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Warum sind die Linken feministisch?

Ich hatte mit Mark E. Smith letztens hier eine interessante Diskussion über die Aufgabenverteilung politischer und theoretischer Konzepte innerhalb der Männerbewegung. In diese Diskussion hat sich auch Schoppe eingeschaltet und bei dieser Gelegenheit seine Antwort auf folgende Frage skizziert: „Warum sind zum Beispiel gerade linke bzw. sich selbst als links verstehende Parteien so anfällig für eine feministische Politik der Ungleichheit?“ (mehr …)

Dokumentation – kritische Linke vs. Neo-Linke

In der laufenden Debate um die Einfluß von Postmoderne, Neoliberalismus und Feminismus [1, 2, 3] auf die politische Linke gibt es einen nächsten Schritt, den wir in diesem post dokumentieren. Ich kann nur jedem empfehlen, die hier laufende Diskussion zu verfolgen.

I. Die Ausführungen von djadmoros

[…]

Ich denke, dass es gute und systematische Gründe gibt, warum auch eine (selbst)kritische Linke – also eine solche, die die Wendung zur postmodernen Linken nicht mitgemacht hat – »rechten« analytischen Kategorien und politischen Konzepten weiterhin misstraut. Solche Gründe möchte ich im Folgenden entwickeln.

Gemeinschaft und Gesellschaft

Im Hinblick auf Donovans Gegenüberstellung der abstrakten Vergesellschaftungsform des »Imperiums« gegen die konkrete Vergesellschaftungsform des »Stammes«, die – mehr oder weniger – auch den ansatzweise vorgestellten Kritiken der Neuen Rechten entspricht, scheint es mir sinnvoll, am Begriffsgegensatz von Gemeinschaft und Gesellschaft anzusetzen. Dem soziologisch gebildeten Leser wird sogleich auffallen, dass dies kein beliebiges Begriffspaar ist. »Gemeinschaft und Gesellschaft« ist der Titel eines maßgeblichen Klassikers der Soziologie, veröffentlicht von Ferdinand Tönnies im Jahre 1887. (vgl. Tönnies 1979) Die in dieser Schrift entwickelte Problematik findet sich der Sache nach auch bei anderen Gründungsvätern der Soziologie wieder, so bei Karl Marx, Emile Durkheim und Max Weber. Mit einigem Recht kann man die Frage nach dem Verhältnis von »Gemeinschaft« und »Gesellschaft« als die »Mutter aller soziologischen Problemstellungen« auffassen. Sie ist gewissermaßen diejenige Problemstellung, die allererst zur Entstehung der Soziologie als einer eigenständigen wissenschaftlichen Disziplin geführt hat.

Das hat mit ihrem Entstehungskontext zu tun. Bis zum Zeitalter der Religionskriege in der frühen Neuzeit galten die irdischen Gesellschaftsordnungen als gottgegeben und nicht hinterfragbar. Es konnte Abweichungen von der rechten Ordnung geben, und alle Maßnahmen zur Behebung von Mißständen dienten einer erneuten Annäherung an diese Ordnung. Der Staat und die Gesellschaft als Ganze wurde, so noch bei Jean Bodin, in Analogie zur patriarchal geordneten Familie gedacht. Die kleinste soziale Zelle des Gesellschaftskörpers diente auch als Modell des gesamten Verbandes sozialer Zellen. Mit den Religionskriegen seit der Reformation war der Glaube an eine gottgegebene Ordnung erschüttert, da es nun mehrere konkurrierende Modelle einer solchen gottgewollten Ordnung gab, die miteinander in blutigem Konflikt lagen. Das Zustandekommen von Gesellschaft, von friedlichem Zusammenleben unterschiedlicher sozialer Basiseinheiten, konnte nicht mehr als evident und selbstverständlich, nicht mehr als zwanglose Extension gemeinschaftlicher Beziehungen gelten.

