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Was ist Feminismus?

Ich wundere mich schon länger darüber, daß um das Mein-Feminismius-Problem so viel Aufhebens gemacht wird. Das Mein-Feminismus-Problem ergibt sich wie folgt: “Mein Feminismus ist anders, hör auf DEN Feminismus zu kritisieren, den einen Feminismus gibt es ohnehin nicht.”. Manche Männerbewegte halten den Mein-Feminismus-Standpunkt sogar für eine eigene, Hedwig Dohm folgende, feministische Position, die besonders untheoretisch sei. Meiner Ansicht nach sind diese Sichtweisen aber irreführend und das Das Mein-Feminismus-Problem steht jeder adäquaten Feminismusdefinition nur scheinbar im Weg. Die in diesem Artikel vorgeschlagene Feminismusdefinition hat den Vorzug, die Landschaft feministischer Theorien auf informative Weise kartographieren zu können und aus diesen Gründen ist sie anderen Definitionen wie z.B. dem Paradigma des Radikalfeminismus des linken Maskulisten Leszek überlegen.

Übersicht:


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tl;dr: Jeder Feminismus beruht auf nur vier Grundintuitionen: erstens der These von der metaphysischen Freiheit der Frau, zweitens der These von einer zu überwindenden Herrschaftsstruktur von Männern über Frauen, drittens der Vorstellung von Geschlechterrollen als Folge einseitiger, grundloser Abwertung alles Weiblichen durch Männer und viertens einem moralischen Realismus. Diese Grundintuitionen zusammen bedingen einerseits die Forderung nach politischer Dominanz weiblicher Erfahrungen bzw. Einstellungen und andererseits einen Geschlechterrevanchismus, der es Frauen erlaubt, sich zugunsten der vom Feminismus versprochenen Freiheit privat wie auch mit Hilfe eines staatlichen Paternalismus über andere moralische Normen hinweg zu setzen. Geschlechtergleichheit ist im Feminismus nur eine Option, aber weder eine notwendige noch eine hinreichende Bedingung. Der erste Teil dieses Artikels stellt den Kern des Feminismus nur vor, der zweite leitet ihn her und der dritte wird seine Vorzüge unter Beweis stellen.

I. Mein-Feminismus und feministische Praxis

Vergleichen wir testweise das sogenannte Mein-Feminismus-Problem mit folgender Aussage:

  • Philosophie ist definiert als die Summe aller Handlungen, Überzeugungen oder auch Behauptungen von philosophisch Interessierten, die diese selbst als philosophisch betrachten.

Was Philosophie ist, würde man einfach dadurch beantworten, daß man die akademischen, philosophischen Disziplinen und die philosophischen Themen beschreibt und charakterisiert. Und dafür gibt es für jedermann zugängliche Lexika oder online-Archive. Was jeder einzelne Philosophiestudent so an Halbgarem über Philosophie im Kopf hat, würde man hingegen nicht einfach so als maßgeblich für die Definition von Philosophie erachten, sondern man würde höchstens die Ansichten der großen Philosophen als richtungsgebend im Hinblick auf eine valide Definition ansehen. Zur gegenteiligen Ansicht kann man stattdessen nur gelangen, wenn man bereits selbst eine feministische Erkenntnistheorie vertritt, nach der in einer besonderen Position des Meinungserwerbs zu sein, allein schon eine Rechtfertigung dieser Meinung erzeugt. Mit anderen Worten:

  • Maskulismus ist bereits dann feministisch unterwandert, wenn er das Mein-Feminismus-Problem ernst nimmt und glaubt, die sich äußernden Personen wären im Feminismus entscheidend und nicht etwa das, was diese Personen sagen: Ersteres gehört zu den basalen Intuitionen des Feminismus, wie dieser Artikel zeigen wird.

