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Rezension: Männer – Erfindet.Euch.Neu.

I. Überraschungen

Egal von welchem Standpunkt man das neue Buch Männer – Erfindet.Euch.Neu. von Björn Süfke, Psychologe und Therapeut, auch betrachtet, es ist überraschend.

Männer sind es heutzutage nicht gewohnt, Aufmerksamkeit zu bekommen – wenn sie wohlwollend ist. Denn normalerweise wird ihnen allein aufgrund ihres Geschlechtes so gut wie alles zugetraut und ihnen, ohne dafür Widerspruch zu ernten, flux eine der vielen möglichen Verursacherrollen von Ereignissen in der Welt zugeschrieben, die man nun wirklich nicht haben möchte: Männer sind angeblich alle nur lüsterne Pädophile, gewaltbereite Egomanen, kriminelle Ausbeuter, notorische Stalker, schamlos diffamierende Hetzer, unmoralische Machtmenschen und was sonst noch so gebraucht wird, um zu erklären, warum die Welt in dieser oder jener Hinsicht einfach nur zum Weglaufen ist.

Doch in diesem Buch überzeugen bereits die ersten Seiten den Leser, daß sich der Autor mit bedeutendem Ernst für die persönlichen wie auch für die sich aus der Gesellschaftsorganisation ergebenden Probleme der Männer interessiert und weder an den gewohnten Klischees mitwirken will, noch an den üblichen, sozial erwünschten Erklärungsgewohnheiten zu Ungunsten der Männer Interesse hat. Björn Süfke ist aus Berufung Männertherapeut und spricht wichtige Probleme, die bei Männern massenwiese vorkommen, ohne Umschweife an:

  • a) Man kann heute geradezu von einem Empathieembargo der Öffentlichkeit gegenüber den Problemen und dem Leiden von Männern sprechen. Ob es dabei um die männlichen Opfer von häuslicher Gewalt, sexueller Gewalt, die überwiegend männlichen Drogentoten oder die Genitalverstümmelung männlicher Säuglinge geht, spielt da kaum eine Rolle.
  • b) Auch Männer leiden unter strukturellen Diskriminierungen. Manchmal beruhen sie auf öffentlicher Gleichgültigkeit wie z.B. bei der Obdachlosen-, der Selbstmordrate, der Rate von berufsbedingten Unfällen oder der Lebenserwartung und manchmal auf politisch gewollten Maßnahmen wie bei Frauenquoten oder der Entrechtung verstoßener Väter.
  • c) Viele Männer erschöpfen sich ohne Rücksicht auf ihre Belastungsgrenzen im Berufsleben und haben nie gelernt, an ihre Gesundheit oder an ihr privates Glück zu denken. Und nicht selten führt sie das irgendwann in ihren sozialen Beziehungen weit über ihre persönlichen Grenzen hinaus.

Bei all dem schöpft der Autor für sein Buch aus einer reichhaltigen praktischen Erfahrung, ohne den Leser mit den inhaltlich unterbestimmten Beispielen zu quälen, die in üblichen Ratgebern zwar irgendetwas besonders klar machen sollen, aber in der Regel mehr Fragen hinterlassen, als sie selbst geklärt haben.

Die zweite Überraschung stellt sich ein, wenn man bemerkt, daß es sich keineswegs um ein antifeministisches Buch handelt. Im Gegenteil – das Buch macht bedeutende Anleihen bei zeitgenössischen feministischen Autoren wie Pierre Bourdieu, Michael Meuser oder Raewyn Connell, um die psychologische Konstitution der Männer anzunähern, jedoch ohne daraus den Schluß zu ziehen, daß Feminismus generell auch den Männer nütze. Tatsächlich bemüht sich der Autor, zu zeigen, daß Männer als soziologische Klasse selbst dann beachtenswerte persönliche wie auch gesellschaftliche Nachteile hinzunehmen haben, wenn der Feminismus im Großen und Ganzen mit seinen Thesen recht hat.