In Antwort auf dieses Problem entstanden die Naturrechtslehren und Vertragstheorien der Barockzeit, die das Bestehen von Gesellschaft unter kontingente Voraussetzungen stellten. Und mit dem Entstehen der bürgerlichen Gesellschaft und der industriekapitalistischen Produktionsweise setzte sich die Erkenntnis durch, dass eine Gesellschaft nicht nur durch direkte Kommunikationsbeziehungen zwischen Menschen zusammengehalten wird, sondern auch durch abstrakte, unpersönliche Mechanismen wie den Geldverkehr. »Gesellschaft« wurde derjenige Teil menschlicher Beziehungen genannt, der sich nicht mehr unmittelbar aus einer Kommunikation unter Anwesenden herleiten ließ und einander völlig Fremde in eine (symmetrische oder asymmetrische) Abhängigkeitsbeziehung bringen konnte. Tönnies definiert »Gemeinschaft« wie folgt:

»Die Theorie der Gemeinschaft geht … von der vollkommenen Einheit menschlicher Willen als einem ursprünglichen oder natürlichen Zustande aus … . Die allgemeine Wurzel dieser Verhältnisse ist der Zusammenhang des vegetativen Lebens durch die Geburt; die Tatsache, daß menschliche Willen, insofern als jeder einer leiblichen Konstitution entspricht, durch Abstammung und Geschlecht miteinander verbunden sind und bleiben, oder notwendigerweise werden … nämlich 1. durch das Verhältnis zwischen einer Mutter und ihrem Kinde; 2. durch das Verhältnis zwischen Mann und Weib als Gatten, … 3. zwischen den Geschwistern, d. i. zum wenigsten als Sprossen desselben mütterlichen Leibes sich Kennenden.« (Tönnies 1979, S. 7)

Die Definition von »Gesellschaft« lautet demgegenüber:

»Die Theorie der Gesellschaft konstruiert einen Kreis von Menschen, welche, wie in Gemeinschaft, auf friedliche Art nebeneinander leben und wohnen, aber nicht wesentlich verbunden, sondern wesentlich getrennt sind … . (H)ier ist ein jeder für sich allein, und im Zustande der Spannung gegen alle übrigen. (…) Solche negative Haltung ist das normale und immer zugrundeliegende Verhältnis dieser Macht-Subjekte gegeneinander, und bezeichnet die Gesellschaft im Zustande der Ruhe. Keiner wird für den anderen etwas tun oder leisten, keiner dem anderen etwas gönnen und geben wollen, es sei denn um einer Gegenleistung oder Gegengabe willen, welche er seinem Gegebenen wenigstens gleich achtet.« (Tönnies 1979, S. 34)

»Gemeinschaften« sind also sozusagen »naturwüchsig«, sie gehen aus den biologisch vorgegebenen Beziehungen unmittelbar hervor und geben ihnen eine kulturell gedeutete Form. Die menschliche Kultur beginnt mit gemeinschaftlichen Kleingruppen als einziger existierender Sozialform. Sie sind gewissermaßen das Endprodukt der Evolution zum Menschen, an ihre Bedingungen sind die menschlichen kognitiven Fähigkeiten angepasst. »Gesellschaften« sind demgegenüber zunächst überhaupt nicht existent. Sie beginnen zu entstehen, wenn mehrere tribale Gemeinschaften dauerhaft ein gemeinsames Territorium bewohnen und ihre Beziehungen untereinander auf friedliche Weise zu regeln vermögen. Die Grundfrage der Soziologie lautet nun: wie sind Gesellschaften möglich, obwohl sie weder natürlich noch selbstverständlich sind?

Sprache und Interaktionsmedien

Eine pointierte Antwort könnte lauten: weil sich Gesellschaften im Unterschied zu Gemeinschaften gleichsam aus dem Nichts erschaffen lassen, ohne einer zusätzlichen biologischen Grundlage zu bedürfen. Der Grundgedanke des Sozialkonstruktivismus ist kein Irrtum. Wann immer eine Gruppe von Menschen sich darauf einigt, eine Aussage über die Welt als wahr, eine Realität als existierend zu betrachten, tritt diese Realität in Existenz. Als soziale Tatsache ist sie wirklich, auch wenn ihr Bezug zur Welt der objektiven Tatsachen unscharf oder sogar fraglich ist. Zwar darf ein Mindestmaß an Anpassung an die objektive Welt nicht unterschritten werden, aber über dieses Maß hinaus hat der Mensch erhebliche Spielräume bei der Herstellung sozialer oder »institutioneller Tatsachen«. Dieser Spielraum entsteht durch die Abkoppelung von Antrieben und Handlungen und ist von Arnold Gehlen als Hiatus bezeichnet worden:

