer idealen Rationalität der Natur. Nach Dennett ist das nur deshalb zulässig, weil es lediglich instrumentell und heuristisch zu verstehen ist und keineswegs zu einem Existenzpostulat im Sinne des wissenschaftlichen Realismus verpflichtet (Dennett 1987, p.259).

  • Damit demonstriert Dennett, daß die Evolutionstheorie nicht anders als die Verhaltensbiologie von der Anwendung der intentionalen Einstellung abhängig ist: Fragen nach dem „Warum“ einer evolutionären Entwicklung gehören zwar zur funktionalen Einstellung, aber letztere setzt die intentionale Einstellung voraus, denn für IST sind Überzeugungen und Wünsche einfach wiederkehrende Muster im Verhalten, so daß wir komplexen Systemen unter Verwendung der Rationalitätsunterstellung (und anderer Regeln) intentionale Zustände als Systembeschreibung zuordnen.

Doch das macht Dennett keineswegs zum evolutionären Psychologen, denn diejenigen Muster, denen Überzeugungen entsprechend, sind nach Dennett wahre Aussagen, nicht aber Meinungen, die evolutionär nützlich sind (Dennett 1987, p.96): Evolutionärer Erfolg braucht seiner Ansicht nach wahre Überzeugungen.

III. Projektion und Rationalität

Vor allem Stephen Stich (Stich 1984, Stich 1990) hat massiv die Rolle kritisiert, die Dennett der Rationalität in der intentionalen Einstellung zuweist und stattdessen für eine Art Proektionsprinzip argumentiert:

  • (7) Projektion: Wir schreiben anderen Personen nicht diejenigen mentalen Zustände zu, die zu haben rational wäre, sondern diejenigen, die auf uns selbst zutreffen und zwar auf Basis einer Art Simulation der eigenen Person in der Lage des zu interpretierenden Systems. Rationalität spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle.

Diese Debatte zwischen Dennett und Stich überschneidet sich übrigens zum Teil mit einer in den 1990igern erbittert geführten Debatte über die Natur unserer Alltagspsychologie – ohne daß einer der Teilnehmer daran zweifelt würde, daß die Alltagspsychologie i.S.d. nicht-reduktiven Physikalismus alles andere als eine undurchsichtige Beschreibung der zerebralen Aktivität ist: die analytische Wende in der philosophy of mind haben alle Autoren mitgemacht. In dieser Debatte geht es um Folgendes:

  • Beruht die Alltagspsychologie auf einer Theorie über Personen zur Verhaltenserklärung und Verhaltensvorhersage oder auf einer Simulation der mentalen Zustände und Prozesse fremder Personen auf dem eigenen Gehirn, so daß wir kein Wissen über die mentalen Eigenheiten anderer Personen vorhalten müssen, insofern wir es selbst ständig generieren können? Die richtige Antwort auf diese Frage wird auch Konsequenzen haben für den Entwurf einer adäquaten Analyse der Empathie.

Es gibt in der Tat Beispiele, die daran zweifeln lassen, daß Dennett die Rolle der Rationalität für die intentionle Einstellung und insbesondere für IST richtigerweise als zentral beschrieben hat. Sehen wir sie uns an:

  • (8) Gibt z.B. ein Verkäufer irrtümlicherweise einen falschen Betrag als Wechselgeld heraus, so bricht die intentionale Einstellung ihm gegenüber und entgegen Dennetts Theorie nicht sofort zusammen.
  • (9) Auch ein Schachspiel wäre kaum noch möglich, da es im Schach wesentlich ist, den Gegner, gerade weil er nicht komplett rational ist, erfolgreich in Fallen zu locken.
  • (10) In allen emotional besonders belastenden Situtionen wie Prüfungen, Unfällne oder auch Beziehungsstreitigkeiten hindern uns auch große Abweichungen von der lokalen Rationalität nicht daran, das Verhalten von Personen zu verstehen – im Gegenteil manchmal liegt uns das Verständnis der spezifishen Irrationalität gerade die gesucht Erklärung.

Doch folgt daraus, daß (7) im Vergleich zu Dennett’s IST der Vorzug zu geben ist? Das scheint nicht der Fall zu sein:

  • (11) Personen aus anderen Kulturkreisen zu verstehen, ist nicht deshalb schwierig, weil sie weniger rational wären als wir, sondern weil sie uns durch ihr völlig undurchschaubar andere Sozialisation uns völlig unähnlich sind. Doch in diesem Fall geben wir nicht völlig auf, sondern ziehen uns auf einen vermuteten Kern minimaler Rationalität zurück, um die fremden Personen dennoch wenigstens in groben Zügen verständlich werden zu lassen, wenngleich wir weiterhin große Schwierigkeiten haben, ihre Emotionen zu erkennen oder vorherzusagen.

Offenbar schließen Rationalität und Projektion einander nicht aus, sondern sie ergänzen sich: Rationaliät hat – metaporisch gesprochen – die größere Reichweite, während der Projektion – verstanden als soziale Kompetenz – das größere Auflösungsvermögen im Alltag zukommt. Vor allem die Zuschreibung von Affekten ist viel stärker auf die soziale Kompetenz der Projektion, denn auf Rationalitätsunterstellungen angewiesen. Und das muß auch so sein: Kleinkinder haben nur eine eingeschränkte Rationalität, doch das hindert sie nicht daran, die intentionale Einstellung im Laufe der Jahre unterschiedlich gut zu erlernen.

  • (12) Das zeigt uns, was u.a. im Biologismus schief läuft, denn dort werden Personen gerade diejenigen Wünsche und Überzeugungen zugeschrieben, die sie nach bestimmten, evolutionären Nutzenabwägungen rationalerweise haben sollten: Der Biologismus tut damit so, als würde Menschen einander nicht verstehen, weil sie einander ähnlich sind UND wissen, in welchen mentalen Zuständen sie selbst sind – weshalb sie die Biologie zu Hilfe nehmen müssen, um das auszugleichen.

Wie könnte man Dennett’s und Stich’s Auffassung final überprüfen? Meiner Ansicht nach sollte man sich ansehen, wie Verhaltensbiologen wirklich vorgehen.

  • Außerdem ist es immer noch eine besonders scharfe Waffe gegen den Biologismus, wirklich mal biologische Fachbücher zu lesen, anstatt sich mit dem populistischen Abklatsch der Biologie aus den 1980igern zu begnügen, den sie zu verbreiten pflegen.

Doch zunächst werfen wir im nächsten post mit dem Ergebnis dieses postes einen aufklärerischen Blick auf eine der zentralen These der Soziobiologie – die Theorie der elterlichen Investition.


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