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Feministische Geschlechterhaftung

Mark E. Smith hat hier einen interessanten Artikel besprochen, den Nikolaus Zogg in der Internetpräsenz des schweizerischen Dachverbands der Männer- und Väterorganisationen veröffentlicht hat. Mein Kommentar dazu wurde lang genug, um einen eigenen post daraus zu machen.

Es scheint mir auf der Hand zu liegen, daß dieser überraschend kurze und begründungsfreie Artikel von Nikolaus Zogg ein politisches Geschenk an jemanden ist. Das kann alles mögliche sein z.B. auch private Zugangsrechte zu einem bestimmte Kreis und damit Zusammenhänge, von denen wir als Leser schlicht nichts wissen können. Solche Artikel, die natürlich mit dem Anspruch auftreten, für alle Männer und Väter eine generelle Richtung vorzugeben, gibt es öfter – nicht nur für Geschlechter, sondern auch in politischen Zusammenhängen vor allem im amerikanischen Raum.

Aber lassen wir diesen Aspekt mal weg. Mich interessiert, wie man die normativen Aspekte dieses Textes analysieren kann. Zu diesem Zweck holen wir am besten die guten, alten Zivilrechtsbgriffe aus dem Schrank, die eigentlich immer auf einem Bilanzgedanken zwischen Individuen beruhen.

I. Die feministische Kaperung des Multikulturalismus

Der folgende Text beansprucht, zu zeigen, daß dieser Bilanzgedanke im Zogg-Text aber auf eine ganz besondere Weise vorkommt, indem er aus dem Zogg-Text eine juristische Geschlechterhaftung rekonstruiert. Sie lautet:

  • (A) Jeder Gebrauch eines Vorteils – sei es an sozialer Gestaltungsfreiheit, an Chancen, an Rechten, an Ämtern oder an Gütern – der durch ein Merkmal ermöglicht wird, welches eine Gruppe von Individuen bildet, gilt als rechtsverletzende Tat.
  • (B) Ein einzelner Mensch mit einem gruppenbildenden Merkmal – z.B. Geschlecht oder Gewicht – haftet verschuldensunabhängig für eine rechtsverletzende Tat aus (A), die einige Mitglieder der durch dieses Merkmal gebildeten Gruppe unternehmen. Dafür kommt es nicht darauf an, ob diese Gruppe aus dem kompletten Rest oder wenigstens der Mehrheit aller Merkmalsträger besteht.
  • (C) Diese Haftung aus (B) umfaßt auch diejenigen Vorteile aus rechtsverletzenden Taten Anderer, aus denen der Haftende selbst keinen Nutzen zieht. Es ist für die Haftung aus (A) ausreichend, daß irgendjemand, der nicht seiner eigenen Merkmalsgruppe angehört, unter der Tatsache leidet, daß der Haftende den Vorteil hat. Es ist für die Haftung aus (A) ebenfalls nicht erforderlich, daß irgendjemand sonst aus diesem Vorteil oder seiner Umverteilung einen individuellen Nutzen zieht.
  • (D) Der Anspruchsberechtigte aus dieser Gruppe ist – ohne weitere Bedingungen – jeder, der das gruppenbildende Merkmal nicht aufweist. Es ist nicht erforderlich, daß der Anspruchsberechtigte der Leidende aus (C) ist.
  • (E) Der Anspruch besteht in der Beseitigung des Vorteils sowie einer Rückerstattung desjenigen Nutzens, der infolge dieses Vorteils von irgendjemandem gezogen wurde oder hätte gezogen werden können. Der Rückerstattungsanspruch wird nicht dadurch gemindert, daß dabei kein Schaden ausgeglichen wird.

Bemerkenswert ist, daß diese Art von Haftung sich massiv unterscheidet von den bekannten Gruppenrechten des Multikulturalismus. Denn wir wissen:

  • (1) Multikulturalismus ist eine politische Lösung i.S.d. Slogans „Gleichheit ist gleiche Freiheit“ für einen normativen Konflikt zwischen den liberalen Werten von Freiheit und Gleichheit, der sich einstellt genau dann, wenn man zusätzlich zu einem Kulturrelativismus die antibiologistische These akzepiert, daß nicht die biologische Konstitution eines Individuums, sondern primär die Kultur Basis der Herausbildung von personaler Identität und der Ausübung personaler Autonomie ist. Denn daß ein Staat oder eine staatliche Ordnung in Bezug auf Gruppen unparteiisch und neutral und damit gegenüber verschiedenen Kulturen gleich fair wäre, wird als unmöglich angesehen.