»Wenn wir also einen Antrieb, ein Bedürfnis fühlen, so liegt, es zu fühlen, nicht in unserer Macht. Aber es zu befriedigen oder nicht, das liegt in unserer Macht (…) . Die Handlungen müssen also ›abhängbar‹ sein von den Antrieben, es muß ein Hiatus geschaffen werden, denn die ersteren brauchen ihre Zeiten und Gelegenheiten, um sachgemäß, überlegt, verbesserbar und wiederholbar sein zu können. (…) Daß also Kultur nicht nur tragbar, sondern lebensnotwendig ist, ist angelegt im Menschen und zuletzt in diesem Hiatus , der Abtrennbarkeit der Handlung von den Antrieben, als der Bedingung der Existenz für ein so beschaffenes Wesen.« (Gehlen 2014, S. 335)

Der Schlüssel zu diesen Spielräumen ist die menschliche Sprache. John Searle verweist auf die

»… unendliche Generativität natürlicher Sprachen. Sobald bestimmte Regeln gegeben sind – beispielsweise die Regel für die Bildung von Relativsätzen oder die Regel für das Einsetzen von Konjunktionen -, kann man strenggenommen unendlich viele Sätze erhalten. (…) Die Möglichkeit unendlich vieler neuer Sätze schafft die Möglichkeit, unendlich viele neue Gedanken, neue semantische Inhalte zum Ausdruck zu bringen.« (Searle 2012, S. 111)

Diese Flexibilität und Offenheit der menschlichen Sprache gestattet es, per sozialer Konvention Objekte zu erschaffen, die allein als kollektiv geteilter Sinn existieren, der sich gegen die Welt der objektiven Tatsachen richten und diese, vermittelt über Handlungen, auch verändern kann. Solche sinnhaften »Objekte« sind von dem Zwang entlastet, unmittelbar der Welt angepasst sein zu müssen und gewinnen dadurch die Möglichkeit, die Welt an sich anzupassen. Die Herstellung einer Konvention ist in ein schöpferischer Akt, der diesen Typ von Objekt hervorbringt. Er ist der Kern dessen, was »soziale Konstruktion« genannt wird:

»Alle institutionelle Tatsachen werden … durch die gleiche logische Operation geschaffen: Es wird eine Realität geschaffen, indem man sie als existierende repräsentiert.« (Searle 2012, S. 159)

Die Existenz symbolisierter Realitäten ermöglicht aber auch die Auskoppelung von Regeln und Institutionen aus Situationen der »Kopräsenz«, der gemeinsamen Anwesenheit. Regeln und Institutionen, die auf diese Weise über den Horizont der Gemeinschaft hinausreichen, sind nicht mehr an die physische Gegenwart der Beteiligten gebunden, sondern rein symbolisch vermittelt. Zugleich sind sie brüchiger und voraussetzungsvoller als die gemeinschaftlichen Beziehungen. Sie operieren allein im Medium der gesprochenen, geschriebenen und bildhaften Sprache. Es ist die Sprachbegabung des Menschen, die diese erweiterte Form der Kommunikation ermöglicht, welche zur »Gesellschaft« führt. Diese Art der Kommunikation wurde in der Soziologie mit dem sperrigen Begriff der »symbolisch generalisierten Interaktionsmedien« bezeichnet (vgl. Parsons 1980). Geld ist ein solches generalisiertes Interaktionsmedium, ob als Aureus mit dem Gesicht des Kaisers oder als Papiergeld mit der Unterschrift Mario Draghis, aber auch politische und militärische Macht, die stellvertretend durch ihre Symbole ausgeübt wird: vom Relief des Feinde erschlagenden Pharaos über das römische Liktorenbündel bis zur Dienstmarke des Polizeibeamten.

Rasse und Kultur

Was bezwecke ich mit diesen grundsätzlichen und etwas umständlichen Ausführungen? Jack Donovan schreibt nicht nur Bücher und führt einen Blog, sondern er hält auch Vorträge. Manchmal hält er Vorträge bei Veranstaltungen des »American Renaissance«-Magazins, das von Jared Taylor geleitet wird, einem modernen Vertreter von Rassentheorien. Taylor hat seine rassentheoretischen Ansichten in dem Buch White Identity. Racial Consciousness in the 21st Century (vgl. Taylor 2011) dargelegt, und ich nehme sie als Beispiel für eine politische Theorie der Neuen Rechten, an der sich darlegen lässt, auf welche Weise auf dieser Seite des politischen Spektrums der Boden des wissenschaftlich Tragfähigen verlassen wird.

