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Kulturbegriffe der politischen Philosophie und der Biologismus

Ob Biologismus oder Multikulturalismus – der Kulturbegriff steckt einfach überall drin. Trotzdem wird er fast nie bemerkt oder diskutiert.

Übersicht:


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tl;dr:

Biologismus ist eigentlich ein geisteswissenschaftlicher Ansatz, dem mit einer realistischen Lesart der Evolutionstheorie Leben eingehaucht werden soll. Den Primat der Naturwissenschaft im Biologismus gibt es nicht. Gleichzeitig bereite ich die Abrechnung mit dem im linken Maskulismus gehypten Multikulturalismus vor.

I. Ärger mit dem Reduktionismus

Eine immer wiederkehrende Intuition der Biologisten und harten Deterministen in der Theorie des Geistes ist reduktionistisch: Sie brechen die Kultur einer Nation gerne auf die Gehirne ihrer Nationalbürger herunter. Dieser Ansatz hat schon an anderer Stelle seine Inkompetenz unter Beweis stellen dürfen. Doch Reduktionismus hat noch eine andere Seite. Er bringt den Vorteil mit sich, nicht angeben zu müssen, was eine Kultur ausmacht.

Allen anderen Autoren wird dasselbe – angeblich auch Durkheim 1892 zurückgehende – Standard Social Science Model unterstellt, so daß der irreführende Eindruck entsteht, man habe nur die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten: Entweder integrated model oder standard model.

Was ist die systematische Kehrseite dieser Ansicht? Klarerweise stellt es die Biologisten vor die Wahl:

  • Entweder sie ignorieren die Unterschiede zwischen den Kulturen. Dann können sie ohne Widerspruch behaupten, daß Nationalitäten keine eigenen, ebenfalls der Evolution unterliegenden Unterarten sind: Alle Kulturen sind gleich, Multikulturalismus läuft leer, ein Problem kultureller Assimilation gibt es nicht. Insbesondere sind alle Religionen gleich und das sie einander ablehnen, ist nur ein massenhaft auftretendes Mißverständnis.
  • Oder sie geben die Existenz evolutionär erklärbarer, kultureller Unterschied zu. Dann aber müssen sie ebenfalls zugeben, daß Nationalitäten und sogar Religionen Unterarten der Spezies Mensch sind, denn schließlich reduzieren sich nach Voraussetzung die kultuellen auf die zerebralen Unterschiede – und die unterliegen ganz sicher der Evolution. Eine Religion zu wechseln oder gar Atheist zu sein, wäre demnach eine Handlung gegen seine menschliche Natur – ein Standpunkt der auch vom Islam vertreten wird. So sieht z.B. der Religionswissenschaftler Michael Blume Religiosität als evolutionären Vorteil in den Genen verankert.

Natürlich gibt es noch eine weitere Möglichkeit: Biologisten könnten behaupten, daß, wenn es kulturelle Unterschiede zwischen Nationen wie z.B. Religionen gibt, sie nicht auf das Gehirn der Religioten zurückzuführen, nicht evolutionär oder biologisch erklärbar sind. In dem Fall aber wird der reduktionistische Anspruch aufgegeben  was zwei Probleme mit sich bringt:

  • Man kann dann menschliches Verhalten nicht mehr dadurch erklären, indem man angibt, wie es kausal entsteht.
  • Man benötigt ein unabhängiges Kriterium dafür, zu unterscheiden, welches menschliche Verhalten reduzierbar i.e. evolutionär oder biologisch erklärbar ist und welches nicht. Meines Wissens nach hat kein Biologist jemals versucht, so ein Kriterium zu finden. Das ist auch nicht überraschend: Nicht mal in Spezialfällen wie psychischen Krankheiten ist die Wirkungsweise von Psychopharmaka heute im Detail verstanden.

Antibiologisten ziehen es vor, ohne jeden Reduktionismus auszukommen und gehen sie davon aus, daß menschliche Willensfreiheit keine Illusion ist. Dieser Standpunkt hat ebenfalls seinen Preis: Antibiologisten müssen sich einen Kulturbegriff überlegen. Und – wie üblich – haben Philosophen hier eine wesentliche Vorarbeit geleistet, die wir uns jetzt ansehen werden.

Wir erinnern noch einmal an die soziologische Definition von »Gesellschaft« , die djadmoros hier angeführt hat:

»Die Theorie der Gesellschaft konstruiert einen Kreis von Menschen, welche, wie in Gemeinschaft, auf friedliche Art nebeneinander leben und wohnen, aber nicht wesentlich verbunden, sondern wesentlich getrennt sind … . (H)ier ist ein jeder für sich allein, und im Zustande der Spannung gegen alle übrigen. (…) Solche negative Haltung ist das normale und immer zugrundeliegende Verhältnis dieser Macht-Subjekte gegeneinander, und bezeichnet die Gesellschaft im Zustande der Ruhe. Keiner wird für den anderen etwas tun oder leisten, keiner dem anderen etwas gönnen und geben wollen, es sei denn um einer Gegenleistung oder Gegengabe willen, welche er seinem Gegebenen wenigstens gleich achtet.« (Tönnies 1979, S. 34)

Damit haben wir die Fragestellung dieses postes: Was heißt es, daß eine Gesellschaft eine Kultur hat?

II. Varianten des Kulturbegriffs

Man kann fünf verschiedene, für das Selbstverständnis von Personen konstitutive Kulturbegriffe trennen, die in der politischen Philosophie Verwendung finden.

A) Der semiotische Kulturbegriff: Er geht zurück auf Sozialanthropologen wie Margaret Mead, Levi-Straus und Malinowski, die Kultur als historisch gewachsenes System aus Symbolen and symbolische Bedeutung erzeugenden Praktiken einer Gesellschaft ansahen (siehe auch Parekh 2000). Damit beinhaltet eine Kultur auch Kommunikationsgewohnheiten und Gewohnheiten, die Welt sprachlich zu repräsentieren. Auch politische Ideologien zählen von diesem Standpunkt aus damit zu einer Kultur. Charles Taylor  hat in 1994b näher dargelegt, inwiefern Kultur für die Identität von Personen konstitutiv ist. Nach Taylor sind Menschen Wesen, die sich selbst interpretieren und darin auch gewisse Freiheiten haben. Dabei sind sie auf eine Bedeutung generierende Kultur angewiesen. Insbesondere hängt das Selbstverständnis von Personen von den Begrifflichkeiten der gemeinsam geteilten Sprache einer Kultur ab (Taylor 1974). Eine Kultur kann daher nicht verstanden werden, ohne die Sprache dieser Kultur zu analysieren, denn jeder Anhörige einer Kultur interpretiert diese sprachlich bis zu einem gewissen Grad selbst und zwar genau so weit, wie diese Freiheiten für die Kommunikation keine Rolle spielen.

