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Ästhetik – eine Herausforderung für den Humanismus

Kein akzeptables Konzept von Humanismus kann sich allein auf Moral gründen. Denn wenn die Welt moralisch wäre, statt von Ästhetik dominiert, dann würden wir Koalabären essen und Mastschweine liebhaben, denn Schweine haben als sozial intelligente Lebewesen sicher einen deutlichen höheren Anspruch auf eine humanistisch relevante Würde als die unterentwickelten Koalabären. Doch in der Realität schert uns das überhaupt nicht. Interessanterweise sind ästhetische Urteile in der postmodernen Öffentlichkeit in der Regel entweder Gegenstand überhaupt keiner Diskussion oder es wird über sie ebenso polemisch wie erbittert gestritten. Kein Humanismus kann daher realistisch sein, ohne den Sinn der Menschen für Ästhetik zu verstehen.

Übersicht:


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Welche Objekte sind schön bzw. häßlich? Muß jedes künstliche Objekt entweder schön oder häßlich sein? Und wäre das bei natürlichen Objekten genauso? Und wie hängt die Menge der Kunstwerke mit der Menge der schönen Objekte zusammen? In diesem post geht es nur um künstlich geschaffene Objekte.

I. Ästhetik ohne Kunst – Kunst ohne Ästhetik

Ein besonders unangenehmes Problem bei der Behandlung von Fragen zur Kunst und zur Ästhetik besteht darin, daß es gültige Alltagsintutionen auf diesen Gebieten einfach nicht gibt. Will man sich solche Intuitionen, die für Adäquatheitsbedingungen ästhetischer Theorien eine Rolle spielen könnten, dennoch beschaffen, dann gibt es meiner Ansicht nach nur nur zwei Wege dies zu tun: Entweder man gibt eine Diagnose verschiedener Fehlschläge mit Problemen der Ästhetik und der Kunst fertig zu werden – dann nutzt man aus, daß etwas abzulehnen, bedeutet, etwas zu wissen zu beanspruchen – oder man erweitert den Begriff der Intuition auf solche Auffassungen, die man mittels einfachster Überlegungen einigermaßen einleuchtend verteidigen kann. Ich verfolge letztere Strategie. Unter diesen Bedingungen lauten vertrauenswürdige Intuitionen zur Kunst und zur Ästhetik wie folgt:

(1) Vieles und sehr Unterschiedliches kann Kunst sein – das ist vor allem eine Frage des Standpunktes und des Arrangement des Objektes. Für die Existenz von Kunstwerken ist folglich die Verfügbarkeit einer Erklärung, die einen Gegenstand als Kunstwerk ausweist, konstitutiv. Meine einfache Begründung dafür geht so:

  • i) Es ist durchaus rational, anzunehmen, daß jemand plötzlich eine neue glaubwürdige und vernünftige Auffassung zur Kunst entwickelt, die nachweist, daß einige der uns umgebenden artifiziellen Objekte in einem gewissen Sinne Kunst sind, obwohl wir dies bisher nicht für möglich hielten. Die Einführung von normalen Gebrauchsgeständen als Kunstwerke durch Marcel Duchamp ist gerade so ein Fall. Das ist nicht so zu verstehen, daß es eine glaubhafte Kunstauffassung geben könnte, nach der alle artifiziellen Gegenstände simultan Kunstwerke sind. Denn eine Kunstauffassung, die die Anzahl der uns umgebenden Kunstwerke inflationär vermehrt, scheint auf einen trivialen Sinn von Kunst hinauszulaufen und ist genauso glaubwürdig wie die Behauptung, daß jeder ein Künstler ist, obwohl klar ist, daß es z.B. zwischen meinen Bildern und z.B. denen von Picasso beträchtliche Unterschiede gibt.
  • ii) Darüberhinaus kann derselbe Stein, der sonst auf der Straße liegen würde, ein Kunstwerk sein, wenn er in einem Museum in geeigneter Weise präsentiert wird. Dafür kommt aber nicht jedes Museum in Frage, da kein Stein schon deshalb ein Kunstwerk sein kann, weil er in einem Geologiemuseum ausgestellt ist.