Sollte man aus diesem Grund nun vermuten, daß das ganz Buch fast unbeschränkt pragmatisch ist, vielleicht weil der Autor erkannt hat, daß man heutzutage mit keinen Buch gegen den gesellschaftsweit dominanten, feministischen mainstream erfolgreich sein kann? Oder sollte man eher vermuten, daß der Autor ein bedeutendes politisches Geschick beweist, insofern er glaubhaft macht, daß kein Feminismus darauf angewiesen ist, die Probleme der Männer zu leugnen oder kleinzureden? Die richtige Antwort auf diese berechtigten Fragen ist kompliziert und erfordert einen Blick in die Details des Textes im nächsten Abschnitt.

Die dritte Überraschung, die das Buch dem Leser bereitet, ist die systematische Entscheidung, unabhängig von jedem Verständnis von Weiblichkeit zu analysieren, was es heißt, als Mann zu leben. Damit folgt das Buch einem methodologischen Individualismus.

  • Hinter dem methodologischen Individualismus verbirgt sich die Idee, daß man fast alle Fragen beantworten kann, indem man den Menschen unabhängig von ihrer Wechselwirkung mit anderen Menschen betrachtet. Soziale Phänomene sind daher nicht sui generis, sondern nur als Aggregate von etwas zu analysieren.

Biologische oder evolutionäre Einflüße werden explizit dabei vernachlässigt, es geht in dem Buch vor allem darum, zu erklären, wie Männlichkeit als kulturelle Institution funktioniert, welche Zukunft sie haben kann und welche psychologischen Folgen das alles im Moment für die männlichen Menschen hat. Der Preis dieser Unabhängigkeit besteht darin, daß das gegenwärtig praktizierte Männlichkeitsverständnis nicht aus Alltagsbeispielen entwickelt und abstrahiert werden kann, sondern ein Orientierungsmerkmal apriori vorgegeben werden muß, dessen Diskriminationskraft es erlaubt, die einzelnen, sozialen Phänomene als für Männlichkeit informativ bzw. uninformativ einzustufen.

Über diesen Nachteil täuscht der Verlauf des Buch leicht hinweg, da historische Vorläufer einer Darstellung traditioneller Männlichkeit wie z.B. von Herb Goldberg (1986) oder Robert Brannon (1976) diskutiert werden, die aber ebenfalls nur an sattsam bekannte Gemeinplätze aus dem pool der Geschlechterthemen appellieren oder sich mit dem Hinweis begnügen, daß ein Mann keinesfalls Mädchenkram machen dürfe – ohne, daß erklärt würde, was Letzteres denn sein soll. Damit ist zugleich die generelle Zugangsweise des Buches zu gegenwärtigen Männlichkeitsphänomenen festgelegt: Ein Mann zu sein, besteht nach Aussage des Buches in vielfältigen und zu überwindenden Verboten, die den Männern erhebliche psychische und soziale Probleme bereiten. Entsprechend frühzeitig ergeht an die Frauen der Rat, ihren Männern bei ihren geschlechterspezifischen Problemen dadurch zu helfen, daß sie ihnen mehr erlauben.

II. Was ist Männlichkeit?

Das Buch stellt Männern eine anspruchsvolle Aufgabe: Sie sollen sich neu erfinden, eine Aufgabe, für deren Lösung kein Mann um eine Bestandsaufnahme gegenwärtiger Männlichkeit herumkommt.