B) Der normative Kulturbegriff: Dieser Kulturbegriff ist vor allem unter Kommunitaristen verbreitet und meint, daß Kulturen Normen, Moral und Ordnung schaffende Überzeugungen bereitstellt, welche für Personen Gründe darstellen, um sich für Handlungen zu entscheiden. Auch normativen Selbstverpflichtungen einer Person zählen hierzu, die ohne eine Kultur nicht denkbar wären – wofür Religionen ein gutes Beispiel sind (Shachar 2005).

C) Der soziale Kulturbegriff: Er geht im wesentlichen auf Kymlicka (Kymlicka 1995, 2001) zurück, der bei der Analyse der Kultur einer Nation erstmals polyethnische und nationale Minderheiten zu berücksichtigen versucht. Kymlicka nimmt an, daß Minderheiten sich nicht vollständig von der Kultur der Mehrheit trennen will, sondern sich mit einem Recht auf ihre eigene Kultur an der Mehrheitskultur gleichbereichtigt beteiligen will. Daher entscheidet sich Kymlicka dafür eine Kultur als auf dem Gebiet einer Nation verfügbares setting anzusehen, in dem eine Gesellschaft ihren Individuals Möglichkeiten bereitstellt, ein in einem öffentlichen wie privaten Sinne bedeutungsvolles Leben zu führen und mit Hilfe eines sozialen Kontextes Wahlmöglichkeiten für sie zu realisieren – kurz: autonom zu sein.

D) Der rational choice approach einer Kultur: Er fokussiert auf die Möglchkeiten Verhalten zu erklären und Vorauszusagen, insofern Personen normalerweise in aufgeklärten Interesse ihrer eigenen Präferenzen nutzenmaximierenden handeln. Hiernach ist jedes Handeln jeder Person zielorientiert.  Für eine Kultur bedeutet dies, daß sie ein Gleichgewicht in Bezug auf eine Gesellschaft darstellt, deren Mitglieder wohldefinierte und zum Teil geteilte wie auch gegenläufige Interessen haben sowie symbolischen Praktiken folgen, ihr eigenes und das Verhalten anderer nutzenbringend zu optimieren (Laitin 2007, p. 64). Man kann daher vier essentielle Merkmale einer Kultur erwarten:

  • a) In einer kulturellen Gruppe teilen deren Mitglieder bestimmte Eigenschaften, die sie zugleich von Mitglieder anderer Gruppen unterscheidet – wie z.B. Sprache und Religion.
  • b) Die Mitglieder derselben kulturellen Gruppe teilen ihr Wissen zu einem hohen Grad. Sie haben ebenfalls gemeinsam geteilte Erwartungen über die Handlungen und Überzeugungen der Gruppenmitglieder.
  • c) Es gibt ein kulturelles Gleichgewicht in Bezug auf die Anreize und Normen, zu handeln.
  • d) Es gibt Kriterien, zu entscheiden, wann die Gruppenmitglieder miteinander kooperieren und wann sie mit einander in Konflikt stehen.

E) Der kosmopolitische Kulturbegriff: Vor allem der rational choice approach ist als unangemessen essentialistisch kritisiert worden (Young 2000), da sie zwei falsche Annahmen mache: Kulturen könne man erstens nicht einfach nach einem simplen ingroup-outgroup-Prinzip verstehen, da de facto auch verschiedene Kulturen Elemente teilten. Die Folge ist, daß kulturelle Praktiken und einzelne Überzeugungen allein nicht als charakteristisch für eine Kultur angesehen werden dürften (Phillips 2010). Und zweitens seien Kulturen de facto nicht homogen – weder deskriptiv, noch normativ. Infolgedessen sei kulturspezifisches Verhalten nicht vorhersagbar. Es wird behauptet, daß hier Gruppenbegriff hier irreführend verwendet wird (Benhabib 2002, Phillips 2007)

Einen etwas flexibleren Kulturbegriff hat daher Waldron (Waldron 1995) vorgeschlagen. Seiner Ansicht nach sind Kulturen dynamische und sich in ständigem Austausch von Mitgliedern befindliche Kontinua, die man kaum trennen kann. Dieser Ansicht pflichten auf die Feministen der dritten Welle bei (z.B. Narayan 1998). De facto sei Kultur eine melange oder ein Kaleidoskop aus nicht spezifisch zugeordneten Eigenschaften.

NACHTRAG: F) djadmoros schlägt einen anthropologischen Kulturbegriff vor:

Seine anthropologische Komponente formuliert er wie folgt: Menschen zeigen Dispositionen, die zum Teil erworben werden und zum Teil biologisch sind. Solche Dispositionen sind Disposition, zu handeln oder Meinungen über Werte zu hegen. In Handlungen wirksame Handlungsgründe sind von Normen motivierte bzw. kontrollierte und einer Symbolisierung unterliegenden Bewertungen, die dem Inventar der Dispositionen entsprechen, aber auch zuwiderlaufen können.

Man könnte nun meinen, daß es sich hier lediglich um ein mixture von B) und D) handeln würde, würde djadmoros den Kulturbegriff auf der Basis der Symbolisierungen im Gegensatz zu A) nicht auf Werte beschränken und den Erwerb von Dispositionen im Gegensatz zu C) nicht zur Kultur zählen: Was sozial ist, trägt nicht per se zur Kultur bei und was Kultur ist, erzeugt nicht alles Soziale, das wir kennen. Genau das scheint mir das eigentlich Neue an seinem Vorschlag zu sein. djadmoros beruft sich auf dabei auf Arnold Gehlen und Max Weber.

Welcher Kulturbegriff am ehesten geeignet ist, muß an anderer Stelle diskutiert werden.