Man kann stattdessen den Feminismus einfach anhand seiner in den 1960igern beginnenden Theoriegeschichte identifizieren. Alle Aktivitäten vor dem 2. Weltkrieg zählen zu einem weitgehend theoriefreien Feminismus als Menschenrechtsbewegung (erste Welle des Feminismus), die sich aus der nach der französischen Revolution startenden Frauenbewegung entwickelte. So sehr daher die Formel:

  • Wenn du für die Gleichheit der Geschlechter bist, dann bist du Maskulist.

auch näherungsweise gültig ist, so wenig gültig ist sie bei näherem Hinsehen für den Feminismus. Und die feministische Praxis ist für eine Definition des Feminismus nicht immer maßgeblich, denn im letzten post konnte gezeigt werden, daß die Frauenquote im Grunde nicht nur unfeminstisch, sondern sogar an einer theologisch motivierten Hierarchisierung orientiert, und folglich nicht mehr als eine Lobbyinitiative für ohnehin schon privilegierte Frauen ist. Das bedeutet, daß man nicht einfach alle Phänomene der feministischen Praxis als relevant betrachten, analysieren und die Resultate zu einer gültigen Feminismusdefinition zusammenfassen kann.

Die feministischen Praxis hat sich im Grunde in vier Phasen entwickelt:

  • Die zweite Welle des Feminismus, Phase des Aufbruchs, der Artikulation und der Formation (ca. 1960-1975):  1972 erster Bundesfrauenkongress, 1975 UN Weltfrauenkonferenz, Abtreibungsdebatte, sexuelle Revolution, Hausarbeitsdebatte, Geschlechterrollen
  • Die Phase der Pluralisierung und Konsolidierung (ca. 1975-1980): Etablierung der sex-gender-Unterscheidung, Überwindung der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung, rape culture, Reproduktionsarbeit
  • Die Phase der Professionalisierung und der institutionellen Einbindung (ca. 1980-1989): Gleichstellung statt Gleichberechtigung, Frauenquoten, häusliche Gewalt
  • Die dritte Welle des Feminismus, Phase der Individualisierung, Globalisierung und Heterogenisierung (ca. 1990-2015): gender mainstreaming, fatshaming, slut walks, sex wars, feministische Sprachkritik, consent culture, Alltagssexismus, Klassismus

Jede dieser Phasen hat eine Vielzahl feministischer Theorievarianten hervorgebracht, die wir mit Hilfe der feministischen Intuitionen im folgenden Abschnitt in informativer Weise werden strukturieren können.

II. Feministische Intuitionen

„Feminismus“ labelt etwas wesentlich ANDERES und außerdem MEHR als den Slogan von der Gleichheit der Geschlechter. Um das zu sehen, stellen wir zunächst einige feministische Intentionen vor, um erst im nächsten post zu zeigen, daß sie basal genug sind, um jeden Feminismus zu charakterisieren:

Erste Intuition: Frauen sind frei

Die überwältigende Mehrheit der feministischen Autoren folgt dem literarischen Feminismus der atheistischen Existentialistin Simone de Beauvoir in Le Deuxième Sexe (1949), die dort untersucht, was Sartres Slogan Existenz vor Essenz für Frauen bedeutet und zu dem Ergebnis kommt, daß das Geschlechterverhältnis nicht allein biologisch oder theologisch vorbestimmt und in seinen Eigenschaften ausbuchstabiert wird.

  • In der Willensfreiheitsdebatte geht es zum Einen um die begriffliche Frage, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit eine Entscheidung als frei angesehen werden kann, und zum Anderen um die faktische Frage, ob diese Bedingungen in unserer Welt auch tatsächlich erfüllt sind. Feminismus erfordert entweder eine Ablehnung jedes Determinismus oder eine Kompatibilität von Willensfreiheit mit Determinismus. Willensfreiheit meint, daß eine Person die Fähigkeit hat, zu bestimmen, welche Motive, Wünsche und Überzeugungen handlungswirksam werden sollen. Drogenabhängige z.B. betrachten wir nicht als willensfrei. Eine Person kann höchstens dann autonom sein, wenn ihre Entscheidungen frei sind. (Geert Keil, Willensfreiheit, 2012)

Weiter wollen wir definieren, daß eine Entscheidung einer Person A frei heißt genau dann, wenn

  • 1) die Person A sich anders hätte entscheiden können, als sie es tatsächlich tat.
  • 2) A selbst der Urheber dieser Entscheidung ist.
  • 3) die Entscheidungen und Handlungen von A ihrer eigenen Kontrolle unterliegt.