Welche apriori-Merkmale traditioneller Männerlichkeit präsentiert der Autor? Im Buch findet man zwar eine Menge Verbotsregeln traditioneller Männlichkeit, doch im Grunde stecken dahinter zwei elementare Narrative: das vom erfolgreichen Sisyphos und das vom Mann, der seine Gefühle für sich behält. Beide Narrative sollen nach Auskunft des Autors die bestmögliche Verwertbarkeit von Männern sichern und er berichtet glaubhaft davon, in seiner therapeutischen Praxis viele Männer zu treffen, deren Probleme er auf diese Narrative zurückführt: Der Autor sieht das generelle Problem der Männer mit traditioneller Männlichkeit darin, einer permanenten Gefahr sozialer Sanktionen ausgesetzt zu sein – was eine durchaus feministische Herangehensweise ist.

  • Daß hier eine feministische Zugangsweise gewählt wurde, ist vermutlich eher der Tatsache zuzuschreiben, daß alternative Ideen im Moment so gut wie unsichtbar sind und stellt daher eine implizite Aufforderung an alle maskulistischen Aktivisten dar, eine bessere Theorie entweder zu entwickeln und eine existierende medial sichtbar zu machen.

Genaueres Nachdenken hingegen wird zudem bei der vorgelegten Analyse von Männlichkeit gebraucht. Denn die geschilderte Sichtweise des Buches auf Männlichkeit als Menge von Verboten ist erstens keineswegs einleuchtend und zweitens keineswegs alternativlos. Was den ersten Punkt angeht, ist es einerseits z.B. vorstellbar, daß in einer Gesellschaft ein Geschlecht allein aufgrund seines Geschlechtes z.B. das der Frauen versklavt wird, ohne daß deshalb Weiblichkeit gleich komplett in einer Sklavenmentalität aufgehen müßte. Was den zweiten Punkt angeht, führt der Autor interessanterweise z.B. auf Seite 74 des Buches selbst vor, welchen anderen Ansatz man benutzen könnte, um Männlichkeit als sozialen Gestaltungsfaktor aufzuspüren. So beschreibt der Autor selbst in Beispielen, wie intentionales Verhalten von Männern in Alltagssituationen tendentiös charakterisiert wird:

  • a) Männer, die zu überschwenglich Freude zeigen, werden als Kindsköpfe bezeichnet.
  • b) Männer, die sehr stolz auftreten, werden Aufschneider oder Narzisten gescholten.
  • c) Männer, die sich häufig und viel Ärgern, werden als Choleriker kritisiert.
  • d) Männer, sich liebevoll zeigen, gelten als schwul.
  • e) Männer, die kinderlieb sind, machen sich der Pädophilie verdächtig.

Diese Fälle werden im Buch als Belege für das Verbot für Männer angesehen, Gefühle zu zeigen.

Doch der Punkt ist hier der, daß nicht alle Vorurteile über Männer auch einen Betrag zur Konstitution von Männlichkeit leisten. Da Männlichkeit eine metrische Eigenschaft ist, kann man das auch leicht via Komparativ testen:

  • So hält man z.B. Männer – ganz zu Unrecht – zwar für schweigsamer als Frauen, aber ein Mann wird nicht umso männlicher, je schweigsamer er ist.

Auch Charakterisierungen von Männern in ihrem Verhalten Frauen gegenüber sind nicht per se für Männlichkeit konstitutiv:

  • Zwar gilt ein Mann, der eine Frau beim date im Café nicht einlädt, als geizig, während dies für eine Frau nicht gilt, doch ein Mann wird nicht umso männlicher, je mehr Frauen er einlädt oder je größer der ausgegebene Betrag ist – ganz abgesehen davon, daß ein Mann eine Frau auch schlicht deshalb einladen kann, weil er zwar höflich sein, sich aber ansonsten vor allem quasi geräuschlos aus der Affaire ziehen will.

Damit ist demonstriert, daß nicht mal sprachliche Geschlechterasymmetrien in Verhaltensbeschreibungen hinreichend sind, um zu identifizieren, wo sich Männlichkeit und Weiblichkeit in den Alltagsbeispielen der sozialen Realität manifestieren.