III. Biologismus als Kulturintuition

Es ist nicht schwer zu sehen, wie die verschiedenen Autoren der populistischen Soziobiologie auf ihre Thesen gekommen sind:

  • (1) Offensichtlich starten Biologisten mit dem rational-choice-approach des Kulturbegriffs. Sie glauben, er sei alternativlos und machen sich daran, ihn zu interpretieren, ohne ein Verständnis der kulturellen oder alltagspsychologischen Phänomene zu verwenden.
  • (2) Als Nutzen aller Handlungen, dem sich kaum jemand entziehen kann, fällt ihnen als Erstes die eigene Fortpflanzung ein. Fortpflanzen kann man sich aber nicht irgendwie, die Erreichung des Ziels von Nachkommen muß schon mit der faktisch ablaufenden Evolution vereinbar sein. Die Frage ist, wie weit man mit diesem Ansatz kommt. Denn vom Beginn der Geschlechtsreife bis zum biologischen Ende der Fähigkeit, sich zu vermehren, vergehen schon mal drei Jahrzehnte, was die Analyse eines gegebenen soziale Verhaltens zu einem konkreten Zeit mehr als vage machen kann.
  • (3) Folglich verlangt (2) nur, daß derjenige Teil des sozialen Verhaltens, der etwas mit Fortpflanzung zu tun hat, so beschaffen ist, daß er (a) nur im Mittel über die drei Jahrzehnte (b) lediglich den Effekt hat und ohne darauf angelegt zu sein, die eigene Fortpflanzung wahrscheinlich genug zu machen. Man könnte das auch als antirealistische Lesart der Evolutionstheorie bezeichnen, die seit 2012 als neuer Standard gilt.
  • (4) Mit einer antirealitischen Lesart kann man aber im Alltag nichts anfangen. Das kann man nur bei realistischer Lesart, i.e. dann, wenn man postuliert, daß jedes soziale Verhalten auf das Erreichen des Fortpflanzungserfolges angelegt ist.
  • (5) Nun reicht auch das nicht aus, denn keine der bisherigen, biologistischen Annahmen, lehrt etwas darüber, wie genau damit konkret vorgegebenes, soziales Verhalten zu verstehen ist, welche von mehreren möglichen Deutungen die beste ist. Die einfachste – und von den Biologisten benutzte – Lösung  die man sich vorstellen kann, besteht darin, daß menschliche Rationalität die evolutionären Bedingungen isomorph abbildet. Wenn man das macht, dann man soziales Verhalten schon dadurch erklären, daß man angibt, wie es kausal verursacht wird.
  • (6) Soziales Verhalten unterliegt nach (5) einem methodischen Individualismus, der zusammen mit sozialen Kooperationsstrategien gut verträglich ist mit der Vorstellung einer Kultur als Gleichgewicht, wie dies im rational-choice-approach des Kulturbegriffs der Fall ist.
  • (7) Doch (5) hat leider den Preis eines Reduktionismus in der Theorie des Geistes, der nicht selten als Determinismus gelesen wird. In der Praxis werden solche Schwierigkeiten von den Biologisten jedoch einfach ignoriert.

Das Wesentliche ist, daß (1)-(7) nichts Naturwissenschaftliches an sich hat, Biologismus ist bis zu diesem Punkt eine reine Geisteswissenschaft. Ergebnisse aus der Biologie und insbesondere der Evolutionstheorie kommen erst ins Spiel, wenn man nach Details fragt.

Bedauerlicherweise weigert sich der Biologismus als interdisziplinäre Theorie konsequent, seine geisteswissenschaftlichen Wurzeln zur Kenntnis zu nehmen oder zu diskutieren.

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14 Kommentare

  1. djadmoros sagt:

    In Deiner fünfgliedrigen Aufzählung sehe ich den für mich wichtigsten Punkt nicht repräsentiert (obwohl Aspekte davon in der Aufzählung vorkommen), daher formuliere ich ihn nachstehend gesondert: ich vermisse das, was ich den »anthropologischen Kulturbegriff« nennen möchte.

    Dazu hatte ich schon auf Arnold Gehlen zurückgegriffen, der den in meinen Augen zentralen Grundgedanken bereits im Rahmen der Philosophischen Anthropologie formuliert hat, nämlich die Idee eines »Hiatus« (»Spalt«, »Kluft«) zwischen Handlungsbereitschaft und Handlung. »Handlungsbereitschaft« bezieht sich auf die Ebene der Handlungsdispositionen, die entweder direkt biologisch bestimmt sein können oder aber in der kindlichen psychodynamischen Entwicklung in spezifischen sozialen Kontexten »festverdrahtet« werden.

    Solche Dispositionen sind für ein handelndes Subjekt als innere Kräfte spürbar, die eine bestimmte Handlung oder emotionale Wertung nahelegen, ohne aber bereits einen hinreichenden Handlungsgrund bereitzustellen. Für den Schritt von der Handlungsbereitschaft zur Handlung bedarf es dessen, was Max Weber als »Wertstellungnahme« bezeichnet hat: das Subjekt bewertet die eigene Handlungsbereitschaft im Hinblick auf soziale Normen und sachliche Nutzenkalküle.

    Solche Wertstellungnahmen können sich zur Handlungsbereitschaft konkordant oder diskordant verhalten – das ist der Aspekt der Willensfreiheit. Eine regelmäßige Konkordanz von Handlungsbereitschaft, Wertstellungnahme und Handlung führt zu einer (im Prinzip reversiblen) Automatisierung des Handelns, die wir Handlungsroutine nennen. Weil sie aber reversibel, d.h. nicht nur revisionsfähig, sondern von Zeit zu Zeit auch revisionsbedürftig sind, gehört die Infragestellung und »Revolutionierung« solcher Handlungsroutinen zu den großen Dramen der Weltgeschichte.

    Die Welt der Werte ist nun dasjenige, was im Kontext sozialer Beziehungen symbolisch (sprachlich) repräsentiert werden muss, und diese Symbolisierung konstituiert »Kultur«.

