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Was ist, wenn Prognosen keine Erklärungen sind?

Viele Biologisten und neuronale Deterministen verstehen ihre Position als Konsequenz einer Naturalisierung des Geistes. Naturalisierung bedeutet, daß die Welt identisch mit der Natur ist, daß es nichts Außer- oder Übernatürliches gibt. Naturalisierung des Geistes bedeutet, daß Geist und Bewusstsein das Naturgeschehen nicht übersteigen, insofern sie sich durch die Evolution des Nervensystems herausgebildet haben. Diese Position gehört zu den Kernüberzeugungen des analytischen Humanismus. Der nervtötende Streit mit den Biologisten dreht sich jedoch nicht darum, sondern um die Frage, was aus dieser Annahme eigentlich alles folgt. Und Biologisten sind sich interessanterweise mit Freudianern darüber einig, daß die Menschen im Grunde nicht Herr im eigenen Haus sind – wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Was sie jeweils dafür benötigen, sind willensunabhängige Verhaltensprognosen. Doch interessanterweise werden Erklärungen weder durch Prognosen erzeugt, noch werden sie durch Erklärungen geliefert.

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In den Naturwissenschaften gilt: Erklärungen erzeugen keine Prognosen und Prognosen erklären nichts. Und die Güte einer Erklärung kann auch nicht durch die Treffsicherheit einer Prognose gemessen werden. Argumentformen erzeugen keine Erklärungen, aber Erklärungen ohne Argumente gibt es nicht. Erklärungen benötigen keine Gesetze und keine Kausalaussagen. Der Kausalbegriff ist in der Physik nicht eindeutig, wird aber an alle anderen Naturwissenschaften vererbt. Kausalaussagen oder kausale Prozesse können manchmal, müssen aber nicht immer etwas erklären und eine analysierende Vereinheitlichung allein genügt nicht immer für das Zustandekommen einer Erklärung. Vor allem aber betreffen Erklärungen immer Behauptungen, deren Wahrheit wir bereits mit guten Gründen akzeptiert haben: Erklärungen, die systematisieren, erzeugen zwar ein spezielles Wissen, aber ob es sich wirklich um Erklärungen handelt, messen wir unter anderem in Termen von unabhängig verfügaren Wissen. Wenn es in den Naturwissenschaften offenbar so überraschend kompliziert ist, welchen Grund haben wir dann zu glauben, daß das Verhalten der Personen so viel einfacher zugänglich ist? Und woher kommen eigentlich die Prognosen in Biologismus und evolutionärer Psychologie, wenn sie nicht von den Erklärungen über die Ursprünge des Verhaltens geliefert werden?

I. Gefühlte Kausalität und Wissen

Worin besteht der Unterschied zwischen Beschreibung und wissenschaftlicher Erklärung? Und worin besteht eine adäquate wissenschaftliche Erklärung? Gibt es noch andere Erklärungen außer kausalen Erklärungen in den Naturwissenschaften? Traditionell wurde dies am Gegensatz zwischen astronomischen und astrologischen Erklärungen zu klären versucht. Ohne groß nachzudenken, kann mal sofort einige Dinge über Erklärungen sagen: Es scheint klar zu sein, daß

  • (1) Erklärungen in charakteristischer Weise eine kohärenzstiftende Funktion haben und es scheint sinnvoll zu sein, dies zum Kriterium einer adäquaten Theorie der Erklärung zu erheben. Kohärenz approximieren wir zunächst durch die Anzahl korrekter inferentieller Zusammenhänge zwischen Aussagen.
  • (2) Erklärungen typischerweise aber nicht immer Antworten auf Warum-Fragen sind. Manchmal wird auch erklärt, wie etwas möglich ist.
  • (3) Erklärungen sich nicht auf Ereignisse beziehen, denn andernfalls könnte man koreferentielle Beschreibungen dieser Ereignisse salva veritate ersetzen. Erst recht bleibt die Erklärungsleistung unter dieser Substitution nicht invariant. Erklärt wird vielmehr ein daß-Satz und damit eine Tatsache, auf die sich der daß-Satz bezieht. Eine Erklärung mag sicher die Tatsache erklären, daß ein Ereignis geschehen ist, aber dennoch erklärt sie nicht das Ereignis selbst.
  • (4) Erklärungen Warum-Fragen beantworten, indem sie eine mögliche Antwort als richtig, als Wissen auszeichnen, insofern sie einen Grund dafür angeben, warum gerade ein bestimmer Umstand oder ein bestimmtes Ereignis, denjenigen anderen Umstand oder dasjenige andere Ereignis, dessen Vorkommen der Anlaß der Warum-Frage war, in einen relativen Sinn wesentlich wahrscheinlicher macht, als jede andere mögliche Antwort. Wäre das nicht so, dann könnten wir nicht verstehen, wieso die Antwort „Er hatte seine Erkrankung an Syphelllis nicht behandeln lassen.“ in einer nicht-trivialen Weise eine sehr gute Antwort auf die Frage „Warum erkrankte Nietzsche an progressiver Paralyse?“ ist, obwohl es sehr unwahrscheinlich ist, daß Syphellitiker überhaupt an progressiver Paralyse erkranken: Es ist eben unsere einzige Erklärung der progressiven Paralyse. Sie beschehrt einen Wissenszuwachs, der gegenwärtig durch keine andere Antwort überboten werden kann. Für die Erklärungsleistung dieser Erklärung ist daher offenbar nicht ihre prognostische Potenz, sondern das Maß entscheidend, in welchem sie unter Benutzung einer Theorie (hier: der Medizin) eine unter allen möglichen anderen Antworten vor diesen auszeichnet derart, daß wir gerechtfertigte Meinungen darüber gewinnen, weshalb diese und keine der sonstigen Antworten, die richtige ist.

Die Wissenschaftstheoretiker überlegen schon lange, wie die Naturwissenschatften eigentlich funktionieren und woher die Leistung ihrer Erklärungen eigentlich stammt und sie orientieren sich dabei gerne an Kausalbegriff.

  • (5) Intuitiv sehen wir heute Ursache und Wirkung als auf natürliche Weise miteinander verbunden an, z.B. via regelhafte oder gesetzmäßige Naturprozesse. Und der allgemein bekannte Nahwirkungscharakter der Physik legt uns die Ansicht nahe, daß deshalb die Ursache zeitlich vor der Wirkung liegt und diese Wirkungen auch halbwegs verlässlich nach sich zieht. Insbesondere trennen wir heute Gründe von Ursachen, da Gründe nur in Argumenten vorkommen und man nur in einer Sprache argumentieren kann. Ursachen hingegen wirken auch dann, wenn es keine Menschen geben würde, die darüber sprechen könnten. Denn Ursachen sind Teil der Natur. Doch dieses Verständnis herrschte natürlich in der Geschichte nicht immer vor.

Rationalistischen Philosophen wie Leibniz und Spinoza legten ein sehr starkes Kausalitätsverständnis zugrunde, denn sie waren an Gottesbeweisen interessiert. Aus ihrer Sicht hat die Beziehung zwischen Ursache und Wirkung folgende Merkmale:

  • i) Eine Ursache ist ein „zureichender Grund“, d. h. eine hinreichende Bedingung.
  • ii) Die Wirkung folgt nach einem strikten Gesetz auf die Ursache, d. h.notwendig.
  • iii) Die Welt ist durchgängig kausal bestimmt, d. h. vollständig determiniert, die Kausalbeziehung ist ein striktes Gesetz.

David Hume, der Empirist war, sah im A Treatise of Human Nature Kausalbeziehungen unabhängig von jeglicher strikten Notwendigkeit:

  • i) Eine bestimmte Ursache geht regelmäßig einer bestimmten Wirkung voraus.
  • ii) Die Wirkung folgt erfahrungsgemäß auf die Ursache, aber nicht notwendig bzw. gesetzmäßig.
  • iii) Der Eindruck einer notwendigen Verknüpfung beruht nur auf Gewohnheit und Erfahrung.

Diese Regularitätsauffassung beruht auf einem gewissen Skeptizismus, denn gelegentlich kann sich sogar eine gut bewährte kausale Annahme als falsch erweisen. Gottesbeweise lassen sich nicht mit der Regularitätsauffassung führen.