Mit beiden Fällen wird man nur fertig, wenn man Verfügbartkeit von Erklärung von Objekten als Kunstwerke zur notwendigen Bedingung von Kunst im allgemeinen macht. Ich wüßte auch keinen anderen Weg, religiöse Kunst oder Kunst anderer Kulturen als Kunst zu erkennen und verständlich zu machen.

(2) Nicht alles kann ästhetisch relevant sein, es gibt ästhetisch neutrale Objekte. Daher sind Kunstwerke nicht per se ästhetisch relevant und ein Objekt kann ein Kunstwerk sein unabhängig davon, ob es z.B. schön oder vielleicht häßlich ist. Ästhetisch gut zu sein ist folglich keine notwendige Existenzbedingung von Kunstwerken.

  • i) Das liegt einfach an dem, wovon wir Begründungen zur ästhetischen Relevanz von Objekten abhängig machen. Die Behauptung, daß z.B. ein Bild von Kandinsky einen hohen ästhetischen Rang hat, können wir zwar dadurch untermauern, daß wir z.B. auf den Verlauf der gemalten Diagonalen und die Wahl der Farben verweisen, nicht aber dadurch, daß wir belegen, daß er das Bild während seiner Murnauer Zeit malte.
  • ii) Doch daraus folgt nicht etwa, daß es spezifische, für alle Objekte konstante, möglicherweise verborgene Eigenschaften gibt, deren Existenz eine hinreichende Bedingung dafür wäre, den Objekten einen bestimmten ästhetischen Rang zu verleihen, sondern etwas Schwächeres und zwar lediglich, daß die Zugehörigkeit eines Werkes zu einer bestimmten Art nicht gleichgültig ist für seinen ästhetischen Rang, so daß es z.B. darauf ankommt, szs. die Elemente eines Bildes zu erkennen und zu klassifizieren, und es für das Ergebnis einer ästhetischen Beurteilung daher immer darauf ankommt, was denn beurteilt werden soll.

Daher kann man aus der Tatsache, daß z.B. ein Bild durch einen einzigen Strich verschandelt werden kann, nicht schließen, daß eine bestimmte physikalische Beschaffenheit für die Beurteilung eines Objektes als ästhetisch gut notwendig oder hinreichend ist.

(3) Kunst hat etwas zu tun mit unserem Verständnis der uns umgebenden Welt.

  • i) Dabei gehe ich von der Annahme aus, daß es wahr ist, daß wir das Werk eines Künstlers völlig mißverstehen können. Würden sich diese Möglichkeiten des Mißverstehens aber beschränken auf die Absichten des Künstlers, die er mit der Erschaffung des Kunstwerkes verfolgte, dann würde unser Verständnis eines Kunstwerkes umso sicherer werden, je weniger sich der Künstler über seine Absichten im Klaren war. Doch diese Konsequenz ist absurd. Es kann für das Verständnis eines Kunstwerkes auch nicht in entscheidender Weise daruaf ankommen, die Intentionen des Künstlers zu kennen. Denn dann könnten wir die Werke eines unbekannten oder vor einer eigenen Stellungnahme zu seinen Werken verstorbenen Künstlers überhaupt nicht verstehen. Folglich ist es das Werk, daß man versteht, und dieses Verständnis besteht nicht in der Kenntnis der Künstlerintentionen.
  • ii) Daß man bei der Entschlüsselung eines Kunstwerkes in die Irre gehen kann, setzt voraus, daß es ein korrektes Verständnis eines Kunstwerkes gibt. Dann aber genügt es nicht, zu sagen, daß wir durch Kunstwerke zu Ideen angeregt werden, deren Inhalt in unserem Belieben steht, sondern Kunstwerke zeigen und bringen uns bei, die uns umgebende Welt oder einen Teil von ihr auf eine bisher unbekannte Weise zu ansehen, zu durchschauen und damit in gewisser Weise etwas über sie dazuzulernen – falls man weiß, wie man z.B. kubistische Kunstwerke anzusehen hat – unabhängig von irgendwelchen Künstlerintentionen.