    Dass sich der ontologische Status von Kultur nicht mehr auf eine rein biologische Kausalität zurückführen lässt, lässt sich jedoch seinerseits biologisch begründen. Schon Clifford Geertz (der eigentlich eher den Ruf eines Kulturrelativisten hat) hat in den 70er Jahren darauf hingewiesen, dass in Symbolen kondensierte Kultur selbst eine biologische Funktion hat: sie stellt dem Gehirn des Handlungssubjekts notwendige extrinsische Information zur Verfügung, derer es bedarf, um den beim Mensch unvollständig gewordenen Regelkreis zwischen Handlungsbereitschaft und Handlung zu schließen. Menschen, die ihre Handlungsdispositionen nicht durch solche symbolisch kodierte Information ergänzen können, sind handlungsunfähig.

    Der Schritt über die Biologie hinaus lässt sich daher gleichwohl in einer konsequent naturalistischen Ontologie, innerhalb eines »naturalistischen Monismus« unterbringen: so, wie die Kausalitätsebene des Biologischen in Form von Wechselwirkungen komplexer Makromoleküle oberhalb der Chemie konstituiert wird, weil sie gleichsam eine biologische Semantik auf chemischer Grundlage ermöglicht, so wird die Kausalitätsebene des Kulturellen in Form von Wechselwirkungen zwischen sprachliche verkoppelten Gehirnen oberhalb der Biologie konstituiert. »Kultur« in diesem elementaren Sinn sind Gehirne, deren innere Zustände dadurch bestimmt werden, dass sie nicht nur innere Dispositionen auf Umweltbedingungen beziehen, sondern Realitätsdefinitionen auf sprachlicher Basis mit anderen Gehirnen aushandeln. Und in diesem Moment macht es dann Sinn, nicht nur von Gehirnen, sondern von Subjekten zu reden.

    Die »Passung« dieser Realitätsdefinitionen auf die Welt ist dabei geringer bzw. schwächer als die evolutionär entstandene Passung biologischer Dispositionen auf die Welt – und genau das ermöglicht die höhere Flexibilität des Menschen, der seine Handlungsgründe gleichsam auf einen diskursiven Parkplatz auslagern kann, bevor sie in Kraft treten. Die geringere direkte Passung von Realitätsdefinitionen auf die Welt ermöglicht dadurch ihre gesteigerte indirekte Passung, indem zum Beispiel abstrakt erkannte Kausalzusammenhänge der Natur ausgenutzt werden.

    Das Problem der »Biologisten« besteht m. E. schlicht darin, dass sie diese Freiheitsgrade des menschlichen Handelns und ihre Bindung an konkrete Handlungsumwelten unterschätzen. Dass beispielsweise in aller historischen Regel Männer politische Führungspositionen besetzen, kann man über biologische Dispositionen erklären. Aber man kann auf biologischem Wege nicht erklären, was die Führungsposition eines Häuptlings von der eines Pharao oder Kaisers unterscheidet – und »Biologisten« sehen hier nicht einmal ein Erklärungsproblem, weil sie sich gar nicht erst für die »feingranularen« Problemstellungen der Historiker oder Soziologen interessieren. Und man kann auf biologischem Wege nicht erklären, durch welche jeweils konkreten Abläufe Männer auf Führungspositionen alloziert werden, denn jeder einzelne dieser Allokationsvorgänge erfordert einen Kontext kultureller Kausalität. Die betreffenden biologischen Dispositionen setzen sich ausschließlich in kultureller Mediatisierung durch.

    • Sehr gut, ich ergänze das mal im Artikel.

    • @djad

      „so, wie die Kausalitätsebene des Biologischen in Form von Wechselwirkungen komplexer Makromoleküle oberhalb der Chemie konstituiert wird, weil sie gleichsam eine biologische Semantik auf chemischer Grundlage ermöglicht, so wird die Kausalitätsebene des Kulturellen in Form von Wechselwirkungen zwischen sprachliche verkoppelten Gehirnen oberhalb der Biologie konstituiert.“

      Als eingefleischter Naturwissenschaftler bin da sehr viel zurückhaltender: Einerseits weiß ich, daß Naturwissenschaft fast ausschließlich mit Erhaltungssätzen, Zustands- oder Feldgleichungen und Bilanzgleichungen arbeitet und einzelne Kausalprozeße eher selten durch asymmetrische Mikrosukzessionsgesetze abbildet. Andererseits weiß ich, daß der Kausalbegriff vorintuitiv ist. Das macht ihn erstens zum beliebten Spielfeld für Philosophen und zweitens ist man gut beraten, nachzusehen, welche kausalen Relationen in der Natur vorkommen, wenn man kontrollieren will, ob man über Kausalität auch das Richtige denkt. Physiker aber sehen Kausalität immer als Relation zwischen Ereignissen – während Philosophen alle Mögliche vorgeschlagen haben – Tatsachen, Prozesse, Sachverhalte …

      Eine Kausalität des Kulturellen würde ich daher niemals einführen, denn Ereignisse sind unwiederholbare Veränderungen, die eine raumzeitliche Position haben. Das gilt für kulturelle Phänomene in der Regel nicht und schon gar nicht für Symbolisierungen.

      »Kultur« in diesem elementaren Sinn sind Gehirne, deren innere Zustände dadurch bestimmt werden, dass sie nicht nur innere Dispositionen auf Umweltbedingungen beziehen, sondern Realitätsdefinitionen auf sprachlicher Basis mit anderen Gehirnen aushandeln. Und in diesem Moment macht es dann Sinn, nicht nur von Gehirnen, sondern von Subjekten zu reden.“

      Ich stimme dir zu, daß der methodologische Individualismus des Biologismus falsch ist: Subjekte kann man nicht auf Gehirn reduzieren. Wie das Verhältnis von Subjekt bzw. Person und Gehirn naturalisiert werden kann, hat uns P.F. Strawson vorgemacht und ich habe hier darüber berichtet:

      https://jungsundmaedchen.wordpress.com/2016/03/04/die-naturalisierung-des-humanismus-als-erbe-des-atheismus/

      „Die »Passung« dieser Realitätsdefinitionen auf die Welt ist dabei geringer bzw. schwächer als die evolutionär entstandene Passung biologischer Dispositionen auf die Welt – und genau das ermöglicht die höhere Flexibilität des Menschen, der seine Handlungsgründe gleichsam auf einen diskursiven Parkplatz auslagern kann, bevor sie in Kraft treten.“

      Vermutlich würdest du auch diese Auffassung verändern, wenn du dich fragen würdest, wie Dispositionen analysiert werden können. Die Biologisten machen das mit Vorsatz nicht, denn wie du versuchen sie auf diese Weise den Kausalbegriff in die Sphäre des Mentalen zu vertragen und sie möchten nicht, daß ihnen das weggenommen wird.

