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Kann eine Naturalisierung des Geistes reduktionistisch sein?

Reduktionistische Theorien des Geistes sind in der Popkultur und damit im Biologismus weit verbretet. Ihre Attraktivität rührt daher, daß sie ihren Anhängern versprechen, sich mit einem großen Teil des sozialen Lebens nicht beschäftigen zu müssen und die Notwendigkeit sozialer Kompetenzen weitgehend ignorieren zu können. In der Realität aber schlugen bisher alle Reduktionsversuche fehl: Wenn man überhaupt zugibt, daß es mentale Zustände gibt, dann kann die damit verknüpfte Redeweise nicht ersetzt werden durch eine Redeweise über Physisches. Zwar ist es widerspruchsfrei, die Existenz mentaler Zustände überhaupt zu leugnen, doch zu den Kosten eines eliminativen Materialismus gehört der komplette Verlust des moralischen Diskurses und damit des Humanismus – ein Preis, der eindeutig zu hoch ist.

Übersicht:


quality : good

tl;dr:

Im letzten post über die Ontologie des analytischen Humanismus war gezeigt worden, daß analytischer Humanismus nur dann eine konsistente Position ist, wenn man einen nicht-reduktiven Physikalismus verteidigen kann. Zweitens war gezeigt worden, daß einen Reduktivismus abzulehnen, es dennoch erlaubt, eine empirische Position bzgl. des mind-body-problem einzunehmen. Die beste Argumentation für eine nicht-reduktive Position besteht natürlich darin, daß die beste Konsequenz, die man aus dem Scheitern reduktiver Theorien ziehen kann, darin besteht, eine nicht-reduktive Position einzunehmen. Genau dieses Argument wird in diesem post geliefert: Denn reduktive Theorien des Geistes können nicht mal annähernd modellieren, welche mentalen Phänomene in unserer Erfahrung vorkommen. Aus diesem Grund werden sie seit den 1990igern kaum noch vertreten. Keine Naturalisierung des Geistes kann vernünftigerweise reduktionistisch sein.

I. Reduktionistische Theorien des Geistes

Reduktionistische Positionen in der Philosophie des Geistes sind konsequent nominalistische Positionen und führen mentale Zustände und Eigenschaften auf physische Zustände und Eigenschaften zurück, weil sie das Prinzip der kausalen Geschlossenheit der physikalischen Welt akzeptieren. Die zentrale Idee ist, daß mentale Eigenschaften genau dann auf physische Eigenschaften zurückführbar sind, wenn sie mit physischen Eigenschaften in einem noch zu erklärenden Sinne identisch sind – was bedeuten würde, daß das ganze mind-body-Problem im Grunde ein Scheinproblem ist. Was die dabei verwendete Vorstellung von „Identität“ angeht, gibt es folgende Varianten:

1) Semantischer Physikalismus (Carnap 1947, Ryle 1949)

a) Thesen: Jeder psychologische Satz kann in einen Satz der physikalischen Sprache synonym übersetzt werden und  jedes mentale Prädkat läßt sich mit Hilfe von Ausdrücken der physikalischen Sprache definieren. Mentale Ausdrücke bezeichnen Dispositionen und mentale Erklärungen sind entsprechend keine kausalen, sondern dispositionelle Erklärungen. Der Vorteil ist, daß hiernach das Problem der kausalen Wirksamkeit mentaler Erignisse wie Entschlüsse auf den Körper gar nicht mehr auftritt und die kausale Geschlossenheit der physikalischen Welt nicht in Frage gestellt wird. Man spricht auch vom Problem der mentalen Verursachung.

b) Probleme: Erstens gibt es für mentale Ausdrücke wie z.B. „wollen“ nur äußerst selten notwendige, sondern i.d.R. nur hinreichende Bedingungen ihres Zutreffens, was keine eindeutige Definition in physikalischer Sprache zuläßt bzw. dazu führt, daß man für Definitionsvorschläge fast immer Gegenbeispiele finden kann. Zweitens ist es bisher noch nicht gelungen, irgendein mentales Prädikat zu definieren und dabei auf jedes weitere mentale Prädikat zu verzichten. Drittens bildet die physikalische Sprache weder den Erlebnischarakter (Qualia) von Empfindungen ab, noch die Tatsache, daß mentale Episoden privater Natur sind und nicht mit anderen Menschen geteilt werden können. Und viertens sind mentale Eigenschaften keine Dispositionen.

  • (1) Die generelle Konsequenz aus dem Scheitern des semantischen Physikalismus besteht darin, nicht nur mentale Eigenschaften, sondern auch mentale Zustände im Physikalismus zu betrachten.