  • (1) Die Regularitätsauffassung erlaubt es nicht, gesetzmäßige Naturprozesse von regelmäßigen Zufallsfolgen zu unterscheiden, sie kann Korrelation konstatieren – nicht mehr. Aus naturwissenschaftlicher Sicht macht es jedoch einen Unterschied, ob ein Prozess einer inneren Gesetzmäßigkeit unterliegt oder nicht, denn auch ein Zufallsprozess könnte aufgrund von irgendwelchen äußeren Umständen regelhaft verlaufen.

Kant fand in seiner Prolegomena die rationalistische Kausalitätsaufassung zu stark und die empiristische zu schwach, so daß er eine mittlere, erkenntnistheoretische Variante der Kausalität vorschlug: Das Kausalprinzip ist in seiner Theorie eine notwendige Bedingung der Möglichkeit von jeder vorstellbaren Erfahrung von Dingen der Außenwelt, die Menschen von der Struktur ihres Verstandes her machen können. Damit behauptet das Kausalprinzip selbst keine Tatsache, sondern erhebt die methodologische Forderung, für jede in der menschlichen Erfahrung vorkommenden Wirkung nach einer Ursache zu fragen:

  • i) Die Reihenfolge von Ursache und Wirkung ist konstitutiv für die Zeitordnung.
  • ii) Die Wirkung folgt nach dem Kausalprinzip notwendig auf die Ursache.
  • iii) Die Annahme dieser notwendigen Verknüpfung ist aber nur ein methodologisches Prinzip, ohne das wir gar keine zusammenhängenden Erfahrungen von Dingen der Außenwelt hätten.

Viele Physiker und Philosophen betrachten heute die Relativitätstheorien von Einstein als Widerlegung der Kantischen Theorie von Raum und Zeit sowie die Quantentheorie als empirische Widerlegung des Kausalprinzips.

Die zeitgemössische Diskussion um den Kausalitätsbegriff in der Philosophie durch vier Ansätze beherrscht:

  • a) Varianten der INUS-Ansätze (Mackie 1965, Mackie 1980), die auf dei empiristischen Regularitätsauffassung nach Hume zurückgehen. Danach ist eine Ursache eine Akkumulation notwendiger und zusammen hinreichender Bedingungen für das Eintreten einer bestimmten Wirkung. Leider kann sie regelmäßig nicht zwischen einer Ursache und der Randbedingung einer Ursache unterscheiden – wie etwa beim Anreißen eines Streicholzes: Denn die Anwesendheit von Sauerstoff war zwar notwendig für das Brennen des Streichholzes, aber ganz sicher ist sie kein Teil der Ursache.
  • b) Theorien, die mit kontrafaktischen Annahmen und einer Theorie möglicher Welten nach Leibniz eine starke Variante der Kausalität formulieren (Lewis 1973, Lewis 1986). Solche Theorien haben den Nachteil, zu vernachlässigen, daß die Naturwissenschaften mit ihren kausalen Erklärungen die wirkliche Welt charakterisieren wollen. (Bogen 2005)
  • c) eine interventionistische Theorie der Kausalität, nach der sich Ursache und Wirkung wie Handlung und Handlungsfolge verhalten. (Wright 1971, Woodward 2003). Diese Auffassung ist natürlich unhaltbar, denn sie behauptet, daß sie in naturwissenschaftlichen Experimenten dokumentierte Kausalität komplett auf die Intervention der Experimentatoren reduzierbar sei. (Woodward 2008)
  • d) Theorien, die sich an deterministischen oder probabilistischen physikalischen Theorien orientieren.

Seriöserweise bleibt da nur die Option, sich an den physikalischen Theorien zu orientieren, wenn man kausale Relationen verstehen will. Und was wir erwarten würden, ist, daß Physiker kausale Erklärungen von Ereignissen liefern. Doch die Wirklichkeit ist um einiges komplizierter.

II. Die inferentielle Auffassung der deduktiven Erklärung nach Hempel 1965 & Oppenheim 1948

Die erste, zusammenhängend formulierte Theorie der Erklärung wird als covering law-Modell, als DN-Modell oder HO-Schema bezeichnet und eine frühe, weniger entwickelte Version davon hat Popper 1935 vertreten. Danach ist eine Erklärung ein Argument aus Prämissen und Konklusion, das Naturgesetze und die Randbedingungen derjenigen Situation verwendet, in der das zu erklärende Ereignis vorkommt. Daher kann man auch von einem deduktiv-nomologischen Modell der Erklärung sprechen und die Erklärung geschieht durch Subsumption des Ereignisses unter das im Argument in Form eines  allquatifizierten Konditionals vorkommenden Gesetzes, nicht aber durch irgendeine tiefere Einsicht.

Zurückgewiesen wird hiernach jede Ansicht, nach der eine Erklärung schon im Verstehen von E besteht. Das Wesentliche an der Erklärung ist die Anwendung eines Gesetzes, das als allquantifizierte Subjunktion analysiert wird, welche ihrerseits eine empirisch prüfbare Regelmäßigkeit ausdrückt: E = E(x,t) muß aus den Randbedingungen A und den Gesetzen oder Theorien T logisch korrekt abgeleitet werden, so daß E deshalb prognostiziert werden kann. Zusammengefaßt (Stegmüller 1969) versteht diese Ansicht unter einem Gesetz, das eine Ursache von etwas angibt, folgendes:

  • Wenn Ereignisse, d.h. datierbare und lokalisierbare Einzeldinge kausal interagieren, dann instantiieren sie Kausalgesetze. Kausalgesetze sind in erster Näherung quantitative, mittels stetiger Funktionen darstellbare Mikro-Sukzessions-Nahwirkungsregelmäßigkeiten, die sich auf ein homogenes, isotropes Raum-Zeit-Kontinuum beziehen, das von gewissen Erhaltungsgesetzen beherrscht wird.
  • Gesetze sind im zeitlosen Präsens formulierte, kontingente nicht-eingeschränkte allquantifizierte Aussagen oder Konditionale über gleichmäßige Ereignissequenzen, die faktische und kontrafaktische Konditionale stützen. Im DN-Modell fehlen alle brauchbaren Kriterien der Nomologizität und gibt nur Hinweise auf die semantische Form: Gesetze müssen universell sein, einen unbeschränkten scopus haben und dürfen keine Referenz auf partikulare Objekte, sondern nur qualitative Prädikate enthalten. Um ein Gesetz zu entdecken benötigt man aber offensichtlich mehr: Denn “Wenn etwas eine Goldkugel ist, dann ist ihre Masse kleiner als das hunderfache der jeder Sonne.” ist sicherlich kein Naturgesetz.
  • Und für jede wahre Kausalaussage, d.h. für jede Aussage der Form „Dieses Ereignis E verursachte jenes Ereignis F.“ gibt es Beschreibungen von E, F , die für E, F eingesetzt die Folgerung des substituierten Satzes aus einem Gesetz erlauben. Denn die Erwähnung eines Ereignisses in den Antecedenzbedingungen in einer Kausalerklärung scheint nur dann ein Explanans für ein anderes Explanandum-Ereignis zu sein, wenn auch ein Gesetz, d.h. eine allquantifizierte Konditionalaussage bekannt ist, das alle Ereignisse E derselben Charakteristik, die deshalb in einer Menge zusammengefaßten wurden, mit den Explanandum-Ereignissen F einer spezifisch anderen Charakteristik verknüpft. Kausalaussagen, die nur für einen einzigen Fall Gültigkeit beanspruchen heißen im Folgenden singulär.

Die Richtigkeit der Beschreibung aller an der Erklärung beteiligten Ereignisse wird dabei nicht diskutiert, sondern vorausgesetzt. Der Unterschied zu Beschreibungen von Ereignissen wird darin gesehen, daß diese keine Gesetze involvieren und daher nicht die Frage beantworten, aufgrund von was E vorkommt. Damit müssen sich Aussagen über singläre Bedingungszusammenhänge zurückführen lassen auf ein Wissen über allgemeine Regelmäßigkeiten in der Natur und das Explanans muß vernünftige Gründe bereitstellen, das künftige oder bereits erfolge Eintreten von E für richtig zu halten: E wird erklärt genau dann, wenn man in Form der Konjunktion aller Randbedingungen der Erklärung eine Ursache von E identifiziert hat. Das Vorkommen von E wird folglich verstanden genau dann, wenn E erklärt wurde, d.h. die Ursachen von E gefunden wurden.