      Dispositionsanalyse steht bereits auf meiner Liste von abzuarbeitenden Themen.

      „Das Problem der »Biologisten« besteht m. E. schlicht darin, dass sie diese Freiheitsgrade des menschlichen Handelns und ihre Bindung an konkrete Handlungsumwelten unterschätzen.“

      Definitiv ja. Dabei sind Reduktionismus und Determinismus im Grunde zwei Seiten derselten Medallie. Und immer dann, wenn man eine der beiden Theman diskutiert, verlieren sich die Biologisten in schwammigen Vergleichen. Man darf sich von so unredlichen Menschen nicht für dumm verkaufen lassen. Wie die Feministen sagen sie das eine und machen was anderes: Die biologistische Grundintuition ist deterministisch/reduktionistisch.

      • djadmoros sagt:

        @elmar:

        »Eine Kausalität des Kulturellen würde ich daher niemals einführen, denn Ereignisse sind unwiederholbare Veränderungen, die eine raumzeitliche Position haben. Das gilt für kulturelle Phänomene in der Regel nicht und schon gar nicht für Symbolisierungen.«

        Vielleicht liegt hier ein Missverständnis vor: Kultur im Sinne einer symbolischen Ordnung unterliegt für sich keiner Kausalität. Kausal wird sie nur dadurch, dass sie von Handlungssubjekten »aufgegriffen« wird. Nehmen wir Lukrez‘ »De rerum natura«: ein zentrales Werk des antiken Atomismus, aber jahrhundertelang verschollen. Erst dadurch, dass es im 15. Jahrhundert von Bracciolini wiederentdeckt und von den Gelehrten der Renaissance gelesen wurde, konnte es wieder Einfluß (u.a. auf die naturwissenschaftlichen Vorstellungen der frühen Neuzeit) entfalten.

        Kultur bedarf also handelnder Subjekte, um aktualisiert, reproduziert und ggf. transformiert zu werden. Feministische Theorien wirken kausal dadurch, dass Feministinnen und ihre Knechte sich daran orientieren und anderen auf dieser Grundlage formulierte Regeln vorschreiben.

        Kausal im strikten Sinne ist daran nur die (»extrinsische«) Koordination zerebraler Zustände einer Mehrzahl von Individuen mittels symbolischer Kommunikation.

        • @djad

          Ok, vielleicht können wir folgende Sprechweise benutzen, die sehr viel besser darlegt, wie die Sache eigentlich funktioniert:

          “ »De rerum natura« bringt Phänomene hervor, indem die Personen den Text verstehen. “

          Personen bringen kulturelle Phänomene hervor, indem sie aus Gründen gut oder schlecht handeln, ihr Handeln verstanden wird und seinerseits als Handlungsgrund auftritt. Die Pointe besteht dabei darin, daß nur eine durch eine Kultur zusammengehaltene Gesellschaft, etwas zu einem Handlungsgrund machen kann. So ist z.B. die Forderung, etwas zu versprechen, kein Grund, sich zu bedanken. Aber es wäre eine – vermutlich ziemlich komplizierte – Kultur vorstellbar, in der genau das der Fall ist.

          (Falls dich interessiert, wo das herkommt: Dieser Gedanke ist im Grunde ein Isomorphismus zu Wittgensteins Privatsprachenargument – findest du zahlreich im Netz.)

          Feministische Theorien bringen Phänomene hervor, indem Personen sie benutzen, um kulturelle Phänomene zu Handlungsgründen zu machen – das wiederum gut oder schlecht sein kann.

          Aber diese Formulierung kann ich leider nicht anpassen:

          „Kausal im strikten Sinne ist daran nur die (»extrinsische«) Koordination zerebraler Zustände einer Mehrzahl von Individuen mittels symbolischer Kommunikation.“

          Zerebrale Zustände verschiedener Gehirn wechselwirken nicht kausal: Meine Entschlüsse können nicht deine Hand heben. Richtig ist, daß mein Einfluß auf dich allein über symbolische Kommunikation erfolgen kann. Dafür mußt du diese Kommunikation verstehen (notwendige Bedingung), was ohne zerebrale Zustandsänderung nicht passieren kann (notwendige Bedingung). Aber deshalb wirke ich weder kausal auf dein Gehirn, noch auf dein Verständnis (hinreichende Bedingung). Letzteres wäre wohl ein Fall von Gehirnwäsche.

          • djadmoros sagt:

            @elmar:

            »Zerebrale Zustände verschiedener Gehirn wechselwirken nicht kausal: Meine Entschlüsse können nicht deine Hand heben. Richtig ist, daß mein Einfluß auf dich allein über symbolische Kommunikation erfolgen kann. Dafür mußt du diese Kommunikation verstehen (notwendige Bedingung), was ohne zerebrale Zustandsänderung nicht passieren kann (notwendige Bedingung). Aber deshalb wirke ich weder kausal auf dein Gehirn, noch auf dein Verständnis (hinreichende Bedingung).«

            Wenn ich Feldwebel bin und Du Rekrut und ich Dich anscheiße, Du sollst gefälligst Haltung annehmen, dann würdest Du das in der entsprechenden Standardsituation wohl auch tun (»Full Metal Jacket«). Hier ist es durchaus mein Entschluss, der Deine Hand (zum militärischen Gruß) hebt. Vielleicht würdest Du meine Formulierung als Mißbrauch einer Metapher kritisieren, aber ich denke, dass es mehr als eine Metapher ist.

            Die notwendige Bedingung für die Wirksamkeit meines Sprechaktes ist ein gemeinsames Vorverständnis der betreffenden Situation. Die kommt durch eine Vielzahl von vorausliegenden Prozessen zustande (z. B. Sozialisation, Regelkenntnis, Statusdifferenzen). Wir beide erkennen in diesem Beispiel die Institution der militärischen Grundausbildung und die mit ihr verbundenen Autoritätsverhältnisse an – Du spätestens nach dem ersten Strafexerzieren.