Im Vergleich dazu bedeutet Determinismus von Ereignissen wie auch von Entscheidungen, daß es für jedes Ereignis eine Menge von anderen Ereignissen gibt, auf die es mit naturgesetzlicher Notwendigkeit folgt, was impliziert, daß sich die Welt, d.h. die Menge der Tatsachen, zu jedem Zeitpunkt nur auf genau eine Weise weiter entwickeln kann. Wenn der Determinismus demnach wahr wäre, dann müßte für die Entscheidungen einer Person A gelten:

  • i) A kann sich niemals anders entscheiden und niemals anders handeln, als er es tut bzw. getan hat.
  • ii) A ist nicht der Urheber seiner Entscheidungen oder Handlungen, sondern sie gehen auf diejenigen vorangegangenden Ereignisse und Naturgesetze zurück, durch die sie determiniert sind.
  • iii) Die Entscheidungen von A können nicht frei sein.

Wenn der Determinismus wie angegeben zu verstehen ist, dann kann es Freiheit nur geben, wenn die Zukunft insofern offen ist, als daß es zumindest gelegentlich von den Entscheidungen der Personen abhängt, wie es in der Welt weiter geht. In der Willensfreiheitsdebatte sind damit wenigstens die folgenden Positionen denkbar:

  • 4) Ein Kompatibilist vertritt den Standpunkt, daß Freiheit und Determinismus vereinbar sind.
    5) Ein Libertarier ist der Meinung, daß es freie Entscheidungen gibt und deshalb der Determinismus falsch ist.
    6) Weiche Deterministen behaupten, daß die Wahrheit des Determinismus nichts an der Tatsache ändert, daß es freie Entscheidungen gibt.
    7) Freiheitsskeptiker behaupten, dass es keine Freiheit gibt. Wird zusätzlich behauptet, daß dies die Folge der Wahrheit des Determinismus ist, dann spricht man von harten Deterministen.
    8) Inkompatibilisten argumentieren, daß Handlungen nur frei sind, wenn auch ihre Entscheidungen frei sind, und daß Entscheidungen nicht frei sein können, wenn sie determiniert sind.

Feminismus ist nur mit Freiheitsskeptizismus und hartem Determinismus inkompatibel – was biologistischen Argumenten ihre anifeministische Pointe weitgehend nimmt:

  • (0) Für Frauen bzw. für Weiblichkeit sind der Freiheitsskeptizismus und der harte Determinismus falsch.

Kein Feminist würde die im literarischen Feminismus geborene These (0) jemals hinterfragen. Sie wurde in der feministischen Entwicklungsgeschichte häufig – aber unnötig streng i.S.v. 8) – antibiologistisch ausgelegt: Es gab große Anstrengungen, zu zeigen, daß Frauen sich biologischen oder evolutionären Zwängen entziehen können (z.B. Eagly, Sex differences in social behavior, 1987; Katz, Gender identity. In: Ashmore & Del Boca (Eds.), The social psychology of female-male relations, 1986; Maccoby & Jacklin, The psychology of sex differences, 1974)

Zweite Intuition: Geschlecht erzeugt asymmetrische Struktur

Die zweite Intuition zerfällt im Grunde genommen in drei unabhängige Teile (B. Hooks, Feminist Theory: From Margins to Center, 2000):

  • (1) Daß es etwas geben muß, was die Gesellschaft zusammenhält, ist eine alte Idee von Talcott-Parsons:
    α) deskriptiv: Das Geschlecht strukturiert asymmetrisch die privaten Beziehungen und die Gesellschaft.
    β) deskriptiv: Diese Hierarchie fällt makrosoziologisch und mikrosoziologisch zu Ungunsten der Frauen aus.
    γ) normativ: Als primäres Ziel wird die Kritik der bestehenden Macht- und Herrschaftsverhältnisse betrieben, welche Frauen als Personen aufgrund ihres Geschlechtes unterdrücken, und dadurch die Befreiung der Frauen herbeizuführen (Jaggar 1992).

Feminismus ist durch α) daher unvermeidlich immer auch eine Position mit metaphysischem Erklärungsanspruch, denn er versucht, die wahre Natur und ihre in Wirklichkeit bestehenden Wege der Wirkungsausbreitung in der nicht-wahrnehmbaren, weil sozialen Welt aufzudecken. β) wurde in der zweiten Welle des Feminismus noch überwiegend als Existenz des Patriarchats interpretiert. Die dritte Welle des Feminismus verwarf jedoch die Patriarchatsannahme als theoretisch überflüssigen Ballast und bedient sich heute primär einer Analyse sozialer Normen.