2) Identitätstheorie (Place 1956, Smart 1959, Armstrong 1968)

a) Thesen: Jedes mentale Prädikat drückt de facto eine physische Eigenschaft aus, für die es auch einen Ausdruck in der physikalischen Sprache gibt, d.h. beide Ausdrücke bezeichnen dieselbe Eigenschaft, obwohl die sprachliche Bedeutung der Ausdrücke verschieden ist. Auch hier tritt das Problem der mentalen Verursachung gar nicht erst auf, weil Mentales hier selbst Physisches ist.

b) Probleme: Erstens bereitet es notorische Schwierigkeiten, festzustellen, wann zwei Eigenschaften identisch sind (Nagel 1961, Hooker 1981, Achinstein 1974). Zweitens haben Papineau 1998 und Block & Stalnaker 1999 – unbeschadet der Tatsache, daß Identität eine Äquivalenzrelation ist – bestritten, das man überhaupt informative Kriterien für eine empirisch vorliegende Eigenschaftsidentität angeben kann, weil man dabei immer auf einen kontext-adaptiven Schluß auf die beste Erklärung angewiesen ist. Zweitens gibt es eine jede Identitätstheorie unterminierende Multirealisierbarkeit mentaler Zustände (Kripke 1971, Kripke 1980) wie folgt: Daß ein Gehirnzustand Z einem mentalen Zustand M entspricht, ist nur eine kontingente Tatsache, denn unter anderen Umständen könnte ein anderes Z‘ dasselbe M, dasselbe Z ein anderes M‘ zur Folge haben. Das reicht aus, um die Identität von Z und M zu besteiten, weil die betreffenden Eigenschaftsidentitätsaussagen zwischen all denjenigen Ausdrücken, die die physischen Eigenschaften bezeichnen und denjenigen mentalen Ausdrücken, mit denen wir einen qualitativen Erlebnischarakter (Qualia) verbinden, in allen möglichen Welten wahr i.e. notwendig wahr sein müssen. Das liegt daran, daß Qualia wesentlich durch die Art und Weise charakterisiert sind, wie es ist, sie zu erleben und daher müssen ihre Bezeichner starr, i.e. in allen möglichen Welten genau dasselbe bezeichnen. Drittens haben PET-Untersuchungen empirisch gezeigt, daß bereits zwei Personen denselben mentalen Zustand zwar zerebral ähnlich, aber nicht identisch realisieren, was seinen Grund darin hat, daß die meisten – aber nicht alle – mentalen Zustände über einer lokalen Nachbarschaft der Hirnhemisphäre realisiert sind.

  • (2) Das Argument der Multirealisierbarkeit zeigt im Grunde, daß es Gesetze gibt, die sich nicht in physikalischer Sprache formulieren lassen: Was sich gleich verhält, muß keine physischen Gemeinsamkeiten haben. Damit wird im Grunde direkt der Biologismus widerlegt: Evolutonäre Strukturen des Gehirns sind nicht in den intentionalen Zuständen wiedererkennbar.

3) Funktionalismus (Putnam 1960, Putnam 1967)

a) Thesen: Mentale Zustände sind ontologisch neutrale, funktionale Zustände F, die allein durch ihre kausale Rolle charakterisiert werden. Diese besteht zum Einen darin, Ereignisse außerhalb des Geistes als Ursachen mit anderen Ereignissen außerhalb des Geistes als Wirkungen zu verknüpfen und zum Anderen in den Wechselwirkungen mit anderen mentalen Zuständen. Die funktionalen Zustände F werden durch diejenigen physischen (oder materiellen) Zustände P realisiert, deren kausale Rolle durch die funktionalen Zustände F charakterisiert wird (Lewis 1972), d.h. dieselben mentalen Zustände F können auf unterschiedliche Weise zerebral realisiert sein. Damit weicht der Funktionalismus dem Problem der Multirealisierbarkeit aus. Häufig werden die funktionalen Rollen mentaler Zustände durch die Alltagspsychologie (z.B. Brandt & Kim 1963), aber auch durch die wissenschaftliche Psychologie geliefert.

