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Synopsis – Angst vor der Wahrheit: Tatsachenkonstruktivismus

In diesem post setzen wir die begonnene Synopsis von Paul Boghossians Buch „Angst vor der Wahrheit“ aus dem letzten post fort.

III. Tatsachenkonstruktivismus

Tatsachenkonstruktivismus ist unter den Konstruktivismusvarianten am einflußreichsten und in der einen oder anderen Variante haben ihn die folgenden Philosophen vertreten: Nelson Goodman, Hilary Putnam und Richard Rorty. Die Idee hierbei ist:

  • (13) Wir konstruieren eine kontingente Tatsache, indem wir eine Rede- oder Denkweise akzeptieren, welche diese kontingente Tatsache beschreibt.

Der Tatsachenkonstruktivismus behauptet genauer folgendes:

  • (14) Tatsachenkonstruktivismus: Alle kontingenten Tatsachen sind notwendigerweise beschreibungsabhängig. Damit ist gemeint, daß es keine kontingente Tatsache darüber geben kann, wie sich etwas in der Welt verhält, die unabhängig von unserer Neigung wäre, die Welt als eine so oder so bestimmte zu beschreiben. Also: Sobald wir ein bestimmtes Schema der Weltbeschreibung übernommen haben, entstehen ganz bestimmte kontingente Tatsachen über die Welt.

Ein Beispiel für den Tatsachenkonstruktivismus wäre: Niemand könnte überhaupt Präsident sein, es sei denn, wir sind irgendwann bereit, ihn als Präsidenten so zu beschreiben.

Tatsachenkonstruktivismus ist eine Variante der These, daß alle kontingenten Tatsachen bewußtseinsabhängig sind, denn nur ein arbeitendes Bewußtsein kann die Welt beschreiben.

  • Doch (14) scheint nicht wahr zu sein, denn offensichtlich haben nicht alle kontingenten Tatsachen diese Natur: Viele Tatsachen über Berge oder Elektronen bestanden schon bevor es Menschen gab. Die Bewußtseins- oder Beschreibungsabhängigkeit von Tatsachen ist also keinesfalls notwendig wahr. Doch das allein widerlegt den Tatsachenkonstruktivismus natürlich noch nicht, da sind immer noch eine Menge Tatsachen, die in der angegebenen Weise sozial konstruktiert sein könnten.

Um die Achillesverse von (14) zu finden, müssen wir den Tatsachenkonstruktivismus von der sozialen Bedingtheit von Beschreibungen zu unterscheiden – selbst wenn das von Konstruktivisten meistens übersehen wird. Letztere behauptet lediglich folgendes:

  • (15) Soziale Bedingtheit von Beschreibungen: Welches Schema der sprachlichen Weltbeschreibung wir übernehmen, hängt davon ab, welches Schema wir für aktuell nützlich halten. Und welches Schema wir zu übernehmen für nützlich halten, hängt von unseren kontingenten Bedürfnissen und gelegentlich sogar von unseren Interessen als soziale Wesen ab. Doch das allein entscheidet nicht darüber, welche dieser Beschreibungen wahr oder falsch sind.

Es ist wesentlich, daß der Tatsachenkonstruktivismus keine Generalisierung der sozialen Bedingtheit von Beschreibungen ist: Denn man kann die zweite vertreten, ohne die erste Auffassung zu teilen.

  • Die These von der sozialen Bedingtheit der Beschreibungen besagt nicht, daß man jede Beschreibung benutzen kann, zu der man gerade Lust hat und dennoch jeweils eine wahre Aussage erhält. Einer sozialen Bedingtheit von Beschreibungen beizupflichten, heißt lediglich anzuerkennen, daß es von unseren praktischen Interessen abhängt, welche dieser Beschreibungen zu verwenden, sich für uns in irgendeinem Sinne lohnt: Nicht alle Beschreibungen sind unter allen Umtänden gleich nützlich oder gleich adäquat.
  • Tatsachenkonstruktivismus hingegen besagt, daß wir das Vorliegen jeder einzelnen kontingenten Tatsachen über die Welt nur verstehen können, nachdem wir uns darauf verständigt haben, einige Weltbeschreibungen anderen vorzuziehen. Zweitens besagt er, daß die Annahme, daß es Tatsachen als Merkmale der Welt geben könnte, die einige dieser Beschreibungen vor anderen Sachverhaltsbeschreibungen auszeichnen, eine Vorstellung ist, die vor dem Gebrauch dieser Beschreibungen keinerlei Sinn hat.