  • Es ist wesentlich, daß (1) den Feminismus keineswegs auf irgendeine Art von Gleichheit festlegt. Geschlechtergleichheit ist im Feminismus lediglich eine Option (z.B. Elisabeth Badinter), die zwar häufig ausgeübt, aber z.B. im Gynozentrismus oder von feministischen Matriarchatstheorien verworfen wird: Die Annahme einer natürlichen Geschlechterhierarchie aufgrund weiblicher Überlegenheit, die vom Patriarchat pervertiert wurde, ist mit Feminismus prinzipiell kompatibel.

Erst aus γ) heraus ergibt sich für Feministen die Aufgabe, herauszufinden, was gerechter Ausgleich in einer vorgegebenen Gesellschaft unabhängig von Biologie und Theologie eigentlich heißt und wie man Frauen ganz konkret den diskrimierenden, sozialen Folgen eines willkürlich eingeführten Geschlechterunterschieds entziehen kann. Typisch feministische mikro- und makrosoziologische Fragen sind demnach z.B.:

  • Was ist männliches bzw. weibliches Handeln und wie hängt es mit Macht und Herrschaft zusammen?
  • Wie reproduziert sich die hierarchische Ordnung der Geschlechter und was bedeutet ihre soziale Differenz?
  • Was ist ein männlíches bzw. eine weibliches Subjekt innerhalb der gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse?

Die hierauf antwortende, feministische Sozialtheorie beansprucht an dieser Stelle viel weniger als eine soziologische oder politische Vision für eine postgender-Gesellschaft zu haben und sie macht auch keinen Vorschlag dazu, welche alternativen Strukturen in einer Gesellschaft wünschenswert wären. Sie will nur die bestehenden Nachteile der Frauen beschreiben, erklären und aufheben. Interpretationen dieses Geschlechterkonfliktes sind der separatistische Feminismus und der politische Lesbianismus. Daß die feministische Praxis de facto aber keinesfalls mit einer Frauenbefreiung koinzidiert, steht außer Zweifel.

Dritte Intuition: Geschlechterrollen als Folge grundloser Abwertung

Feministen könnten ihre Mission in (1) ganz pragmatisch so verstehen, daß einfach nur die Nachteile der sozialen Klasse der Frauen aufgehoben werden sollen, ohne eine Aussage über die Quelle von (1) zu machen. In diesem Fall würde der Feminismus im Grunde völlig in einer humanitären Bewegung aufgehen. Doch, was durch die Bank von Feministen abgelehnt wird, ist gerade ein Selbstverständnis als Humanisten.

  • Stattdessen fragt bereits der literarische Feminismus von de Beauvoir in Le Deuxième Sexe (1949), mit welchem Recht Frauen von der äußeren Welt ausgeschlossen und auf die traditionelle Rolle als Mutter und Hausfrau festgelegt seien, was eine kollektive Anstrengung des männlichen Geschlechtes suggeriert.

Seltsamerweise ist das Menschenrechtsverständnis de Beauvoirs 1949 noch so beschaffen, daß sie nicht die Tatsache, daß Frauen Menschen sind, als ausreichende Rechtfertigung für eine Befreiungsbewegung ansieht, sondern sie bemüht sich, die damals in Literatur (vor allem wettert sie gegen Henry de Montherlant und Guy de Maupassant), Biologie und Experimentalpsychologie kursierenden Behauptungen zu widerlegen, daß Männer überlegen bzw. Frauen minderwertig und daher Frauen zu Recht dem Mann untergeordnet seien. Ihr Ergebnis ist:

  • (2) Männliche Macht und Herrschaft in (1) beruhen auf einem Betrug, dessen Mittel die einseitige, unberechtigte Abwertung alles Weiblichen ist.

Feministen sprechen im Fall von (2) allgemein von Sexismus. Eine Möglichkeit für diese unberechtigte Abwertung nennt die feministische Praxis Objektifizierung. Objektifizierung, Norm und Macht waren und sind zentrale feministischen Konzepte vom Beginn der zweiten Welle an.