b) Probleme: Die ersten beiden Probleme (Block 1978, Block & Fodor 1972) sind das der inverted qualia und der absent qualia. Beansprucht wird dabei, daß sich zumindest der Erlebnischarakter mentaler Zustände nicht auf die kausale Rolle der materiellen Zustände zurückführen lassen, so daß mentale Zustände nicht einfach funktionale Zustände sein können. Denn für die kausale Rolle einer Empfindung spielt es klarerweise keine Rolle, wie es sich anfühlt, einen mentalen Zustand zu haben, der Erlebnischarakter könnte auch wegfallen, ohne daß sich etwas ändern würde. Doch Qualia beeinflussen die kausale Rolle z.B. wenn etwas duftet oder stinkt. Außerdem macht die Privatheit der Qualia, die Vertauschungsannahme mehr als unrealistisch: Denn wenn man seine Qualia nicht teilen und dennoch annimmt, daß sich das Verhalten der Person mit vertauschen Qualia in nichts von normalem Verhalten unterscheidet, woher soll der Addressat der Vertauschung oder irgendjemand sonst wissen können, daß eine Vertauschung vorliegt? Sehr viel ernster ist hingegen die Frage, was denn die inputs und outputs derjenigen materiellen Zustände sind, welche die mentale Zustände charakterisiernde kausale Rolle festlegen: Im Prinzip gibt es hier drei Optionen – und in jedem Fall bringt man sich in Teufels Küche (Schiffer 1986):

  • Option 1 – interne, elektrochemischen Signale der Wahrnehmungsorgane an das Gehirn: Wenn mentale Zustände M, verstanden als funktionale Zustände F, auf diese Weise verursache werden, dann folgt, erstens daß das Gehirn, nicht aber die Person mentale Zustände haben – was reichlich kontraintuitiv ist, denn Personen denken mit Hilfe ihres Gehirn nach, aber es ist nicht das Gehirn, daß denkt. Im Gehirn selbst laufen nur biochemische und elektrochemische Prozesse ab. Insbesondere fühlt nur eine Person Schmerzen, beim Gehirn feuern die C-Fasern. Die zweite Konsequenz dieser Option besteht darin, daß nur Lebewesen unserer Physiologie mentale Zustände haben können. Schon eine andere Funktionsweise von Sinneorganen würde zum Verlust der mentalen Zustände führen (Speziesismus). Drittens ignoriert diese Option die Quelle und die Folge dieser Signale. Ein Signal, daß z.B. zum Ausstrecken der Hand führt, würde auf dasselbe M schließen lassen, wie eines, daß zum Zurückziehen der Hand führt – was die Idee des Funktionalismus ad absurdum führt. Und viertens führt diese Option dazu, daß Menschen mit eingeschränkten Wahrnehmungsorganen nicht etwa andere, sondern gar keine mentalen Zustände haben.
  • Option 2 – externen physikalische Sinnesreizungen der Wahrnehmungsorgane: Das Problem des Speziesismus stellt sich hier erneut und es ist deshalb ein schlagendes Argument, weil wir empirisch nachweisen können, daß viele Tiere, die Flügeln oder Flossen haben, in der Lage sind, sich selbst im Spiegel zu erkennen und wir ihnen deshalb mentale Zustände zuschreiben müssen.
  • Option 3 – Veränderungen der Umweltsituationen: In diesem Fall werden die mentale Zustände charakterisierenden kausalen Rollen durch eine Liste von Verhaltensgesetzengesetzen ausgedrückt. Nehmen wir weiter an, wie verdichten diese empirisch gefundenen Verhaltensgesetze zu einer Theorie T. Dann gibt es zu jeder Gruppe funktionaler Zustände eine sie erklärende Theorie T. Unter Option 3 kann der Funktionalismus nur dann recht haben, wenn es zu jeder Gruppe genau ein T gibt und jedes T muß Gesetze haben, die inputs mit mentalen Zuständen verbinden, Gesetze, die mentale Zustände mit mentalen Zuständen verbinden und Gesetze, die mentale Zustände mit outputs verbinden. Dabei tauchen leider inakzeptable Probleme auf:
    • Diese Gesetze müßten frei von Gegenbeispielen sein – was de facto nie gelingt.
    • Es ist einerseits kaum möglich anzugeben, welche Gesetze zu einem vorgegebenen T und welche zu einem anderen T‘ gehören – was für die Erklärung der mentalen Zustände aber wesentlich ist. Andererseits ist es aber auch kaum möglich, anzugeben, wann ein T vollständig oder unvollständig ist z.B. im Hinblick auf logische Korrektheits- oder Rationalitätsstandards.
    • Nur dasjenige Lebewesen, daß T erfüllt, kann mentale Zustände haben. Also: die T zugeordnete Teilmenge mentaler Zustände entsteht immer auf dieselbe Weise. Nun kann es sich der Funktionalismus mit Option 3 aussuchen: Entweder T gilt für alle Lebewesen. Dann gibt es für alle Lebewesen dieselbe psychologische Theorie. Oder T gilt nicht für alle Lebewesen. Dann kann der Funktionalismus mit Option 3 nicht mehr psychisch kranke von psychisch gesunden Lebewesen unterscheiden. Insbesondere kommen Psychologen auf andere Weise zu Meinungen als psychologische Laien, ohne daß das einen von ihnen geisteskrank macht. Und dazulernen können Lebewesen angesicht unveränderter mentaler Zustände auch nicht mehr. Denn weil sie sich dann anders verhalten, verlieren sie ja dem Funktionalismus zufolge gleich alle Zustände. Das Gleiche gilt für Blinde, Schüchterne und Betrunkene und von Launen Gepeinigte: Für jede T gibt es mindestens ein Lebewesen, daß T nicht erfüllt.