Es gibt mindestens drei schwere Probleme des Tatsachenkonstruktivismus. Nehmen wir dafür an, daß P für dasjenige steht, was ein bestimmter Satz über kontingente Tatsachen aussagt. Dann gilt:

  • a) Problem der Kausalität: Die Existenz der meisten Dinge und Ereignisse geht der Existenz der Menschen, die sie beschreiben, vorher z.B. Elefanten, Elektronenmassen, Berge, Blitzschläge – und das dann kann auch gar nicht anders sein, weil einige von ihnen die Existenz der sie beschreibenden Menschen bedingen. Wäre es anders, dann müßte jeder Konstruktivist seine eigene Vergangenheit erfinden und insofern die Wirkung würde vor ihrer Ursache eintreffen. Aber das beobachten wir nie.
  • b) Problem der Begriffskompetenz: Es gehört zum Begriff einiger Tatsachen und Dinge, daß sie nicht von uns konstruiert wurden z.B. alles von zu unserer Physiologie und was zum physikalischen Aufbau der Materie gehört. Die Umkehrung würde in eine Art Sprachidealismus führen, der unhaltbar ist: Wenn ich Beethoven höre, dann bin nicht ich es, der sich diese Synphonien ausdenkt.
  • c) Problem der Meinungsdifferenz: Angenommen der Tatsachenkonstruktivismus ist wahr. Dann folgt:
    i) Wenn wir in unserer Gesellschaft die Tatsache, daß P, sozial konstruieren, dann ist P kontingenterweise der Fall.
    ii) Wegen i) ist es möglich, daß es eine andere Gesellschaft gegen könnte, in der die Tatsache, daß nicht-P, sozial konstruiert wurd, so daß dann nicht-P der Fall ist.
    iii) Da diese Konstruktionen jeweils sozial kontingent wahr sind, ist es folglich möglich, daß sowohl P als auch nicht-P zugleich der Fall sind. Das wäre zum Beispiel eine Welt in der die ersten Amerikaner zugleich über die Behringstrasse und nicht über die Behringstrasse, sondern z.B. aus einer Geisterwelt kamen.
    iv) Daher verletzt der Tatsachenkonstruktivismus den Satz vom Widerspruch, der da heißt: Es gilt notwendig, daß es nicht der Fall ist, daß P und nicht-P. Denn daß etwas der Fall ist, ist nicht seinerseits gesellschaftsabhängig, das gilt nur für die soziale Konstruktion.

Also: Tatsachenkonstruktivismus ist keine widerspruchsfreie These und wäre sie es doch, dann wäre sie falsch.

IV. Relativer Tatsachenkonstruktivismus

Rortys hat darauf reagiert. Seine Grundidee ist, daß alles Reden über Tatsachen nur als Reden darüber zu verstehen, wie die Dinge gemäß einer bestimmten Redeweise und relativ zu einer Theorie sind – oder gemäß einem Sprachspiel in Wittgensteinscher Terminologie. Die Aussage, daß die Realität in bestimmter Weise an und für sich beschaffen ist, sei dagegen genauso unverständlich wie die Aussage, daß nur das Bewußtsein verursacht, wie es sich mit der Welt verhält, indem es diese Welt beschreibt. Als neues feature aber vertritt er den Standpunkt, daß diese Redeweisen einander aber dennoch nicht ebenbürtig sind, sondern sich unterscheiden durch in ihren pragmatischen Gründen z.B. weil sie nützlicher sind. Die Folge dieses updates ist, daß das obige Problem der Meinungsdifferenz und damit die Inkonsistenz des Tatsachenkonstruktivismus verschwindet.

Auch den relativen Tatsachenkonstruktivismus gibt es in mehreren Geschmacksrichtiungen.

Globaler, relativer Tatsachenrelativismus:

  • Für alle kontingenten Tatsachen gilt: Wenn es gemäß der Theorie T1 von A wahr ist, daß P, dann steht das nicht im Widerspruch dazu, daß es gemäß der Theorie T2 von B wahr ist, daß nicht-P – dem Relativismus sei Dank.

Der traditionelle Einwand gegen den globalen, relativen Tatsachenrelativismus lautet wie folgt:

  • i) Die These “Alle wahren Behauptungen sind höchstens wahr relativ zu etwas.“ muß ihrerseits entweder relativ wahr oder nicht-relativ wahr sein.
  • ii) Nicht-relativ wahr kann sie nicht sein, denn dann wäre sie falsch vom Standpunkt des globalen, relativen Tatsachenkonstruktivismus aus.
  • iii) Relativ wahr kann sie aber auch nicht sein, denn sonst würde sie keine nicht-relativ wahre Behauptung ausschließen – unter anderem die unabdingbare Behauptung, daß sie selbst nicht nicht-relativ falsch sei.