Damit ist meiner Ansicht nach auch klar, was uns eine gelungene Kunstkritik beibringen sollte: Wie man z.B. einen Mondrian ansehen muß, damit man das Dreidimensionale an ihm erfaßt, und was dies mit der Tatsache zu tun hat, daß ein Mondrian, der auf dem Kopf steht, einfach fürchterlich aussieht.

(4) Ästhetische Phänomene – was immer dies auch sein mag – müssen überprüfbar erklärt werden können.

  • i) Denn wer nur seinem Geschmack folgt, von dem verlangen wir anders als in Fragen der Ästhetik oder
    der ästhetischen Rangfolge von Werken oder Künstlern keinelei Argumente: Er tut dies blind. Daher ist
    es richtig, daß man über Geschmack – soweit man sich zu seiner Defintion nicht auf die Fähigkeit zur
    Wiedererkennung beschränkt – auch schlecht streiten kann.
  • ii) Für ästhetische Beurteilungen gilt dies jedenfalls nicht, solange wir in ästhetischer Hinsicht in die Irre gehen, etwas dazulernen oder unsere Kompetenz in Fragen der Ästhetik trainieren können.

Mein Fazit daraus sieht in etwa so aus:

Kunst und Ästhetik haben im Grunde nur zufällig etwas miteinander zu tun: Empirische Kunst fordert einen von Kunstgeschichte und Kunsttheorie abhängigen Begriff der Kunst immer wieder heraus: Im neunzehnten Jahrhundert machten viele Maler den Versuch, den bis dahin für die Kunst gültigen Konventionen zu entkommen, die von ihnen verlangten, idealisierten, romantischen, historischen oder religiösen Themen auf eine gewaltige und kraftvoll gestaltete Leinwand zu bannen: Was taten sie? Sie malten Szenen aus dem Alltag und akzeptierten Materialien, die banal oder unschicklich waren. Sie gingen sogar soweit, ihre Werke auf nicht-malerische Art zu gestalten und Alltagsgegenstände als Kunst zu arrangieren. Und sie verstanden dies als Kunst in seinem ursprünglichsten Sinne. Wo es aber Konventionen über Kunst nicht gibt, die primär von Nicht-Künstlern verteidigt werden, da fehlt diesem Vorgehen ein innerer Grund. Für diese Argumentation muß man allerdings die These übernehmen, daß Kunst selbstreflexiv ist. Da nicht durch jeden Gegenstand eine Herausforderung des etablierten Kunstbegriffs gegeben sein kann, kann auch nicht alles Kunst sein. Eine Definition der Kunst erübrigt sich daher und was Kunst ist, kann man mit ruhigem Gewissen den Künstlern selbst überlassen.

Der Zusammenhang von Kunst und Ästhetik liegt daher einfach darin, daß Kunstwerke die Aufgabe der Ästhetik sehr gut übernehmen können. Für beide – Kunst und Ästhetik – ist daher charakteristisch, etwas Neues zu machen und beide Themen darf man nicht mit Allgemeinheit überfordern.

