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Puer Robustus – Sigmund Freud

Auf unserer spracharchäologischen Suche nach den kulturellen Ursprüngen des Verständnisses von Männlichkeit, referiere ich heute in zweiter Hand die Ideen von Sigmund Freud aus dem Buch Puer Robustus (2016) von Dieter Tomä.

Der letzte Teil dieser Series wurde hier veröffentlicht.

  • Es übersteigt mein persönliches Fassungsvermögen, daß dieser Scharlatan es in dieses an sich sehr hilfreiche Buch geschafft hat. Aber es soll in diesem post nicht um meine Meinung gehen.

Es gibt zudem keine expliziten Hinweise, daß Freud die Figur des puer robustus kannte. Inhaltlich scheint Freud jedoch den von Diderot gesponnenen Faden der Charakterisierung des puer robustus wieder aufzunehmen.

  • Wir erinnern uns: Der puer robustus ist bei Diderot ein soziales Problem, welches erst nach und nach und je nach Umständen entsteht und nicht einfach auf physischer Überlegenheit oder dumpfer Brutalität, sondern gerade auf der Fähigkeit zur Reflexion und dem geistigen Wandel beruht. Auch die moralische Beurteilung des puer robustus changiert entsprechend: Der puer robustus bei Diderot ist der Prototyp eines Menschen, der mit Hilfe seiner Anlagen mit sich selbst und mit unterschiedlichen Lebensformen experimentiert – je nach den sozialen Umständen und Erfahrungen, zu denen er innerhalb der gesellschaftlichen und staatlichen Ordnung Zugang hat. Entsprechend könnte man ihn als Exzentriker, als Schwellenwesen, als Zentrum von moralisch-psychologischen Ausnahmesituationen, bezeichnen, die nicht immer widerspruchsfrei sein müssen: Zum ersten Mal tritt hier der Aspekt der Selbstentfremdung beim puer robustus auf.

Freud zweigt an dieser Stelle ab und beginnt seine eigene Erzählung, in der es darum geht, daß die Reflexion aus irgendwelchen Gründen unterbleibt und der puer robustus seinen natürlichen Lüsten ausgeliefert bleibt: Freud kreiert 1897 seine Variante der von Sophokles überlieferten Figur des Ödipus – basierend auf seiner eigenen frühkindlichen Erfahrung, die er ohne zu zögern, für alle Menschen auf den Unterschied zwischen Natur und Kultur verallgemeinert, ohne auch nur den geringsten Grund dafür anzugeben.

Freud legt den großen Rahmen seiner Erzählung fest, indem er erklärt, dass die Kultur den Individuen, die ihre Selbsterhaltung aggressiv ausleben, Einschränkungen abverlangt und zugleich neue Entfaltungsmöglichkeiten eröffnet. Nach Freud treibt die aggressive Selbsterhaltung den Menschen, die Arbeitskraft anderer ohne Entschädigung auszunützen, sie ohne seine Einwilligung sexuell zu gebrauchen, ihre Habe zu rauben, sie zu demütigen, ihnen Schmerzen zu bereiten, sie zu martern und zu töten – und benutzt diese hobbessianische Skizze als Blaupause für den Aufbau des seelischen Apparates mit einem breiten Spektrum von Handlungsantrieben. Insbesondere konkurrieren Triebe, die mit der Erhaltung, Behauptung und Vergrößerung der Person zu tun haben in Konkurrenz mit den Trieben der Sexualität und der Gefühlsbindungen, die nicht der Selbst- sondern der Arterhaltung dienen. Sie spielen eine Schlüsselrolle bei beim Aufbau der menschlichen Gesellschaft. Entsprechend kritisiert Freud an Hobbes, daß dieser die psychologische Entwicklungsgeschichte des einzelnen Menschen vernachlässige und die aggressive Selbsterhaltung beim Menschen erst in einem späteren Stadium der persönlichen Entwicklung dominant werde. Übersprungen werde die Frage, wie sich ein Selbst mit Interessen beim Menschen überhaupt bilde: Die Gesellschaft werde schließlich nicht aus fertigen, vollentwickelten Individuen zusammengesetzt. Die Eigenschaften, mit denen der puer robustus in die Gesellschaft eintritt, werden daher primär von persönlichen psycho-sozialen Entwicklung bestimmt. Freud sieht auch eine Verbindung zwischen politischer Veränderung und Generationenspiel. Die Phänomene von Anpassung und Widerstand, Einbeziehung und Ausbruch, die seine Geschichte von Beginn an begleiten, kehren in der Figur des Ödipus wieder.