  • Denn was Männer in diesem Fall wirklich männlich macht, ist die Tatsache, daß der Mann sich auf das Wesentliche konzentriert und seine Aufmerksamkeit und Energie nicht in Lappalien verzettelt: Und das Wesentliche im Fall der Rechnungsübernahme ist der persönliche Kontakt mit der Frau, dessen Dynamik zu stören, zu unterbrechen oder zu überschatten die Männlichkeit des Mannes nicht zuläßt. Männlichkeit heißt demzufolge (unter anderem), die richtigen Prioritäten zu haben und sie auch charakterstark durchzusetzen.

Damit will ich nicht behaupten, daß der in diesem Beispiel manifeste Teil von Männlichkeit bereits komplett aufgeklärt worden wäre, sondern vielmehr das Männlichkeit immer eine Seite eines bipolaren Geschlechterverhältnisses ist.

  • Allein deshalb ist es Männern auch wichtig, keine Frau zu sein und Frauen wichtig, kein Mann zu sein: Insbesondere bei Frauen lebt eine ganze Industrie von Frauenzeitschriften davon, Frauenthemen auf immer neue Weise aktuell zu interpretieren, so daß Gespräche über diese Themen es Frauen erlauben, sich von Männern abzugrenzen. Kein anderes Geschlecht sein zu wollen, scheint daher nicht nur Männlichkeit zu beschreiben – weshalb es sie auch nicht charakterisiert.

Das ist Pointe dieser Rezension: Während das Thema des Buches darin besteht, Männer dafür zu kritisieren, einer traditionellen Männlichkeit in Form von gesellschaftlich sanktionierten Regeln zu folgen, die für Menschen psychologisch nachteilige Folgen hat – das ist eine sehr feministische Sichtweise – muß nicht alles, was Männer privat, in der Öfffentlichkeit oder im Beruf so tun, Männer auch in ihrer Männlichkeit charakterisieren. Das hat drei ganz auf der Hand liegende Gründe:

  • i) Studenten z.B. beschäftigen sich ausschließlich mit ihren mentalen und intellektuellen Fähigkeiten: Sie denken in diesem Sinne nur an sich selbst und das müssen sie auch, weil sie sonst nicht erfolgreich sein können. Aber das bedeutet nicht, daß sie auch ein Verhaltensideal als intellektuelle Speerspitze sozialer Revolutionen pflegen. Vielleicht gab es mal eine Zeit in den 1960iger und 1970igern, wo das so war, doch heutzutage ist das nicht zu spüren. Bei Männern verhält sich das analog: Sie tun oft unter Vernachlässigung persönlicher Belange, was nötig ist oder schlicht gebraucht wird, aber deshalb allein legt das noch kein Verhaltensideal als Mann fest, sondern lediglich eine Verantwortlichkeit gesellschaftlicher Arbeitsteilung.
  • ii) Woran die Gesellschaft wirklich Interesse hat, ist die Lösung kollektiver Organisations- und Kooperationsprobleme, um komplexe Aufgaben erledigen zu können. Doch nach einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung aus dem Jahr 2015 z.B. konzentrieren sich 76% aller Frauen in Ausbildungsberufen nach wie vor auf eine Auswahl von 25 aus 340 – weil diese als weiblich gelten. Die Realisationen von Weiblichkeit hinterlassen damit ganz offenbar eine asymmetrische Aufgabenverteilung für die Gesellschaft insgesamt. Daher kann Männlichkeit nicht schon durch all das ausbuchstabiert werden, was Frauen als nicht-weiblich für die anderen Menschen übrig lassen: Denn Männer können in punkto Männlichkeit konkurrieren und einander übertreffen, was aber in diesem Fall schlicht logisch unmöglich wäre.
  • iii) Auf der Hand liegt, daß Frauen mit einem Weiblichkeitsideal, das Männer nicht interessiert, wenig anfangen können und vice versa. Geschlechter interessieren sich de facto jedoch brennend füreinander und daß sozial dominiert, was beim anderen Geschlecht keinerlei Reaktion hervorruft, ist schwer vorstellbar. Daher wird Männlichkeit kaum an gesellschaftlichen Interessen, sondern an weiblichen Interessen orientiert sein  – und umgekehrt. (Das bedeutet natürlich nicht, daß alles, was im Moment zwischen den Geschlechtern passiert, genau so auch mit irgendeiner übergeordneten Notwendigkeit passieren muß.)