Weitere offensichtliche Schwachstellen des Funktionalismus sind:

  • i) Mit Ausnahme von Wahrnehmungsüberzeugungen können wir für gewöhnliche Überzeugungen als Beispiel intentionaler Zustände weder Standardursachen noch Standardwirkungen unter den propositionalen Einstellungen oder äußeren Stimuli angeben, wenn man berücksichtigt, daß i.d.R. mehrere Überzeugungen zusammen zu verschiedenen späteren Überzeugungen führen.
  • ii) Einige kausale Beziehungen sind für die Identität von Überzeugungen überhaupt nicht relevant. So kann z.B. ein Farbenblinder, der einer vertrauenswürdigen Person ihre Aussage: „Man sollte nur bei grünem Licht über die Ampel gehen.“ glaubt, genau dieselbe Überzeugung haben, wie ein normalsichtiger Verkehrsteilnehmer. Selbst wenn es daher eine Standardursache gebt, so muß dies keine Konsequenzen für die Individuierung z.B. einer Überzeugung haben.
  • iii) Wenn Überzeugungen durch ihre kausalen Beziehungen individuiert werden, dann hängt die Individuierung jeder einzelnen propositionalen Einstellung ab von der Individuierung seiner kausalen Relata. Nun mag noch vorstellbar sein, wie dieses Problem in einer konkreten Handlungssituation gelöst werden könnte, für den abstrakten Gedanken „Wäre ich im Märchenland, dann würden die Kühe einfach auf dem Kopf stehen und Witze erzählen.“ erscheint mir das jedoch ziemlich aussichtslos. Dies wird umso schwieriger,als eine kausale Wechselwirkung nicht unbedingt eine zeitlich unmittelbare Nachfolge impliziert.

Der Funktionalismus hat eine große Anzahl an Varianten hervorgebracht. Wer sich einen Überblick verschaffen will, kann das tun in Braddon-Mitchell & Jackson 1996.

  • (3) Das Scheitern des Funktionalismus, die Tatsache, daß nicht in allen Lebewesen ein bestimmter mentaler Zustand immer dieselbe kausale Rolle spielt, weil der der menschliche Geist und menschliches Verhalten ist viel zu unregelmäßig dafür, muß für jeden vernünftigen Physikalismus eine Warnung sein.

4) Anomaler Monismus (Davidson 1970, Davidson 1973, Davidson 1974)

a) Thesen: Angesichts dieser Probleme hatte Davidson die Idee, daß Physikalismus nichts daüber aussagen muß, wie sich mentale und physischen Eigenschaften verhalten: Es gibt keine strikten psychologischen oder psychophysischen Gesetze (Anomalität), die mentale Ereignisse als mentale Ereignistypen mit physischen Ereignistypen verbindet. Damit umgeht der anomale Monismus die problematische Idee des Funktionalismus, mentale Zustände als Zustandstypen anzusehen und bei Lebewesen dadurch übertrieben gleichförmig und daher falsch vorherzusagen.

Zweitens ist jedes einzelne, mentale Ereignistoken mit einem physischen Ereignistoken identisch (token-Identitätsthese). Handlungen und intentionales Verhalten sind ebenfalls physische Ereignisse und Ereignisse sind unwiederholbare, datierbare Einzeldinge. Die Identität von Ereignistoken setzt nicht die Identität von Ereignistypen oder die Identität von Eigenschaften voraus. Mentale Ereignistoken sind als physisch Beschriebenes weiterhin mit anderen, physischen Ereignistoken durch physikalische Gesetze kausal verbunden. Wenn mentale Ereignistoken eine physische Beschreibung haben, dann gelten sie physische Ereignistoken (Monismusthese).