Es ist hier nicht der Raum, um Taylors Buch umfassend zu rezensieren. Ich beschränke mich daher darauf, zu konstatieren, was ich für die Hauptschwäche seiner Argumentation halte. Taylor beschreibt unter anderem den Sachverhalt, dass die ethnischen bzw. »rassischen« (dem englischen »racial« fehlt die harte Assoziation mit Nazi-Vokabular) Milieus eine hohe interne Kohärenz aufweisen, während sie dazu neigen, sich gegen andere »rassische« Milieus abzugrenzen – in den USA betrifft das Weiße, Schwarze, »Hispanics« und Asiaten und ein eigenes milieutypisches (»racial«) Bewusstsein ausbilden. Das stellt auch Donovan fest, wenn er sagt, dass jede amerikanische Ethnie über ein ausgeprägtes ethnisches Bewusstsein verfügt – mit Ausnahme der Weißen, bei denen dies als »Rassismus« verpönt ist. Die Frage ist jedoch, wie Taylor diesen Sachverhalt erklären möchte.

Taylor zählt eine Reihe von Untersuchungen auf – umstrittene und weniger umstrittene – die besagen, dass das Erkennen rassischer Unterschiede und die entsprechende Selbst- und Fremdzuordnung von Individuen zur angeborenen Ausstattung des Menschen gehört und dass es eine angeborene Disposition zum »ethnischen Nepotismus« gibt, die einen Beitrag zur Schließung von In-Groups auf Basis rassischer Zugehörigkeit leistet. Das schließt Akzeptanzprobleme »gemischtrassischer« Individuen ein, die unter Jugendlichen (die sich in einer kritischen Phase des Aufwachsens befinden) noch einmal verstärkt auftreten. Er verteidigt solche Befunde mit evolutionsbiologischen und evolutionspsychologischen Argumenten als erwartbar. Darin ähnelt sein Argument demjenigen, das biologische Dispositionen zu geschlechtstypischem Verhalten konstatiert. Er folgert daraus einen »need for racial identity« (Taylor 2011, S. 123 ff.). Damit wechselt er von der deskriptiven auf die normative Ebene und macht Annahmen über Ursache und Wirkung, die sich nicht mehr aufrechterhalten lassen:

Es ist ein Unterschied, ob eine staatliche Instanz ethnische Homogenität verordnet und aktiv herbeiführt oder ob der betreffende Staat die Wahl der Zugehörigkeit seinen Bürgern überlässt und ansonsten an der Herstellung von fairen Rahmenbedingungen und Chancengleichheit arbeitet. Die von Taylor beklagte Schwäche der »weißen Identität« lässt sich alternativ auch mit der im Schnitt besseren Stellung der Weißen in der sozioökonomischen Schichtung der USA erklären. Je weniger Selbstachtung und Stolz aus einem erfolgreichen Berufsleben bezogen werden kann, desto eher dienen rassische und religiöse Identitäten als ersatzweise Quellen von Selbstbewusstsein, und je mehr dies der Fall ist, desto schwächer kann die ethnische Identität ausfallen. Aus demselben Grund ist das Bedürfnis nach einer weißen Identität bei sozial schlechter gestellten Weißen stärker ausgeprägt. Taylors systematischer Fehler besteht darin, solche Identitäten nicht als Folge einer sozioökonomischen Differenzierung in Betracht zu ziehen anstatt als ihre Ursache. Die These, dass der Mensch eine evolutionär bedingte Neigung zu ethnozentrischen Perspektiven hat, ist ohne Weiteres plausibel. Aber die Behauptung, dass diese Tendenzen nicht durch günstige sozioökonomische Rahmenbedingungen ausgeglichen werden können, ist willkürlich und unbelegt. Einer der hinsichtlich multiethnischer Integration erfolgreichsten Staaten war die Sowjetunion. Als ökonomische Entwicklungsdiktatur hat sie sich mit beachtlichen Erfolgen um eine Angleichung der Lebensverhältnisse in ihren ethnisch unterschiedenen Regionen bemüht. Dass sie im Vergleich zu den westlichen Nationen insgesamt ineffizient gewesen ist, tut den internen Nivellierungseffekten keinen Abbruch. Virulente Bruchstellen wie in der Westukraine und im Baltikum befanden sich an Punkten eher geringer ethnischer Differenz und waren besonderen historischen Rahmenbedingungen geschuldet. Das Wiederaufleben nationalistischer Tendenzen nach dem Ende der Sowjetunion kann man außerdem, in Analogie zur nationalistischen Wende Slobodan Miloševićs, auch als Effekt einer Mobilisierung durch die jeweiligen Eliten erklären.