            Dass mein Sprechakt nur dadurch »wirkt«, dass er eine bei Dir vorhandene, vorausliegende Handlungsbereitschaft auslöst, spricht m. E. nicht dagegen, ihn als »kausal« zu verstehen. Zum einen handelt es sich um den materiellen Vorgang einer codierten Informationsübertragung auf dem akustischen (Sprache) und dem visuellen (Mimik und Gestik) Kanal. Damit affiziere bereits ich Deine Sinnesorgane im physikalischen Sinne kausal. Ich sehe nicht, warum ich den Kausalitätsgedanken nicht auch auf die kausale Affizierung Deiner neuronalen Strukturen ausdehnen dürfte.

            Die einzige Einschränkung, die ich sehe, ist der fehlende strikte Determinismus dieser Kausalität. Möglicherweise stehst Du nämlich gerade kurz vor einer Rebellion gegen meine Autorität wie Matrose Wakulintschuk auf der »Knjas Potjomkin«. Das bedeutet dann, dass Deine Dispositionsstruktur brüchig geworden ist, auf die ich mich ansonsten wie in einem Fall mechanischer Kausalität hätte verlassen können.

            Meiner Meinung nach lässt sich der Begriff der Kausalität in diesem Zusammenhang verteidigen. Was sich nicht verteidigen lässt, ist ein Begriff des Determinismus. Zum einen muss ich meine Autorität immer wieder unter Beweis stellen, entweder durch Überzeugungsarbeit oder durch Tyrannei. Ein Bruch mit dem Determinismus ist daher »pfadabhängig«, je nachdem in welcher Entwicklung sich das Gesamtsystem befindet. Auch Wakulintschuk rebelliert nicht unter beliebigen Bedingungen. Aber in einer instabilen Situation, in der der Redewendung zufolge »ein Funke genügt«, um den Systemzustand über eine Katastrophenfalte zu treiben, ist es nicht mehr determiniert, ob Wakulintschuk nun entgültig die Schnauze voll hat, oder vielleicht gerade noch doch nicht, oder nicht vielleicht statt dessen sein Nachbar.

            Die von Dir erwähnte »Gehirnwäsche« geht da durchaus in die richtige Richtung: jede Art von Handlungsroutine ist in gewissem Sinn ein konditionierter Verhaltensautomatismus, also gleichsam durch Gehirnwäsche zustandegekommen. Und die lässt sich kausal »triggern«, weil ihre Struktur notwendiger und hinreichender Bedingungen ins Unbewusste verschoben wurde. Erst, wenn ich sie von dort hervorzerre, breche ich ihren Determinismus (und ihre Kausalität).

            • @djad

              „aber ich denke, dass es mehr als eine Metapher ist.“

              Bisher fehlt mir dafür jedes Argument. Programmierbare Menschen waren übrigens mal der feuchte Traum aller Geheimdienste im Kalten Krieg. Aber sie haben es nie hinbekommen.

              „Die kommt durch eine Vielzahl von vorausliegenden Prozessen zustande“

              Aber sie sind nicht kausal. Feministen stehen übrigens auch auf Kausalität & Co. . Daher argumentieren sie immer mit einer autoritären Pädagogik – obwohl die auch nicht funktioniert.

              „Dass mein Sprechakt nur dadurch »wirkt«, dass er eine bei Dir vorhandene, vorausliegende Handlungsbereitschaft auslöst, spricht m. E. nicht dagegen, ihn als »kausal« zu verstehen.“

              Vielleicht gibt es kleine Kinder, die so funktionierten, aber erwachsene Menschen haben ihre Autonomie so weit gestärkt, daß „das Strikte“ an diesem Zusammenhang im Grunde unsichtbar ist. Und ist das entscheidende Argument: Wenn es einen kausalen Zusammenhang gäbe, dann dürfte seine Striktheit nicht vom Alter oder dem Reifegrad einer Person abhängen.

              „Ich sehe nicht, warum ich den Kausalitätsgedanken nicht auch auf die kausale Affizierung Deiner neuronalen Strukturen ausdehnen dürfte.“

              Deshalb: https://jungsundmaedchen.wordpress.com/2016/03/10/was-ist-wenn-prognosen-keine-erklarungen-sind/

              Dort lege ich da, daß etwas zu erklären und sei es auch seiner Entstehung nach, nichts mit Kausalität zu tun hat.

              Kausalität ist eine Relation des Hervorbringens in der Natur – und nur in der Natur. Daher sagen uns die Naturwissenschaften, welche Kausalrelationen es gibt und sie benutzen die unterschiedlichsten Gesetze, um diese kausalen Relationen der Natur zu charakterisieren.

              Jede andere Verwendung des Kausalbegriffs ist metaphorisch, übertragen und abgeleitet. Ins Unreine gesprochen kann man mal so reden, aber einer genaueren Überprüfung hält das nicht stand.

              Und das Befolgen eines Befehls gehört nicht zur Natur, wenngleich die Mittel der Natur dabei vorkommen. Denn der Befehl muß als Befehl erkannt und verstanden werden und die Entstehung der Meinung, daß ein Befehl bestimmten Inhalts vorliegt, ist nicht die Wirkung einer Ursache, die selbst Teil der Natur ist.

              Natürlich kannst du einen NEUEN Begriff von Kausalität einführen. Aber der müßte sich eben an den verschiedenen Beispielen bewähren und du applierst ja nur an ein Alltagsverständnis, anstatt explizit seine Merkmale anzugeben.

            • djadmoros sagt:

              Ich setze den Thread neu an, weil mir das hier formatierungstechisch zu eng wird.

  2. djadmoros sagt:

    @elmar:

    Ich teile mein Argument mal in ein pragmatisches und ein grundsätzliches. Zuerst das pragmatische:

    Mir ist klar, dass reduktionistische Theorien des Geistes in der Philosophie mit guten Gründen angegriffen werden und dass der Begriff der Kausalität normalerweise auf der Ebene des Geistes abgelehnt wird, weil man dort von Gründen spricht. Zwischen einer naturalistischen Beschreibung des Gehirns und einer analytischen Beschreibung des Geistes liegt insofern ebenfalls ein »Hiatus«, sodass zwischen diesen unterschiedlichen Beschreibungsebenen bislang nur »gesprungen« werden, aber kein Übergang modelliert werden kann.