Soweit ist das DN-Modell bereits nicht besonders überzeugend:

  • (6) Dedukiv korrekte Argumente erklären nicht immer etwas. Es gibt deduktiv-nomologische Argumente, die unter geeignet gewählten Umständen nicht als Erklärungen fungieren. Beispiel: „A ist zu t nicht gestorben.“, „Immer wenn einem ein Fels auf den Kopf fällt stirbt man.“ Also:  „A zu t kein Fels auf den Kopf gefallen.“.
  • (7) Gesetze sind für Erklärungen nicht notwendig. Beispiel: Man kann die Entstehung des Ablaßhandels sehr gut mit der pekuniär prekären Lage der katholischen Kirche im Jahr 877 erklären, ohne dafür auch nur irgendeine Art von Gesetz zu bemühen.
  • (8) Irrelevante Informationen erklären nichts. In Fällen kausaler Überdetermination erklärt das HO-Schema Informationen für erklärungsrelevant, die es tatsächlich aber nicht sind. Bsp.: “Kein Mann, der chemische Ovationshemmer zu sich nimmt wird schwanger.”.
  • (9) Asymmetrien bei Erklärungen: Das HO-Schema gibt bestimmte Asymmetrien, wie sie bei Erklärungen typisch sind, nicht wieder: Die Höhe eines Mastes erklärt z.B. die Länge eines Schattens zusammen mit dem Sonnenstand und etwas geometrischer Optik. Doch die Länge des Schatten erklärt nicht die Länge des Mastes, obwohl man letzteres aus ersterem errechnen kann.
  • (10) Kausalität erklärt nicht. Kausalaussagen zeigen nicht die Beschreibungsabhängigkeit von Erklärungen. Sie können wahr sein. ohne zu erklären, d.h. eine beschreibungsabhängige Erklärung zu geben, bedeutet nicht, eine Kausalaussage zu machen. Insbesondere gibt es nicht-kausale Gesetze, die Prognosen zulassen z.B. das Pauli-Ausschließungskonzept. Damit besteht das Verstehen eines Phänomens nicht im Wissen um die Ursache.

Das allein spricht schon dafür, Gesetze von Erklärungen, Erklärungen von Kausalaussagen und Argumente von Kausalaussagen, Erklärungen und Gesetzen zu unterscheiden und damit das DN-Modell zu verwerfen. Doch die Pointe des DN-Modell versteht man erst, wenn man bemerkt, welche Erkenntnisansprüche an eine deduktive Erklärung gestellt werden:

  • a) Etwas zu erklären heißt, E als voraussagbar zu erweisen.
  • b) Etwas zu erklären heißt, das Vorkommen von E zu verstehen.

In diese Theorie geht wesentlich die These der strukturellen Gleichartigkeit von Prognostizierbarkeit und wissenschaftlicher Erklärung ein. Sie zerfällt in zwei Teilthese:

  • i) Jede adäquate Voraussage von E hätte Erklärungscharakter, falls sie nach dem Eintritt von E vorgenommen worden wäre, so daß jede adäquate Voraussage eine potentielle Erklärung ist.
    ii) Jede Erklärung von E hätte Voraussagecharakter, falls sie vor dem Eintritt von E vorgemommen worden wäre.

Erklärungen unterscheiden sich demnach von Voraussagen bloß dadurch, daß E schon bekannt ist und auf die Wahrheit von E nicht verzichtet werden kann: Es gibt also lediglich einen pragmatische Unterschied von Erklärung und Prognose.

  • Es gibt eine Vielzahl von Adäquatheitsbedingungen, die erfüllt sein müssen, wenn die inferentielle Auffassung deduktiver Erklärungen haben sollen. So darf z.B. die Beschreibung des Explanans-Ereignisses nie eine logische Folgerung entweder aus der Bescheibung der Antecedenzbedingungen, den Anfangsbedingungen, oder aus den Formulierungen der geltend gemachten Gesetzen allein sein, sondern die Wahrheit der Beschreibung des Explanans-Ereignisses muß gerade eine Folgerung aus den ersten beiden Beschreibungen sein und die entsprechenden Kausalgesetze kommen in Kausalerklärungen sicher nur dann adäquat vor, wenn sich die Antecedenzbedingungen unabhängig von den Konsequenzbedingungen des Gesetzes verifizieren lassen. Denn andernfalls könnte man Trivialerklärungen nicht ausschließen, die keine falsifizierbare Prognose zulassen, und damit unüberprüfbare Korrelationsbehauptungen durch das Gesetz nicht ausschließen . Darüber hinaus werden zirkuläre, tautologische und nicht deduktiv korrekte Argumentformen verboten usw..

Doch weniger sie, sondern die These der strukturellen Gleichartigkeit von Prognostizierbarkeit und wissenschaftlicher Erklärung hat letztlich das Schicksal des covering-law-models besiegelt.

Man kann nun zeigen, daß es eine Menge von Asymmetrien zwischen Erklärungen und Voraussagen gibt, so daß die These der strukturellen Gleichartigkeit nicht stimmen kann (Salmon 1989).

  • 1) Gegenbeispiel: Die Tatsache, daß jemand an progressiver Paralyse leidet, wird erklärt durch die Randbedingung einer unbehandelten Syphilis und den Gesetzen.
    • Wer an unbehandelter Syphilis stirbt, erkrankt an progressiver Paralyse.
    • Nur ein kleiner Bruchteil der Syphilitiker erkramkt an progressiver Paralyse.
    • Keine sonstige Krankheit führt zu progressiver Paralyse.

    Der Wirkungsgrad dieser Erklärung besteht in dem Überhang an bedingter Wahrscheinlichkeit des tatsächlichen Zustands gegenüber allen sonstigen Zuständen jeweils unter der Annahme der Erklärung und stellt eine Maß für die Aussonderung des Zustands durch die Erklärung dar. Die Erklärung der progressiven Paralyse ist daher vorhanden, nicht aber eine glaubhafte Prognose. Die Stärke der Erklärung bzgl. E besteht in dem Überhang an bedingter Wahrscheinlichkeit im Vergleich zu alternativen Erklärungen. Für die prognostische Verwertbarkeit einer Erklärung ist nicht die Stärke, sondern der Wirkungsgrad relevant. Bei Prognosen ist das genau umgekehrt.

  • 2) Nicht alle notwendigen Bedingungen erklären aber auch ein Ereignis, sonst würde die Tatsache, daß jemand einen Anzug an hatte, einen Roulettegewinn erklären. Daher muß man weitere Merkmale einer Erklärung einführen, die bei einer Progose nicht vorkommen. Die für eine Voraussage erforderliche logische Form eines Argumentes gibt daher nicht die logische Form einer Erklärung wieder.
  • 3) Nicht alle Voraussagen geben Erklärungen ab. Die Vorhersage einer Planetenkonstellation aufgrund von Beobachtungen z.B. in der Epizykeltheorie liefert keine Erklärung. Die liefert erst die Newtonsche Mechanik im kopernikanischen Weltbild.
  • 4) Zwar ist jede adäquate Erklärung potentiell auch eine Voraussge, aber nicht jede gelungene Voraussage ist auch potentiell eine Erklärung, da man Voraussagen auch aufgrund von Indikatoren machen kann, dies für Erklärungen aber nie ausreicht. Insbesondere ist Kausalbeziehung für eine Voraussage aufgrund eines induktiv-statistisch belegten Indikator nicht erforderlich.
  • 5) Für eine Voraussage benötigen wir nur eine einige Korrelation, für eine Erklärung benötigen wir jedoch mehr, da wir Randbedingungen zu berücksichtigen haben. Wir können das an einem Beispiel illustrieren: Ein plötzliches, starkes Fallen des Luftdrucks kündigt einen Sturm an. Seine meterologische Erklärung hingegen ist weitaus komplizierter.

