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Biologismus

Übersicht:

  1. Deutungsmacht Biowissenschaften
  2. Naturwissenschaftliche Erklärungen des Sozialen
  3. Erzielte Teilergebnisse
  4. PermaLinks zu anderen Artikeln

I. Deutungsmacht Biowissenschaften

Life sciences wie z.B. Biochemie, Molekularbiologie, Life Science Engineering, Medizin, Biophysik oder Bioinformatik sind für Mathematiker schon seit Jahren ein Eldorado für oft tief in angewandte Wissenschaften hineinreichende Projekte, in denen sich ganz praktische Fragestellung unseres Lebens mit aktuellen, mathematische Grundlagenforschung berührenden Methoden beackern lassen. Doch für Human- und Sozialwissenschaften sind die mit diesem Aufschwung der life sciences verbundenen Erklärungs- und Deutungsansprüche durch die in diesem Zusammenhang neu aufgetauchten Rätsel meist eine Bedrohung, vor der sie nicht selten hilflos zurückweichen. Zu Recht richten sich daher im Moment alle Augen auf die professionellen Rätsellöser unserer Wissenschaft: die Philosophen. Und einige unter ihnen wie z.B. Richard Dawkins, Daniel Dennett, Stephen Pinker oder Wolf Singer haben sich ja auch bereits dieser Herausforderung auf jeweils ihre Weise gestellt.

Man kann nicht abstreiten, daß jüngst aufgetauchtes, neues Wissen in den life sciences es uns plötzlich erlaubt, die semantischen Steinbrüche, aus denen sich diejenigen Konzeptualisierungen speisen, mit denen wir die sozialen Kooperationen unseres Lebens bisher abstützen, mit noch ungetesteten Spektralfarben auszuleuchten. Natürlich ist es nicht das erste Mal, daß das passiert: als z.B. die Fraktale hochschäumten oder das deterministische Chaos losbrach, gab es je schon einmal die Vermutung, nun könnten für unsere Sicht auf die Welt komplett neue Zeiten anbrechen. Doch letztlich war ihre Wirkung begrenzt. Das Phänomen der life sciences hingegen verhält sich wie ein schwelender Flächenbrand und hat auch den Geschlechterkampf längst erreicht. Wir fragen uns z.B. ob

  1. empfundene Schönheit von symmetrischen Gesichtern ein spin-up des evolutionären features, daß Krankheiten oft lokale Veränderungen im Körper nach sich ziehen, ist? Können wir nicht eine naturwissenschaftliche  Erklärung für über Jahrhunderte und verschiedene Kulturen invariante ästethische Präferenzen geben? Brauchen wir dafür wirklich die Hypothese sexueller Normen der Gesellschaft?
  2. romantische Liebe nur eine Sache der Konzentrationen gewisser Moleküle zur richtigen Zeit ist und daher und so prosaisch, vorhersehbar und langweilig wie ein Kochrezept? Und wenn es so ist, wovon schreibt z.B. Shakespeare eigentlich? Und weshalb finden wir seine Liebesedichte oder Theaterstücke trotz allem fesselnd und aufregend? Ist das alles nur Illusion ohne einen Realitätsgehalt?
  3. es in 50 Jahren überhaupt noch Psychologen geben wird – die ja bereits mit einem Selbstverständnis zwischen Natur- und Geisteswissnschaft ringen – oder werden wir dann bereits Ärzte haben, die unsere Psychosen oder Schizophrenien von jeglichen literarischen Ränken befreit und in Abhängigkeit vom Inhalt dieser Wahnvorstellungen unseren genetischen Code zusammen mit unserer individuellen Hirnchemie in ein über Nacht von Supercomputern errechnetes Molekül übersetzt haben, das uns von jeglichem Wahn und vielleicht auch dem üblichen Geschlechterverhalten befreit?
  4. eine Dominanz der life sciences in 50 Jahren bedeuten wird, daß wir keine geschlechtsspezifische Pubertät mehr haben, nicht erwachsen werden müssen, noch z.B. lernen müssen, Frustrationen zu ertragen? Daß wir nicht mehr lernen müssen, uns zu verlieben und nur noch einem gewünschten Medikationsplan zu folgen brauchen, um unser Glück zu maximieren? Und wenn es so kommt, wie werden die Belletristik und verschiedenen Kunstformen darauf reagieren?
  5. das Patriachat nicht vielleicht keine soziale oder moralische, sondern nur eine biomolekulare oder evolutionäre Angelegenheit des Erfolgs im Überlebenskampf ist?