    Ich bin aber der Meinung, dass für die Zwecke einer historischen und soziologischen Beschreibung von Kultur der Begriff der Kausalität im oben beschriebenen Sinne eine akzeptable Näherung darstellt. Dass die sinnverstehende Untersuchung von Handlungsgründen auf der einen und die Beschreibung des faktischen (behavioristisch protokollierbaren) Vollzugs von Handlungen auf der anderen Seite streng genommen diesen Hiatus überspringt, ist für die wissenschaftliche Modellierung sozialer und historischer Prozesse vernachlässigbar, sofern damit keine starken philosophischen Aussagen beabsichtigt werden.

    Ein kleiner Einwand:

    »Vielleicht gibt es kleine Kinder, die so funktionierten, aber erwachsene Menschen haben ihre Autonomie so weit gestärkt, daß „das Strikte“ an diesem Zusammenhang im Grunde unsichtbar ist.«

    Ob bzw. wo das zutrifft, ist in meinen Augen eine empirische Frage: es gibt genügend Erwachsene, denen diese Autonomie fehlt, und auch im historischen Längsschnitt ist diese Autonomie ein Zivilisationsprodukt und keine immer schon vorhandene Anlage.

    Nun das grundsätzliche Argument:

    Im strengen Sinne (also ohne Inkaufnahme einer pragmatischen Unschärfe) ist eine Vermittlung beider Ebenen jedoch nur möglich

    (a) entweder durch einen konsequenten biologischen Reduktionismus, der sich jedoch in das Problem jeden Reduktionismus verstrickt, nämlich keinen Regress auf die elementare Physik verhindern zu können (warum sollte die Beschreibungsebene der Biologie »realer« sein als die Beschreibungsebene der Soziologie, wenn doch die Beschreibungsebenen der Chemie und Physik noch darunter liegen), oder

    (b) durch einen »Realismus kausaler Strukturen« im Sinne von Michael Esfeld, der zwar einerseits den Regress auf die elementare Physik konzediert, zugleich aber kausale Wechselwirkungen zwischen elementaren Einheiten als den Elementen gleichrangige Realität akzeptiert.

    »Kausalität ist eine Relation des Hervorbringens in der Natur – und nur in der Natur. Daher sagen uns die Naturwissenschaften, welche Kausalrelationen es gibt und sie benutzen die unterschiedlichsten Gesetze, um diese kausalen Relationen der Natur zu charakterisieren.«

    Die Frage ist, warum der menschliche Geist aus der Natur und damit aus den »Relationen des Hervorbringens in der Natur« herausfallen sollte – die Frage ist also mithin, ob man das Programm eines naturalistischen Monismus aufrecht erhalten oder der Verlockung eines Dualismus nachgeben möchte. Insistiert man auf dem naturalistischen Monismus, hebt man damit freilich die philosophischen Einwände gegen reduktionistische Theorien des Geistes nicht auf. Umgekehrt zeigen die philosophischen Einwände aber auch noch keine Lösung des Problems an.

    Ich sehe im Augenblick nur einen Ausweg aus diesem Dilemma, nämlich einen erweiterten Naturalismus im Sinne von Roger Penrose (»The Emperor’s New Mind«), der die Irreduzibilität des Geistes auf physikalische Kausalität selbst in die Natur aufnimmt – indem er spekulativ in Erwägung zieht, dass eine solche Irreduzibilität in unterschiedlichen Ausprägungen auf allen Ebenen der Natur gegeben ist. Penroses Argument ist zu komplex, um es hier auch nur andeutungsweise zu reproduzieren – letztlich ist es eine Variante der Versuche, die Schallmauer kosmologischer Modelle zu durchbrechen, vor der die Physik mit ihrer Suche nach einer einheitlichen Quantengravitationstheorie ohnehin als Ganze steht.

    Das ganze ist freilich harter Stoff, sofern man nicht gerade selbst spezialisierter Physiker ist. Insofern begnüge ich mich in der Praxis bis auf weiteres mit dem obigen pragmatischen Argument.

    • @djad

      Ok, dann liegt das Problem doch woanders – ich such mal:

      „Mir ist klar, dass reduktionistische Theorien des Geistes in der Philosophie mit guten Gründen angegriffen werden und dass der Begriff der Kausalität normalerweise auf der Ebene des Geistes abgelehnt wird, weil man dort von Gründen spricht.“

      ok

      „Zwischen einer naturalistischen Beschreibung des Gehirns und einer analytischen Beschreibung des Geistes liegt insofern ebenfalls ein »Hiatus«, sodass zwischen diesen unterschiedlichen Beschreibungsebenen bislang nur »gesprungen« werden, aber kein Übergang modelliert werden kann.“

      Ganz genau – wobei ich nie von einem Hiatus sprechen würde … aber das ist nur ein Detail.

      „Dass die sinnverstehende Untersuchung von Handlungsgründen auf der einen und die Beschreibung des faktischen (behavioristisch protokollierbaren) Vollzugs von Handlungen auf der anderen Seite streng genommen diesen Hiatus überspringt, ist für die wissenschaftliche Modellierung sozialer und historischer Prozesse vernachlässigbar, sofern damit keine starken philosophischen Aussagen beabsichtigt werden.“

      Ich kann noch nicht verstehen, warum du unbedingt das Vorkommen von Handlungsgründen aus ihrer Entstehung erklären willst. Kannst du dazu mal was sagen?

      „Ob bzw. wo das zutrifft, ist in meinen Augen eine empirische Frage: es gibt genügend Erwachsene, denen diese Autonomie fehlt, und auch im historischen Längsschnitt ist diese Autonomie ein Zivilisationsprodukt und keine immer schon vorhandene Anlage.“

      Solange es mehr als einen Erwachsenen gibt, der durch älter zu werden, auch autonomer wird, gilt mein Argument.