Es besteht daher überhaupt keine strukturelle Ähnlichkeit zwischen Erklärungen und Prognosen. Damit ist die Basisintuition des  DN-Modells zurückgewiesen. Doch es gibt noch andere Vorschläge, die Analyse Erklärungen mit Kausalfragen zu verunreinigen.

III. Die kausal-mechanistische Auffassung nach Salmon 1984

Philosophische Theorien der Kausalität wiederholen die Intuition von Ursache und Wirkung als wechselwirkende Ereignisse und damit als lokalisierte, datierbare und unwiederholbare Einzeldinge: Wenn Ereignisse kausal interagieren, dann instantiieren sie Kausalgesetze.

  • (6) Kausalgesetze sind hiernach in erster Näherung quantitative, mittels stetiger Funktionen darstellbare, zeitasymmetrische Mikro-Sukzessions-Nahwirkungsgesetze, die sich auf ein homogenes, isotropes Raum-Zeit-Kontinuum beziehen, das von gewissen Erhaltungsgesetzen beherrscht wird. Gesetze sind im zeitlosen Präsens formulierte, kontingente nicht-eingeschränkte allquantifizierte Aussagen oder Konditionale über gleichmäßige Ereignissequenzen, die faktische und kontrafaktische Konditionale stützen.

Doch in der Physik sind sind solche Mikro-Sukzessions-Nahwirkungsgesetze ziemlich selten, da vor allem mit Zuständsgesetzen, Erhaltungssätzen oder Bilanzgleichungen gearbeitet wird.

  • (7) Kausalität aus der Sicht der neuzeitlichen Physik i.S.v. Newton oder Laplace hat mehr mit allgemeinen Naturgesetzen zu tun, denen alles in der Natur gehorcht (Cartwright 1983). In seiner ersten und von vier methodologischen Regeln forderte Newton übrigens nicht mehr Ursachen zulassen als solche, die wahr sind und zur Erklärung der Phänomene hinreichen (Newton 1687, Anfang von Buch III). Die etwas kryptische Forderung der Wahrheit drückt im Grunde Newtons wissenschaftlichen Realismus in Bezug auf die physikalischen Ursachen aus.

Die moderne Physik hat den Ursachenbegriff seit Newton und Laplace weitgehend durch mathematische Gesetze ersetzt, was zur Folge hat, daß die intuitive, zeitliche Anordnung von Ursache und Wirkung im deterministischen Fall verloren ging (Russell 1913). Eine Ausnahme bilden thermodynamische Zustandsentwicklungen und andere Effekte offener Systeme. Nach der Thermodynamik und der Quantentheorie verlaufen Naturprozesse auf der Ebene der Einzelereignisse zeitlich gerichtet, aber nicht deterministisch. Nur das statistische Kollektiv verhält sich deterministisch und zeitlich gerichtet zugleich. Dabei bleibt die Beziehung zwischen Einzelereignissen akausal. Damit ist eine mechanische Ursache zeitrversibel deterministisch, eine thermodynamische oder quantenmechanische aber nicht. Darüberhinaus können sich nach Einsteins Spezieller Relativitätstheorie Signale höchstens mit Lichtgeschwindigkeit ausbreiten, weshalb Ereignisse sich innerhalb des sog. Lichtkegels kausal verbunden sein können. Dies steht im Konflikt zur kausalen Deutung von Quantenkorrelationen und dem vorkommen verschränkter Wellenfunktionen und wurde eine Zeit lang als EPR-Paradoxon diskutiert. (Einstein & Podolsky & Rosen: Can Quantum-Mechanical Description of Physical Reality be Considered Complete? In: Physical Review vol. 47, pp.777–780). Das Verständnis von Ursachen ist in der Physik daher nicht eindeutig.

  • (8) Zu diesem Sachverhalt gibt es offenbar nur eine Diagnose: Der Kausalbegriff war schon immer vorwissenschaftlich und spaltet sich in der Physik in eine Pluralität von Begriffen auf. Dem vorwissenschaftlichen Kausalbegriff kommt die Signalübertragung am nächsten. Der physikalische Ursachenbegriff ist dagegen notorisch vieldeutig: was er jeweils genau bedeutet, hängt vom gegebenen Problem ab.

Unbeschadet dessen steht Salmon auf dem Standpunkt, daß eine Erklärung eine Beschreibung der verschiedenen Ursachen eines Phänomens ist. Zu erklären bedeutet demnach Informationen vorzubringen über die kausale Geschichte, die zu dem fraglichen Phänomen geführt hat. Die These ist dem DN-Modell ähnlich und kümmert sich vor allem um die Erklärung von Ereignissen unter Verzicht auf Naturgesetze. Sie beschränkt sich aber nicht nur auf formale Argumente und scheint mit induktiv-statistischen Erklärungen wesentlich besser fertig zu werden als das DN-Modell. Hier wird keine strukturelle Ähnlichkeit zwischen Erklärung und Prognose mehr behauptet. Abgelehnt wird die bisherige Adäquatheitsbedingung, nach der Erklärungen Antworten auf Fragen der Form „Warum ist das und das der Fall?“ und damit Informationen darüber liefern müssen, weshalb das Ereignis zu erwarten war mit der Begründung, daß es derartige rational akzeptierbare Antworten gibt, die ihrerseits Bezug nehmen auf unerwartete Ereignisse und es ist klar, daß gerade die Erklärung unerwarteter Ereignisse Fälle der Bewährung dieser Theorie darstellen.

  • Darüberhinaus wird versucht, Fehler des DN-Modells zu vermeiden: Denn erstens kommt eine Erklärung nur dann zustande, wenn das Explanans zeitlich vor Explanandum liegt. Diese Beschränkung enthält das HO-Schema nicht. Und zweitens erzeugen nicht alle Ableitungen aus Gesetzen auch Erklärungen z.B. thermodynamische Zustandsgesetze, bei denen Erklärungen erst durch die kinetische Gastheorie geliefert werden. Daraus wird dann der Schluß gezogen, daß sich an diesem Beispiel Gesetzessorten zeigen: Die eine beschreibt kausale Prozeße, die andere nicht. Die Anwendung von Gesetzen, die keinen kausalen Prozeß beschreiben, wird nicht als Fall der Erklärung angesehen. Nicht-kausale Gesetze wie z.B. thermodynamische Gesetze sieht Salmon eher als empirische Beschreibungen an, die ihrerseits erklärt werden müssen.

Damit lautet die entscheidende Frage: Was aber sind kausale Prozesse? Sie sind wie folgt zu charakterisieren (Salmon 1998):

  • a) Als physische Prozesse bilden sie eine Folge von Ereignissen in einer kontinuierlichen Region der Raumzeit.
  • b) Kausale Prozesse können Informationen übertragen. Explanans und Explanansum sind normalerweise beide Teile von verschiedenen kausalen Prozessen. Für diese ist es charakteristisch, daß sich Wechselwirkungen zwischen in der zeitlichen Entwicklung dieser Prozesse auswirken. Insofern ist ein kausaler Prozeß ein raumzeitlich kontinuierlicher Prozeß, der in der Zeit Informationen überträgt und zwar durch eine zeitlich und lokal eingegrenzte Modifikation dieser Prozesse.

Damit haben typische Vertreter wie z.B. Salmon ihre wesentlichen Elemente kausaler Erklärung zusammen. Man spricht manchmal auch von der “at-at-Theorie”: Wann immer man eine Korrelation von Phänomenen zweier kausaler Prozesse findet, ist die Erklärung ein Ereignis, daß den korrellierten Prozeßen gemeinsam ist und es gilt:

  • i) Statistische Relevanz: Das Explanans C erhöht die Wahrscheinlichkeit von E d.h. p(E|C)>p(E). Klarerweise soll hier die Tatsache eines kausalen Potential eingefangen werden.
  • ii) Eine erfolgreiche Erklärung zu geben bedeutet, das zwei korrelierten kausalen Prozessen zugeordnete Ereignis E anzugeben, in Bezug auf das sie koinzidieren. Dann ist die Koinzdenz die Ursache der beobachteten Wirkung E.

