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Warum sind die Linken feministisch?

Ich hatte mit Mark E. Smith letztens hier eine interessante Diskussion über die Aufgabenverteilung politischer und theoretischer Konzepte innerhalb der Männerbewegung. In diese Diskussion hat sich auch Schoppe eingeschaltet und bei dieser Gelegenheit seine Antwort auf folgende Frage skizziert: „Warum sind zum Beispiel gerade linke bzw. sich selbst als links verstehende Parteien so anfällig für eine feministische Politik der Ungleichheit?“

Wir erinnern uns, daß Leszek der Meinung ist, feministisch zu sein, sei einfach Teil der linken, politischen Kultur und die Linken würden gar nicht weiter darüber nachdenken, was sie so reden, da – oberflächlich gesehen – Feminismus den linken Idealen entspreche.

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I. Schoppes Antwort

Schoppes Antwort ist da weitaus elaborierter und deshalb interessant, weil sie geistesgeschichtliche und politische Aspekte miteinander zu verbinden sucht:

„Warum sind zum Beispiel gerade linke bzw. sich selbst als links verstehende Parteien so anfällig für eine feministische Politik der Ungleichheit?

Bei der Frage wird dann schon klar, dass eine feminismuskritische linke Position nicht nur geschlechterpolitisch formuliert werden kann, sondern auch nach dem Stand linker Politik heute fragen muss. Wer das tut, wird sich ohne theoretische Orientierungen vermutlich hoffnungslos verheddern – weil der Horizont einfach sehr weit wird.

Hier bietet m.E. Kucklick tatsächlich einen sehr guten Ausgangspunkt. Ich habe mir das, knapp, für mich selbst so zurechtgelegt: Nicht eine linke Politik braucht feministische Positionen, wohl aber eine Politik, die noch ein linkes Selbstverständnis braucht, die aber längt keinen Plan mehr davon hat, wie ein solches Selbstverständnis überhaupt formuliert werden kann.

Da bietet es sich an, Frauen – und da ist dann eher die Fantasie der „Frau“ gemeint als die Gruppe der real existierenden Frauen – als Trägerinnen einer humaneren Politik zu imaginieren, die nur eben noch deshalb nicht verwirklicht sei, weil Frauen in der „männlichen Gesellschaft“ unterdrückt seien.

Die Pointe davon, mit Kucklick: Solch eine Position gibt sich zwar kritisch, ist aber tatsächlich affirmativ gegenüber einer sich beschleunigenden „neo-liberalen“ Dynamik. Insofern ist sie ideal geeignet für Parteien, die tatsächlich ebenso affirmativ sind (daher sind die Verweise oben auf die Agende 2010 so wichtig), die sich selbst aber gern noch irgendwie als kritisch und links verstehen wollen.

In der feministischen Position nämlich werden die Kosten gegenwärtiger Entwicklungen stumpf und simpel auf das Konto einer „Männlichkeit“ gebucht, während „Weiblichkeit“ die Illusion einer humaneren, weniger ausbeutenden Perspektive bietet, die tatsächlich auf diesem Wege nie realisiert werden kann. Aber das ist ja egal: Wenn sich diese Ideale als unrealisierbar erweisen, dann liegt das eben an den „patriarchalen Strukturen“, die immer noch nicht genügend überwunden worden sind.

Die inhumane Pointe: Die Ausbeutung von Menschen, die mit der genannten neo-liberalen Dynamik verbunden ist, lässt sich zugleich beständig legitimieren. Es wird nämlich gar nicht mehr gefragt, wer eigentlich den zu verteilenden Wohlstand erwirtschaftet, wer – mit Marx formuliert – denn eigentlich den MEHRWERT erzeugt. Es kommt nur darauf an, Ansprüche zu formulieren – als ob die Mittel, diese Ansprüche zu bedienen, irgendwie immer schon da wären.

Da die Produzenten dieses Mehrwerts weiterhin real weitgehend männlich sind, und da die weiblichen Produzentinnen in der feministischen Anspruchs-Agenda faktisch überhaupt nicht vorkommen, lässt sich Ausbeutung beliebig weit moralisierend legitimieren: Die männliche Schuld gegenüber „den Frauen“ ist schließlich durch Tausende Jahre der Unterdrückung so gewaltig, dass sie eigentlich niemals genügend zurückgezahlt werden kann.