II. Ästhetik – Normen oder Eigenschaften?

Man könnte auf die Idee kommen, daß ästhetische Urteile spezielle Wahrnehmungsurteile sind. Doch man kann hier Zweifel anmelden:

Wären ästhetische Beurteilungen tatsächlich spezielle Wahrnehmungsurteile, dann ist unerklärlich, warum wir zögern, Tieren einen Sinn für Schönes oder für Häßliches zuzuschreiben. Daher scheinen wir begründete ästhetische Urteile eher als einen Fall der Verstehens, des Wissen oder des Erklärenkönnens aufzufassen. Denn wir sind nicht nur sicher, daß die meisten Tiere viel sensitivere Wahrnehmungsfähigkeiten haben als wir, wir zweifeln im Prinzip auch nicht daran, daß uns Tiere im allgemeinen intellektuell nicht das Wasser reichen können. Insbesondere steigt unsere Empfänglichkeit für das Schöne in keiner Weise mit einer Zunahme unserer Naivität irgendeiner couleur.

Man könnte auch die Auffassung vertreten, daß ästhetische Urteile normative Urteile und insofern mit Bezug auf ästhetische Werte begründbar sind. Doch auch das ist wenig einleuchtend:

  • i) Weder Schönheit noch ästhetische Urteile sind unmittelbar handlungsleitend in dem Sinne, daß die Handlung das Mittel zum angestrebten Zweck des Schönen oder Häßlichen wäre. Das ändert sich auch nicht, wenn man sich einen Künstler vorstellt, der z.B. eine schöne Skulptur erschafft. Wir können uns sowohl vorstellen, daß keine seiner Spatelstiche allein für die Schönheit der Skulptur verantwortlich ist als auch, daß das ganze Werk durch einen falsche Stich zuschanden wird. Also liegt das Ästethische in diesem Fall an irgendetwas anderem. Aber höchstens dasjenige, was bei unseren Entscheideung handlungsleitend fungieren kann, kann auch eine Norm sein.
  • ii) Darüberhinaus macht es wenig Sinn, jemandem vorzuwerfen, daß er ein bestimmtes Objekt nicht schön oder ästhetisch gut findet, so als wäre dies ein Frage des guten Willens oder der Halsstarrigkeit. Es kann in Fragen der Ästhetik nur eine Argumentation mit Rekurs auf die Beschaffenheit des Werkes das letzte Wort haben, nicht aber eine, die z.B. zeigt, daß ein bestimmter Kritiker nicht legitimert ist, seine Meinung zu speziell diesem Objekt abzugeben oder daß diese Meinung nicht gelten dürfe, weil er damit den Schutz des Kunstwerkes durch eine auf einem bestimmten ästhetischen Wert beruhenden ästhetischen Norm aus irgendeinem Grund verletzen würde

Doch man kann auch noch anders argumentieren:

  • Angenommen ästhetische Urteile wären normative Urteile. Dann müßte es Konflikte zwischen ästhetischen Normen geben können, deren Beschaffenheit den Konflikten moralischer Normen irgendwie analog wäre.

Doch das ist nicht der Fall, wie man sich an einem analogen Beispiel aus der Ethik klarmachen kann:

Angenommen die Gestapo fragt mich 1944, ob ich einem Juden Unterschlupf gewähre. Ich weiß, daß ein Jude, wenn ich ihn ausliefere, im KZ ermordet werden wird. Dann besteht wenigstens formal ein Konflikt zwischen der Norm, die Wahrheit zu sagen, und der Norm, Unschuldige vor ungerechter Verfolgung zu schützen. Natürlich ist klar, wie der Konflikt zu lösen ist: Denn die Nazis können die Norm, die Wahrheit zu sagen, deshalb nicht für sich in Anspruch nehmen, da sie deren Schutz durch ihre Verbrechen längst verwirkt haben – das ist eine Frage der Gerechtigkeit. Entscheidend hieran ist, daß ein Normenkonflikt gelöst wird, indem man sich z.B. den Fragen nach

  • a) der Art des Schutzes durch eine Norm
  • b) des Rechtes der Inanspruchnahme des Schutzes einer Norm
  • c) der eigenen oder fremden Verpflichtung aus der Verletzung einer Norm
  • d) der Legitimation von Normen

zuwendet. So weit – so gut.