Ganz offensichtlich sind dieser Theorie ein paar wesentliche Dinge entgangen (Woodward 1989, Hitchcock 1995):

  • Erstens wäre da ein Kriterium nötig, um die statistische Relevanz festzulegen. Das ist von zentraler Bedeutung: Wie sollen wir z.B. beim elastischen Stoß zweier Massen herausfinden, daß die Geschwindigkeit der Massen für den Effekt verantwortlich sind, nicht aber z.B. die Farben der Körper, wenn wir nicht schon wissen, was die Erklärung erst beansprucht zu zeigen?
  • Zweitens sind kausale Prozesse für Erklärungen nicht immer notwendig, denn sie können nicht alle fraglichen Effekte erklären. Denn wenn ein Mann und eine Frau beide die Pille nehmen und Sex haben, daß ist die Pille nur bei der Frau für das Ausbleiben der Schwangerschaft verantwortlich.
  • Drittens bestehen viele empirisch vorgefundene Erklärungen darin, daß man angibt, was einer bestimmten Theorie zufolge nicht möglich ist. Diese Fälle nicht-kausaler Verallgemeinerungen werden von kausalen Prozessen nicht erfaßt.
  • Die statistische Relevanz ist viertens unterbestimmt hinsichtlich der Frage. was für was relevant sein soll, da das in induktiv-statistischen Erklärungen vorkommende Explanans unter verschiedenen Randbedingungen für einander ausschließende Ereignisse in gleicher Weise relevant sein kann – nur eben mit unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten, was in der Quantenmechanik geradezu der Standardfall ist.
  • Und fünftens kann man manchmal ein Ereignis z.B. mittels des Paulischen Ausschließungsprinzip, durch Zustandsgesetze, Energieerhaltung oder Entropiezunahme erklären, ohne auf kausale Prozesse zurückgereifen zu müssen.
  • Es auch ist nicht klar, wie weit man in der kausalen Geschichte zurückgehen muß, um gut zu erklären und wie die Güte rivailisierender Erklärungen von der kausalen Ätiologie abhängt. Insbesondere bei Vielteilchensystemen könnte das Nachvollziehen der kausalen Entstehung eines makroskopischen Effekte geradezu unmöglich werden.
  • Insbesondere zeigen Kausalaussagen nicht die Beschreibungsabhängigkeit von Erklärungen: Sie können wahr sein ohne zu erklären, wie das folgende Beispiel zeigt:
    • a) Der Wal starb, weil er zu lange an Land war.
    • b) Die Kälte lähmte das Insekt, so daß es nicht entfliehen konnte.

    Denn Wale sterben zwar, wenn sie an Land sind, aber weil sie infolge der schlagartig erhöhten Umgebungstemperatur einem Kreislaufkollaps erliegen oder auch von ihrem eigenen Körpergewicht erstickt werden. Ein anderes Beispiel: Insekten sind tatsächlich Kaltblüter, so daß sie z.B. im Kühlschrank erstarren. Aber es ist die Abwesenheit von Wärme, die dies verursacht. Kälte gibt es nur phänomenologisch, nicht physikalisch. Oder äquivalent: Kausalrelationen, die oft dann im Spiel sind, wenn in einem Satz die Ausdruck „weil“ bzw. „da“ vorkommen, sind zwar Relationen zwischen Ereignissen, die unabhängig von der Beschreibung dieser Ereignisse existieren. Ob aber der Hinweis auf ein bestimmtes Ereignis auch das Vorkommen eines anderes Ereignisses erklärt, hängt davon ab, wie beide Ereignisse beschrieben werden, i.e. was man wahrerweise über sie noch sagen kann.

Unter diesen Bedingungen hat man eigentlich keine andere Wahl, als Kausaltität und Erklärung als logisch unabhängige Konzepte aufzufassen.

IV. Die Strategie der Vereinheitlichung nach Kitcher 1989, Friedman 1974

Eine andere Variante besteht darin, daß Erklärung die Reformulierung verschiedener Phänomene in einem framework weniger, aber basaler Begriffe bedeutet derart, daß Zusammenhänge zwischen diesen Phänomen sichtbar werden. Damit wird das Paradigma der Analyse zur Aufklärung des Erklärungsbegriffes herangezogen (Schurz 2015). Wir werden im Fall solcher Systematisierungen auch von Vereinheitlichung sprechen.

  • Beispiel: Maxwells Theorie der Elektrodynamik oder auch eine Axiomatisierung wären damit Spezialfälle von Erklärungen.

Wissenschaftliche Erklärungen demnach zeigen, wie sich eine Vielzahl von Tatsachen auf wenige allgemeine Zusammenhänge zurückführen läßt. Entsprechend zielt diese Strategie weniger als Einzelereignisse, sondern auf Gesetze, Regelmäßigkeit und Phänomene im allgemeinsten Sinn. Kitcher schlägt vor, eine solche Reduktion durch den Grad der Vereinheitlichung einer Theorie zu messen und zwar an der Anzahl der wiederholten Anwendungen bestimmter Typen von Gesetzen, die auf diese Weise eine große Anzahl von verschiedenen Phänomenen zu einer kleinen Klasse von Eigenschaften verknüpfen.

Doch auch dieser Ansatz ist wenig vertrauenerweckend (Woodward 2003), denn:

  1. Der Vereinheitlichungsansatz kann Erklärungen nicht unterscheiden von modernen information compressing methods wie z.B. compressed sensing.
  2. Was passiert eigentlich, wenn eine Vereinheitlichung von einer anderen abgelöst wird? Erklärt die alte Systematisierung dann plötzlich nichts mehr?
  3. Kaum jemand von den normalen Leuten, nimmt solche Systematisierungen vor: Niemand vergleicht Grade der Systematisierung, um daraus oder eine Erklärung zu erschließen. Und doch gibt es im Alltag viele Erklärungen. Insbesondere werden kausale Erklärungen oft ohne Systematisierungen gewonnen.
  4. Vereinheitlichung oder Systematisierung von Wissen allein reicht nicht aus, um Kausalerklärungen zu erfassen. Denn keine Systematisierung alleine klart uns darüber auf, warum wir Wirkungen durch bestimmte und keine anderen Ursachen erklären. Auch sagt uns keine Kausalaussage, wie wir zu systematisieren haben.  Es zerrinnt uns daher zwischen den Händen, was Erklärung als Systematisierung im kausalen Fall eigentlich noch besagt.
  5. Vereinheitlichung allein sagt nichts aus über Erklärung: Wenn wir z.B. annehmen, daß es einen Gott gibt, der für das Erzeugen aller Ereignisse verantwortlich ist, dann ist das ein hoher Grad an Systematisierung, der aber mit Wissenschaft aber nichts zu tun hat.

Vor allem zeigen diese Probleme, daß Erklärung immer Behauptungen betreffen, deren Wahrheit wir bereits mit guten Gründen akzeptiert haben: Erklärungen, die systematisieren, erzeugen ein spezielles Wissen, aber ob es sich um Erklärungen handelt, messen wir unter anderem in Termen von Wissen.

V. Die pragmatische Wende nach van Fraassen 1980, Bromberger 1966, Achinstein 1983, de Regt & Dieks 2005

Weil hier der Begriff des Wissens aufgetaucht ist, wird deutlich sich an, daß ein in allen Fällen wiederkehrender, vom epistemischen Interesse des Frager sowie dem Kontext unabhängiger Begriff von Erklärung vermutlich nicht zu haben ist – eine Einsicht, die zu verschiedenen pragmatischen Theorien der Erklärung geführt hat: Die basale Idee besteht darin, daß eine Erklärung als besondere Antwort auf eine Warum-Frage eine Menge von im gegebenen Fragekontext relevanten und aufschlußreichen Informationen ist, die impliziert, daß ein bestimmtes Phänomen wahrscheinlicher ist als seine ebenfalls kontextabhängigen Alternativen. Und diese Kontextabhängigkeit ist es auch, die eine Erklärung von einer Beschreibung unterscheidet. Es gibt daher weder eine charakteristische Form aller wissenschaftlicher Erklärungen ider Theorien, noch liefern sie spezifische Informationen.