Kausalität ist nach Davidson auf ein striktes deterministisches Gesetz zurückzuführen und die einzigen strikten deterministischen Gesetze sind die der Physik. Ein Gesetz heißt strikt, wenn es ausnahmslos und unter allen Bedingungen gilt – ceteris paribus-Klauseln werden dadurch ausgeschlossen. Der anomale Monismus läßt psycho-physische Gesetze durchaus zu, aber sie sind erstens nicht strikt und zweiten heteronom, d.h. nur hinreichend präzisierbar durch in einem Vokabular formulierten Bedingungen, daß nicht benutzt wurde, um das Gesetz selbst zu formulieren wie etwa Prinzipien der Rationalität z.B. „Wir können einer Person in der Regel nicht beliebig falsche Überzeugungen zuschreiben.“, die konstitutiv sind über das Zuschreiben mentaler Zustände überhaupt.

b) Probleme: Daß Kausalität nur durch strikte deterministische Gesetze realisiert wird, wird durch Phänomene mit nicht-linearer Dynamik und emergente Phänomene, die ihrerseits nur einer stochastischen Dynamik folgen widerlegt. Zweitens kann der anomale Monismus eigentlich doch nicht der Frage ausweichen,  wie das Verhältnis von mentalen und physischen Eigenschaften ist (McLaughlin in Audi 1995). Denn es muß ja eine Erklärung dafür geben, daß einige physische Ereignistoken ganz bestimmte mentale Ereignistoken sind, andere aber nicht und dies allein begründeten einen Ereignistyp. Also fallen manche physische Einzelereignisse doch unter mentale Ereignistypen. Und diese Erklärung bleibt der anomale Monismus schuldig (Kim 1996). Und abgesehen davon sind Handlungen überhaupt gar keine Ereignisse.

  • (4) Die generelle Konsequenz aus dem Scheitern des anomalen Monismus besteht darin, nicht nur mentale Zustände, sondern auch mentale Eigenschaften im Physikalismus zu betrachten.

5) Eliminativer Materialismus (Quine 1952, Feyerabend 1963, Rorty 1970, Churchland 1981)

a) Thesen: Die Existenz des Mentalen wird abgestritten, das Problem der Reduktion von Mentalem auf Physisches ist ein Scheinproblem: Wir glauben nur an die Existenz des Mentalen, weil es in unserer Alltagspsychologie eine große Rolle spielt. Doch die Alltagspsychologie ist eine falsche Theorie, die zu einer Unzahl psychischer und neurologischer Phänomene nichts Informative sagen kann. Sie wird in absehbarer Zeit durch eine bessere, neurowissenschaftliche Theorie ersetzt werden. Denn mentale Zustände gibt es genauso wenig, wie es Dämonen oder Phlogiston je gegeben hat.

b) Probleme: Der eliminative Materialismus beruht auf einem Mißverständnis darüber, was Alltagspsychologie ist (Horgan & Woodward 1985).  Sie ist keine empirische Theorie über die Funktionsweise des Gehirns oder der Psyche, sondern sie erlaubt es uns, Aussagen über Personen zu formulieren, indem wir ihr Handeln aus Gründen erklären (Dennett 1975, Baker 1995). Da dabei auch Rationalitätsstandards eine Rolle spielen, hat die Alltagspsychologie auch eine normative Seite. Auch unsere die moralische Praxis des Lobens und Tadelns würde mit der Alltagspsychologie verschwinden und niemand wäre mehr an irgendetwas interessiert oder würde aufgrund von Überlegungen handeln oder zögern. Auch Psychologie und Sozial- und Wirtschaftswissenschaften dürften in Mitleidenschaft gezogen werden, da einerseits die Rede von einer Präferenzenstruktur sinnlos werden würde und sich andererseits der Unterschied zwischen Handlungen und und bloßen Reflexbewegungen nur unter Benutzung intentionaler Zustände dingfest machen läßt (Baker 1987). Und nichts von diesem schweren Verlusten kann uns der eliminative Materialismus auf irgendeine Weise wiedergeben.

  • (5) Das Versagen des eliminativen Materialismus ist ein Hinweis darauf, daß ein akzeptabler Physikalismus bzgl. mentalen Eigenschaften und mentalen Zuständen nicht-reduktiv sein sollte.

Die wesentliche Konsequenz an dieser Stelle besteht darin, daß alle streng nominalistischen Positionen zum mind-body-problem damit im Grunde erledigt sind.

II. Asymmetrische Abhängigkeit statt Reduktion

Keine konsequent nominalistische Position hatte bisher eine Chance, das mind-body-probem aufzuklären:

  • Erstens kann man empirische Bedingungen angeben, die Personen zu einer Sorte von Gegenständen macht, die geau dann existieren, wenn wir zugeben, daß wir von mentalen Zuständen wissen können. Reduktive Theorien können das nicht erklären.
  • Zweitens konnte keine reduktive Theorie, die in den letzten 100 Jahren vorgebracht wurde, überzeugen: Entweder wird die asymmetrische Abhängigkeit des Mentalen vom Physischen falsch modelliert oder es kann nicht erklärt werden, wie diejenigen mentalen Phänomen zustande kommen, die wir in der Praxis tatsächlich vorfinden.