Die Konsequenz für das Buch scheint darin zu bestehen, daß es nach wie vor ein gutes und für Männer wie auch für Frauen nützliches Buch ist, insoweit es auf die ansonsten weitgehend unsichtbaren Probleme eingeht, mit denen männliches Leben in Gesellschaft und Arbeitsleben gegenwärtig konfrontiert ist. Doch diese Probleme haben in der Mehrheit wenig mit antiquierten Männlichkeitsvorstellungen zu tun und noch weniger mit einer patriarchalen Dividende, wie sie in der feministischen Theorie von Connell beschrieben wird. Daher scheint der Preis für den methodologischen Individualismus in Sachen Männlichkeit zu hoch zu sein: Es sind nicht einfach die Männer schuld, die deshalb freiwillig eine falsche Männlichkeit pflegen, weil sie tun, was die Gesellschaft von ihnen verlangt. Es ist vielmehr wahr, daß die Gesellschaft Männer härter und ungerechter als Frauen behandelt und sie belastet sie weit über das bei Frauen hingenommene Maß hinaus, wofür Männer regelmäßig einen hohen persönlichen und auch psychologischen Preis zahlen müssen. Doch als Mann eine derart gesellschaftlich tragende Rolle zu akzeptieren, fällt nicht automatisch damit zusammen, einem Männlichkeitsideal zu folgen, sondern sagt mehr darüber etwas aus, daß es den Männern an nachhaltigen Alternativen fehlt. Und daß sich die Gesellschaft z.B. für männliches Leid und männliche Probleme nicht interessiert, charakterisiert allenfalls ihre Organisation und konstituiert nicht deshalb bereits auch ein durch Menschen selbstgewähltes Ideal von Männlichkeit als Verhaltensrichtschnur in der sozialen Realität.

III. Männer im Humanismus

Man muß das Buch daher nicht als Kritik an traditioneller Männlichkeit lesen und kann sich daher völlig freimachen von der Frage, welche Rolle die in dem Buch erwähnten feministischen Theorien oder eine feministische Machtanalyse für die komplette Argumentation des Buches spielen. Von diesem neuen Standpunkt aus ist das Buch im Hinblick auf die zweite der Eingangs genannten Überraschungen weder pragmatisch noch politisch geschickt, sondern einfach nur ein aktueller und unvoreingenommener Ratgeber für das Leben von Männern und als solches in einem humanistischen Sinne ein Gewinn. Das macht das Buch absolut empfehlenswert und ist in meinen Augen die wahre Stärke dieses Buches.

Hat man einmal die feministische Idee aufgegeben, daß Männer, was immer sie tun, immer als Männer tun bzw. Frauen, was immer sie tun, immer als Frauen tun, und stattdessen einen humanstischen Blickwinkel auf das Buch gewonnen, dürfte es für die meisten Männer und Frauen ein Augenöffner sein, da im Buch eine Fülle interessanter Alltagssituationen beschrieben und analysiert werden, in denen Jungen, Männer und Väter typischerweise in Bedrängnis kommen. Darüberhinaus beschäftigt sich ein großer Teil des Buches erfreulicherweise mit dem schwierigen Thema der zwischen 1750 und 1800 populär gewordenen Abwertung alles Männlichen – einer sozialen Gewohnheit, die mit dem basalen Demütigungsverbot sowie dem Verbot der Selbstachtungsverletzungen von Menschen, das jedem Humanismus zugrundeliegt, unvereinbar ist.