  • Betrachten wir das Beispiel eines Autounfalls: Dann gibt es ebensoviele Ursachen wie Erklärungen. Der Arzt gibt Bewußtlosigkeit nach multiple Blutungen an als Folge einer Virusinfektion. Der Staatsanwalt spricht von Fahrlässigkeit, sich benommen hinter Steuer zu setzen, der Automechaniker von der schlechten Haftung der Sommerreifen auf nasser Straße und der Staftplaner von der Uneinsichtigkeit der Kurve durch Bäume und Sträucher.

Offenbar wird hier erklärt, was in dem vorgegebenen Kontext relevant ist für rivalisierende Erkenntnisinteressen. Daher ist zu erwarten, daß für pragmatische Theorie auch die Abgrenzung gegenüber pseudowissenschaftlichen Theorien sehr schwierig werden kann.

  • Auch sind Naturgesetze keine notwendigen Bestandteile wissenschaftlicher Theorien. Denn wenn wir einmal annehmen wollen, daß der College Professor für Moralphilosophie sich um Punkt Mitternacht im Mädchenschlafsaal aufgehalten hat, dann liegt das sicher daran, daß er eine hinreichend kurze Zeit vorher auch dort war und sich kein Teilchen mit einer von Null verschiedenen Ruhemasse schneller als das Licht bewegen kann. Aber erklärt wird dadurch natürlich nichts.

Wie soll das jetzt im Detail aussehen? Nach van Fraassen z.B. bestehen die kontextabhängigen Warum-Fragen aus:

  • i) einer im Kontext interessierenden Präsupposition (Warum X?): Hier wird erst bestimmt, worin der Erklärungsbedarf eigentlich besteht.
  • ii) einer Kontrastklasse (Warum nicht eher Y, Z, …?)
  • iii) und einem unausgesprochenen, explanatorischen Relevanzkriterium. Als Relevanzkriterium bietet van Fraassen an, daß die Antwort wahrscheinlich wahr und anderen möglichen Antworten überlegen ist, und diese Antwort das angesprochene Thema gegenüber anderen Antworten favorisiert.

Die durch eine Erklärung auf diese Weise beigebrachten Informationen müssen relevant sein für die Frage und die Präsupposition vor anderen Alternativen, auf die im Kontext der Frage implizit Bezug genommen wird, auszeichnen. Insofern können subjektive Interessen bestimmen, was als Erklärung zählt und was nicht ( c.f. T. Lombrozo: “Causal-Explanatory Pluralism: How Intentions, Functions, and Mechanisms Influence Causal Ascriptions”, Cognitive Psychology, 61:303–32 (2010); Y. Lien & P. Cheng, “Distinguishing genuine from spurious causes: a coherence hypothesis”, Cognitive Psychology, 40: 87–137 (2000) ). Dies gilt jedoch nur in Bezug auf das Relevanzkriterium.

Die beiden Hauptprobleme hieran scheint mir zu sein, daß die typische Erklärungsasymmetrie überhaupt nicht abgebildet wird und die Interessensrelatiität überflüssig ist:

  • a) Erstens sind zwar die Rotverschiebung und eine Vergrößerung der Galaxienentferung äquivalent, aber nur letzteres erklärt ersteres nicht umgekehrt. Und zweitens können äquivalente Sätze können verschieden informativ sein z.B. “Die Venus ist die Venus.” ist eine Tautologie, aber “Der Morgenstern ist der Abendstern.” ist eine empirische und damit für eine Erklärung in Frage kommende Erkenntnis, obwohl mit beiden Eigennamen auf die Venus referiert wird.
  • b) Erklärung ist nach dieser Strategie interessensrelativ. Es scheint aber gar keinen Grund zu geben, Interessenrelativität überhaupt einzuführen. Denn selbst wenn bei der Antwort eine andere Kontrastklasse zugrunde gelegt wird als bei der Frage, so kann die Antwort dennoch eine gute Erklärung sein. Was als Antwort akzeptabel ist, mag von der Kontrastklasse abhängen, die Eigenschaften dieser Antwort tun es nicht.

Zwar stimmt es, daß Erklärungen Warum-Fragen beantworten, indem sie eine mögliche Antwort auf eine Warum-Frage als richtig, als Wissen auszeichnen. Aber das bedeutet nicht, daß wir ohne Erklärungen kein Wissen haben. Vielmehr erlaubt uns unser Wissen, Behauptungen zu Erklärungen zusammenzustellen, so daß uns Wissen Erklärungen ermöglichen. Erklärungen sind typischerweise aber nicht immer Antworten auf Warum-Fragen sind. Manchmal wird auch erklärt, wie etwas möglich ist. In jedem Fall enthalten Erklärungen pragmatische Elemente des Wissenszuwachses.

VI. Fazit für den Biologismus

Insgesamt scheint die Menge an in der Literatur diskutierten Beispiele und Gegenbeispiele es nahezulegen, die Suche nach einer allgemeinen Theorie der Erklärung aufzugeben zugunsten von regionalen Konzepten der Erklärung, die sich je nach Disziplin (z.B. Soziologie, Physik, Geschichte oder Ökonomie) signifikant unterscheiden – eine Idee, die erstmals von Francis Bacon formuliert wurde.

  • Das bedeutet, daß physikalische Erklärungen anders aufgebaut sind als biologische, die im wesentlichen funktional sind und die Erklärungen zum mind-body-problem oder die von neuronalen Deterministen können noch einmal ganz anders aufgebaut sein.

Diese ganz allgemein gültigen Zusammenhänge in den Naturwissenschaften haben für Folgen für jedes biologistische Projekt:

  1. Der Biologismus muß genau anzugeben, welche Probleme echt und welche Scheinprobleme sind und warum das eigentlich so ist. Denn nur dann kann er die Adäquatheitsbedingungen und Motivationen derjenigen Erklärungen angeben, die er benötigt, um in seinen Aussagen glaubhaft zu sein.
  2. Eine Prognose abzugeben oder ihre Rechtfertigung darzulegen, bedeutet nicht, daß man auch alles erklärt hat, was es zu erklären gibt. Es ist daher immer eine Extrabegründung fällig, wenn der Biologismus behauptet, zu wissen, was wahrscheinlich passieren wird, kläre alle Fragen hinreichend auf.
  3. Überhaupt etwas zu erklären – sei das nun gut oder weniger gut gelungen – erzeugt in keiner Weise auch eine Prognose. Prognosen benötigen immer eigene Begründungen, die der Biologismus explizit angeben muß.
  4. Überhaupt kausale Relationen für Phänomene anzugeben, bedeutet nicht, daß dadurch alle Fragen, die über diese Phänomene zu beantworten wichtig ist, gelöst werden. Und schon gar nicht bedeutet es, daß alle über kausale Relationen hinaugehenden Fragen Unsinn oder falsch gestellt sind.
  5. Überhaupt ein Projekt der Naturalisierung des Geistes zu verfolgen, um physische und mentale Phänomene in einen vereinfachenden Zusammenhang zu bringen, macht den Biologismus nicht zu einem interessanten oder nützlichen Projekt.
  6. Die kausale Ätiologie eines Phänomens anzugeben, erklärt solange nichts, bis dargelegt wurde, warum und in welchem Zusammenhang die kausale Ätiologie zu kennen, auch informativ ist. Eine Erklärung, die das versäumt, ist immer inadäquat.

Es wird sich zeigen, daß der Biologismus all diese Anforderungen überhaupt nicht ernst nimmt, sondern Verstöße gegen sie nicht nur zu unfairen rhetorischen Zwecken benutzt, sondern geradezu von dem begrifflichen Nebel lebt, den die notorische Unfähgkeit der Biologisten hinterläßt.


25 Kommentare

  1. Lomi sagt:

    So, jetzt endlich einmal komplett durchgelesen. Noch habe ich da einige Schwierigkeiten mit einer mir unbekannten Terminologie. Im Großen und Ganzen meine ich aber zu wissen, worum es geht. Ich muss es aber noch einmal lesen, um die Argumentation nachzuvollziehen. Es wäre schön, mal wieder Zeit für solche Fragen zu haben, die ich zuletzt in der Diss am Rande gestreift habe, als es um die Form soziologischer Erklärungen ging.