Leute, die eine Antwort auf diese Fragen mit biologischen oder evolutionären Mitteln favorisieren, werde ich in diesem blog Biologisten nennen. Feminismus hingegen ist ein label für ein Bündel von schwach variierenden Agglomeraten soziologischer und populär-philosophischer Ideen und hegt als geisteswissenschaftliches Produkt gegenüber solchen Fragen und ihren naturwissenschaftlichen Anworten aus den life sciences naturgemäß wenig Sympathie: Die meisten Feministen lehnen biologische Geschlechterunterschiede als Erklärung von soziologischen Geschlechterunterschieden ab und betrachten die Zurückweisung der biologistischen Deutungsansprüche auch als zentrales Problem für ihr favorisiertes  social engineering.

II. Naturwissenschaftliche Erklärungen des Sozialen

Diese Herausforderung des Sozial- und Humanwissenschaften durch die life sciences wird in diesem blog sehr ernst genommen und sie abzuwehren, verlangt zum Teil Einiges an Überlegung, die man bei Feministen definitiv nie findet.  In diesem blog werde ich versuchen, sechs Thesen stark zu machen:

  1. Obwohl es mit Sicherheit Konsequenzen der sich evolutionär entwickelnden Hirnchemie und neuronalen Architektur für die von uns beschreibbaren, mentalen und soziologischen Phänomene gibt, liefert das keinen Grund, von einem solchen Phänomen auf seine biologische Ursache zurückzuschließen. Und diese Art von Schlüssen wird auch niemals möglich sein, da sie auf ein Modell des menschlichen Geistes angewiesen sind, daß sich leicht wiederlegen läßt.
  2. Biologisten mißverstehen völlig die Natur evolutionärer Erklärungen. Evolutionäre Erklärungen erklären nicht das, was uns an sozialen oder mentalen Phänomenen aufklärungsbedürftig erscheint.
  3. Selbst wenn wir einmal annehmen wollen, daß wir eine gültige evolutionäre Erklärung eines biologischen Mechanismus gefunden haben, dann schließt das im Moment verfügbare Verständnis der Evolutionsbiologie aus, daß ein dadurch möglicherweise erzeugtes mentales oder soziales Phänomen auf die Reproduktionsrate zurückwirkt und sich auf diese Weise im Genom verankert.
  4. Biologisten mißverstehen völlig die Natur von Erklärungen menschlichen Handelns. Die Information und Leistung von erfolgreichen Erklärungen intentionalen Verhaltens wird durch Hinzufügen biologischer oder evolutionärer Thesen niemals verändert.
  5. Kein Feminismus ist in irgendeiner seiner Forderungen darauf angewiesen, irgendeine biologistische These widerlegen können zu müssen. Das gilt selbst dann, wenn alle biologistischen Thesen wahr sind, da – nehmen wir an, auch alle feministischen Thesen sind wahr – die Begründungsresourcen beider Lager begrifflich voneinander unabhängig sind.
  6. Daß keine Konkurrenz zwischen Biologisten und Feministen besteht und die Biologisten ohnehin Unrecht haben, sind leider nicht wirklich gute Nachrichten, denn die Biologisten fügen der Männerrechtsbewegung  erheblichen politischen Schaden in einem aufklärerischen Sinne zu.