Angesichts dessen ist die humanistische Option, die Intuition in Personen als Bestandteil der humanistischen Ontologie zu retten, die, darzulegen, wie mentale Zustände stattdessen physisch realisiert sind. Solche Realisierbarkeitstheorien erklären, wie mentale Zustände auf physikalisch akzeptable Weise zu ihrem Inhalt kommen – was zwar eine empirische Position ist, bei den Merkmalen der mentalen Zustände

  • Intentionalität, i.e. auf etwas bezogen zu sein
  • und phänomenaler Charakter, i.e. erlebt zu werden

aber alles andere als auf der Hand liegt.

  • (6) Denn nicht alle mentalen Zustände sind intentional: Weder sind Zahnschmerzen, noch Stimmungen wie Nervosität auf etwas bezogen. Hingegen gibt es immer etwas, daß erhofft, gewünscht, geglaubt, befürchtet oder verachtet wird. Daher ist es am natürlichsten, die Inhalte solcher Zustände durch daß-Sätze auszudrücken: daß-Sätze bezeichnen Propositionen, Inhalte von Sätzen. Mit anderen Worten: Intentionale Zustände sind auf wahrheitsfähige Propositionen gerichtet und sie haben daher Wahrheitsbedingungen z.B. im Fall im Fall von Überzeugungen bzw. Erfüllungsbedingungen z.B. im Fall von Wünschen.

Realisierbarkeit läßt sich vielleicht am ehesten verstehen, denn man durchschaut, wie mentale von zerebralen Zuständen abhängen. Die neue Idee (Kim 1993) an dieser Stelle lautet, daß – ohne irgendwelchen ontologischen Ansprüchen nachzugeben – nur die Art der Abhängigkeit mentaler von physischen Eigenschaften zu spezifizieren.Dabei wird ebenfalls nicht versucht, die Natur dieser Abhängigkeit dazulegen, so daß man sagen kann, daß hier von der Identitätstheorie und vom anomalen Monismus gelernt wurde:

  • Mentale Eigenschaften sind genau dann auf physische zurückführbar, wenn sie über den physischen Eigenschaften supervenieren.

6) Die Supervenienzrelation kommt ganz offensichtlich in verschiedenen Geschmacksrichtungen vor:

  • a) Schwache Supervenienz: Für alle Wesen A und B gilt in der wirklichen Welt, daß, wenn A und B dieselben physischen Eigenschaften haben, dann haben sie auch dieselben mentalen Eigenschaften.
    • Problem daran: Schwache Supervenienz ist damit vereinbar, daß es eine mögliche Welt gibt, in der zwei Menschen dieselben physischen Eigenschaften haben, aber nur einer von ihnen überhaupt mentale Zustände hat sowie in der Bäume oder Steine Schmerzen fühlen. In dem Fall würde man aber kaum sagen, daß schwache Supervenienz ausdrückt, wie unsere mentalen Zuständen von physischen abhängen. (Kim 1984)
  • b) Starke Supervenienz: Für alle Wesen A und B gilt in allen möglichen Welten w1 und w2, daß, wenn A in w1 dieselben physischen Eigenschaften hat wie B in w2, dann hat A in w1  auch dieselben mentalen Eigenschaften wie B in w2.
    • Problem daran: Physikalisten wollen eine asymmetrische Abhängigkeitsbeziehung des Mentalen vom Physischen – höchstens das ist Physikalismus. Doch starke Supervenienz schließt nicht aus, daß auch das Phyische über dem Mentalen superveniert. (Grimes 1988)
  • c) Globale Supervenienz: Für alle möglichen Welten w1 und w2 gilt, daß, wenn in w1 die physischen Eigenschaften genauso verteilt sind wie in w2, dann sind auch alle mentalen Eigenschafen in w1  genauso verteilt wir in w2.
    • Problem daran: Globale Supervenienz versucht den Fall zu berücksichtgen, daß die Entwicklungsgeschichte einer Person für die mentalen Zustände, die sie realisiert, eine Rolle spielt, so daß physisch gleiche Personen dennoch unterschiedliche mentale Zustände haben können: Zwar liegen alle mentalen Eigenschaften fest, wenn alle physischen festliegen, aber es gibt keine eindeutige Zuordnung, so daß sich physische Zwillinge mental unterscheiden können. Dann jedoch geht der globalen Supervenienz der Charakter der physikalistischen Abhängigkeitsbeziehung verloren: Jede kleinste phsysikalische Abweichung einer möglichen Welt von unserer kann dazu führen, daß sich in mentaler Hinsicht die mögliche von unserer Welt in beliebig radikaler Weise unterscheidet (Kim 1987).
  • d) Metaphysische Supervenienz:
    • Für alle Wesen A und B und alle möglichen Welten w1 und w2 gilt: Wenn A in w1 dieselben physischen Eigenschaften besitzt wie B in w2, dann hat A in w1 auch dieselben mentalen Eigenschaften wie wie B in w2.