Damit bricht der Multikulturalismus mit dem bis in die 1970iger vorherrschenden, liberalen Egalitarismus nach Rawls, der Gerechtigkeit primär durch Gleichheit bestimmt sieht und Freiheit lediglich als Mittel versteht, das Ideal der Gerechtigkeit unter Gleichen herzustellen. Freiheiten und Rechte sind im liberalen Egalitarismus immer individuell, denn der Staat ist liberalen Egalitarismus kulturneutral. Das bedeutet:

  • (2) Im Multikulturalismus ist immer der Staat der Anspruchsgegner einer verschuldensabhängigen Haftung, nicht der individuelle Staatsbürger.

In der verschuldensUNabhängigen Geschlechterhaftung von Zogg scheint die multikulturalistische Grundidee aber feministisch gekapert worden zu sein und zwar auf folgende Weise:

  • (3) Es wird suggeriert, daß gleiche Freiheit nicht zwischen Gruppen, sondern zwischen Individuen hergestellt werden müsse, indem sich die Betroffenen dieser Merkmalsasymmetrie dadurch ausgleichen, daß der Merkmalsträger unfreier wird. Denn um irgendeine individuelle Nutzenbilanz geht es ja gar nicht.

Doch natürlich kann man die Vorstellung der Wechselwirkungen zwischen Staat und Gruppen (z.B. Kulturangehörigen) nicht einfach auf die Wechselwirkung zwischen Individuen als Gruppenangehörige analog übertragen: Kein Individuum kann auf eine Gruppe von Menschen wirken, denen er persönlich nie begegnet ist, ein Staat kann das.

II. Rhetorische Versklavung

In der Praxis führt die feministische Kaperung des Multikulturalismus daher zu einem rhetorischen Mittel, die positive Freiheit eines einzelnen Männern gegenüber der positiven Freiheit einer einzelnen Frau einzuschränken – egal, wie die Freiheitsbilanz dieses konkreten Mann-Frau-Paares eigentlich aussieht. Denn es liegt im Wege der feministischen Geschlechterhaftung in der Verantwortung jedes einzelnen Mannes gegenüber allen Frauen, sich zurückzunehmen und darüber hinaus jeder einzelnen Frau Vorteile ohne Gegenleistung zukommen zu lassen.

  • (4) Dieser move wird oft benutzt z.B. wenn die Feministen in Geschlechterdiskussionen daran erinnern, daß die Frauen angeblich nicht wählen oder nicht zur Uni gehen durften. Wirklich ausgesprochen wird das aber nur sehr selten, denn die feministische Kaperung des Multikulturalismus widerspricht der moralischen Grundintuition, daß eine Haftung nur im Falle eines persönlichen Verschuldens gegenüber einem infolge dieses Verschuldens Geschädigten in Frage kommt.

Das bedeutet, daß die feministische Haftung des Mannes gegenüber jeder Frau nicht endet. Denn es kann ja niemals einen Zeitpunkt geben, zu dem etwas abgegolten, eine individuelle Bilanz zwischen zwei Personen ausgeglichen ist. Denn es wird überhaupt nicht über Individuen bilanziert, sondern über Gruppen. Aus diesem Grund verstößt die feministische Geschlechterhaftung gegen eine weitere Grundintuition aus dem Moralerbe der Menschheit:

  • (5) Es ist inhuman, Menschen zeitlich unbegrenzt oder in unbegrenztem Umfang haften zu lassen. Aus diesem Grund gibt es selbst für lebenslängliche Strafen Termine, zu denen die Erlassung der Strafe geprüft wird. Die feministische Geschlechterhaftung sieht jedoch eine verschuldensunabhängige Vernichtung positiver Freiheit des Mannes und eine verschuldensunabhängige Verpflichtung jedes Mann gegenüber jeder Frau zu kostenloser Vorteilsverschaffung vor, bis diese Gruppen in der Bilanz vollkommen gleich sind.