Es ist wichtig, dass das, was „Linke“ heute machen, ein massiver Bruch mit einer traditionellen linken Politik ist. In der war „Gerechtigkeit“ nämlich nie nur eine Frage der Verteilung von Gütern, sondern eine Frage danach, ob eigentlich die PRODUZENTEN dieser zu verteilenden Güter angemessen an den Früchten ihrer Arbeit beteiligt sind. Seltsamerweise würde heute vermutlich eher ein FDP-Politiker danach fragen als ein SPD-Politiker – obwohl die FDP ja nun wirklich alles andere als links ist.

Das ist dann eben auch eine Weiterentwicklung von Kucklick: Nicht nur werden negative Seiten moderner Entwicklungen schlicht auf das Konto einer „Männlichkeit“ gebucht – die moralische Abwertung legitimiert auch jederzeit eine beliebig weit gehende Ausbeutung, die grundsätzlich mit Geschlechterordnungen gar nichts zu tun hat. Es geht nicht um eine Ausbeutung von Männern durch Frauen, sondern um eine Ausbeutung von Menschen durch eine global verselbständigte Ökonomisierungslogik – aber DIESE Ausbeutung wird, gerade auf der Linken, durch Geschlechterklischees legitimiert.

Die Pointe meines langen Kommentars: Theoretische Überlegungen haben schon eine wichtige Funktion, für die doppelte Abgrenzung gegenüber heutigem Feminismus UND Antifeminismus, aber auch zur Erklärung dafür, warum eine linke Männerpolitik – die doch eigentlich so wichtig wäre – faktisch ohne politische Bündnispartner dasteht. Das heißt aber: Abgrenzungen und Erklärungen werden dadurch geleistet – aber es wird (noch) nichts positiv verändert.“

II. Rationale Rekonstruktion

Obwohl Schoppes Texte nicht immer leicht zu verstehen sind, hat seine Antwort es in sich:

  • Seiner Ansicht nach verliert zuerst die Linke ihr linkes Selbstverständnis und danach wird sie feministisch – um das – wenigstens pro forma – zu kompensieren.
  • Diese Kompensation – es wird pro forma von den Linken nach einer Erklärung für Mißstände und einen Aufstand gegen das establishment gesucht – erfolgt so, daß die Unterdrückung der besseren Menschen, die Frauen, durch die schlechteren Menschen, die Männer, als Quelle dieser Mißstände angesehen wird.
  • In Wahrheit ist das aber nur Rhetorik: Die Linken sind längst neoliberal geworden und Feminismus nur ein verbales Deckmäntelchen, um zu suggerieren, man sei weiterhin traditionell links.
  • Der zur Schau getragene Feminismus ist erst mal nur Propaganda und die Linken sind in Wahrheit auf den Ungleichheit herbeiführenden Feminismus programatisch nicht angewiesen. Sie nehmen ihn aber hin, um ihre sonstige, neoliberale Politik kaschieren zu können. Mehr noch: Die ökonomischen, feministischen Ansprüche legitimieren den politischen Druck auf die Mehrwert erzeugenden Menschen, ihre Produktivität zu erhöhen, und stellen eine Rechtfertigung zur Ausbeutung unter dem Anschein einer geschlechtergerechten Wiedergutmachung dar. Und weil primär Männer den Mehrwert erzeugen, widerspricht das erstens nicht den Zielen des Feminismus und zweitens ist die alleinige Belastung von Männern mit den traditionellen Geschlechterrollen – wie Kucklick sie beschrieben hat – kompatibel, so daß der ganze move ohnehin niemandem auffällt.
  • Traditionell links wäre es hingegen, zu fragen, ob die Produzenten des Mehrwertes an den Früchten ihrer Arbeit angemessen beteiligt sind.

III. Wohin mit Postmoderne und Neoliberalismus?

Wer das Unglück hat, ab und zu in der taz zu lesen, dem ist schon vor Jahren der unverhohlene Karrierismus aufgefallen, den die taz für Frauen predigt. Eine möglichst steile Karriere sei für Frauen der einzige Weg zur Selbstverwirklichung und Familie & Co. kotzlangweilig.

Was mich an Schoppes Antwort dagegen stutzig macht, sind drei Dinge:

1) Zwar sind meine Kenntnisse in politischer Geschichte der neuesten Zeit im Grunde mangelhaft, aber ich meine, mich zu erinnern, gelesen zu haben, daß der SDS in den 60igern die Unterdrückung der Frauen noch als Nebenwiderspruch des Kapitalismus abtat, während dies bereits in den 70igern nicht mehr der Fall war. Neoliberalismus betrat aber erstmals mit Margret Thatcher die sichtbare Sphäre der politischen Wirksamkeit: Sie war von 1975 bis 1990 Vorsitzende der Konservativen Partei und von Mai 1979 bis November 1990 Premierministerin von UK. Schoppes Analyse müßte daher historisch prüfbar sein.