Obwohl ich nichts dagegen habe, daß Feministen ihre Zeit mit der – völlig nutzlosen und unbedeutenden – Widerlegung biologistischer Erklärungen verschwenden und sich auf eine Sache konzentrieren, wo sie keinen Schaden anrichten können, läßt sich diese Schützenhilfe für den Feminismus nicht vermeiden. Denn die wahre Auseinandersetzung mit dem Feminismus findet in einem Paradigma der Gründe statt, während die Biologisten höchstens Ursachen von etwas liefern können. Daher konnten Biologisten mit all ihrem Aufwand bisher die Attraktivität von Feminismen auch nicht schmälern. Und die Männerrechtsbewegung sollte das damit dokumentierte und beispiellose Fehlschlagen biologistischen Anrennens gegen feministische Überzeugungen bitter ernst nehmen, wenn sie als Aufklärungsbewegung überhaupt eine Chance haben will.

II. Erzielte Teilergebnisse

Biologie der Geschlechter:

  1. Wenn biologische Erklärungen intentionalen Verhaltens etwas erklären, dann sind es Trends innerhalb einer Verteilung von Verhaltensweisen desselben Typs.
  2. Evolutionäre Erklärungen von Geschlechterphänomenen sind zu anspruchsvoll, um mit moderner Evolutionsbiologie vereinbar zu sein und biologistische Erklärungen von Geschlechterphänomenen bilden das Wissen, daß wir von den Geschlechterphänomenen haben, einfach nicht ab.
  3. Und selbst wenn sie es tun würden, so verstehen wir die Erzeugung dieser Geschlechterphänomene doch nicht gut genug, um wissen zu können, daß etwaige biologistische Erklärungen wahr sind.

Was können Biologisten?

  1. Wenn man evolutionäre Erklärungen als strikt naturwissenschaftliche Erklärungen auffaßt, kann man Adäquatheitsbedingungen und Gütekriterien für sie entwickeln.
  2. Diese Adäquatheitsbedingungen weisen die evolutionäre Anpassung aus als empirische, statistische, d.h. höchstens im Mittel dominante, relative, graduelle und immer kollektive Effekte auf das Verhältnis von Aussterbewahrscheinlichkeit und Reproduktionsrate aufgrund von Wechselwirkungen natürlicher Abläufe mit den erblichen Merkmalen jedes Lebewesens einzeln in einer lokalen Umgebung.
  3. Das erste Gütekriterium verlangt, daß die evolutionäre Erklärung die Entstehung einer Verteilung einer biologischen Funktion durch Selektion erklärt.
  4. Das zweite Gütekriterium verlangt, daß die erblichen Merkmale anderer Spezies berücksichtigt werden, da keine Spezies einen Lebensraum allein besetzt.
  5. Naturwissenschaftliche evolutionäre Erklärungen können deshalb nicht alle sozialen Phänomene erklären, weil wir unsere Begriffe zur Erklärung intentionalen Verhaltung so gebildet haben, daß sowohl Phänomene biologischer als auch sozialer Provenienz darunter fallen.

Das Elend des Biologismus

III. PermaLinks zu anderen Artikeln

Literatur:

  1. W.F. Allman: Mammutjäger in der Metro, Berlin (1999)
  2. J. Barkow, J.Tooby, L. Cosmides: The Adapted Mind, Oxford (1992)
  3. C. Boehm – Hierarchy in the Forest: The Evolution of Egalitarian Behavior (2001)
  4. J. Fodor: The Mind doesn’t Work that Way, Cambridge Mass. (2001)
  5. C. Geertz: Dichte Beschreibung, Frankfurt )1987)
  6. S. Pinker: Die andere Hälfte der Wahrheit, DIE ZEIT, Nr.40, p.39, (2002)
  7. M. Tomasello: Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens, Frankfurt (2002)
  8. J. Tooby, L. Cosmides: Evolutionary Psychology and the Generation of Culture, Part I, in: Ethology and Sociobiology, vol. 10, pp. 29-49
  9. J. Tooby,  L. Cosmides: Evolutionary Psychology and the Generation of Culture, Part II. Case Study: A Computational Theory of Social Exchange, in: Ethology and Sociobiology, vol. 10, pp. 51-97
  10. J. Tooby, L. Cosmides: The Past Explains the Present, in: Ethology and Sociobiology, vol. 11, pp. 375-424
  11. J. Tooby, L. Cosmides: A Primer on Evolutionary Psychology