So gut wie alle Feministen der zweiten und dritten Welle benutzen allein (2) als Anker, um zu definieren, was Antifeminismus ausmacht – obwohl die meisten Antifeministen de facto ganz andere Positionen und Motive haben als (2). Auch die Gender Studies benutzen (2) heute als Kontrapunkt für ihre akademische Legitimation. (2) ist auch der Grund, warum Feministinnen notorisch Probleme damit haben, pro-feministische Männer in ihren eigenen Reihen zu dulden und sie nur als Allies ansehen, denen sie als Allies auch spezielle Regeln vorschreiben.

Vierte Intuition: objektive Moral

Die erste Intuition der Frauenbefreiung ist für Feministen nicht einfach nur eine Sache der persönlichen Lebensführung – im Gegenteil (Pauer-Sauder, Moraltheorie und Geschlechterdifferenz, 1993):

  • (3) Feministische Autoren beanspruchen, eine Menge moralisch objektiv richtiger Gebote zur Formung der Gesellschaft formulieren zu können, die Nachteile von Frauen zu beseitigen und die weibliche Befreiung zufördern, denn andersfalls lassen sich andere Menschen nicht auf feministische Forderungen verpflichten.

Damit beziehen Feministen eine metaethische Position, d.h. eine Position darüber, wie moralische Aussagen zu verstehen sind. Jede Feminismusvariante ist in irgendeiner Weise dem moralischen Realismus verpflichtet (Holroyd, Feminist Metaethics, 2013). Denn moralischer Realismus besagt, daß moralische Aussagen entweder wahr oder falsch sind, einige davon unabhängig von unseren Einstellungen gegenüber diesen moralischen Urteilen wahr, und sie auch gute Gründe für intentionales Verhalten sind.

Erste Folgerung, aus (1), (3) und (2): Geschlechterrevanchismus

Ein feministisches Verständnis von Gerechtigkeit bedeutet einerseits universelle Gleichheit vor Recht und Gesetz und andererseits einen Ausgleich zwischen Ungleichen mit einer Privilegierung der Schwachen – was Feminismus zugleich zu einer politisch linken Position macht. In der Praxis läuft das auf Umverteilung und Neubewertung zwischen den sozialen Klassen der Geschlechter hinaus (siehe: Herlinde Pauer-Studer, Das Andere der Gerechtigkeit, 1996). Doch warum ist das so?

  • i) Wegen (1) genügt es Feministen zu glauben, zu wissen, worin die zu korrigierende Abweichung von der Geschlechtergerechtigkeit besteht.
  • ii) Wegen (2) befinden sich Frauen als Opfer in einer wegen (3) moralisch überlegenen Situation, in der wegen (1) nur unzureichende Mittel zur Verfügung stehen, was einen rechtfertigenden Notstand für feministische Ziele erzeugt.
  • iii) Frauen mit feministischen Intentionen dürfen daher einige moralische Normen im Wege der Notwehr oder Nothilfe brechen, falls dies zugunsten von Opfern der männlichen Herrschaft geschieht.
  • iv) Eine Privilegierung der Schwachen ist ein Fall dieser Nothilfe, er nimmt nur die Form einer Bilanz an: Weil die Benachteiligung strukturell ist, müssen sich Nachteile in der Vergangenheit bereits angesammelt haben, die durch eine Privilegierung in der Summe glattgestellt werden wie z.B. hier.

Mit anderen Worten:

  • (4) Der objektiv bestehende, moralische Notstand und die Intuition eines weiblichen Lebens als Manifestation grundloser Abwertung sind zusammen mit der Intention einer Frauenbefreiung äquivalent zu einem Geschlechterrevanchismus in Bezug auf Rechte, Ämter, Chancen und Resourcen in einem erst von der feministischen Praxis nach und nach zu klärenden Ausmaß.