Metaphysische Supervenienz bedeutet, daß die Inhalte geistiger Zustände, die im Sinne von  (9) einen Inhalt haben, nur vom internen, physiologischen Aufbau der Subjekte abhängen, die diese Zustände haben, so daß zwei Subjekte, die sich in allen inneren Merkmalen gleichen, die gleichen geistigen Zustände aufweisen müssen. Das Unangenehme daran ist, daß die nunmehr einzig verbliebene Option der metaphysischen Supervenienz ebenfalls zu unlösbaren Schwierigkeiten führt:

  • Die nachfolgende Argumentation gilt für alle intentionalen Zustände und nicht nur für propositionale Einstellungen, sondern auch für Gedanken, falls man Gedanken als geistige Zustände und nicht als Denkepisoden auffaßt: Denn nan kann z.B. auch dann der Meinung sein, daß die Erde einen Mond hat, wenn man nicht gerade daran denkt und dies in stummen Worten vor sich hinspricht.

Desweiteren benutzen wir das von Strawson gelieferte Motiv für nicht-reduktive Theorien aus dem letzten post. Dort wurde die Annahme zurückgewiesen, Personen wären bloße Verbindungen von Körper und Geist. Stattdessen sind Personen solche Entitäten, denen immer auch und von vornherein körperliche Eigenschaften zukommen. Und da Tote sicher keine mentalen Zustände aufweisen, können wir Strawson Motiv auch so paraphrasieren:

  • (7) Nur solche mentalen Zustände, die sinnvoll in Handlungserklärungen vorkommen können, sind intentionale Zustände.

Damit haben wir alles zusammen, was wir für den Nachweis der These benötigen, daß intentionale Zustände nicht auf zerebralen Zuständen supervenieren können.

Betrachten wir dafür eine Person A in einer Welt ω0, der in einem bestimmten geistigen Zustand Φ mit dem Merkmal F sei. A habe für alle Zeitpunkte in jeder von n kontrafaktischen, möglichen Welten je einen physiologischen Doppelgänger Ai, der nach der Definition der metaphysischen Supervenienz für einen beliebig gewählten Zeitpunkt mit A0 mental identisch sein muß. Weiter gebe es für jeden Doppelgänger Ai von A0 in ωi genau einen Begleiter Bk in jeder möglichen Welt ωk, von dem wir sagen können, daß er nach Meinung der Experten in der jeweiligen Welt ωk und den dort gültigen Erklärungsmaßstäben mit Ai für einen beliebigen aber festen Zeitpunkt sich im selben geistigen Zustand Φ befindet. Infolge der metaphysischen Supervenienz müssen Ai und Bk dafür keine physiologischen Doppelgänger voneinander sein. Außerdem ist natürlich jeder Bk damit im selben geistigen Zustand Φ mit dem Merkmal F wie A0. Wenn das alles so ist, dann gilt:

  • (8) Da die physiologischen Doppelgänger Ai von A0 auch je untereinander Doppelgänger sind, folgt, daß sich auch alle ihre Begleiter Bk, die sich ja in verschiedenen Welten befinden und keine physiologischen Doppelgänger je voneinander sind, im Zustand Φ befinden müssen, obwohl vielleicht in zwei völlig verschiedenen Welten derselbe Zustand Φ mit völlig anderen Gründen und Methoden nachgewiesen wird. Daher ist es nicht ausgeschlossen, daß zwei Welten ωi und ωk so beschaffen sind, daß das komplette Verhalten von Bi in ωi von ωk aus gesehen sehr wohl verständlich und sinnvoll ist, aber in ωk den klassischen Beleg für einen mit Φ absolut unverträglichen Zustand Ψ darstellt. Das aber ist ein Widerspruch zur Supervenienz des Mentalen.

Es gibt eine ganze Reihe Argumente dieses Typs z.B. in: Martin Kurthen, Neurosemantik (1992), die viel Spaß damit haben, die Supervenienztheorie in logische Fallen zu locken. Für diesen Artikel aber mag (8) genügen, um einzusehen, daß der Versuch, sich aus allen ontologischen Kompromissen herauszuhalten, im mind-body-Problem überhaupt keinen Fortschritt erlaubt.