Dass es plausiblerweise eine natürliche Tendenz zu ethnisch basierter Identität gibt, bedeutet nicht, dass entwickelte und gut funktionierende Institutionen, die auf nicht-ethnischen Grundlagen beruhen, nicht ein vollwertiges Substitut für ethnische Identitätsanteile darstellen können. Das ist nicht erst in der Moderne der Fall. Der römische Staat hat es jahrhundertelang verstanden, über den Mechanismus der Elitenkooptation in die lateinische »Leitkultur« ethnisch äußerst unterschiedliche Völkerschaften zu integrieren. Jack Donovan hat diese Identitäten der Oberflächlichkeit geziehen, aber das ist eher eine polemische als eine historisch fundierte Behauptung. Als das Römische Reich »identitär« wurde, erfolgte dies entlang dogmatisch-religiöser Unterscheidungen, die zwar über unterschiedliche Sprachen (Lateinisch, Griechisch, Syrisch, Koptisch) an regionale Kommunikationsräume gekoppelt waren, nicht aber an Ethnien im biologischen Sinne. Auch die sogenannten »Stämme« der Völkerwanderungszeit waren in vielen Fällen ethnisch äußerst heterogen zusammengesetzt (asiatische Gruppen inbegriffen) und bedienten sich der Stammesnamen als durch Beitritt angenommener Identität.

An dieser Stelle sollten Sinn und Zweck meiner obigen Darstellung des sozialkonstruktivistischen Ansatzes ersichtlich geworden sein. Über welche biologischen Dispositionen auch immer der Mensch noch verfügt – sie wirken weder bewusstlos noch deterministisch. Auch noch das überwältigende Erblühen der menschlichen Sexualtriebe im Frühjahr erfolgt nicht blind und automatenhaft, sondern wird im Bild einer Fruchtbarkeitsgottheit symbolisch eingefasst und rituell gefeiert. Auch schon in archaischen Gesellschaften müssen Dispositionen durch das Medium der symbolischen Interpretation hindurch, die sich zu diesen Dispositionen affirmativ verhalten kann, aber nicht muss. Wenn wir von biologischen Dispositionen reden, müssen wir uns klar machen, dass diese stets an eine Kundgabe, an eine Selbstauskunft über persönliche Neigungen gebunden sind. Zwischen ihrer internen Wirksamkeit und ihrer Umsetzung in Handeln liegt der Gehlensche Hiatus, die Entkopplung von Antrieb und Handeln. »Kultur« ist in der Handlung immer schon anwesend. Und in der Festlegung des Handelns nach einem Zwischenstadium der Kommunikation und Reflexion findet das statt, was wir »soziale Konstruktion« nennen. Zu den Merkmalen dieser sozialen Konstruktion gehört, dass sie sich nicht zwangsläufig in Konkordanz mit Antrieben befinden muss, sie also sozusagen nur »ausformt«, sondern dazu gegenläufig sein kann. Auf der anderen Seite sind die Antriebe als Dispositionen stets präsent und nötigen dem Individuum Aufmerksamkeit und sozusagen »Arbeit« ab. Auch wenn sich eine Verhaltensweise zu den Antrieben gegenläufig festlegen lässt, so kostet dies das Individuum einen inneren Kraftaufwand, der über das Maß seines subjektiv empfundenen »Glücks« entscheidet. »Glück« ist, mit seinen Antrieben und Dispositionen in Einklang zu leben. Aber welchen Anteil die biologischen Dispositionen an der Persönlichkeit eines Menschen haben, hängt letztlich von der Größe und Dichte des symbolischen Universums ab, an dem er teilzuhaben vermag – das heißt, vom Reichtum seiner Bildung.