Ästhetische Konflikte zeigen solche Eigenarten aber nicht: Weder kann sich ein Künstler, der mit einem bestimmten Werk einem gewissen ästhetischen Anspruch nicht genügte, in irgendeiner Weise zur Verantwortung gezogen werden, noch gilt dies von einem Kritiker, der das Werk eines Künstlers irrigerweise als ästhetisch gut oder ästhetisch schlecht beurteilte.

  • Aus diesen Gründen werden wir die Idee, daß ästhetische Urteile normative Urteile und insofern mit Bezug auf ästhetische Werte begründbar sind, nicht weiter verfolgen. Vielleicht gibt es ästhetische Werte. Aber wenn es so ist, dann begründen sie keine ästhetischen Urteile.

Für Ästhetik ist daher eine nicht-normative Evaluation charakteristisch.

Naheliegend ist stattdessen die weitere Annahme, daß in ästhetischen Urteilen Objekten besondere Eigenschaften bzw. physische oder geometrische Merkmale der Gestalt zu oder abgesprochen werden. Daß Schönheit abhängt von der Beschaffenheit des fraglichen Objekts, z.B. seiner Symmetrie oder auch einem Symmetriebruch mag intuitiv einleuchten, ist jedoch nichts destoweniger eine mit mit allerlei Merkwürdigkeiten belastete These:

  • Denn wenn ästhetische Beurteilung mit den Prädikaten „ist schön“ und „ist häßlich“ wesentlich verknüpft ist, dann kann es in ästhetischen Streitfragen nicht um die Charakterisierung von Objekten i.S.e. einer Klassifikation gehen: Beide Prädikate stehen für komparative Begriffe, weil sie steigerbar sind. Folglich geht es darum, daß zwei Objekte in bestimmter Hinsicht konkurrieren. Würde der Ausgang dieser Konkurrenz aber ausschließlich von der Beschaffenheit des Objektes allein abhängen, so könnten Physiker alle künstlerischen Streitfragen der Vergangenheit und der Zukunft endgültig lösen. Doch das ist sicherlich nicht der Fall.

Welche Alternativen zum Verständnis von Ästhetik stehen uns noch zur Verfügung?

III. Ästhetik, Emotion und Ausdrucksverhalten

Es scheint viele Möglichkeiten zu geben, Gemütsbewegungen eine in gewissen intuitivem Sinne kausale Rolle im Zusammenhang mit Kunst oder mit Ästhetik zuzuschreiben. Wir werden nun versuchen, zu zeigen, daß diese Varianten generell ziemlich aussichtslos sind, wenn man versuchen will, die Ästhetik eines Objektes zu verstehen. Für die These der Aussichtslosigkeit spricht von vornherein, daß, wenn ästhetische Urteile wahr bzw. falsch oder korrekt bzw. unkorrekt sind, man sich dann in ästhetischer Hinsicht irren oder seine Fähigkeiten verbessern kann. Und dies von einem Gefühl, einer Stimmung, einer Neigung oder einer Laune zu sagen, macht auf den ersten Blick wenig Sinn.

Spielen wir mal verschiedene Ideen durch, Gemütsbewegungen eine kausale Rolle im Zusammenhang mit Kunst oder mit Ästhetik zuzuschreiben.

1) Das sog. L´art-pour-l´art-Prinzip als Ausdruck des völligen Interpretationsverzichts muß klarerweise verworfen werden, weil der Interpretationsverzicht keine notwendige Bedingung der Kenntnisnahme des ästhetischen Rangs eines Objektes ist:

  • Das angemessene Verhalten bei einer Begegnung mit einem ästhetischen Objekt besteht nicht darin, daß man sich allen Wissens und aller Erfahrung entkleidet, insofern andernfalls die Unmittelbarkeit des Genusses beeinträchtigt werden könnte, um danach in die Wahrnehmung des Werkes einzutauchen und seine ästhetische Potenz an der Intensität und Dauer des auftretenden Prickeln zu messen. Schließlich kann niemand die Schönheit eines Gedichtes oder eines Gemäldes ermessen, der die bedruckte Seite bzw. das Bild lediglich anstarrt, und sich weigert, das Gedicht zu lesen oder das Bild zu entschlüsseln.