    • Es geht hier im Grunde darum, die begriffliche Unabhängigkeit zentraler wissenschaftstheoretischer Konzepte sicher zu stellen.

      Solche posts sind im Grunde technische Auskopplungen, die später gebraucht werden, aber diejenigen posts, die wirklich rocken, unlesbar kompliziert machen würden. In diesem Fall wird diese post den neuronalen Deterministen und den Biologisten noch sehr schwer im Magen liegen.

      Aber das sehen sie natürlich nicht voraus, dazu sind sie nicht klug genug.

      Der Trend, bereichsspezifische Analysen von Erklärung zu finden, ist übrigens ungebrochen. Ich habe z.B. eine entsprechende Diskussion gerade bei den Historikern gefunden.

      • Lomi sagt:

        Das wundert mich nicht, dass die Historiker eine bereichsspezifische Erklärungsform diskutieren. Historiker müssen ja meist mit Quellen vorlieb nehmen und können diese Quellen lediglich interpretieren, ohne dass sie sicher sein können, dass die Quelle wirklich informationshaltig ist im Sinne von „Ereignis A hat tatsächlich so wie beschrieben stattgefunden“. Bei einem Historiker las ich außerdem mal die Aussage, dass Historiker überhaupt kein Wissen erzeugen können, weil das vergangene Geschehen nicht mehr einholbar sei. Es ist klar, dass Historiker deshalb anders Erklärungen geben als Physiker.

        Für die Soziologie hatte ich vor einigen Jahren mal ein Werk in der Hand, dass Theorien systematisiert hat nach ihrer Leistung und ihrem Erklärungsanspruch. Ich fand das ganz erstaunlich, da die dort benannten großen Unterschiede in meiner Ausbildung kaum thematisiert worden sind. Um es mal kurz anzudeuten aus meiner Erinnerung heraus: Der Autor unterschied u.a. Theorien, die bloß beschreiben, von Theorien, die Erklärungen gaben, indem sie ein Ereignis unter eine Theorie subsumierten, und dies wiederum von Ansätzen kausaler Erklärungen usw. Das war spannend zu lesen und für das Selbstverständnis interessant wegen der Feststellung, dass man im Grunde im Alltag durch die verschiedenen Ebenen und Formen der Erklärung sprang, ohne das genau kenntlich zu machen.

        • „Es ist klar, dass Historiker deshalb andere Erklärungen geben als Physiker.“

          So ist es.

          „Der Autor unterschied u.a. Theorien, die bloß beschreiben, von Theorien, die Erklärungen gaben, indem sie ein Ereignis unter eine Theorie subsumierten“

          Popper und der Wiener Kreis wollten immer Wissenschaft von Metaphysik unterscheiden, indem sie einerseits ein Kriterium der Empirizität suchten und andererseits Theoriesprache von Beobachtungssprache zu unterscheiden versuchten. Bei Popper hat das lustigerweise mit seiner Theorie von den Basissätzen selbst zu einer Art Metaphysik geführt.

          Heute sind beide Projekte komplett aufgegeben worden: Die moderne, mit Willard van Orman Quine beginnende Wissenschaftstheorie kennt eine Theoriegeladenheit der Beobachtungen/Beschreibungen – und zwar unabhängig von der akademischen Disziplin und Metaphysik ist nur noch eine Art zu Fragen und kein Sortenkriterium für den Inhalt der Antworten mehr.

          In der Soziologie habt ihr davon bestimmt auch gehört, nachdem Thomas Kuhn seine Idee der soziologischen Phasenübergänge zwischen wissenschaftlichen Paradigmen in den Raum gestellt hat.

          Kümmern sich die Soziologen noch um diese Debatte?

          • Lomi sagt:

            „Kümmern sich die Soziologen noch um diese Debatte?“

            Soweit ich weiß: ja.

            Das liegt allein daran, dass es kein einheitliches wissenschaftstheoretisches Fundament im Fach gibt. Auch scheint das Erkenntnisinteresse zu variieren. Folglich konkurrieren eine Reihe von Paradigmen mit ganz unterschiedlichen Ansprüchen an Geltung und Erkenntnisinteresse. Deshalb ist die Frage nach wie vor offen, was in der Soziologie eine Erklärung ist, verbunden mit der von Dir hier auch aufgegriffenen Problematik, welche Art von Erklärung überhaupt informativ ist. Manch einer meint dann sogar, dass nur Verstehen informativ ist, aber Erklärungen gar nichts an Wissen generieren würden.

            Ich meine, dass man empirische Soziologie eigentlich gar nicht losgelöst von der Klärung solcher Debatten betreiben kann. Aber in der Praxis gibt es offenbar eine strikte Arbeitsteilung: Grundlagentheoretiker hier, Empiriker da.

            • „Aber in der Praxis gibt es offenbar eine strikte Arbeitsteilung: Grundlagentheoretiker hier, Empiriker da.“

              Schade. Aus meiner Laiensicht würde ich mich als Soziologe fragen, ob ich bestimmte soziale Phänomene modellieren kann, indem ich die Menge der Leute als komplexes, adaptives System betrachte, als eine Menge von agents, die nach Regeln handeln, die sich via agent-Rückkopplung verändern, und deren agent-Wechselwirkung selbst hierarchisch strukturiert ist. Solche Systeme sind auf agent-Ebene deterministisch und auf Mengen-Ebene gibt es ein emergentes Verhalten, daß man stochastisch approximieren kann. Man kann danach auch suchen mit dem Stichwort „agent based modelling“.

              Der Grund für meinen Vorschlag ist, daß ich nicht daran glaube, daß man durch ein ausgedachtes, einfaches Prinzip das WESENTLICHE einer komplexen Menge von Phänomenen erfassen kann, sondern man muß Stück für Stück lernen, wie es im Detail funktioniert und nach 10 Jahren oder so mal resumee ziehen. Das machen die Philosophen seit den 1960igern, vielleicht sollten die Soziologen das auch probieren? Soziologen könnten meiner Ansicht nach eine viel größere Rolle spielen, als sie es im Moment tun – ökonomisch und politisch.

              „Soweit ich weiß: ja.“

              Die ganze Sache finde ich äußerst interessant. Hast du da einen Tipp für mich? Einen Autor oder ein Schlagwort?

            • Lomi sagt:

              „Einen Autor oder ein Schlagwort?“

              Ich gucke in den nächsten Tagen mal. Schon bei kürzester Recherche hatte ich einen einschlägigen Text gefunden, aber ich will noch mal gründlicher suchen.

      • Lomi sagt:

        „In diesem Fall wird diese post den neuronalen Deterministen und den Biologisten noch sehr schwer im Magen liegen.“

        Allein nach den im letzten Absatz Deines posts aufgestellten Anmerkungen müssten Biologisten deutlich disziplinierter an ihren Erklärungen arbeiten. Ich zweifle aber, dass es ihnen gelingen wird, denn das kostet Arbeit und Zeit.

        • „Ich zweifle aber, dass es ihnen gelingen wird, denn das kostet Arbeit und Zeit.“

          Ich bin ziemlich sicher, zeigen zu können, daß es Biologsten nicht um Wahrheit, sondern um Kontrolle geht. Daher ist Biologismus in Wahrheit auch eine Ideologie und keine Wissenschaft.

  2. Grau, Grau, Grau ist alle Theorie.
    Da kann man immer eifrig definieren, Grundsätze aufstellen, Thesen aufstellen. Auf diese Art kann man problemlos nahezu alles „beweisen“

    Eine Theorie ist aber nur dann etwas wert, wenn sie den Kontakt mit der Wirklichkeit besteht, wenn Daten ihre Annahmen bestätigen.

    Nur dann kann man sagen, dass die Definitionen, die Grundsätze, die Theorien einen Gehalt haben.