Ist der Verweis auf ein biologisches Fundament individuellen Verhaltens noch empirisch solide, so ist der Versuch, biologische Grundlagen zum Fundament von Großgruppen zu machen, nicht mehr haltbar. Die Bindung von kleinräumigen Gemeinschaften an biologische Faktoren ist noch plausibel, die ethnische oder rassische Fundierung von Gesellschaften nicht mehr. Gesellschaften sind das ausschließliche Reich kultureller Institutionen. Erst, wenn die gesellschaftlichen Integrationskräfte aus welchen historischen Gründen auch immer erschöpft sind, machen sich ethnische Identitäten gleichsam als »Rückfalllösungen« bemerkbar. Nichts anderes vollzieht auch Donovan: sein Standpunkt gründet auf dem expliziten Exodus aus dem »Imperium«, dessen Integrationsverfahren er – mit durchaus guten Gründen – nicht mehr vertraut. Donovan selbst ist vielleicht das beste Beispiel dafür, dass die ethnisch homogene Kleingruppe, dessen Loblied er singt, eine gewählte und keine geerbte Identität ist.

Wir finden auf der politischen Rechten also ein Problem, das sich zu dem der politischen Linken spiegelbildlich verhält. Ist das Problem und die Versuchung der Linken die überreizte Abstraktion, so ist das Problem und die Versuchung der Rechten die überreizte Substanz. Ist auf der Linken die Idee von der vollständigen Kulturalisierung der anthropologischen Basis des Menschen, und zwar insbesondere in Bezug auf das Geschlecht, wissenschaftlich nicht haltbar, so ist auf der Rechten die These von der biologischen Fundierung der Großkollektive, des Gesellschaftlichen, wissenschaftlich nicht haltbar. Gesellschaft lässt sich nicht ausschließlich kulturell auf Gemeinschaft herunterbrechen, und von Gemeinschaft lässt sich nicht auf biologischem Wege auf Gesellschaft hochskalieren. In beiden Fällen ist der Grund dafür derselbe: Natur und Kultur des Menschen sind bereits auf der Ebene der Gemeinschaftsbildung miteinander verkoppelt. Kultur ist konstitutiv, Natur ist nicht tilgbar

Von diesem Einwand ist auch der oben bereits erwähnte Vorwurf Martin Kleine-Hartlages an die Aufklärung betroffen. Aufklärung ignoriere »die naturhafte Seite des Menschen, sein Geschöpfsein« (Kleine-Hartlage 2013, S. 58) und opfere sie einem Planungsoptimismus:

»Wenn Gesellschaft aber planbar ist, wie die Aufklärung unterstellt, dann spricht vom aufklärerischen Standpunkt nichts dagegen, die Schaffung einer Gesellschaft auf die Tagesordnung zu setzen, in der alle Menschen im umfassendsten Sinne frei von jeglichem Zwang sind – insbesondere frei von Bindungen, Pflichten und Erwartungen, ja sogar von ihrer eigenen menschlichen Natur. Da diese ›Zwänge‹ freilich die … lästige Kehrseite der Existenz von Solidargemeinschaften und überhaupt einer zivilisierten Gesellschaft sind, tendiert das aufklärerische Paradigma, das nur ihren repressiven Aspekt wahrnehmen kann, dazu, die Voraussetzungen von Gesellschaft überhaupt zu untergraben.« (Kleine-Hartlage 2013, S. 209)

Hier muss der Begriff der Aufklärung für etwas herhalten, das er nicht mehr ist: zur Aufklärung gehören nicht nur politisch-utopische Überspannungen und postmoderne philosophische Moden, bei denen man sich ohnehin fragen kann, ob es sich nicht eher um Spielarten einer Gegenaufklärung handelt, sondern eben auch die Grundlagen der Wissenschaft und des rationalen Denkens selbst. Was Kleine-Hartlage hier kritisiert, ist die klassische Vernunftaufklärung vor ihrer skeptischen Brechung an der Erfahrung des Totalitarismus. In die soziologische Aufklärung (um die von Niklas Luhmann geprägte Vokabel aufzugreifen) hat diese skeptische Brechung jedoch bereits Eingang gefunden:

»Vor allem zwei zentrale Prämissen der Vernunftaufklärung sind der Soziologie verdächtig geworden: Die gleiche Beteiligung aller Menschen an einer gemeinsamen Vernunft, die sie ohne weitere institutionelle Vermittlung besitzen, und der erfolgssichere Optimismus in Bezug auf die Herstellbarkeit richtiger Zustände. (…) Soziologie ist nicht angewandte, sondern abgeklärte Aufklärung; sie ist der Versuch, der Aufklärung ihre Grenzen zu gewinnen.« (Luhmann 2009, S. 84 f.)