2) Das durch ein Objekt bewirkte unmittelbare Vergnügen ist auch weder notwendige noch hinreichende Bedingung des Ästhetischen:

  • i) Denn daß ein Gemälde oder eine Skulptur mehr Vergnügen bereiten muß, als eine Gesteinsfräse, ist nicht für alle Menschen selbstverständlich. Und die Behauptung, bei dem ästhetischen Vergnügen handle es sich um ein Vergnügen anderer oder höherer Qualität, ist nicht mehr als ein Verlegenheitsmanöver, daß sich nicht nur beliebig oft wiederholen läßt, sondern bei jeder Wiederholung noch langweiliger und uninformativer wird: Warum sollte eigentlich nur Enthusiasten die Dimension des Ästhetischen offenstehen?
  • ii) Ästhetische Objekte müssen auch keine sonstige Befriedigung verschaffen: Wie wäre dann die Wirkung einer Symphonie, die mich derart aufwühlt, so daß ich nachts und im Regen draußen herumlaufe, obwohl ich eigentlich totmüde bin, mit dem einhelligen Urteil aller Experten zu vereinbaren, daß diese Synphonie von hohem ästetischem Rang ist? Im übrigen liegt weder ein Widerspruch in der Behauptung, daß eine Skulptur ästhetisch, aber irgendwie unbefriedigend ist, noch darin, daß sie ästhetisch schlecht und jeder Betrachter davon hochbefriedigt ist.
  • iii) Insbesondere verliert dieselbe Konzertaufführung nicht dadurch an ästhetischem Wert, daß ein Drittel der Zuhörer während der Vorstellung lediglich so narkotisiert wird, daß ihnen die gesamte Aufführung komplett gleichgültig wird, ihre sonstigen Wahnehmungs- oder kognitiven Fähigkeiten aber unbeeinträchtigt bleiben. Es besteht ferner kein Widerspruch darin, Werke, die irgendwelche Gemütsbewegungen hervorrufen, welche wir normalerweise zu vermeiden trachten, frenetisch und als neue Ära der Ästhetik zu bejubeln. Daher müssen ästhetische Objekte im allgemeinen auch nicht schön sein, um ästhetisch relevant zu sein. Wenn das aber so ist, dann kann Häßliches ästhetisch sein, mit der Folge, daß „schön“ und „ästhetisch“ nicht synonym sein können: Denn was könnte es schon bedeuten, zu sagen, daß Häßliches schön sein kann?

Schönheit ist daher weder ein Maßstab für ästhetischen Wert noch machen die Versuche Sinn, Gemütsbewegungen irgendeine kausale Rolle im Zusammenhang mit Ästhetik zu geben.

3) Doch auch das objektivierte Vergnügen, welches in das Objekt als eine seiner Eigenschaften hineingelesen werden könnte, sind keine notwendige Bedingungen des Ästhetischen:

  • i) Wenn eine Art von Vergnügen von einem Objekt nicht verursacht, sondern in irgendeiner Weise besessen wird, so besagt dies leider, daß das Objekt vergnügt ist, wenn man nicht sagen will, daß das Objekt Vergnügen lediglich zum Ausdruck bringt. Nun haben Kunstwerke aber kaum die Gefühle, die sie bisweilen auch auszudrücken pflegen. Was aber tut man dann mit solchen Objekten, die Trauer zum Ausdruck bringen oder irgendeine andere nicht-spaßige Einstellung, wie z.B. Grausamkeit?
  • ii) Ausgedrückt wird von ästhetischen Objekten auch nicht das im Konsumenten ausgelöste Gefühl: So kann z.B. die durch ein Bild ausgedrückte Eitelkeit den Abscheu des Betrachters auslösen. Der Witz an der Ästhetik besteht daher nicht darin, irgendwelche Gemütsbewegungen zu wecken. Es gibt darüberhinaus sehr viele Gemütsbewegungen, für die wir bisher es keinerlei Standardausdruck entwickelt, sondern nur metaphorischen Umschreibungen haben und die deshalb auch nicht in Kunstwerken entschlüsselbar codiert werden können. Daher kommt es für ästhetische Beurteilungen auch nicht darauf an, ob Objekte Gemütsbewegungen ausdrücken oder verkörpern.