    Nehmen wir mal zB diese Studie:

    There is now good evidence that human sex-typed behavior is influenced by sex hormones that are present during prenatal development, confirming studies in other mammalian species. Most of the evidence comes from clinical populations, in which prenatal hormone exposure is atypical for a person’s sex, but there is increasing evidence from the normal population for the importance of prenatal hormones. In this paper, we briefly review the evidence, focusing attention on the methods used to study behavioral effects of prenatal hormones. We discuss the promises and pitfalls of various types of studies, including those using clinical populations (concentrating on those most commonly studied, congenital adrenal hyperplasia, androgen insensitivity syndrome, ablatio penis, and cloacal exstrophy), direct measures of hormones in the general population (assayed through umbilical cord blood, amniotic fluid, and maternal serum during pregnancy), and indirect measures of hormones in the general population (inferred from intrauterine position and biomarkers such as otoacoustic emissions, finger length ratios, and dermatoglyphic asymmetries). We conclude with suggestions for interpreting and conducting studies of the behavioral effects of prenatal hormones.

    Quelle: Prenatal sex hormone effects on child and adult sex-typed behavior: methods and findings
    http://psych.colorado.edu/~carey/pdffiles/cah_berenbaum01.pdf

    Schaffst du es, deine Annahmen, deine Definitonen, deine Theorien, damit abzugleichen?

    • Das Problem ist, daß du immer noch denkst, daß Biologismus etwas mit Biologie zu tun hat. Doch das ist grundfalsch.

      Tatsächlich hat etwas mit der Deutung biologischer Daten zu tun und dem Verständnis dieser Daten. Daher bist du immer der Meinung, daß wir Kritiker am Thema vorbeireden.

      Und dasselbe denken wir von dir.

      Ich kann dir das in einem post am Beispiel von Gerhard Roth vorführen. Vielleicht ist es dann einfacher für dich, zu verstehen, wie die Sache funktioniert.

      • Lieber wäre es mir, du würdest es mir an dem von mir eingebrachten Beispiel darstellen.

        • Kann ich auch machen.

          Im Moment habe ich folgende posts in der pipeline

          über Wirkungen
          über Determinismus
          über nicht-reduktiven Physikalismus
          über die Naturalisierung intentionaler Zustände
          über das analytische Paradigma der Philosophie des Geistes
          über kausale Identikation intentionaler Zustände
          über Alltagspsychologie

          Wenn ich das gemacht habe, ist das volle Spektrum der Argumente nicht nur für mich, sondern auch für alle anderen sichtbar.

          Dann kann man sehen, warum dieser ganze evolutionäre oder biologische Kram an der falschen Stelle werkelt.

          Und das ist keineswegs eine persönliche Sache zwischen uns, sondern es geht erstens darum die systematische Pointe des Humanismus als soziale Theorie zu entwickeln und zweitens dem Maskulismus ein völlig neuartige Verständnis von Geschlechterrollen zu geben, das seine Wirkung potenzieren müßte.

          Und der Biologismus verdeckt diese Sicht komplett.

          Wäre das alles nicht so, würde ich den Biologismus als unwichtig ignorieren. So aber muß der Biologismus weg. Denn er schadet sehr viel mehr als er nützt.

        • Ergänzung:

          Auch das was du als „Biologismus“ ansiehst kann eben nicht in reiner Theorie abgetan werden, wenn die Fakten, Studien und Forschungen gegen diese Theorien und für den „Biologismus“ sprechen.

          • *grins*

            Na ja … das ist genau das Problem: Man muß herausfinden, wofür die Fakten ein Anzeichen sind.

            Willfried Sellars hat über dieses Problem in seinem Aufsatz über Empirismus sehr ausführlich nachgedacht.

          • Lomi sagt:

            @Christian,

            Fakten, Studien und Forschungen stehen nicht für sich, sondern sie sind erst im Rahmen wissenschaftstheoretischer Annahmen eben solche. Es gibt auch keine theorie-unabhängige Beobachtung. Schon um das Verhältnis zwischen Beobachtungsgegenstand (z.B. das Verhalten eines Menschen) und der Fixierung der Beobachtung als Datum zu definieren, braucht man Theorie. Die hier von Elmar bemühten Debatten zum Thema „Was ist eine Erklärung“ sind kein abseitiges Hobby von Philosophen, sondern die Grundlagen, die in allen Wissenschaften wichtig sind. Die Beweiskraft einer Studie z.B. ergibt sich nicht daraus, dass Professor Miller aus Harvard sie gemacht hat. Sie ergibt sich daraus, dass Prof. Miller eine bestimmte Methode und ein definiertes Set an Begriffen und Sätzen nutzte, um zu konsistenten Aussagen zu gelangen.

            Das ist alles nicht selbstverständlich, sondern basiert immer auf Vorüberlegungen.

            Der von Elmar zitierte Hume z.B. hat den Kausalitätsbegriff skeptisch betrachtet, weil man zwar eine Zeitabfolge von Ereignissen beobachten kann, aber nicht das Bewirken selbst. Insofern ist Kausalität vor allem eine Annahme von Wirkung. Man darf dann schon mal fragen, unter welchen Umständen derartige Annahmen sinnvoll und informativ sind.

            Insbesondere in der Hirnforschung bzw. in der Psychologie steht man vor sehr interessanten erkenntnistheoretischen Problemen. Man beurteilt das Hirn mit dem selben Apparat, den man gerade untersucht. Kurzum: Das Hirn beforscht sich selbst. Wenn man hier einen Determinismus annimmt in dem Sinne, dass elektrochemische Prozesse immer bestimmte andere Hirnprozesse stimulieren, wie kann man dann sicher sein, dass das Forscherhirn zu unabhängigen Urteilen kommt, die sich der Determinierung entziehen?

            Das mag alles wie „reine Theorie“ klingen, aber wenn man mal wirklich konsequent fragt, wie verlässlich und irrtumsfest die einzelnen wissenschaftlichen Aussagen sind, wird man eben genau dort rauskommen: bei der Wissenschafts- bzw. Erkenntnistheorie.

            • „Insbesondere in der Hirnforschung bzw. in der Psychologie steht man vor sehr interessanten erkenntnistheoretischen Problemen. Man beurteilt das Hirn mit dem selben Apparat, den man gerade untersucht. Kurzum: Das Hirn beforscht sich selbst. Wenn man hier einen Determinismus annimmt in dem Sinne, dass elektrochemische Prozesse immer bestimmte andere Hirnprozesse stimulieren, wie kann man dann sicher sein, dass das Forscherhirn zu unabhängigen Urteilen kommt, die sich der Determinierung entziehen?“

              Ein typisches Philosophieproblem. Klar könne wir alle nur Schatten an der Wand sein oder unsere Wahrnehmung eingeschränkt sein.
              Aber Studien, die mittels bestimmter Experimente Fragestellungen überprüfen sind eben der einzige Weg, wie man Erkenntnisse bekommt, die über reine Gedankenspiele hinaus gehen.
              Gerade deswegen ist es ja so wichtig, dass man sich aus den reinen Gedankenspielen löst und überprüft

  3. […] hat einen Artikel über Prognosen und Erklärungen geschrieben, der irgendwie mal wieder darlegen soll, das biologische Theorien falsch, Biologismus, […]

  4. […] Position ist. Das zu glauben, ist gewissermaßen der biologistische Sündenfall, der durch elementare Kenntnisse in der Wissenschaftstheorie hätte verhindert werden können. Denn da der Naturalismus Recht hat mit der Annahme, daß nur […]

  5. […] können und – wie hier im Supervenienzabsschnitt dargelegt – das tun, indem wir durch Erklärungen erfolgreich Handlungsgründe beibringen, dann stellt sich heraus, daß wir dabei zusätzlich noch […]

  6. […] hatten in diesem post bereits erkannt, daß der Kausalbegriff im Grunde vortheoretisch ist, i.e. wir haben aus unserer Alltagserfahrung […]

  7. […] Realismus und schrumpft zu einer Vorhersage unbestimmter Wahrscheinlichkeit zusammen, weil – Voraussagen sind keine Erklärungen. Nimmt der Realismus und damit die Voraussagesicherheit aber zu, so nimmt auch der Grad an […]

  8. […] Realismus und schrumpft zu einer Vorhersage unbestimmter Wahrscheinlichkeit zusammen, weil – Voraussagen sind keine Erklärungen. Nimmt der Realismus und damit die Voraussagesicherheit aber zu, so nimmt auch der Grad an […]

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