Damit ist ein weiteres Mal gezeigt, daß die vom linken und vom biologistischen Maskulismus gepflegte Wunschvorstellung eines humanistischen Feminismus vollkommen surreal ist.

Die Bilanzierung aus (5) hat es noch auf eine weitere, geradezu kombinatorische Weise in sich:

  • (6) Denn jede Untergruppe der Frauen kann offenbar in Eigenregie etwas zur Geschlechternorm schon dadurch erheben, in sie auf ein bestimmtes Verhalten von Männern freiwillig und in homogener Weise reagiert z.B. die Frauen sich gegenüber Männern passiv verhalten und darüber hinaus geltend machen, daß dieses Zurücknehmen eine notwendige Bedingung für etwas anderes ist, daß diese Frauen wollen wie z.B. die Gesellschaft der Männer.

Denn wer bestreitet, daß diese notwendige Bedingung wirklich gilt, der kann den folgenden Einwand von Frauenseite erwarten: „Das sind aber nun mal meine Erfahrungen und was weißt du schon über meine Vergangheit.“. Die wesentliche Pointe ist hier:

  • (7) Es gibt kontingente Tatsachen, die normativ sind und unabhängig davon geschaffen werden können, daß die Meinungen, auf denen das normschaffende Sprechhandeln beruht, wahr sind – was ein Fall des relativen, lokalen Tatsachenrelativismus ist.

Und da für die Geschlechterhaftung Verschulden keine Rolle spielt, kann einen Moment später genau diese Untergruppe über genau diese selbsterzeugt Norm Ansprüche aus der feministischen Geschlechterhaftung geltend machen – und das gilt auch für jede andere Untergruppe der Frauen, die davon weiß.

  • (8) Dieser move ist jedoch ebenfalls nur rhetorisch, denn der relative, lokale Tatsachenrelativismus ist zugleich hinreichend dafür, daß die entsprechende Verpflichtung aus der feministischen Geschlechterhaftung für den Mann nicht mehr gültig ist. Denn sie ist ja nun genau auf die Menge von Menschen beschränkt, die der Meinung sind, diese Erfahrungen zu machen. Wer diese Erfahrung nicht teilt, der entgeht der Norm – weshalb Frauen Feministen als Allererstes von Männern verlangen, daß sie ihnen glauben sollen: IMMER.

Was auf diese Weise klarerweise erreicht wird, ist das Paradigma der Postmoderne: Diskurse sind Machtmittel – in diesem Fall Machtmittel der Moral – und Frauen realisieren auf diese Weise eine Geschlechterrevanche, die seit Simone de Beauvoir zu den Grundintuitionen des Feminismus gehören:

  • (9) Wer diese Rhetorik benutzt, der übt auf moralische Weise Druck auf andere Menschen aus, freiwillig ihre positiven Freiheiten aufzugeben und sich in den Dienst anderer Menschen zu stellen. Es ist kein Wunder, daß sich Männer über eine moralisch induzierte Ausbeutung von Frauen beschwehren – die ihrerseits nur möglich ist, weil Männer eben alles andere als unmoralisch sind.

Statt von Rhetorik kann man auch von strategischer Kommunikation sprechen. Wir haben diese Idee kommunikativer Geschlechterrollen hier und hier bereits kennengelernt und auch in diesem Fall zeigt sich, daß nur eine Verbesserung der normativen Kompetenz der Männer und die Schulung ihrer Fähigkeiten in Kommunikationsguerilla die von der feministischen Praxis angestrebte, rhetorische Versklavung von Männern durch Frauen auf der Grundlage bereits vorhandener Bindung der Männer an eine liberale Moral durchbrechen können.

Appelle an biologische Studien sind gegen diese Art der Manipulation durch Lügen offenbar vollkommen nutzlos – weshalb der Biologismus den Männern bei den Problemen ihres sozialen Alltags auch überhaupt nicht weiterhift.


1 Kommentar

  1. pboeblog sagt:

    Sehr genialer Artikel! Danke!

    Vor allem, die Analyse nach den Zivilrechtsbegirfflichkeiten und das Conclusio in der „strategischen Kommunikation“ …. weil nämliche (also „strategische Kommunikation“) ja wohl nichts anderes als Manipulation sein kann.

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