      Nun das grundsätzliche Argument:

      „Im strengen Sinne (also ohne Inkaufnahme einer pragmatischen Unschärfe) ist eine Vermittlung beider Ebenen jedoch nur möglich“

      Ich sehe noch nicht, was du da vermitteln willst. Die Erklärung intentionalen Verhaltens aus Gründen ist ein Instrument der Alltagspsychologie, die nicht die Gehirnaktivitäten beschreibt, sondern dem Personenbegriff Leben einhaucht. Der von mit favoriierte, nicht-reduktive Physikalismus löst das Problem so

      siehe: https://jungsundmaedchen.wordpress.com/2016/04/15/warum-analytische-philosophie-des-geistes-antibiologistisch-sein-mus/

      daß

      a) einige mentale Phänomene, die Qualia, das Erleben von Etwas, reduktiv erklärbar sind – durch zerebrale Zustände, die Topologie der Neurone, die Biochemie des Hirns und letztlich durch Physik. Schließlich wirken da Drogen und Anästesiemittel, das ist nicht weiter verwunderlich.

      b) andere mentale Phänomene, die mit Inhalt, emergente Eigenschaften zerebraler Zustände sind. Sie sind nicht reduktiv erklärbar und wir charakterisieren sie mit alltagspsychologischen Mitteln, weil das eine nicht-akademische Theorie ist, die besondere Fähigkeiten hat, zu berücksichtigen, was jemand weiß, der uns durch sein Handeln Anlaß für Erklärungen gibt.

      https://jungsundmaedchen.wordpress.com/2016/04/08/was-ist-so-wichtig-an-alltagspsychologischen-phanomenen/
      https://jungsundmaedchen.wordpress.com/2016/04/13/die-naturalisierung-des-inhalts-intentionaler-zustande/

      Also: Meiner Ansicht nach muß da nichts vermittelt werden.

      „Die Frage ist, warum der menschliche Geist aus der Natur und damit aus den »Relationen des Hervorbringens in der Natur« herausfallen sollte“

      Weil er nicht direkt von der Natur erzeugt wird, sondern einige mentale Zustände stattdessen das Produkt des Geistes selbst sind – weshalb sie gerade emergent sind. Das gilt übrigens für ALLE Produkte des Geistes, zu denen auch die Naturwissenschaft zählt. Beispiel: Der Keplerkorrektur des Zentralpotentials entspricht kein direkter Zustand des Gehirns, der durch Evolution ausgesiebt werden könnte. Aber daraus folgt nicht, daß diejenigen kognitiven Zustände, die man braucht, um den keplerschen Korrekturterm durch Koordinatentransformation der Lagrange-Gleichung sichtbar zu machen, nicht auf zerebrale Aktivität zurückgehen würde.

      Die Biologisten machen genau dasselbe falsch, wie du an dieser Stelle. Sie meinen auch, daß die kompletten Produkte des Geistes irgendwie nicht anders als evolutionär sein können, weil sie ja auf einer Gehirnaktivität beruhen. Doch dabei stellen sie sich den Zusammenhang von Gehirnaktivität und Produkten des Geistes linear vor. Erstens ist das falsch und zweitens sind alle Zustände des Geistes, sofern sie einen Inhalt haben, emergent.

      Es gibt hier eigentlich kaum ein besseres Heilmittel als den Aufsatz von Hillary Putnam „The Meaning of Meaning“. Kannst auch mal hier gucken: https://de.wikipedia.org/wiki/Semantischer_Externalismus

      „die Frage ist also mithin, ob man das Programm eines naturalistischen Monismus aufrecht erhalten“

      Ja, kann man. Wurde hier begründet: https://jungsundmaedchen.wordpress.com/2016/03/04/die-naturalisierung-des-humanismus-als-erbe-des-atheismus/

      „oder der Verlockung eines Dualismus nachgeben möchte.“

      Nein, das geht nicht. Die Probleme des Substanzdualismus sind enorm: Er kann weder angeben, wo Geist und Körper wechselwirken, noch wie oder warum mein Geist nur auf meinen Körper einwirken kann, wieso ich zwar meine Hand heben, aber nicht mein Immunsystem durch Willensentschluß beeinflussen kann, wie die Geist-Gehirn-Wechselwirkung mit den physikalischen Erhaltungssätzen vereinbar sein soll, warum wir überhaupt einen Geist haben und warum man die Wechselwirkung von Gehirn und Geist nicht empirisch nachweisen kann … usw.

      „Insistiert man auf dem naturalistischen Monismus, hebt man damit freilich die philosophischen Einwände gegen reduktionistische Theorien des Geistes nicht auf.“

      Richtig.

      „Umgekehrt zeigen die philosophischen Einwände aber auch noch keine Lösung des Problems an.“

      Die Einwände nicht, aber was am nicht-reduktiven Physikalismus keine Lösung sein soll, sehe ich nocht nicht. Vielleicht fehlt dir da wirklich ein wenig Literaturkenntnis. Es geht nur darum zu verstehen, daß die Handlungsgründe nicht das direkte Produkt des Gehirns sind, sondern das Produkt zusätzlicher kognitiver Zustände, die ihrerweits sehr wohl das direkte Produkt des Gehirns sind. Transitivität gibt es hier nicht.

      Das Problem, fälschlicherweise zu meinen, einen DIREKTEN Zusammenhang von Gehirn und mentalen Zuständen mit Inhalt angeben zu müssen oder gar nichts in der Hand zu haben, wurde von mir hier behandelt:
      https://jungsundmaedchen.wordpress.com/2016/04/01/ist-intentionaler-realismus-ein-akzeptabler-nicht-reduktiver-physikalismus/

      „Ich sehe im Augenblick nur einen Ausweg aus diesem Dilemma, nämlich einen erweiterten Naturalismus im Sinne von Roger Penrose (»The Emperor’s New Mind«), der die Irreduzibilität des Geistes auf physikalische Kausalität selbst in die Natur aufnimmt – indem er spekulativ in Erwägung zieht, dass eine solche Irreduzibilität in unterschiedlichen Ausprägungen auf allen Ebenen der Natur gegeben ist.“

      Ich kenn das Buch nicht, aber … weia … ist wie Descartes invers .. eine magische Realität, welche den irreduziblen Geist als Element enthält … woher hat er das? Hegel?

      Mal ernsthaft: Sag mir mal, was du am nicht-reduktiven Physikalismus (ist ein Spezialfall des naturalistischen Monismus) nicht verstehst.

  3. […] legt sich Taylor darauf fest, den kosmopolitischen Kulturbegriff abzulehnen. Tatsächlich vertritt der den semiotischen […]

  4. […] Geschlechter sichtbar machen zu können. Und der Biologismus kann natürlich keinen eigenständigen Kulturbegriff entwickeln, weil er dem methodologischen Individualismus folgt und alle sozialen Vorgänge aus dem […]

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