III. Was passiert, wenn man den Nominalismus aufgibt?

Das Einzige, was man in dieser Situation tun kann, ist, den konsequenten Nominalismus als skeptische Reaktion auf metaphysische Maßlosigkeit aufzugeben und die Ontologie anzureichern: Wenn man überhaupt zugibt, daß es mentale Phänomene bei Personen gibt, dann muß man ein wenig Realismus – verstanden im ontologischen Sinne – in Kauf nehmen.

Damit geht man zu einem nicht-reduktiven Physikalismus über, der trotz dieser Erweiterung seiner Ontologie deshalb mit einem gesunden Empirismus vereinbar ist, weil er in seiner akzeptabeln Version das Verständnis der Alltagspsychologie von „seltsame Beschreibung neurologischer Tatsachen“ nach „empirisch-normative Theorie über die Charakterisierung von Personen“ shiftet und seinen Realismus daher aus der Position des wissenschaftlichen Realismus ableitet kann.

  • Wissenschaftlicher Realismus besagt, daß die von einer wissenschaftlichen Theorie postulierten, aber nicht sinnlich wahrnehmbaren Entitäten wie z.B. Photonen oder Quarks, unabhängig von dieser Theorie existieren. So existiert z.B. das Gravitationszentrum des Schwerefeldes der Erde, insofern wir die allgemeine Relativitätstheorie für richtig halten.

Und nach der Theorie der Alltagspsychologie existieren nicht nur Personen zu ihren Körpern, sondern wir erschließen ihre Existenz wegen des wissenschaftlichen Realismus allein aus den Eigenschaften dieser Personen und damit aus unserem Wissen über intentionalen Zuständen von dem wir zum ersten Mal bei Strawson gehört haben.

Da ich weiß, daß letzteres ein enormer Schock für die deutsche manosphäre ist, die überwiegend einer hausbackenen Kombination von Biologismus und Reduktionismus anhängt, bereite ich die Einführung des ersten, ernstzunehmenden, nicht-reduktiven Physikalismus durch Daniel Dennett vor 25 Jahren vor, indem ich mich mit dem neuronalen Determinismus beschäftige. Denn wenn auch Biologisten nur selten einen neuronalen Determinismus explizit vertreten, sind die begrifflichen Probleme und die konzeptionellen Mißverständnisse für beide Ideologien in gleicher Weise desaströs.

Und angesichts dieser Probleme ist der nicht-reduktive Physikalismus mehr als überzeugend.


9 Kommentare

  1. […] diesen Ebenen besteht die bereits aus der Diskusssion um die Identitätstheorie bekannte Relation der Multirealisierbarkeit. Gelöst werden soll bei Fodor nur das Problem der zweiten Ebene, d.h. wie die […]

  2. […] Kenner der Materie haben natürlich längst erkannt, daß der Computerbiologismus hier den logischen Behaviorismus benutzen könnte, um nachzuholen, was er hier versäumt hat. Eine etwas allgemeinere Auseinandersetzung mit dem semantischen Physikalismus als reduktionistische Theorie liegt übrigens hier bereits vor. […]

  3. […] fragen, wie wir Wissen von den intentionalen Zuständen von A erlangen können und – wie hier im Supervenienzabsschnitt dargelegt – das tun, indem wir durch Erklärungen erfolgreich Handlungsgründe beibringen, dann stellt […]

  4. […] Zustände keine Dispositionen sind und Fodors Konzept mentaler Repräsentationen sowie der Reduktionismus in der Philosophie des Geistes ergebnislos geblieben ist, dann müssen sich zwangsläufig alle Augen auf Dennetts schwachen, intentionalen Realismus […]

  5. […] Der methodologische Individualismus bei intentionalen Zuständen ist falsch: Weder supervenieren sie auf zerebralen Zuständen, noch sind sie eine Funktion psychischer Zustände oder in allen Fällen gar unabhängig von […]

  6. […] pure intentional system theory (IST): Ihr Inventar sind die hier schon mehrfach (1, 2, 3, 4, 5, 6, 7) thematisierten intentionalen Zustände, die allein mit Hilfe der […]

  7. […] pure intentional system theory (IST): Ihr Inventar sind die hier schon mehrfach [1, 2, 3, 4, 5, 6, 7] thematisierten intentionalen Zustände, die allein mit Hilfe der […]

  8. […] Kultur einer Nation gerne auf die Gehirne ihrer Nationalbürger herunter. Dieser Ansatz hat schon an anderer Stelle seine Inkompetenz unter Beweis stellen dürfen. Doch Reduktionismus hat noch eine andere Seite. Er bringt den Vorteil […]

  9. […] Wer einen neuronalen Determinismus oder auch nur einen Reduktionismus der mentalen Zustände im Hinblick auf zerebrale Zustände ablehnt, der benötigt einen […]

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