Der Weg vom Säugling über das Kind, als Symbol des ungebildeten Naturmenschen, zum Kulturmenschen ist weit, und viele Menschen können sich auf diesem Weg verirren, was – so Freud – durchaus politische Konsequenzen haben kann. Insbesondere versucht Freud die – angeblich allen Männern eigene – ödipale Konstalleation auf die kulturelle Entwicklung, jeweils angepaßt, zu übertragen. Freuds Idee besteht darin, daß der hobbessianlische Kampf aller gegen alle dadurch überwunden werden kann, daß es einen einzelnen Menschen gelingt, alle Machtmittel an sich zu reißen und auf diese Weise zu einem gewalttätigen Urvater zu werden, der nach seinem Willen eine tyrannische und damit eigentlich unpolitische soziale Ordnung etabliert. Dieser Urvater muß allerdings immer damit rechnen, daß er von seinen heranwachsenden Nachkommen abgelöst wird. Die Identität des Sohnes ist in dieser Situation also eigentlich eine doppelte: Auf der einen Seite identifiziert er sich mit seiner Rolle als Untergebener und harrt der Taten, die der Vater ausführt, sowie der Befehle, die er ausgibt. Auf der anderen Seite hat er es auf die Größe des Vaters abgesehen, und will sich mit ihm als Überlegenem oder Machthaber identifizieren. Aus dieser doppelten Identität ergibt sich eine ambivalente Gefühlseinstellung des Sohnes gegenüber dem Vater. Sie bewegt sich zwischen der Bereitwilligkeit, sich ihm zu unterwerfen, und der Erbitterung gegen den Vater, zwischen Bewunderung und Haß. Im Glücksfall findet sich der rechte Moment für einen friedlichen Machtwechsel, bei dem der einst Untergebene an die Stelle des Überlegenen rückt. Ein sanfter Übergang ist allerdings nur vorstellbar, wenn diverse Störfaktoren ausbleiben. Überwiegt aber der Hass die Liebe zum Vater, kommt es zur Selbstermächtigung und zum – wenigstens symbolischen – Vatermord.

Gibt es mehrere Söhne kann natürlich kann nur einer von ihnen die Rolle des Vater übernehmen. Die anderen werden entweder seine Untergebenen oder durchbrechen in einem besonderen Moment der Solidarität gemeinsam mit dem Vatermörder das hierarchische Organisationsschema: nicht ein Vater wird überwunden und abgeschafft, sondern der Vater schlechthin und es entsteht eine vaterlose Gesellschaft, eine brüderliche, moral- und wertefreie Welt, in der eine führerlose Masse politisch wird und sich selbst kollektiv verbindliche Regeln gibt und so lange Bestand hat, bis sie erneut aus Machtgelüsten von einem Einzelnen unterworfen wird. Nur die vaterlose Gesellschaft ist im Grunde eine politisch organisierte Gesellschaft. Sie bildet mit der vom tyrannischen Vater dominierte Gesellschaft den Gegensatz von Diktatur und Demokratie.

Doch der ödipale Mann wird als Sinnbild des puer robustus in der Funktion des nomozentrischen Störenfrieds nach Freud nicht nur von Machtgelüsten verfolgt, sondern auch von einer unterwürfigen Bewunderung für die väterliche Autorität, einer Vatersehnsucht. Im Vatermord verletzt er sich selbst und muss trauern über einen Tod, den er herbeiführt, und in gewisser Weise auch selbst erleidet. Der Teil seiner selbst, der sich mit dem Vater identifiziert, holt ihn nach der Untat in Gestalt der Reue und des Schuldbewußtseins wieder ein. Und in dem Maße, wie sich in seiner inneren Ambivalenz obige Unterordnung durchsetzt, wird Ödipus empfänglich für die Befolgung von Normen – und der Mann verliert seine natürliche Bedrohlichkeit. Die Einführung einer symbolischen Autorität ist de facto der Beginn der Sittlichkeit des Menschen: Das Über-Ich, der unpersönlich gewordene Vater, ist der Erbe des Ödipus-Komplexes. Die Macht, der der Mensch unterworfen ist, wird nicht abgeschafft, sondern neutralisiert und verrechtlicht. Der ideale Zustand ist demnach eine Gemeinschaft von Menschen, die ihr Triebleben der Diktatur der Vernunft unterworfen haben.

Der folgende hier zu veröffentlichende post zu dem Thema wird sich mit den Ansichten einiger Soziologen dazu beschäftigen.


3 Kommentare

  1. […] Nächster Teil: Sigmund Freud. […]

  2. […] Es folgt ein Beitrag von Elmar; vorhergehend in der Serie: Puer Robustus – Sigmund Freud […]

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