2) Schoppes Analyse kommt ohne die Erwähnung von Postmoderne und Kulturrelativismus und damit ohne den Einfluß von Multikulturalismus aus – als hätten die Linken nichts davon mitbekommen. Doch das ist unrealistisch: Ich würde eher vermuten, daß die Akzeptanz der postmodernen Gleichwertigkeitsthese

  • Es gibt verschiedene Weisen, die Welt zu verstehen und alle konkurrierenden Aussagen sind nicht wahr oder falsch, sondern haben den gleichen Wert. Kontextfreie und überkulturelle Normen der Rationalität gibt es nicht und zwar so wenig, daß nicht mal zwei beliebig vorgegebene Meinungen unterschieden werden können.

in der politischen Linken zuerst unter dem Einfluß der politischen Philosophie und des Poststrukturalismus stattfand. Zu dieser Zeit – die 80iger – waren die Linken bereits feministisch. Und infolge der seit den 90igern entwickelten queer theory, in der sexuelle Vorlieben mit Geschlechtern und Geschlechter mit Ethnien gleichgesetzt werden, ließen sich Feminismus und poststrukturalistischer Postkolonialismus alle unter dem Dach des linken Aufstandes gegen autoritäre und die Selbstbestimmung unterminierende Strukturen vereinigen. Ideologisch ist die Sache damit ausgestanden.

Den Einfluß des Neoliberalismus sehe ich mehr in einer Finanzierung und Förderung der auf diese Weise durch die postmodernen Linken vorangetriebenen Fragmentierung der Gesellschaft in einander bekämpfende, soziale Klassen, die natürlich den demokratischen Widerstand gegen den Neoliberalismus schwächen muß. Der Neoliberalismus nutzt hier nur die Gelegenheit, die eine linke Ideologie ihm ohnehin bietet, tritt aber nicht in der Rolle der Illuminati auf.

3) Während also Schoppe noch erklären muß – und das ist der dritte Punkt – wie die Linken ihr linkes Selbstverständnis verloren, muß ich nur erklären, wie es passieren konnte, daß sich die Linken einerseits mit neoliberalen Konzept des von allen Zwangsbedingungen befreiten Wirtschaftens und andererseits mit dem Konzept des neoliberalen Selbst arrangierten.

Und diese Erklärung lautet wie folgt:

a) Die Linken hatten immer schon nie mehr als ein negatives Verständnis von Freiheit. Und das ist hinreichend dafür, um kein eigenes Konzept personaler Identität haben zu können. Das bedeutet, daß sich die Linken nicht gegen ihre Überwucherung durch die Phantasien vom neoliberalen Selbst wehren konnten. Dafür kann ich ziemlich scharf argumentieren, aber ich komm nicht so schnell dazu, alles aufzuschreiben – es gibt zu viele Baustellen in der manosphäre.

b) Etwas schwächer ist meine zweite Antwort: Den Linken fehlt ein modernes Wirtschaftskonzept jenseits der Marx’schen Theorie – schon immer. Von der Digitalisierung der Industrie seit den 80igern und der Entstehung einer mathematisierten und globalisierten Finanzwirtschaft wurden die Linken daher quasi überrollt und rannten eine Weile lang einfach nur den Tatsachen hinterher. Die Digitalisierung der Dienstleistungen aber verwandelt nun auch die dynamische Natur der letzten Märkte in die von komplexen adaptiven und folglich chaotisches Verhalten zeigenden Systemen, die mit dem Klassenbegriff nicht mehr analysiert werden können. Was den Linken bleibt, was sie nun noch tun können, ist, den alten Klassenkampf auf dem Gebiet der Kultur fortzuführen: Sie haben sich also gar nicht mit dem neoliberalen Konzept des von allen Zwangsbedingungen befreiten Wirtschaftens arrangiert, sondern sich einfach schweigend aus dieser Diskussion um eine Wirtschaftspolitik, die sie nicht mehr verstehen, zurückgezogen.

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1 Kommentar

  1. […] die Gesellschaft zu spalten und ihre Mitglieder in einen Kulturkampf aufeinander zu hetzen, nur weil man als Linke den Kampf der Ideen um ökonomischen Ausgleich und damit seine Stammwählerschaft…. Wer so korrupt ist, daß er auf der Jagd nach Wählerstimmen die Lösung politischer Probleme aus […]

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