Klarerweise ist ein keineswegs mit Gerechtigkeit zusammenfallender Geschlechterrevanchismus, nicht aber Männerfeindlichkeit eine notwendige Bedingung für Feminismus. Es ist daher auch kein Zufall, daß der Feminismus in den 1990igern von der Gleichberechtigungsforderung zur Gleichstellungsforderung überging. Auch der Geschlechterrevanchismus gehört zur feministischen Praxis:

Infolge des tendentiösen Verständnis von Menschenrechten koppelt der Feminismus den Offenbarungsanspruch aus (2) mit einem wegen (3) objektiven Recht auf Revolte. Letzteres erklärt einerseits das Potential des Feminismus zur Radikalität, was sich in der feministischen Praxis auch gezeigt hat z.B. hier oder hier und andererseits, warum Feministen sich weigern, strukturelle Probleme der Männer wie z.B. verkürzte Lebenserwartung, erhöhte Selbstmordraten, erhöhten Anzahl von berufsbedingten Toten, erhöhte Straffälligkeit, erhöhte Obdachlosigkeit, geringere Bildungschancen, Zwangsvaterschaft oder Kriegsdienste öffentlich zu diskutieren.

Zweite Folgerung, aus (0) und (1): weibliche Erfahrung als Strukturerkenntnis

Wenn man nicht als Frau geboren, d.h. nicht von der Biologie, Gott oder dem Schicksal dazu determiniert, sondern erst im Laufe des Lebens durch äußere Einwirkung zur Frau gemacht wird, dann gilt:

  • (5) Die Art und Weise, als Frau zu leben, muß indirekt informativ sein in Bezug auf die existierenden Herrschaftsverhältnisse zwischen Männern und Frauen.

Es gibt daher für jeden Feminismus Bedarf, z.B. mit Hilfe einer philosophischen Erkenntnistheorie zu klären und zu rechtfertigen, wie Frauen es schaffen, persönlich und gesellschaftlich inszenierte Ungerechtigkeiten gegenüber oder unterdrückende Manipulationen an Frauen zu erkennen, ohne dabei die diskriminatorischen Fähigkeiten irgendeiner vorgegebenen Theorie oder Ideologie zu nutzen – was sich in der Praxis vor allem in der zweiten Welle des Feminismus in den sog. Frauenbuchläden niederschlug.

Dritte Folgerung, aus (1) und (3): staatlicher Paternalismus

Ein weiterer, wesentlicher Punkt besteht in der Priorität des politischen Revisionsanspruchs des Feminismus (Becker-Schmidt/Knapp, Feministische Theorien, 2000).

  • (6) Die wegen (3) objektiv gültigen, moralischen Ansprüche der Frauen auf Befreiung fallen in das politische Aufgabenfeld der Öffentlichkeit, denn nach (1) gibt das Geschlecht nicht nur privaten Beziehungen Struktur, sondern auch der Gesellschaft.

Das bedeutet, daß zwei einerseits privater Paternalismus zugunsten der Frauen als bevormundende Geschlechter- rolle von Feministen abgelehnt wird, staatlicher Paternalismus zugunsten von Frauen – in der Praxis z.B. durch gender mainstreaming institutionalisierten – feministisch aber zugelassen werden kann. Die Folge ist, daß Feminismus als normative Position zulegt und auf eine Wertehierarchie zurückgreifen muß: Die Freiheit von Menschen – und insbesondere von Frauen – ist wertvoller als die politische Selbstbestimmung aller Menschen.

Vierte Folgerung, aus (5) und (6): bottom-up-approach

Weil wegen (5) vor allem die feministische Praxis informativ ist in Bezug auf die durch die Geschlechter erzeugte Struktur zwischen Personen und in der Gesellschaft, kann es keine feministische Politik gegben, die top-down von derselben zentralen Idee oder einer geschlossenen Ideologie angeleitet werden würde.

  • (7) Feministische Theorie kann ohne das Korrektiv der feministischen Praxis und seiner Institutionalisierung, der feministischen Politik, niemals sinnvoll, legitim oder informativ sein.

Daß (7) über die Jahrzehnte zuverlässig zu Feminismus-internen Auseinandersetzungen geführt hat, belegen z.B. Becker-Schmidt/Knapp, Feministische Theorien (2000).