Interessanterweise stellt es der Autor auf S.247 aber so dar, daß eine gesellschaftliche Abwertung von Frauen, von Frauenberufen, von Fähigkeiten von Frauen sowie die Existenz struktureller Benachteiligungen für Frauen mit einer eklatanten, umfassenden und systematischen Misandrie verträglich wäre und er moniert ebenfalls die Tatsache, daß sich die Gesellschaft mit einer grundlegenden menschlichen Sympathie für Männer schwer tue.

  • Doch kann das stimmen? Die Urahnin des heutigen Feminismus, Simone de Beauvoir, noch war der Meinung, daß Männer im allgemeinen von der unberechtigten Abwertung der Frauen gesellschaftsweit profitieren würden. Und auch im Alltag sind wir mit der Technik vertraut, daß Einzelne ihre Mitmenschen abwerten, um davon in einem psychologischen Sinne zu profitieren. Doch bei wem sollte sich ein relativer Vorteil bei gleichzeitigen Vorkommen von Misandrie und Misogynie einstellen?

Obwohl es der Autor seinen eigenen Worten nach vermeiden möchte, sich an irgendeinem Geschlechterkampf zu beteiligen, tut er das, was vermutlich unweigerlich genau dazu führen wird und lehnt sich ebenso gegen die Männern häufig aufgebürdete Pflicht auf, ihr Leben für das Leben oder auch nur für den Vorteil der Frauen wegzuwerfen, wie er die verbreitete Binsenweisheit geißelt, daß nicht nur schlechte Erfahrungen allein auf Frauen beschränkt seien, sondern auch schlechte Charakterzüge sich auf seltsame Weise nur bei Männern wohlfühlen.

Die letzten beiden Kapitel verbringt der Autor mit dem in viele praktische Ratschläge für ein aufgeklärt-selbstbestimmtes Leben aufgespleisten Versuch, die seiner Meinung nach bestehende und äußerst nachteilige Geschlechterspaltung, welche mit traditioneller Männlichkeit unmittelbar zusammenhänge, zu überwinden. Sie sind inhaltlich ebenfalls eine Konsequenz des Anspruchs, die traditionelle und psychologisch unvorteilhafte, traditionelle Männlichkeit zu überwinden. Diese Ratschläge sind soweit ausformuliert, daß sie sich an konkrete soziale Rollen richten wie z.B. heranwachsende Jungen, Mädchen, Väter, Eltern, Männer, Frauen, Autoren, Medienvertreter, Unternehmer und Politiker. Den allergrößten Teil davon kann man wohl als humanistisch wertvoll bezeichnen, doch natürlich muß jeder für sich selbst entscheiden, was ihm in seiner konkreten Situation am besten weiterhilft.

Insgesamt ist das Buch engagiert und interessant geschrieben und bietet eine enorme Fülle an empirischem Material, das zu diskutieren alle Mal lohnt. Zwar wird die gegenwärtige Männer-, Männerrechts- wie auch maskulistische Bewegung nicht erwähnt, doch haben viele männerrechtliche Standardwerke in das Literaturverzeichnis Eingang gefunden, die man bei Interesse selbst weiterverfolgen kann. Daher ist das Buch auch trotz seiner pro-feministischen Orientierung durchaus für Einsteiger in das Thema Männer geeignet, da es einen geordneten Überblick über die Beweggründe der stetig wachsenden, sozialen Männerbewegung bietet.  Auch das dürfte viele Leser ziemlich überraschen.

Nachtrag:

Björn Süfke wird auch in diesem FAZ-Artikel zur Lage der Männer erwähnt.


3 Kommentare

  1. […] Grobe Pöbeleien sind vermutlich eher für die Medienvertreter ein Problem. Wenn aber etwas aus meiner letzten Rezension deutlich geworden ist, dann ist es die Tatsache, daß Einsteiger in das Thema Männer mit einer […]

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