Kleine-Hartlages Idee, man müsse einen unreflektierten Bereich historisch gewachsener Gesellschaft vor »zu viel Aufklärung« bewahren, verfehlt daher die wesentliche Pointe: nicht zu viel Aufklärung, sondern sich selbst nicht reflektierende, sich nicht über sich selbst aufklärende Aufklärung führt in die utopische Überspannung. Die Bedeutung von stabilen Handlungsroutinen und Institutionen wird ja insbesondere von der Soziologie erkannt und berücksichtigt. Seiner Annahme liegt auch ein historisches Fehlurteil zugrunde: nicht erst die Aufklärung hat das »Geschöpfsein« des Menschen problematisiert – auch in den historischen Religionen ist das bereits regelmäßig der Fall gewesen, man schaue sich nur die asketischen Übungen buddhistischer Mönche, hinduistischer Gurus oder christlicher Einsiedler in der ägyptischen Wüste an, die mit einer zum Teil fanatischen Gewalt die Natur des Menschen zu beherrschen und zu transformieren versuchten. Was »menschliche Natur« sei, wurde gerade im Namen der Religion immer wieder von neuem der Gestaltung unterworfen, und jede dieser religiösen Kulturrevolutionen hat nicht nur eine neue Ethik, sondern auch einen »Neuen Menschen« hervorgebracht.

[…]

II. Stellungnahme des linken Maskulismus (Leszek)

[…]

Ich glaube, der linke Maskulismus könnte mal einen Artikel zur Verteidigung der kulturellen Moderne einschließlich einer Darstellung der soziologischen und entwicklungspsychologischen Voraussetzungen kultureller Modernisierung gebrauchen (also hinsichtlich des Letztgenannten z.B. bezugnehmend auf Georg W. Oesterdiekhoff, Günter Dux, Karl-Otto Apel, Jürgen Habermas, Emmanuel Todd, Rainer Klingholz usw.).

[…]

Ein Artikel zur Verteidigung der kulturellen Moderne (Aufklärung, Menschenrechte, Demokratie) sollte sich m.E. implizit oder explizit gegen alle politischen Kräfte quer durch die verschiedenen politischen Lager richten, welche die Zerstörung der kulturelle Moderne anstreben, also unter anderem gegen: klassischen Rechtsradikalismus/Rechtsextremismus, die sogenannte neue Rechte: Ethnopluralismus, Identitäre, rechte Anti-Kulturmarxismus-Verschwörungstheorie, religiösen Fundamentalismus, linken und rechten Primitivismus, autoritären Leninismus in seinen verschiedenen Varianten, die politisch korrekte postmoderne Linke, kulturrelativistischen Multikulturalismus, Neoliberalismus.

In geschlechterpolitischer Hinsicht sollte sich ein solcher Artikel m.E. richten gegen alle zeitgenössischen Varianten des Feminismus, die auf dem Paradigma des Radikalfeminismus beruhen, die also von ihren theoretischen Grundlagen her unfähig sind eine geschlechtsübergreifende Perspektive auf geschlechtsbezogene Diskriminierungen, soziale Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen einzunehmen und die männerrechtliche Anliegen ausgrenzen, aber auch gegen tatsächlich neo-patriarchalische Formen von Feminismuskritik, die es im rechten Spektrum ja durchaus gibt.

Meinem Eindruck nach benötigt der linke Flügel der Männerrechtsbewegung – sowie darüber hinausgehend eine nicht-regressive Linke – eine entwicklungspsychologisch und soziologisch fundierte Zivilisationstheorie und eine begründete Verteidigung der Werte und Prinzipien der kulturellen Moderne (Aufklärung, Menschenrechte, Demokratie) um sich allen kulturell-regressiven politischen Strömungen wirksam entgegenstellen zu können.