Fünfte Folgerung, aus (0) und (1): Keine Freiheit ohne Determinismus

Es stellt sich die Frage, warum das bisherige feministische Projekt sich nicht dadurch erledigt, daß die Frauen den Betrug aus (2) erkennen und bei der patriarchalen Abwertung der Frauen durch die Männer auf „gleichgültig“ schalten. Gesucht wird daher eine systematische Anwort auf die Frage, was Sexismus eigentlich mit Geschlechter- rollen zu tun haben soll, warum die Frauen nicht unabhängig von den Männern, deren Meinungen und Verhalten, einfach machen, was ihnen in den Sinn kommt? Der Grund ist:

  • (8) Frauen sind tragisch verstrickt in intransparente, soziale Beziehungen.

Die Pointe des Feminismus aus (0) und (1) geht daher ohne (8) nicht auf. Zwar sind Frauen nach (0) frei und sie wollen es nach (1) im Prinzip auch sein, aber sie können sich äußeren Einflüssen auf ihre Entscheidungen nicht entziehen. Und wenn die Frauen nicht selbst daran schuld sein sollen, dann muß jeder Feminismus irgendeine Form von Determinismus akzeptieren – das ist einfach Teil des feministischen Freiheitsverständnisses: Die realisierte, weibliche Freiheit beruht irgendwie – z.B. im Hinblick auf Macht oder Normen – auf einer Mitwirkung der Männer und der Organisation des Kollektivs, Feministen wollen daher immer etwas von Männern. Im literarischen Feminismus ist (8) bereits von Simone de Beauvoir diskutiert und später im akdemischen Kontext vielfach wiederholt worden (z.B. Code 1991; Jaggar 1983; Scheman 1995; Grasswick 2004).

Fazit: Alle diese Intuitionen und ihre Folgerungen werden in der feministischen Praxis – teils ziemlich krude – vielfach wiederholt und zwar ohne sie als Wiederholungen kenntlich zu machen z.B. als:

  • von (0): Es gibt keine Verpflichtung, als Frau bestimmte Eigenschaften zu haben.
  • von (1): Es gibt nur Sexismus gegenüber Frauen, aber keinen Sexismus gegenüber Männern.
  • von (2): Frauen sind machtlos und können nur Opfer sein, so daß Männer die Täter sein müssen.
  • von (2): Frauen sind keinem Mann auch nur irgendetwas schuldig.
  • von (2): Keine Frau muß in irgendeiner Weise eine Verantwortung für das Tun eines Mann übernehmen.
  • von (2): Männer können mit dem Feminismus nur alliiert, nicht aber vollwertige Vertreter sein.
  • von (3): Kein Mann darf einer Frau vorgeben, wie Emanzipation wirklich funktioniert.
  • von (4): Jede Frau hat das moralische Recht auf Desinteresse gegenüber Männern.
  • von (5): Nur Frauen können die Unterdrückung der Frauen wirklich erkennen.
  • von (5): Kein Mann kann einer Frau erzählen, wie Emanzipation wirklich funktioniert.
  • von (6): Das Private ist politisch.
  • von (7): Es gibt nicht DEN Feminismus, Feminismus ist eine Einstellung.
  • von (7): Feministische Theorie ist nicht im Singular zu haben.

Es wird sich im Verlauf dieses Artikels zeigen, daß nur diese vier Intuitionen und ihre fünf Folgerungen notwendig und hinreichend sind, um Feminismus zu definieren, insofern sie es erlauben, die historisch dokumentierte, feministische Theoriebildung auf ebenso einfache, wie informative Weise zu systematisieren.

Dieser Artikel wird im nächsten post fortgesetzt.

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6 Kommentare

  1. […] Feminismus mit Hilfe der existierenden feministischen Theorie reltiv leicht zu definieren ist, kann man die Anliegen der feministischen Praxis nur sehr viel […]

  2. […] dritte Folge ist, daß der sich der analytische Humanismus – genau wieder der Feminismus – darauf festlegt, daß der harte Determinismus und der Inkompatibilismus von Freiheit und […]

  3. […] Quelle ist ganz klar die feministische Theorie: eine auf einer absurden Identitätspolitik beruhende Intersektionalität sowie die feministische, […]

  4. […] I. Mein-Feminismus und feministische Praxis […]

  5. […] auf diesem blog vertretene Lösung gegen diesen move besteht darin, eine invariante Kerndefinition für jede Mein-Feminismus-Variante dadurch zu erzeugen, daß man diejenige Menge von Aussagen identifiziert, welche die Theoriegeschichte des Feminismus […]

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