Also: Weder das bewirkte, noch das objektivierte Vergnügen, welches in das Objekt als eine seiner Eigenschaften hineingelesen werden könnte, sind offenbar notwendige Bedingungen des Ästhetischen.

  • Daraus aber folgt, daß die aristotelische Vorstellung der ästhetisch bedeutsamen Tragödie als Therapie falsch ist: Niemals können Museen oder Theater als Sachwalter der Kunst zugleich Knechte der Gesundheitsämter sein. Daher ist eine Ästhetik anstrebende Kunst auch kein bloßer Abklatsch, keine ärmliche Wiederspiegelung der Realität, die sich von der Bühne einfach nur durch die aktivere, emotionale Beteiligung des Teilnehmers unterscheidet.

Schlußendlich: Ästhetische Beurteilungen haben aber auch keinen autobiographischen oder expressiven Charakter. In diesem Fall würde man auf die Behauptung „Nur eine dieser 17 identischen Kopien desselben Bildes ist schön und dies ändert sich mit jedem Schaltjahr.“ nicht mit „Das ist doch Unsinn! Inwiefern sollen sie sich denn unterscheiden?“, sondern mit „Würden Sie mir bei einer Tasse Tee mehr über ihre schwere Kindheit erzählen?“ oder z.B. mit „Ihre tiefe Genußfähigkeit verschlägt mir den Atem, meine Liebe.“ reagieren. Abgelehnt werden kann damit die hedonistische Ästhetik, nach der die Auslösung von glücklich machenden Gemütsbewegungen notwendige Voraussetzung des Ästhetischen ist.

  • Aus diesen Gründen lassen wir den Versuch, Emotionen eine kausale Rolle im Zusammenhang mit Kunst oder mit Ästhetik zuzuschreiben, hier generell fallen. Diese Entscheidung verbietet es auch, ästhetische Urteile als Geschmacksurteile zu deuten. Kunst, Ästhetik und Geschmack sind paarweise zu trennen.

Wenn es aber weder Sinn macht, ästhetische Beurteilungen im Zusammenhang mit Wahrnehmungen noch im Zusammenhang mit Gemütsbewegungen zu verstehen, dann ist man ebenfalls gut beraten, die Rede von einer ästhetischen Erfahrung – weil komplett unanalysierbar – ganz fallen lassen.:

  • Denn unsere ästhetische Beurteilung eines Objektes oder seine Begründung kann nicht davon abhängen, ob wir zeitweise so betrunken, verschlafen oder in sonstiger Weise betäubt sind, daß wir zu keiner wie immer gearteten Reaktion in der Lage sind.

Dies scheint auch für die Rede von der ästhetischen Einstellung zu gelten, sofern unter ihr eine besondere Art geistiger Begleitung des Objekts unabhängig von jeder Motivation in Bezug auf Nützlichkeit, ökonomischem Wert oder Moral verstanden wird. Denn andere Weisen des „Kontaktes“ des menschlichen Geistes mit Objekten, deren Existenz und Beschaffenheit von ihm und seinen Aktivitäten unabhängig sind, gibt es nun einmal nicht.

Also: Ich weiß nicht wirklich, wie das mit der Ästhetik funktioniert. Aber ich weiß, daß die bürgerlichen Binsenweisheiten drüber allesamt Quatsch sind.


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