Einige Relativisten, die sich selbst womöglich als Pragmatiker geben, machen aus dieser Not eine Tugend und behaupten, daß ihre These “Alle wahren Behauptungen über kontingente Tatsachen sind höchstens wahr relativ zu etwas.“ selbst nur relativ ist.

  • Es hat jedoch den Anschein, als brauche man darauf im Grunde gar nicht zu reagieren, denn das ist ja nach eigener Aussage nichts weiter als eine dem globalen relativen Tatsachenkonstruktivismus angenehme Äußerung: Sollte er also jemanden auffordern, ihm beizupflichten, kann man das begründungslos ablehnen, denn die Notwendigkeit dafür eine eigene Begründung abzugeben, wird ja selbst gar nicht eingeräumt.

Folgt aus der Annahme der Wahrheit des globalen, relativen Tatsachenkonstruktivismus (kurz: des globalen Relativisten) wirklich, daß er keinerlei Argument für sich selbst bringen kann? Diese wäre nur dann der Fall, wenn es keine solche Theorie geben kann, die sich nicht auch für Nicht-Relativisten in irgendeiner Weise auszahlt. Verfolgen wir diese Frage mal weiter:

Der globale Relativist behauptet, daß es keine Tatsachen der Form “Es gibt x.“ sondern nur Tatsachen der Form “Gemäß einer Theorie, die wir allein aus pragmatischen und nicht aus epistemischen Gründen befürworten, gibt es x.“ gibt. Kann es nicht-relative Tatsachen darüber geben, welche Theorien wir aus pragmatischen Gründen befürworten? Nehmen wir an, das wird bejaht. Dann handelt sich der globale Relativist drei sehr unkomfortable Konsequenzen ein.

  • i) Der globale Relativist kann nun nicht mehr die Auffassung ausdrücken, daß es keine nicht-relativen Tatsachen gibt. Diese Aussage ist nämlich nur wahr relativ zu einer bestimmten Theorie. Stattdessen kann er höchstens noch ausdrücken, daß die einzigen nicht-relativen Tatsachen diejenigen sind, die die von den verschiedenen Gemeinschaften vertretenen Theorien betreffen: Die einzigen nicht-relativen Tatsachen wären die über unsere Meinungen – und das wäre kein globaler Relativismus mehr.
  • ii) Das Problem an i) ist: Warum soll es ein Problem mit Tatsachen z.B. über Berge geben, nicht aber mit Tatsachen über unsere Meinungen? Immerhin ist Mentale deutlich rätselhafter als die physikalische Welt.
  • iii) Nehmen wir einmal an, daß es keine nicht-relativen Tatsachen darüber gibt, welche Theorien wir aus pragmatischen Gründen befürworten. Dann gibt es nur relative Tatsachen über aus pragmatischen Gründen befürwortete Theorien und das bedeutet, daß die einzigen Tatsachen, die es gibt, die Form haben “Gemäß einer Theorie, die wir befürworten, gibt es eine Theorie, die wir befürworten, nach der es die Tatsache x gibt.“ – was sofort zu einem Regreß führt, der insofern schädlich ist, als wir diese nach dem Regress einzig verfügbaren Tatsachen weder verstehen noch ausdrücken können.

Der globale Relativist ist damit in folgender Lage: Entweder sein Relativismus ist inkonsistent oder selbst relativ. Ist Letzteres der Fall, dann kann er seine relativen Tatsachen entweder nicht ausdrücken oder muß sie die Form unendlich tief geschachtelter Aussagen annehmen lassen, die wir ihrerseits weder ausdrücken noch verstehen können. Die einzig verbleibende relativistische Option ist die eines lokalen, relativen Tatsachenkonstruktivismus, der auf einen bestimmten Bereich beschränkt bleibt – etwa so wie wir das bereits von den Höflichkeitsregeln kennen.

  • (16) Jeder lokale, relative Tatsachenkonstruktivismus verpflichtet sich aber auf die Existenz einiger nicht-relativer Tatsachen.

Damit sind beide Möglichkeiten, die Aussage, alle Tatsachen seien konstruiert, auszubuchstabieren, gescheitert: Tatsachenkonstruktivismus und globaler, relativer Tatsachenkonstruktivismus implizieren logische Komplikationen, die man nicht umgehen oder vermeiden kann.

  • Das bedeutet: Es muß daher einige, nicht-relative und vor allem bewußtseinsunabhängige Tatsachen geben.

Und wenn wir die Welt begreifen wollen, muß sich das irgendwie in unseren Meinungen niederschlagen, insofern sie Belege dafür liefern, welche Auffassungen die rationalste von allen und vielleicht die der Wahrheit am nächsten gelegene ist. Mit anderen Worten: Unsere Freiheit ist begrenzt.

Der Artikel wird fortgesetzt.


2 Kommentare

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