[…]

III. Ein interessanter Kommentar von quellwerk

[…]

Nun stellt sich die Frage, nach welchem Maßstab sich die Modernisierung richten soll. Du nennst Menschenrechte, Demokratie und Aufklärung. Kann man Kultur und diese Maßstäbe zweckmäßig miteinander verbinden unter Befolgung soziologischer und psychologischer Kriterien? Wer plant das und führt es durch? Ist dies in einem „Diskurs“ möglich? Wie verhält sich dies mit der Erkenntnis, dass Kultur sich zum großen Teil „von allein“ und unterbewusst bildet? Wie verhält es sich mit der Erkenntnis, dass Diskurse vorzugsweise von Eliten geführt werden, die sich oft in einem Gegensatz zu, als rückständig eingeschätzten Kulturresten befinden? Wie soll sich eine unbewusst wirkende in Traditionen ausdrückende Kultur dagegen behaupten können? Welche Stimme hat sie gegen einen reflexiv geführten Diskurs?`Welche Faktoren sind fix zu behandeln und sind grundsätzlich einer Veränderung entzogen? Und, falls es diese geben sollte, soll deren kulturelle Ausprägung gefördert, zugelassen und ausdrücklich bestätigt werden, egal, in welcher Form sie aufträte. Ist das Ausleben religiöser Rituale, die allgemeine, anthropologische Themen zum Inhalt haben, ein Ziel linker Politik? Ist der Nationalismus, als Grundlage zur Identitätsbindung mittels entwicklungspsychologisch überlebensnotwendiger Ingroup- und Outgroupzuordnungen eine strategische Komponente linker Männerrechtspolitik? Ich glaube nicht. Ein Linker sollte so ehrlich sein und zugeben, dass für ihn Traditionen überflüssig, nur Beiwerk sind und allenfalls in Workshops oder Straßenfesten ihre berechtigtes Dasein haben.

Der Poststrukturalismus hat jede Form fixer Struktur als Herrschaft gedeutet hat. Die Geschlechterstruktur wurde vom Genderismus (eine Ausprägung des Poststrukturalismus) negiert. Wenn Linke für den männlichen white trash eine glaubwürdige Alternative anbieten wollen, dann müssten sie zum Beispiel die Familie als Leitbild, als feste Struktur festlegen. Daran ist nämlich das ökonomische Überleben und die Reproduktionsmöglichkeit eines abgehängten Mannes gebunden. Stattdessen wird die männliche Alterskohorte zwischen 15 und 30 durch Massinimigration erhöht, um seine ökonomischen Chancen und seine Reproduktionsmöglichkeiten zu verringern.

Der Text von Djadmoros hat den Vorteil, dass er den white trash in den Blick nimmt und dessen Standpunkt nachvollzieht. Dein Kommentar ist überladen von der Überzeugung, dass die von Djadmoros eingeführte Problematik ein Ausdruck regressiven, neo-partriarchalen Denkens ist. Der Kulturbegriff der Linken scheint abstrakt, realitsfern und elitär.

 

Warum ich nicht mehr links sein kann

In Dresden haben sich letztens einige Politiker getroffen, um angesichts des Tages der deutschen Einheit – welcher natürlich lediglich rein zufällig mit dem Todestag von Franz-Josef Strauß zusammenfällt – ihre Gesichter vor Kameras und Mikrophone zu schieben und sich gegenseitig zu irgendetwas zu beglückwünschen, an dem sie nicht beteiligt waren und das nur die Medien, sie selbst aber nicht interessiert. Dabei war auch Claudia Roth von den Grünen, die sich nicht entblödete, ihre Sichtweise über das Verhältnis von Volk und Volksregierung in einer Demokratie zum Besten zu geben. (mehr …)

Die linke Kritik an den Neo-Linken erweitert das humanistische picture

In letzter Zeit hagelt es Schlagwörter in der manosphäre: Linke, Liberale, Biologisten, Humanisten, Antifeministen, Analytiker, Nicht-Feministen und Neo-Linke ringen darum, sich der Männerbewegung bzw. dem Maskulismus als Kompaß anzudienen. Dieser post erzeugt etwas Überblick i.S. einer opinionized introduction. Wer weiterführende links zu den in diesem post angeschnittenen Themen sucht, der findet sie hier oder in den posts dieses blogs. (mehr …)